Hellgate: London

Review
Plattform
PC
Vertrieb
Electronic Arts
Entwickler
Flagship Studios
Genre
RPG
PC: Hellgate: London

Gesamtwertung

8/10

PC: Hellgate: London

Kennt Ihr diesen Moment: Ihr seid Euch nicht sicher, ob Euch ein Spiel gefällt oder nicht. Dieser kurze Augenblick. Ihr überlegt, den Rechner auszuschalten, um Euch lieber einen guten Film anzuschauen. Diese Sekunde, in der das Geschehen auf dem Bildschirm verblasst und Ihr das Gefühl habt, dass Euch die Entwickler vom Haken gelassen haben. Es ist eine Emotion voller Enttäuschung, die – angetrieben durch Erwartungen – schnell in Wut umschlagen kann. Genau dann stellt man sich und den Entwicklern die Frage, was denn nun eigentlich schief gelaufen, warum das Spiel doch nicht der erwartete Hit geworden ist.

Keine Sorge, Ihr habt Euch nicht verlesen und seid aus Versehen im Fazit gelandet. Hellgate: London erreicht zwar diesen Moment viel zu früh, doch es steckt mehr dahinter als ein paar enttäuschte Erwartungen und ein schwacher Einstieg. Ich muss zugeben, die Beta-Phase hat nicht dabei geholfen, den Anfang des Tests spannender zu gestalten. Durch mehrere Updates habe ich rund ein halbes Dutzend neuer Charaktere begonnen, da die alten über Nacht gelöscht wurden und mich so zwangen, die ersten Level immer und immer wieder zu spielen.

Und es sind gerade die ersten paar Stunden, die bei Hellgate so unspektakulär ausfallen, dass man an den Fähigkeiten der ehemaligen Blizzard-Mitarbeiter zweifelt. Doch der Titel ist besser als es zu Beginn den Anschein hat. Mein Ausflug in die Hölle brachte zwar auch einige Enttäuschungen, doch unter dem spröden Äußeren versteckte sich ein Spiel, in dem noch ein unglaubliches Potential steckt.

Um die große Erwartungshaltung der Fangemeinde zu verstehen, muss man wissen, dass einige Entwickler der Flagship Studios, allen voran der geistige Vater Diablos, Bill Roper, in den alten Tagen praktisch das Action-Rollenspiel erfunden haben. Mit Diablo 2 haben sie es anschließend noch weiter evolutioniert und damit eine Legende geschaffen.

Kein Wunder also, dass der Erstling der FlagshipStudios in den Köpfen der Community zu einem Diablo 3 wurde, das ihnen Blizzard schon seit Jahren verwehrt. Doch das neu gegründete Studio schlug zumindest Story-technisch einen anderen Weg ein.

Weg mit Fantasy, weg mit der klassischen Iso-Perspektive. Bill Roper und seine Bande schufen eine ganz neue Art von Action-Rollenspiel, das mit einem Shooter nicht nur die Perspektive gemeinsam hat.

Furchtlos wandte sich das Team von der klassischen Fantasy ab und versetzte das Spielgeschehen in die nahe Zukunft. Im Jahre 2038 wurde die Welt nicht etwa von den Menschen zugrunde gerichtet, sondern die von Nostradamus vorhergesagte Apokalypse machte schon mal einen Zwischenstop. Die Tore zur Hölle öffneten sich, blühende Landschaften verwandelten sich in brennende Schutthalden und die Menschheit wurde damit an die Grenze ihrer Auslöschung gebracht. Die Dämonen sind dabei so gründlich vorgegangen, dass wahrscheinlich ein Dritter Weltkrieg nicht mehr Schaden angerichtet hätte.

Natürlich haben sich die Menschen angepasst, sind in den Untergrund geflüchtet und haben ein neues System aufgebaut. Einige von ihnen haben die neuen Mächte studiert, können sie nun anzapfen und gegen die Feinde richten. Andere haben die moderne Technik gewählt, um aus ihr das Schwert der Vergeltung zu formen, das am Ende hoffentlich die Mächte der Finsternis zurückdrängen kann. Sie sind die Helden von Hellgate: London, sie sind das Kernstück und die größte Errungenschaft, die dieses Spiel für sich verbuchen kann.

Auf den ersten Blick wirken die unterschiedlichen Klassen von Hellgate wie eine plumpe Kopie von Blizzard-Ideen. Da werden wild Figuren aus Diablo 2, Warcraft 3 und World of Warcraft gekreuzt und einige Skills fast ohne Veränderung wiederverwendet. Meistens verpackt in ein moderneres Äußeres, versteckt sich hinter einem Guardian zum Beispiel ein schnöder Paladin und der Summoner könnte mit ein paar kleinen Änderungen auch als Warlock durchgehen.

