PS3: Brütal Legend
Meine Heavy Metal-Zeit liegt weit, weit hinter mir und gestaltete sich ziemlich unspektakulär. Meine anfängliche Faszination hatte wenig mit der eigentlichen Musik zu tun. Ich war in den Achtzigern geradezu hypnotisiert von den irrwitzigen Plattencovern mit ihren martialischen Bildern und der kruden Mischung aus Science-Fiction, Horror und Fantasy. Mein Favorit: Iron Maiden.
Schließlich blickte mir auf den Vinyl-Scheiben ein Untoter namens Eddie entgegen, der mir seinen verwesten Skelettzeigefinger direkt ins Gesicht stieß und laut „Kauf mich, wenn du cool bist“ entgegen brüllte. Die Musik war für mich, im ersten Moment, zweitrangig, doch nach einer Weile konnte ich mich mit dem wilden Gitarrengeschrubbe anfreunden und wurde zumindest für ein paar Monate zum Metaler.
Aufgrund pubertärer Hormon-Schwankungen und ungefestigtem Charakter wechselte ich danach zu Hip-Hop, hörte ein paar Monate Wave, dann EBM und landete am Ende bei Techno/Elektro – meine Faszination für Madonna verschweige ich an dieser Stelle lieber. Nicht gerade der erlesenste Geschmack. Ganz anders Brütal Legend Mastermind und Lucasarts-Legende Tim Schafer: Für ihn ist Metal mehr als nur eine kurze Modeerscheinung.
Auch er ließ sich vom coolen Eddie und den anderen schicken Artworks ködern, wie er mir abends bei einem Bier verriet (eurogamer.de). Aber nicht nur das. Er verliebte sich gleich in die Musik und ist ihr noch heute komplett erlegen. Zu Hause pflegt er seine große Plattensammlung, geht auf Konzerte und fachsimpelt stundenlang über neue Bands.
Mit Brütal Legend geht so für ihn ein lang gehegter Traum in Erfüllung. Schließlich setzt er mit diesem ungewöhnlichen Open-World-Action-Strategie-Spiel den harten Gitarrenklängen und ihren seltsamen Welten ein einmaliges Denkmal. Nur um sie im nächsten Moment wieder herrlich durch den Kakao ziehen.
Schon die Story rund um den Super-Roadie Eddie Riggs, dessen magische Gürtelschnalle ihn nach einem Bühnenunfall mit blutigem Ausgang in das Zeitalter des Metals, einem Fleisch gewordenen Metal-Plattencover, transportiert, zeigt, mit wie viel Liebe zum Detail er sich dem Thema nähert. Eddie ist fasziniert von dieser neuen Welt mit all ihren Dämonen, Monstern und martialischen Klängen. Statt wie andere Weltenwanderer so schnell wie möglich zurück zu wollen, fühlt er sich bei den fleischfressenden Nonnen, Schädeltürmen, untoten Zauberern und kopflosen Reittieren endlich zuhause.
Doch die seltsamen Wesen sind ihm nicht freundlich gesinnt. Kaum betritt er dieses Land vor unserer Zeit, wollen ihn die Häscher des bösen Imperators und Teilzeit-Dämonen Doviculus – sprachlich verkörpert von Lemmy Kilmister von Motörhead – an die Leder-Kutte. Gut, dass gleich am Eingang eine Streitaxt namens Der Seperator im Boden steckt, die Eddie, wie einst Artus' Excalibur, aus einem massiven Steinblock zieht. Obwohl er noch nie solch ein Mordinstrument in der Hand hatte, zerlegt er meisterlich die Bösewichter und lernt erste Kombos. Stets mit einem flotten Spruch auf der Lippe, genial synchronisiert von Jack Black, haut er frohlockend zu, bis die Leichtenteile fliegen.
Die Entwickler von Double Fine haben dabei die verdrehte Welt des Heavy Metal perfekt eingefangen. Die selbst entwickelte Grafik-Engine gewinnt zwar keinen Technologie-Preis, doch die Comic-Grafik trifft die Atmosphäre auf den Kopf. Detailverliebt und doch hochstilisiert atmen die 64 Quadratkilometer Metal-Land skurrile Details. V-Motoren hängen über flammenden Gruben, mehrere Sonnen tauchen die Landschaft in ein unwirkliches Licht und mächtige Standbilder des verdrehten Herrschers lassen die Einwohner erzittern.
Mit der Axt bewaffnet und von Tim Schafer gesteuert, bahnt sich Eddie seinen Weg zu seiner zweiten Waffe, der Flying V E-Gitarre Clementine. Mit ihren harten Riffs und schnellen Solos kann der Super-Roadie Blitze und Flammen auf die Gegner schleudern. In Kombination mit dem Seperator entstehen so bebende Kombos, die die böse Schergen wie Laub durch die Luft wirbeln. Außerdem bekommt Eddie seinen ersten Schlüssel für das an Legend of Zelda, Metroid Prime und Overlord angelehnte Gameplay. Mit seinem Erdbeben-Solo kann er die ersten Barrikaden aus dem Weg räumen, die ihm den Weg in die Freiheit versperren.
Wie es sich für eine epische Geschichte gehört, trifft er nun auch endlich seine Herzensdame. Die Rocker-Braut Ophelia ist zwar schon vergeben, schlägt Eddie dank ihrer knackigen Lederhose, ihrer wallenden Mähne und ihrer Hardcore-Attitüde jedoch voll in ihren Bann. Sie gehört zu den letzten Menschen, die sich der bösen Dämonenhorde entgegen stellt.
