Gesamtwertung8/10 |
Ist Wii Fit wirklich dazu imstande, auf lange Sicht das einzuhalten, was es in großen Lettern anpreist? Sprich „den Body-Mass-Index zu verbessern, Körperbalance und Haltung zu trainieren, Euch zu einer gesünderen Lebensweise zu verhelfen?“ Da ich weder ein Sportstudium noch einen mehrwöchigen Praxistest vorweisen kann, fühle ich mich nicht geeignet, eine klare Antwort darauf zu geben.
Was mir die letzten sechs Tage mit dem Balance Board allerdings gezeigt haben, ist, dass es Wii Fit mit relativ einfachen Mitteln gelingt, ein reges Interesse am Sport zu wecken. Es sogar unheimlich viel Spaß macht, auch wenn es in seinen Trainingsmethoden nicht gerade sonderlich konsequent vorgeht.
Anders als ein Fitness-Trainer, der jeglichen Umstand Eurer körperlichen Verfassung mit einbezieht und so ein umfassendes Programm erstellt, beschränkt sich Wii Fit beim täglichen, optionalen Alters-Test lediglich auf eine Handvoll Balance-Spiele, der Analyse des Schwerpunktes und Euren Body-Mass-Index. Errechnet aus Alter, Gewicht und Größe.
Es interessiert sich indes wenig dafür, dass es noch einen weiteren, entscheidenden Faktor gibt: Den Körperfett-Anteil. Bei einer Größe von 1,80m und 100kg seid Ihr entweder schwer übergewichtig oder ein ziemlich gestählter Bodybuilder. Wii Fit wird den Unterschied nicht bemerken und auch Arnorld Schwarzenegger erzählen, dass er mit seiner „Leibesfülle“ jetzt endlich mal ein paar Kilos abnehmen sollte.
Als Fitnessgerät für den Heimgebrauch eignet sich Wii Fit damit so gut wie ein paar Hanteln oder andere Speck-weg-Hilfsmittel. Ihr müsst folglich selber darüber nachdenken, wie es um Euren Körper bestellt ist und welche Trainingseinheiten Euch helfen könnten. Und Ihr dürft die Werte, die Euch die Wii an die Hand gibt, nicht als einzige Fitnessbibel in Eurem Leben beherzigen.
Wenn Wii Fit als Fitnessprodukt wahrhaft ernst genommen werden will, darf es zum Beispiel untergewichtigen Menschen, die als persönliches Ziel einen BMI-Aufbau, also eine Gewichtszunahme anstreben, keine Übungen zur Fettverbrennung offerieren. Beziehungsweise selbige zur freien Wahl stellen.
Auf der anderen Seite ist es auch bedenklich, dass das Programm bei der Eingabe, man wolle pro Woche 2kg verlieren, nicht den geringsten Einwand erhebt. Jeder, der sich einmal mit dem leidigen Thema Abspecken, entweder bei sich selbst oder Bekannten, auseinander gesetzt hat, weiß, dass man mit solch drastischem Abbau seinem Körper mehr schaden kann als ihm Gutes zu tun. Speziell ohne fachliche Beratung und/oder Aufsicht.
Aber wie man es auch dreht und wendet, und welche Kritikpunkte sich beim genauer unter die Lupe nehmen vor allem in sportmedizinischer Hinsicht noch anhäufen mögen, eines ist wie eingangs beschrieben dennoch schwer von der Hand zu weisen: Es macht unheimlich viel Spaß und weckt im wahrsten Sinne des Wortes spielend das Interesse an sportlicher Betätigung. Sei es beim Yoga, dem Muskelaufbau, Balance oder Aerobic, zu keiner Zeit übersteigt der Frust die Freude an der Bewegung. Zumal Wii Fit selbst ungelenkes Gewackel belohnt. In Form von Minuten, die sich das so genannte Schweinchen Fit einverleibt.
Besagtes Ferkel fungiert als eine Art Zeit-Spardose, mittels derer Ihr weitere Übungen in den vier Kategorien freischalten könnt. Alles in allem sind knapp 50 Abläufe vertreten, vom einfachen Hulla-Hoop, Drahtseil-Laufen und Rhythmus-Boxen bis hin zu Rudern, Ski-Slalom und einer Art Marble Madness.
Einiges davon erfordert nur Eure Beinarbeit, lässt Euch das Becken kreisen oder schnell Euer Gewicht von einem auf den anderen Fuß wechseln. Manches verlangt hingegen den kombinierten Einsatz von Balance Board und Wiimote.
