Venetica

Preview
Vertrieb
dtp entertainment
Entwickler
Deck13
Genre
Andere
PC: Venetica

PC: Venetica

Rollenspiele mit Frauen sind klasse. Bei Computer-Rollenspielen mit Frauen ist das allerdings so eine Sache. Mir beispielsweise fällt es schwer, eine weibliche Heldin zu verkörpern. Das hat nichts mit Chauvinismus zu tun. Ich kann mich eben nur bedingt mit einer Amazone identifizieren. Genau genommen fällt mir nur ein Spiel mit einer Protagonistin ein, von dem ich begeistert war: Heavy Metal: F.A.K.K. 2. Was wohl eher am kranken Szenario und dem schmucken Kettensägenschwert lag als an der Hauptdarstellerin.

Nun begab es sich, dass ich an der Vorstellung eines Titels teilhaben sollte, bei der eine gewisse Scarlett im Mittelpunkt steht. Es ging um Venetica, ein Action-Rollenspiel der Ankh- und Jack Keane-Macher, das im Herbst für PC und Xbox 360 erscheint. Ich war skeptisch.

Zum Glück gibt es in der Branche aber Menschen, die wissen, wie man Interesse weckt. Nach zwei Stunden Präsentation mit Peter Molyneux etwa (Populous, Magic Carpet, Fable) möchte man glatt einen Staubsauger von ihm kaufen, obwohl er gar keinen angeboten hat – und das ist nicht despektierlich gemeint! Im Fall von Venetica legte Pressesprecher Claas Wolter von dtp eine engagierte und unterhaltsame Performance hin. Er hatte mich nach einem Satz im Sack:

„Je knapper das Kleid, desto höher der Rüstungsschutz, das hat schon bei Xena funktioniert.“

Gut, das mag jetzt doch auf eine chauvinistische Ader meinerseits hindeuten. Glücklicherweise brennen sich neben Scarletts ausnehmend schönem Bauchnabel weitere „magische“ Momente ins Hirn, sieht man Venetica in Aktion. So dürfen sich Level-Boss-Fetischisten freuen – wenn sich Madame zum Beispiel mit einem mindestens sechs Meter großen, satansähnlichen Muskelberg fetzt, der ein infernalisches Brüllen anschlägt. Doch dazu später mehr.

Das Szenario des Titels liegt abseits vom Zwerg-Elf-Ork-Standard-Gedöns. Venetica ist anders. Erfrischend anders? Auf jeden Fall tappt Ihr durch ein unverbrauchte Welt. Intellektuelle Eurogamer-Leser ahnen es vielleicht, Venetica spielt die meiste Zeit in Venedig; in einer fiktiven Version des 16. Jahrhunderts. Allerdings erst nach der Ouvertüre in einem Bergdorf, das von idyllischen Wäldern umgeben ist. Später verschlägt es Euch nach Afrika … doch stopp, ich schweife ab. Beginnen wir von vorn.

Manche Väter haben doofe Berufe. Niemand will in jungen Jahren Kind eines Müllmanns sein. Oder eines Besamungsbeauftragten. Zu peinlich! Am Ende, ich male mal den Teufel an die Wand, ist Papa gar Manager des FC Bayern – brrr. Scarletts Vater, und hier kommen wir zum Punkt, geht ebenfalls einer seltsamen Profession nach. Er ist von Beruf Tod. Genau, Gevatter Tod. Das eröffnet er dem verdutzten Töchterlein erst kurz von seiner Pensionierung.

Daddy Death erklärt Filia, dass der Job des Sensenmanns nach einer Legislaturperiode stets an einen anderen Menschen übergeht, es diesmal aber zu einer Panne gekommen sei. Ein Schwarzmagier namens Victor habe sich die Fähigkeit des Todes angeeignet. Nun will der Nekromant Unglück sähen. Monster auf Menschen hetzen, die Schwachen knechten, brandschatzen, die Weltherrschaft erlangen und bei Rot über die Ampel gehen. Das ganze Fisimatenten-Programm eben.

Weil die Schergen des bösen Wichts in einer dramatischen Eingangssequenz dann auch noch Scarletts Verlobten Benedict abmurksen, hat die junge Frau die Faxen dick, legt Nudelholz und Kochlöffel beiseite und greift zum Schwert. Wobei: So ganz weg vom Fenster ist Benedict nicht. Er geistert nämlich durch das Reich des Todes – und Scarlett hat dafür ein Visum. Sozusagen. Denn jetzt macht sich die Verwandtschaft zu Herrn Knochenklaue bezahlt. Unsere Heldin hat ein paar coole Eigenschaften von Papa geerbt, was eine weitere Besonderheit von Venetica ausmacht.

