Gesamtwertung8/10 |
Als Resident Evil 5 vor ein paar Monaten veröffentlicht wurde, war einer der Hauptkritikpunkte derer, die Capcoms Afrika-Abenteuer nicht so wirklich toll fanden, dass Teil 5 überhaupt kein richtiges Resident Evil mehr sei. Nun, dieser Kritikpunkt wird sicherlich der letzte sein, mit dem sich dieses gerade erschienene Remake herumschlagen muss. Denn immerhin handelt es sich dabei um ein ebenso aufwendige wie gelungene Wiederaufbereitung des PSone-Urvaters der Reihe von 1996!
Erinnern wir uns doch einmal zurück... war es nicht ein magischer Moment, zum ersten Mal vorsichtig die detaillierten Räume und Flure des aufwändig vorgerenderten Herrenhauses zu erkunden? Und haben wir uns nicht alle vor Schreck fast in die Hosen gemacht, als zum ersten Mal die Zombie-Hunde durch die Fenster gesprungen sind? Und wer erinnert sich nicht an die erste Begegnung mit einem der gefürchteten Hunter? Ja, Resident Evil war eines der Spiele, die die damals noch junge PSone definierten, ein Titel, der deutlich machte, dass Videospiele nicht mehr länger nur als zuckerig-buntes Amüsement für den Nachwuchs wahrgenommen werden wollen. Ganz klar – wer 1996 gemeinsam mit Chris Redfield und Jill Valentine die üblen Machenschaften des Umbrella-Konzerns aufdeckte, der hat bis heute nur die schönsten Erinnerungen an den Klassiker.
Und daher stellt es natürlich eine ganz besondere Herausforderung dar, ein gelungenes Remake eines so wichtigen Titels zu basteln. Die Spieler verlangen von den Designern nicht mehr und nicht weniger, als dass sie in die Köpfe der Fans schauen und das Remake so programmieren, wie es in der mittlerweile natürlich stark verklärten Erinnerung der Fans aussieht. Klar, die Räume und Gänge des PSone-Originals sind bei genauer Betrachtung nicht sonderlich detailliert, die Polygonfiguren sind krude und steif. Aber in der kollektiven Erinnerung der Fans ist Resident Evil nach wie vor eines der atmosphärischsten und intensivsten Spielerlebnisse, die man je hatte.
Also ist Sorgfalt angesagt. Veränderungen müssen behutsam und unaufdringlich erfolgen. An den damals eher peinlichen Dialogen muss gefeilt werden. Die Steuerung sollte verbessert werden, muss aber in den Grundzügen erhalten sein. Klassische Schockeffekte müssen um der Tradition willen beibehalten werden, gleichzeitig darf man dem Spieler aber nicht das Gefühl geben, alles schon zu kennen und sich auf sicherem Terrain zu befinden. Kurzum: So ein Remake ist eine extrem schwierige und oft genug auch undankbare Aufgabe. Aber wenn die Entwickler tatsächlich ein gutes Händchen beweisen, dann kann etwas ganz großes dabei herauskommen – und genau das war bei Resident Evil der Fall.
Das Remake-Horror-Haus ist groß, düster und gruselig. Draußen toben Blitze, die Bäume werfen ominöse Schatten auf das Mobiliar. Die Musik hält sich unheilvoll und bedeutungsschwanger im Hintergrund. Und immer wenn ihr denkt, ihr wisst Bescheid, wie es weitergeht, dann dreht euch einer der Designer eine lange Nase und platziert die Gegner an den unerwartetsten Stellen, baut ein neues Puzzle ein oder verändert einfach den Weg durch das Haus.
Egal ob ihr Veteran oder Resi-Neuling seid, für eine ordentliche Herausforderung ist das Spiel immer gut. Und die nimmt der Fan auch gerne an, konnte er noch nie zuvor durch ein so schönes Renderhaus laufen und sah seine Helden aus längst vergangenen PSone-Tagen nie zuvor so detailliert vor sich. Ein kleines Problem gibt es aber doch: All das, was ihr bisher gelesen habt, dreht sich um das Resident-Evil-Remake, das Capcom 2002 erstmals für den Nintendo Gamecube veröffentlicht hat. Und das ist mittlerweile gute sieben Jahre her...
Alles, was Resident Evil Archives: Resident Evil nun tut ist, dieses zweifelsohne absolut hervorragende Remake schnell und schmerzlos auf die Wii zu konvertieren. Bis auf den 480p-Modus hat sich an der Grafik im 4:3-Format nichts getan, die Steuerung ist fast identisch mit der des Gamecube-Originals. Sämtliche Steuerungsvarianten von WiiMote über Classic- bis hin zum Gamecube-Controller werden unterstützt, auch wenn sich das Zielen per WiiMote als ausgesprochener Rohrkrepierer erweist. Ihr zielt nicht wirklich, deutet ihr mit der WiiMote auf den Bildschirm, ziehen Chris oder Jill lediglich die Waffe. Aber zum Glück ist diese kleine Neuerung optional und muss ohnehin erst im Optionsmenü aktiviert werden.