Und teilweise findet sich die eine oder andere Disziplin auch als Mehrspielervariante ein, in der Ihr zwar nicht miteinander auf das stabile Board hopst – mehr als 150kg sind eh nicht erlaubt - , dafür aber nach einem etwas umständlichen Ein- und Ausloggen über den Wii Fit-Plaza in Konkurrenz tretet. Beim Liegestütze-Duell und Jogging etwa.
Vollführt Ihr unterdessen eine Disziplin mit Bestnoten, erreicht demzufolge die maximale Anzahl an Sternen, eröffnet sich in Verbindung mit den erturnten Minuten ein neuer Schwierigkeitsgrad und die Jagd nach dem nächsten Highscore beginnt. Wii Fit legt es übrigens in Eure Hand, ob Ihr Eure Statistiken und Euer Gewicht für jeden greifbaren Mitsportler einsehbar macht oder diese mit einem schützenden Passwort verseht.
Während Aerobic und Balance mit der Nintendo-typischen Knuddelgrafik a la Wii Sports liebäugeln und Eure registrierten Miis in Szene setzen, stellt man Euch bei den Yoga- sowie Muskelaufbau-Übungen einen sehr steril wirkenden Trainer zur Seite. Helles grau in hellem blau in weiß. Nicht gerade hübsch, erfüllt aber den Zweck und deutet zudem an, dass man es hier mit den ernsthafteren Sportarten zu tun hat, sich also nicht von Nebensächlichkeiten ablenken lassen soll. Entsprechend Eurem Gusto könnt Ihr dabei festlegen, ob Ihr lieber einen bleichen Mann respektive eine Frau als Trainer wünscht und in welcher Position das Vorturnen erfolgen soll. Wahlweise Front- oder Rückansicht.
Bei Yoga und Muskelaufbau ist per se alles darauf ausgelegt, die perfekte Körperbalance zu zelebrieren. Zu diesem Zweck messen die Sensoren des Balance Board stetig und recht akkurat Euren Schwerpunkt. Befindet sich der rote Punkt in dem gelb markierten Feld und ruckelt nicht ständig auf und ab, fahrt Ihr Lob ein, werdet sogar noch dazu ermuntert, weiter an Eurer tollen Haltung zu feilen.
Ihr solltet das Ganze aber trotz der freundlichen Worte mit einer gewissen Vorsicht genießen und nicht der für uns Spieler wichtigen Highscorehatz verfallen. Ansonsten passiert es schnell, dass Ihr mehr krumm als gerade stehen könntet, oder mitunter Euren Nacken überstreckt, bei dem Versuch, den Schwerpunkt-Pegel im Blickwinkel zu halten. Nicht zu empfehlen, ich spreche da aus eigener Erfahrung!
Mit den Aerobic- und Balance-Einheiten bewegt Ihr Euch schließlich auf der spielerischen Ebene von Wii Fit. Die zuvor entspannende Musikuntermalung weicht einem lockerflockigen bis nervigen Gedüdel, die triste Farbwahl einem kunterbunten Gewand. Und statt ernsthaftem Dehnen, Strecken und mehrfachen Kniefällen schwingt Ihr die Wiimote im richtigen Takt (Jogging) und lauft Miis und Hunden hinterher, fangt als Pinguin verkleidet Fische auf einer Eisscholle oder besteigt das Board nach vorgegebener Schrittfolge beim Basis Step.
Wer einmal sehen will, wie absurd so etwas anmuten kann, sollte sich unser nicht allzu ernst gemeintes Wii Fit Home-Video (eurogamer.de)zu Gemüte führen.
Ob Wii Fit sportmedizinisch alles richtig macht, kann ich, wie auch zu Beginn des Artikels erklärt, nicht eingehend beurteilen. Dazu fehlt mir schlichtweg das nötige Hintergrundwissen. Ich weiß jedoch, wie viel Spaß es mir macht, jeden Abend für mindestens eine halbe Stunde auf das Balance Board zu hüpfen und ein wenig darauf herum zu turnen.
Insofern hat Wii Fit schon einen Teil seiner großen Versprechen erfüllt: Es regt spielend zur sportlichen Bewegung an und fördert sogar das Interesse am Sport selbst. Und auch wenn es letztlich nicht den Fitness-Trainer ersetzt, rechtfertigt es meines Erachtens bereits damit den Kauf.
Wii Fit ist im Handel erhältlich und wird in Kombination mit dem Balance Board sowie den notwendigen Batterien zu einem Preis von ca. 80 bis 90 Euro ausgeliefert.
Wii Fit im Test.
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