Die Amazone kann zwischen der realen Welt und dem Jenseits wechseln. Das hat mehrere Vorteile. Zum einen versorgt der geistreiche Benedict sie mit Informationen und gibt Tipps. Zum anderen sieht Scarlett nur in der Twilight-Zone bestimmte Portale, die an geheime Orte führen.

Die wohl lässigste Möglichkeit: Unser wehrhaftes Fräulein, das Ihr aus der Verfolger-Perspektive steuert, hat in der Parallelwelt komplette Bewegungsfreiheit. Als nützlich erweist sich das beispielsweise, um ungesehen in den Rücken von Feinden zu schleichen. Zwei Gespenster stehen Scarlett im Verlauf des Abenteuers gar als Schlüsseldienst zur Verfügung. Bei Bedarf einfach rufen, fertig.

Der lustige Totenland-Teleportier-Schnickschnack funktioniert nur, wenn die Heldin über genug Twilight-Energie verfügt. Die wird neben dem rollenspieltypischen roten Lebensbalken und der blauen Zauberkraft in Violett angezeigt. So lange es links oben hübsch lila leuchtet, kann Scarlett nicht komplett über den Jordan gehen. Weil sie ja ein Rückreiseticket hat. Praktisch.

Hinsichtlich der Kämpfe verspricht Claas Wolter von dtp taktische Tiefe, jedenfalls im Vergleich zu anderen Action-Rollenspielen. „Button-Mashing und Hack & Slay sind nicht gefragt.“ Es geht eher um Timing: Wenn etwa während eines Duells die Hand der Heldin leuchtet und Ihr den Schlagknopf in diesem Moment erneut drückt, sind ähnlich wie in Fable 2 so genannte Kettenangriffe möglich.

Allerdings soll das Hauen und Stechen variantenreicher ausfallen. So sind unterschiedliche Kombinationsattacken und Ausweichmanöver möglich. „Das Kampfsystem besitzt viele weitere Besonderheiten, bis zu spektakulären Boss-Kämpfen, für die sich der Spieler besondere Taktiken überlegen muss“, erklärt Jan Klose, Kreativ-Chef bei der Entwicklerfirma Deck 13.

In Venetica wimmelt es vor phantasievollen Kreaturen. Mir haben es besonders ein paar monströse Fledermäuse und eine Art Riesenmaulwurf mit gigantischen Hauern in einer Höhle angetan. Außerdem schindete eine tonnenschwere Löwenstatue mächtig Eindruck, die lebendig wurde, als Scarlett gerade nichts ahnend einen geplätteten Standardgegner plündern wollte. Mein lieber Herr Gesangsverein! Tja, und dann wären da noch die Chef-Widersacher. Die gibt's bei Venetica quasi im praktischen Doppelpack.

Als erstes tritt der holden Maid ein Luder in Lack und Leder gegenüber (das ich fast schärfer fand als die Protagonistin, Schande über mich). Problem: Die Kung-Fu-Fuchtel-Furie hüpft ständig auf Plattformen umher. Angriffe mit Fernwaffen hat Scarlett nicht drauf. Was also tun? Nägel lackieren, Schuhe kaufen, kratzen und beißen hilft ja ausnahmsweise mal nicht.

Deshalb – und diesen „Spoiler“ vergesst Ihr bitte wieder, bis das Spiel im Herbst erscheint – muss man zum Kriegshammer greifen und Stützpfeiler zertrümmern. Die Plattformen brechen zusammen und die Amazone kann die Konkurrentin gepflegt schnetzeln. Jetzt schlägt die Stunde des doppelten Lottchens: Bosse in Venetica verfügen über eine zweite Gestalt, um die Ihr Euch im Totenreich kümmern müsst. Im Fall der schwarz gewandeten Assassine ist dies eine riesige Schlange.

Es gab aber noch einen zweiten Boss-Vertreter zu sehen. Dieser ist Kapitän auf einem riesigen Schiff, das in Venedig ankert. Der Perser, optisch an Dschingis Khan erinnernd, hat eine riesige Zweihandaxt, mit der er Scarlett zu Hackepetra verarbeiten möchte. Einfach auf ihn einprügeln bringt nichts. Hat man aber des Rätsels gefunden und den Typen besiegt, heißt ab ins Totenreich, wo der bereits anfangs erwähnte Riesenteufel wartet.