Überhaupt war die Steuerung seit jeher ein wenig die Achillesverse von Resident Evil. 1996 aus der technischen Notwendigkeit entstanden, wurde die Resident Evil´sche „Panzer-Steuerung“, bei der man die Figur lediglich vorwärts und rückwärts bewegen und um die eigene Achse drehen kann, schnell zum Standard des ganzen Survival-Horror-Genres. Der Spieler ist durch die ungelenke Steuerung den übermächtigen Gegner noch ein Stück mehr ausgeliefert als sowieso, das Gefühl der Hilflosigkeit wird nicht nur durch Umgebung, Munitionsmangel und begrenzte Speichermöglichkeiten erzeugt, sondern auch dadurch, dass es einfach schwierig ist, sich gekonnt seiner Haut zu erwehren.
Und genau dieser gezielte Einsatz der eigentlich schwachen Steuerung macht es schwer, diese zu kritisieren. Hätte der Spieler mehr Kontrolle über die Bewegungen und Aktionen seines Helden oder seiner Heldin, dann wäre das Machtgefühl stärker, die Monster weniger bedrohlich und die Anspannung beim Spielen weit geringer. Wozu das führt, haben wir bei Resident Evil 4 und 5 dann ja auch deutlich gesehen. Es führt zu tollen Actionspielen, denen aber durchweg vorgeworfen wird, das Erbe seiner Vorgänger zu ignorieren und zu verraten.
Auch andere Kritikpunkte sind schwer anzubringen. Natürlich sind die Rätsel irgendwie doof und unlogisch. Passende Schlüssel für passende Schlösser finden, Embleme einsetzen - den Charme einer medizinisch-psychologischen Untersuchung (im Volksmund bekannt als „Idiotentest“) konnten die Resident Evil-Puzzles noch nie abschütteln. Natürlich nervt auch das begrenzte Inventar. Insbesondere wenn ihr Chris Redfield mit seinen gerade einmal sechs Gegenstands-Slots spielt, dann kommt ihr oft um lästige Touren von Kiste zu Kiste nicht herum und flucht bald über die unnötig gestreckte Spielzeit.
Und natürlich sind auch die begrenzten Speichermöglichkeiten schon seit jeher ein Ärgernis. Aber eben ein Ärgernis, das auch ein wenig den Reiz eines Resident Evil ausmacht. Wenn ihr wild ballernd durch das Haus walzt und bei jeder Gelegenheit schnell mal zwischenspeichert, dann kann es tatsächlich vorkommen, dass ihr euch in eine Sackgasse manövriert. Aber das ist dann auch eure eigene Schuld – Resident Evil ist ein Spiel aus alten Hardcore-Zeiten und denkt gar nicht daran, den Spieler, wie heute gerne mal üblich, an die Hand zu nehmen. Im Gegenzug ist das Spiel aber auch fair. Ja, manche Zombies sind besonders aggressiv und verfolgen euch schon mal länger. Aber auch mit denen könnt ihr fertig werden, unverschuldet lässt euch das Spiel nicht ins Messer laufen.
Fassen wir also zusammen: Das Spielgefühl entspricht so ziemlich exakt der Gamecube-Fassung von 2002. Und ganz ehrlich: Wirklich schlimm ist das nicht. Denn im Gegensatz zum PSone-Spiel ist das Remake ganz hervorragend gealtert. Die Renderhintergründe sind zeitlos schön und gruselig, die Figuren sehen auch nach sieben Jahren noch hervorragend aus und atmosphärisch muss sich Resident Evil vor keinem modernen Horrorspiel verstecken und bietet im Gegensatz zur aktuellen, actionlastigen HD-Episode weitaus mehr Nervenkitzel und Horror.
Und jetzt wollt ihr von mir eine Kaufberatung? Nun, ich sag das mal so. Resident Evil ist ein zeitloser Klassiker, der in den Augen seiner Fans fast sämtliche Schwächen souverän zu Stärken ummünzt. Und selbst ich als eigentlicher Gegner des Kanonisierungsgedankens wage zu behaupten, dass Resident Evil ein Titel ist, den wirklich jeder einmal gespielt haben sollte. Das gilt insbesondere für das Remake. Daher ergeht das halbwegs salomonische Urteil: Kennt ihr Resident Evil und sein Remake tatsächlich noch nicht, dann bietet die Archives-Version für angenehme 30 Euro die perfekte Gelegenheit, diese Wissenslücke zu schließen. Nennt ihr dagegen bereits die Gamecube-Fassung euer Eigen, gibt es wirklich nicht den geringsten Grund, erneut zuzugreifen.
Resident Evil Archives: Resident Evil ist ab sofort für Wii im Handel erhältlich. Für ca. 30 Euro!
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