Tropico 3

Review
Plattform
PC
Vertrieb
Kalypso Media
Entwickler
Haemimont Games
Genre
Andere
PC: Tropico 3

PC: Tropico 3

Als emotionales Weichei macht mich der Herbst ja immer etwas melancholisch. Wenn dicke Wolkenbänke den Himmel zieren, sich die Blätter gelb färben und die Tage kürzer werden, drücke ich mir in einer stillen Stunde gern einmal etwas Feuchtigkeit aus den Augen. Kein weibisches Geflenne, sondern echte Männertränen. Dicke, schwere Tropfen, die mir auch bei einer guten Folge Grey's Anatomy über die Wangen rollen.

Ein weiterer Grund für die saisonale Gemütsschwere ist das Wahlergebnis. Vier weitere Jahre Merkel als Kanzlerin und Westerwelle als Außenminister heben nicht gerade meine Stimmung. Ein kleiner Ausblick auf das, was uns erwartet: Guido Westerwelle macht in diesem wunderschönen Video (youtube.com)einem englischen Journalisten klar, wie der Hase in Zukunft läuft. Super. Für mich alten Genossen fühlt sich das politische Klima jedenfalls schon fast nach Winter an.

Zum Glück hatte ich die letzten Tage einen Rückzugsort, an dem fast immer die Sonne scheint und sich linkes Gedankengut wohlig über mein Hirn legt. Die Tropico-3-Vollversion landete endlich in meinem Briefkasten und ich konnte der düsteren Realität zumindest für ein paar Stunden entfliehen. Und wie zu erwarten war, machte dieser Eskapismus auch noch jede Menge Spaß.

Bevor ich mich mit den Hintergründen und Details langweile, kann ich euch nur den Konsum meiner Tropico-3-Vorschau (eurogamer.de)empfehlen. Dort gehe ich detailliert auf die Avatar-Erstellung und meinen ganz persönlichen El Metzger ein. Außerdem gehört sie zu meinen besseren Machwerken und war bis auf den unqualifizierten Kommentar meiner Redaktion (Anm. der Redaktion: Warte, bis du mal wieder vorbeikommst, dann setzt es Casual-Games zocken, bis die Finger bluten) sogar für einige Lacher gut.

Für alle, die zu faul sind, hier eine kurze Zusammenfassung: In Tropico 3 übernehmt ihr wie im ersten Teil das Ruder einer kleinen Bananenrepublik. Euer frisch ausgewählter beziehungsweise gebastelter Avatar hat sich gerade an die Macht geputscht und erfreut sich seiner Autorität. Dabei gleicht das Werk der Grand-Ages-Rome-Macher Haegimont seinem Vorfahren wie ein Ei dem anderen. Natürlich wurde das ganze mit 3D-Grafik, neuen Edikten und frischen Gameplay-Details geschmückt, etwa dem erwähnten Avatar-System, doch im Kern bleibt das Spiel seinem Vorgänger treu und setzt auf knackige Aufbaustrategie mit der richtigen Portion Anarchie.

Ganz vorne mit dabei: Die Grafik. Wasser, Berge, Wälder und Beleuchtung sind erste Sahne und müssen sich selbst vor dem Aufbau-Schwergewicht Anno 1404 kaum verstecken. Nur in der Detailansicht verliert der Außenseiter gegen seinen übermächtigen Konkurrenten. Dennoch liefert das Spiel trotz moderater Hardwareanforderungen genug hübsche Postkartenmotive, um im Notfall eure Karibikreise zu simulieren. Solche Feinheiten sind natürlich kein spielentscheidendes Feature, aber ein atmosphärischer Höhepunkt, der dem Spiel Leben einhaucht.

Ein kleiner Wehrmutstropfen: Leider hat sich am Kampagnen-System seid der Vorschau-Version nichts mehr geändert. Statt Story und Zusammenhang müsst ihr auf verschiedenen Inseln bestimmte Missionsziele erfüllen. Mal gilt es, die beiden im Kalten Krieg befindlichen Supermächte USA und UDSSR gegeneinander auszuspielen, mal einen großen Batzen Agrarprodukte zu exportieren oder Eisenerzminen zu erschließen.

Große Unterschiede zu selbst erstellten Sandbox-Szenarien gibt es da kaum. Eine verpasste Chance, die dem Titel etwas Atmosphäre kostet. Auch das Tutorial ist weiterhin dürftig und erklärt nur das Nötigste. Zusammen mit der sowieso schon komplexen Steuerung fällt da natürlich der Einstieg schwer. Nur Tropico-Veteranen finden sich sofort zurecht, da Haegimont viele Head-Up-Display-Elemente direkt von Tropico 1 übernommen hat.

Anfänger sollten sich also erst einmal den Sandkasten-Modus zu Gemüte führen. Dank frei einstellbarer Ressourcen kann man hier recht entspannt vor sich hinregieren. Mit genügend Geld stellt ihr ein ansehnliches Inselreich auf die Beine. Das Volk versorgt ihr mit Schulen, schicken Wohnungen und Kirchen, nebenbei versucht ihr euch im Unterdrücken von Aufständen. Denn wie es sich für echte Revoluzzer gehört, gehen eure Einwohner bei Problemen sofort auf die Straße und fordern euren Kopf. Wer nicht schnell reagiert, muss sich mit einer gut ausgerüsteten Guerilla-Armee herumschlagen.