Venetica bietet auch all das, was Ihr sonst von Rollenspielen gewohnt seid. Entsprechend möbelt man Scarletts Basisattribute (Stärke, Konstitution, Lebenspunkte, ect.) und ihre Fähigkeiten im Lauf von rund 25 bis 35 Stunden Gesamtspielzeit kräftig auf. Zum einen gibt es physikalische Skills. Die beziehen sich auf Attacken und Kombos mit den vier Waffengattungen Schwert, Sense, Hammer sowie Speer mit Schild. Mentale Skills entsprechen der Magie, dank derer Ihr zum Beispiel Ghouls ruft oder einen Spionage-Raben. Auch ist es möglich, die Zeit zu verlangsamen und anzuhalten.

Es warten zahlreiche storyrelevante Aufträge und Nebenmissionen, über 200 gesprächsbereite computergesteuerte Charaktere, Händler, Kampftrainer und Rüstungsschmiede, drei Gilden (Orden des heiligen Siegels, Die Schattenflügel, Das Netz der Maske), kleinere Rätsel, ein dynamischer Tag-/Nachtwechsel und venezianische Gondeln als Schnellreisemöglichkeit.

Übermäßig viele Ausrüstungsgegenstände, die eine Sammelwut à la Diablo auslösen könnten, dürft Ihr hingegen nicht erwarten. „Wir machen kein Core-Rollenspiel mit 50 Rüstungsarten, bei dem ich ständig darüber nachgrübeln muss, wo welcher Vorteil liegt“, sagt Claas Wolter. Und: Venetica wird vergleichsweise linear. „Es ist kein komplettes Open World wie Fallout 3“. So genanntes Levelscaling wie etwa in Oblivion wird es nicht geben. Das bedeutet: Ein Level-14-Gegner bleibt auch ein Level-14-Gegner, egal auf welcher Stufe die Heldin steht.

Nicht erst seit Baldur's Gate, wo unter anderem so gesächselt wurde, dass einem die Ohrenhaare ausfallen, wissen wir: Eine schlechte Synchronisation tötet jede Atmosphäre. Die präsentierte Vor-Beta von Venetica war noch nicht richtig vertont. Was die Frage aufwarf, wie sich das fertige Produkt anhören soll.

„Wir setzen erst bei unserem nächsten großen Projekt Leipzica sächsische Sprecher ein“, witzelt Kreativ-Chef Jan Klose. „Für Venetica haben wir die Besten der deutschen Synchronsprecher verpflichtet. Die Tonregie wurde auch nicht aus der Hand gegeben. Somit sollte beste Qualität garantiert sein.“ Welche bekannten Stimmen zu hören sein werden, war noch nicht zu erfahren.

Die gezeigte Vor-Beta präsentiert sich auch grafisch noch nicht rund. Renderszenen fehlten komplett, an Gesichtsanimationen gab es wenig zu sehen. Doch trotz diverser kleiner Darstellungsfehler ließ sich bereits großes Potenzial erkennen. Die Optik wirkt nicht ganz so comicartig wie bei Jack Keane (www.eurogamer.de/articles/jack-keane-test). Dennoch springt die typische Handschrift des Deck-13-Teams ins Auge. Das Gefolge von Kreativ-Chef Jan Klose setzt stark auf die Attribute malerisch, märchenhaft und farbenfroh.

Ich möchte Heldin Scarlett keinesfalls auf ihre beiden Brüste reduzieren. Schließlich sind lange schlanke Beine, ein wohlgeformter Po und ein hübsches Gesicht ebenso wichtig. Doch das Thema Aussehen führt mich zu einem wichtigen Punkt: Die Grafik ist nicht so mein Fall. Sie kommt mir trotz der Bosskämpfe – auf derlei Gefechte mit riesigen Gegnern steh ich ungemein – optisch einfach zu „lieblich“ rüber. Nett, süß und niedlich können von mir aus Meerschweinchen, Häschen, Kinder und andere Tiere sein, bei einem Action-Rollenspiel finde ich es unglücklich.

Dass es spielerisch gut wird, daran habe ich hingegen kaum Zweifel. Ein derart erfahrenes, mehrfach ausgezeichnetes Entwicklerteam wird kaum etwas komplett versauen – das Balancing beispielsweise. Zudem bin ich sicher, dass das unverbrauchte Szenario seine Freunde findet.

Venetica erscheint im Herbst für PC und Xbox 360.

 

 

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