LocoRoco Cocoreccho!

Review
Plattform
PS3
Vertrieb
Sony Computer Entertainment
Entwickler
Sony Computer Entertainment
Genre
Andere
PS3: LocoRoco Cocoreccho!

Gesamtwertung

8/10

PS3: LocoRoco Cocoreccho!

Wieder schlief ich in der seltsamen Welt.

Wieder war ich der seltsame gelbe Blob.

Ich erwachte und sah all diese wirren Dinge um mich herum. Die Blumen und Äste, all die eigenartigen Farben und eine Welt, in der es keinen Himmel gab. Zum Glück war alles, auch ich, nur zweidimensional, ich glaube nicht, dass mein kleines Blobhirn diese Eindrücke in einer weiteren Dimension hätte verarbeiten können. Und natürlich sah ich auch den Schmetterling. Er rief mich und ich folgte.

Es war undenkbar, nicht dem Ruf des Schmetterlings zu folgen. Ich wusste, dass er mich retten würde. Nicht, dass ich in direkter Gefahr war, schließlich kam ich an einer Reihe anderer schlafender Blobs vorbei, die ich weckte, damit auch sie den Ruf des Schmetterlings vernehmen konnten. Wir waren glücklich. So glücklich, dass wir anfingen, das Lied zu singen. Niemand von uns wusste, was die Worte des Liedes bedeuteten, sie schienen direkt aus unserem Blobherzen herauszuquellen und wir mussten die Welt einfach an dem Lied teilhaben lassen.

So folgten wir singend dem Schmetterling, der uns über verschlungene Wege führte, uns manchmal unmögliches abverlangte, als wir höhere Äste erklimmen sollten. Wie konnte das gehen, wir waren Blobs, die ein wenig zu hüpfen verstanden, das war alles. Aber es war unvorstellbar, nicht dem Schmetterling zu gehorchen und so stapelten wir uns, vollbrachten Kunsttücke, die uns zuvor unmöglich erschienen und weckten immer mehr von uns auf. Wir merkten, dass gleichfarbige Blobs sich zu größeren vereinigen konnten. Es war zunächst ein wenig seltsam, aber ich gewöhnte mich schnell daran, mit anderen in dem selben, gelben Körper zu stecken.

So zogen wir durch die Welt und sahen so viel Absonderbares, dass es unsere Köpfe schwirren ließ. Nun zumindest theoretisch, wir hatten ja keine richtigen Köpfe. Wasserfälle rauschten wir hinab, auf Wolken stiegen wir in den nicht vorhandenen Himmel und gewaltige Fische schubsten uns durch unheimliche Katakomben. Und über allem wachte der Schmetterling. Selbst als wir zu dem „Großen Schwarz“ kamen, verließ uns unser treuer Begleiter nicht. Von einem auf den anderen Moment schien meine Reise jedoch beendet. Ich lag auf einer Bodenplatte und es ging nicht weiter. Das beunruhigte mich nicht groß, denn immer mehr von uns kamen dazu und auch der Schmetterling tauchte immer wieder auf. Ein blauer Blob fiel plötzlich auf unsere Plattform und ein Tor, das ich vorher nicht gesehen hatte, legte seinen Eingang frei. Ein neuer Teil der Welt öffnete sich....

....ich öffnete die Augen. Wo war ich? In meinem Bett. Was waren das für merkwürdige Dinger an meinem Rumpf? Oh, richtig, Beine. Auf ihnen schwankte ich ins Bad, schaute in den Spiegel und stellte zu meiner nicht unerheblichen Erleichterung fest, dass ich kein gelber Blob mehr war. Es war nur ein Traum. Ein merkwürdiger Traum von einem merkwürdigen Spiel - Loco Roco Cocoreccho...

Dieser „kleine“ Downloadtitel aus dem PlayStation-Netzwerk entpuppt sich als eine der absonderlichsten Spielerfahrungen, die Ihr derzeit auf irgendeiner Konsole erleben dürft. Und dabei schließe ich den PSP-Vorgänger mit ein. Statt die Loco, so heißen die kleinen Blobs, direkt zu steuern und immer ein Auge auf sie haben zu müssen, wird hier etwas Neues versucht. Ihr bugsiert den Schmetterling durch die Umgebung und die Locos folgen Eurem Ruf bis zum Levelausgang.

Um diesen zu öffnen, müssen eine bestimmte Anzahl von Locos auf einer Plattform landen, also versucht Ihr mit allen Tricks, die zunächst schlafenden Kugeln aufzuwecken. Das ist insoweit nicht ganz einfach, als dass viele ihr Nickerchen außerhalb der Reichweite der wachen Locos halten und der Schmetterling sie nicht direkt im Schlaf stören kann. Es sind also alle Tricks zu nutzen und dies bedeutet in der Regel Sixaxis.