Ein schönes Detail: Wenn ihr genau hinschaut, lassen sich sogar Kämpfe um den Präsidentenpalast verfolgen. Ohne eine starke Armee werdet ihr also schnell wieder abgesetzt. Leider sind keine Endlosspiele möglich. Nach 50 Jahren ist Schluss. Da eine solche Regierungsdauer aber ohne Vorspulfunktion fast 3 Tage beansprucht, ist das ein leicht zu verschmerzendes Manko.

Neben der klassischen Grundversorgung der Bevölkerung mit Nahrung, Unterkunft, Seelenheil und Sicherheit besteht eure Aufgabe bei Tropico im Gegensatz zur Konkurrenz auch darin, für die Rente vorzusorgen. Als Revolutionsführer und Diktator hat man meistens eine recht kurze Lebensdauer. Nicht jeder eurer Bürger ist mit eurer Regierung zufrieden. Immer wieder kommt es zu einer Rebellion – hm, ob das auch gegen die Biene-Maja-Koalition hilft? Da macht es Sinn, ein wenig Geld zur Seite zu legen und im richtigen Moment stiften zu gehen.

Von Insel zu Insel steigt die Komplexität. Während ihr anfangs noch recht einfach die Aufgaben abarbeitet, werden spätere Kampagnen-Missionen zur Sisyphosarbeit. Ab einer bestimmten Größe schlagen Planungsfehler immer heftiger durch. Wer zu Beginn zu wenig Straßen verlegt hat, muss bei einer vollen Insel mit Staus rechnen. Transportfahrzeuge brauchen so Stunden, um an ihr Ziel zu kommen. Ein Super-Gau für die Inselwirtschaft. Auch die Platzierung der Gebäude und Industrie-Typen will gut überlegt sein. Das Tutorial verrät euch dazu zwar praktisch nichts, aber es ist sehr wohl entscheidend, ob ihr eure Einwohner neben der Schwerindustrie leben lasst oder die Kirche am Arsch der Welt platziert.

Auf der Kampagnen-Zielgeraden wird es immer schwerer, die Sorgen und Nöte der Einwohner zu erfüllen. Selbst die motivierende Erscheinung ihres geliebten Anführers kann das Inselvolk nicht mehr beruhigen. Wieso, weshalb und warum sie gerade mal wieder auf die Straße gehen, wird erst beim genauen Studium der Tabellen und Diagramme klar. Etwas mehr Übersicht hätte dem Spiel enorm gut getan und zusammen mit einer Story den Titel inhaltlich nach vorne befördert.

Immerhin bietet es abseits der knackigen Kampagne einen netten Herausforderungs-Modus. Per Editor könnt ihr hier eine Karte erstellen, den Schwierigkeitsgrad festlegen, Faktoren wie politische Stabilität und Bevölkerung bestimmen und eine Spieldauer wählen. Anschließend haben andere Spieler die Möglichkeit, euer Werk herunterladen und können versuchen, darauf einen Highscore zu erreichen. Angesichts dutzender Einstellmöglichkeiten liefert euch Tropico 3 also genug Inhalte für die nächsten zwei Jahre. Und wer es bis dahin nicht zu einem vernünftigen Diktator geschafft hat, sollte es mit der Politik lieber ganz lassen.

Ich persönlich würde ja gerne mal sehen, wie sich Merkel und Westerwelle so als Diktator einer Bananenrepublik schlagen. Mein Tipp: Nach drei Tagen gibt es wegen Unfähigkeit die erste Revolution und nach fünf Tagen werden sie geteert und gefedert von der Insel gejagt. Tropico 3 als Politiker-Test, die Idee sollte ich mir patentieren lassen. Aber zurück zum Spiel: Der dritte Teil ist ein hervorragendes, bockschweres Remake des Erstlings und spielt sich immer noch erfrischend anders. Mit der richtigen Portion Humor und Chaos hebt es selbst nach dem einem schlechten Wahlergebnis die Stimmung. Doch nicht nur Anarchisten und Deutschland-Flüchtlinge werden mit Haegimonts Neuauflage glücklich.

Selbst Tabellen-Freaks und Hardcore-Aufbauspieler bekommen genug Tiefgang geliefert, um sich für die nächsten Wochen aus dem grauen Alltag zu befördern – dank schicker Grafik und flotter Kalypso-Musik eine äußerst angenehme Erfahrung. Es gibt aber auch einiges zu meckern. Die Steuerung ist etwas zu hakelig, das Tutorial viel zu kurz. Nichtssagender geht es kaum noch. Und auch bei der Kampagne wäre mit dem neuen Avatar-System mehr drin gewesen. Trotzdem hat Tropico 3 aus der Sicht eines Veteranen die 8 redlich verdient. Es macht einfach zu viel Spaß, die Genossen durch die Gegend zu scheuchen. Und wagt es nicht, mir zu widersprechen! Jeder Abweichler wird von El Metzger in den Knast gesteckt. Viva la Revolution.

Tropico 3 ist für den PC erhältlich. Die Xbox-360-Fassung erscheint am 5. November.

 

 

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