Gemeinsam mit ihrem Freund Lars Halford (vertont von Judas Priest Frontmann Rob Halford, der mit seinem blonden Langhaar-Kopf so ziemlich jedes Cliche eines Heavy Metal Sängers entspricht) und seiner aparten Schwester Lita (gesprochen von Sängerin Lita Ford) stellt sie die wohl kleinste Wiederstands-Zelle der Spiele-Geschichte dar. Sie benötigen einen echten Roadie, der sie mit Ausrüstung für den Kampf gegen das böse versorgt und die versklavte Menschheit als Armee rekrutiert.
Als erste Mitstreiter empfehlen sich junge Männer, die im Steinbruch des Bösen scheinbar sinnlos Tag ein, Tag aus mit ihren Köpfen headbangend die Steine bearbeiten. Dicke Muskeln verunstalten ihren Hals, ihre Köpfe sind zusammengeschrumpft auf Erbsengröße und ihre Körper nur durch Jeans mit Leoparden-Print bedeckt. Lars glaubt nicht an ihre Nützlichkeit, nur Eddie sieht in dieser wahnwitzigen Tätigkeit die Keimzelle der Revolution und macht sich auf, sie zu befreien.
Für diese wichtige Aufgabe benötigt der Super-Roadie aber noch einen angemessenen fahrbaren Untersatz. Zum Glück haben die Metal-Götter die Pläne für einen affenscharfen Hot Rod überliefert. Blitzschnell zaubert der Roadie mit einem Gitarren-Solo die Bauteile herbei und schon geht es gemeinsam mit Lars in dem Flitzer The Deuce mit treibenden Metal-Klängen, deren Line-Up leider noch nicht genannt werden darf, zum düsteren Arbeitslager.
Mit Gitarre und echtem Heavy Metal bewaffnet, gelingt es dem musikalischen Helden, die Headbanger für seine Sache zu begeistern. Sie wollen sich dem Kampf gegen das Böse anschließen. Eddie kann sie ganz wie bei Overlord mit einfachen Befehlen durch die Gegend scheuchen, was dem Spiel eine taktische Note verleiht. In einem kleinen Tutorial werden Dämonen-Standbilder zerstört und einige Überläufer mit rosa Perücke bekämpft. Die Kopfarbeiter haben ihre Nützlichkeit unter Beweis gestellt und Eddie den Grundstein für die Welttournee gegen das Böse gelegt.
An dieser Stelle springt Tim Schafer nach vorne. Eddie hat inzwischen noch weibliche Gitarristen angeheuert, die mit ihren Feuergitarren mit jedem Riff Flammen auf die Gegner schießen. Außerdem hat er einen monströsen Tour-Bus vollendet, mit dem die illustre Truppe in Richtung Feindesland zieht. Doch gleich auf dem Weg zum ersten Gig wird die Revolutions-Band von Dämonen auf blitzschnellen Choppern bedrängt. Nun ist es an Eddie mit seinem inzwischen mit Gatling-Kanonen und Flammenwerfer-Sidepipes aufgemotzten Hot Rod, die Störenfriede in die Metal-Hölle zu blasen.
Eine wilde Verfolgungsjagd entbrennt. Die wilden Dämonen versuchen den Tour-Bus zu rammen und ihn mit Feuerbällen aus der Bahn zu werfen. Unser Metaler muss ihn dagegen beschützen und die Angreifer mit Rammangriffen, Blei und Flammen vertreiben. Für Schafer ein perfektes Beispiel, um zu zeigen, dass Abwechslung bei ihnen klar im Vordergrund steht. Solche Fahrzeug-Missionen gehören da genauso dazu wie Solo-Einlagen, große Schlachten und kleine Puzzles.
Brütal Legend soll ja nicht nur Metaler begeistern, sondern auch alle Tim Schafer-Fans, die sich auch diesmal von seinen genialen Ideen und einmaligen Humor in den Bann ziehen lassen. Über den Multiplayer-Part konnte Tim Schafer dagegen nur hinter vorgehaltener Hand reden. Er wird viele Strategielemente beinhalten und stark an die Schlachten aus dem Story-Modus erinnern. Bring it on!
Brütal Legend strotzt nur so von feinen Witzen, liebevollen Anspielungen und genialen Gameplay-Ideen. Auch wenn meine Faszination für Heavy Metal danieder liegt, musste ich während der Präsentation mehrfach herzlich lachen und kann es kaum abwarten, selbst in die Saiten zu greifen. Eddie ist einfach ein genialer Charakter und die Welt, in der er sich bewegt, wirkt wie eine Huldigung an die allmächtigen Metal-Götter.
So ist es nicht verwunderlich, dass Metal-Verächtern, die noch nie in die Welt der Lederklamotten, E-Gitarren und Drum-Solos eingetaucht sind, hier eine ganze Menge entgeht. Brütal Legend ist in erster Linie eine Spiel von Metal-Heads für Metal-Heads und erst danach ein interessanter Genre-Mix, der zwar nicht Euren Blick auf Videospiele verändert, aber scheinbar jede Menge Spaß macht. See you in Rocktober!
Brütal Legend erscheint im Rocktober 2009 für Xbox 360 und PS3.