Die offensichtlichen Einsatzvarianten des Wackelpads präsentieren Euch die Mui Muis, kleine, etwas unheimliche, aber freundliche Helferwesen, die Schalter und Wippen auf Geheiß Eurer Bewegungen in Gang setzen.

Aber auch vieles andere lässt sich durch experimentierfreudiges Padgewackel herausfinden. Wer seine Bedieneinheit nicht schüttelt, erfährt nämlich nicht, dass sich die Locos auf den Ästen einfach herunter rütteln lassen oder das sich Blumen bei Windzug anfangen zu drehen, mit teilweise erstaunlichen Ergebnissen.

In Loco Roco Cocoreccho geht es nicht um die Herausforderung des Überlebens, schließlich droht den vielfarbigen Knubbeln nur selten Gefahr. Das Erkunden der Spielwelt und der Sixaxis-Einsatzmöglichkeiten ist eines der erfrischendsten Spielerlebnisse, das Ihr finden werdet - und es ist ein Geniestreich, dass die Locos dabei wunderbar allein zurechtkommen. Um einen Loco doch mal zu verlieren, müsst Ihr wirklich schon auf die Suche nach Ärger gehen. Das bedeutet aber nicht, dass es hier keinerlei Herausforderungen gäbe. Zwar bewunderte ich schon nach 20 Minuten das erste Mal den befremdlichen Abspann, führte aber auch nur 40 der insgesamt 200 Locos aus dem Land.

Immer neue Abschnitte des riesigen Levels lassen sich erkunden und der fröhlichen Suche nach noch mehr Locos stellt sich eigentlich nur deren eigene Dummheit in den Weg. Die Blobs folgen zwar grundsätzlich dem Ruf des Schmetterlings, jedoch mit variierendem Erfolg. Hier und da gab es Abschnitte, wo ich die Knubbel lauthals verfluchte, weil sie es einfach nicht schafften, über einen kleinen Abgrund zu hüpfen. Der Sixaxis-Steuerung ist das nicht anzukreiden, die funktioniert einwandfrei, aber die Locos werden Euch mit ihrer blobsigen Tapsigkeit stellenweise zur Weißglut treiben.

Abseits solcher Hürden entpuppt sich Loco Roco Cocoreccho leider als ein sehr kleines Spiel. Der eine Level fällt riesengroß aus, kann aber nicht verbergen, dass er einsam und allein dasteht, zumal am Anfang immer wieder die gleichen Abschnitte bewältigt werden müssen, um neue Teile zu erkunden. So gerät der Ausflug in diese bunte Welt trotz einiger winziger Bonusspiele insgesamt zu einer recht kurzen Erfahrung – und das ist wirklich schade, denn er macht nicht nur mächtig Laune, sondern stellt auch eine audio-visuelle Erfahrung der besonderen Art dar.

Der 2D-Scherenschnitt im minimalistischen Kinderbuchstil ist so komplett anders, dass Ihr Euch die ersten Minuten nur wenig um das Spielgeschehen kümmern werdet. Ihr werdet vielmehr die Umgebung bestaunen, kleinere Details begutachten, die seltsame Gestaltung voll und ganz in Euch aufnehmen. Dann erforschen, experimentieren, einfach nur rumspielen, ohne über das große Ziel nachzudenken. Und dabei erfahrt Ihr ein kindliches Gefühl des Behagens, da es wie erwähnt ja nur wenige Gefahren in dieser Welt gibt. Ein wohliges Betrachten und Genießen, untermalt vom atmosphärischen Sound und dem Lied der Locos.

Fröhlich, nach einiger Zeit auch etwas penetrant, trällern sie die Weise in unterschiedlichsten Tonlagen. Vom Kinderstimmchen bis zum italienischen Schnulzensänger haben die Locos eine erstaunliche stimmliche Bandbreite. Aber Vorsicht, nach einigen Stunden mit diesem Lied besteht durchaus die Gefahr, dass es tief in Euren Kopf dringt und es sich dort gemütlich macht...

Loco Roco Cocoreccho ist nicht einfach nur ein simples Spiel, es ist fast schon eine Bewusstseinsveränderung. Der Umfang fällt zwar mit lediglich einem Level sehr spärlich aus, gelegentlich treibt einen die indirekte Steuerung in den Wahnsinn und zu langes Lauschen des Loco-Liedes kann einem das Hirn aufweichen. Andererseits ist das für einen Titel, der weniger kostet als zwei Tüten Gummibärchen, eine sehr kurze Mängelliste - und die Locos durch die mystische Welt zu leiten, wird Euch einige unbeschwerte, erinnerungswürdige und einfach spaßige Stunden bescheren. Bleibt abschließend eigentlich nur zu hoffen, dass sich Sony erbarmt und den kleinen Locos schon bald neue Spielwiesen verschafft und ich wieder von dem Schmetterling träumen darf...

Loco Roco Cocoreccho ist im Playstation Store für schlappe 2,99 Euros zu ergattern. Der Download ist ca. 300 MB groß.

 

 

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