Doch es ist gerade eine der umstrittensten Neuerungen, die das Klassensystem am Ende sogar noch deutlich effektiver macht als beim großen Vorbild. Es ist die neue Perspektive, die sich erstmals direkt hinter oder in den Augen der Charaktere befindet. Sie verpasst der Atmosphäre einen kräftigen Kick verwandelt die unterschiedlichen Klassen in komplett andere Spielerlebnisse.

Während der Marksman mit seinen Schusswaffen aus Hellgate einen waschechten Egoshooter macht, kann man sich mit dem Blademaster durch die Gegnerhorden schnetzeln. Wie einst der Barbar. Einen detaillierten Überblick zu den unterschiedlichen Varianten bekommt Ihr in unserem ausführlichen Charakterguide

. Wir begeben uns jetzt lieber zurück zum quälenden Anfang, der Euch mitten in die Straßen von London wirft und Euren Charakter vor die gewaltige Aufgabe stellt, die Dämonen zurück in die Hölle zu jagen.

Außer dem schick gemachten Intro bekommt Ihr zu Beginn recht wenig Hintergrundinformation über diese neue, zerstörerische Welt. Auch im späteren Verlauf ist es vor allem die schwache Präsentation, die anfangs die Motivation nach unten drückt. Die lieblosen Textboxen, die verschwommen Charakterbilder und die nicht vorhandene Sprachausgabe versetzen Euch glatt ein paar Jahre in die Vergangenheit.

Dieses Manko bleibt ein stetiger Dorn im Auge, der die Dramatik des Überlebenskampfes nur äußerst mäßig transportiert. Zwischen den einzelnen Akten gibt es zwar ein paar kurze Renderfilmchen, doch die zeigen nur alte Bücher, die sich niedrig aufgelöst und mit üblen Artefakten von selbst bewegen. Echte Beziehungen zu Charakteren wollen in dieser Umgebung kaum entstehen. Die Flagship Studios haben sich hier zu sehr an der Vergangenheit orientiert und die Entwicklung der letzten Jahre glatt verschlafen.

Immerhin wurde die Grafik recht stimmig umgesetzt und bietet bei vollen Details einen schaurig-schönen Anblick. Die Haut von Zombies verfault vor Euren Augen, Blutbahnen laufen an grotesken Monstern herab und wuchtige Dämonen jagen Euch mit schicken Animationen ihre Klinge in den Leib. Deutlich schwächer sieht da die Umgebung aus, die doch sehr unter der Zufallsgenerierung der Game-Engine leidet. Um genau wie bei Diablo 2 jeden Durchgang unverwechselbar zu machen, wurden nur einige Schlüsselabschnitte und die U-Bahn-Stationen per Hand modelliert. Der Rest wird per Algorithmus aus Bausteinen zusammengesetzt. Was in einigen Abschnitten für gepflegte Langeweile sorgt.

Auch Schlüsselbereiche wie die Höllentore wirken oftmals zu leer und nichtssagend. Die Flagship Studios haben hier viel Potential verschenkt und erreichen vor allem optisch nie die Perfektion eines Blizzard-Titels. Dazu besitzt die Verkaufsversion noch jede Menge grafische Fehler. Fehlende Texturen, unsichtbare Modelle und böse Clipping-Fehler machen dem Rollenspiel-Vergnügen momentan noch schwer zu schaffen. Unspielbar ist der Titel zu keinem Zeitpunkt und spätestens online, werden die meisten Spieler die Details sowieso nach unten drehen, um in den harten Kämpfen nicht mit einer Diashow leben zu müssen.

Ähnlich durchwachsen präsentieren sich auch die Missionen. Meistens müsst Ihr eine bestimmte Anzahl von Gegnern vernichten oder ihnen Gegenstände abnehmen. Zwischendrin haben die Entwickler immer wieder die Innovationskeule ausgepackt – mit recht unterschiedlichem Erfolg. Einige Aufträge wie der Ausflug in den Geist eines Menschen sind nicht nur spaßig, sondern liefern auch die so dringend benötigte Abwechslung. Andere Missionen, wie ein Angriff auf ein gigantisches Höllenluftschiffs wirken nicht nur unfertig, sondern komplett sinnlos. Es ist ja nett, wenn man auch solche gewaltigen Kämpfe geliefert bekommt, aber warum man ca. zehn Minuten draufhalten muss, ohne wirklich jemals selbst in Gefahr zu geraten, wissen wahrscheinlich nur die Quest-Designer von den Flagship Studios.

Wesentlich bessere Arbeit haben die Entwickler bei den Gegenständen und dem Kampfsystem hingelegt. Neben der wirklich perfekt ausbalancierten Drop-Rate sorgen verschiedene Spezialeffekte für die nötige Spieltiefe. Man kann Gegner anzünden, unter Strom setzen, Phasen verschieben, vergiften und betäuben. Außerdem gibt es Attribute, die bestimmte Monstertypen stärker verwunden als andere. Es ist zwar dadurch nicht gerade einfach, die Stärken einzelner Waffen im ersten Moment zu begreifen, dafür bekommt man im Gegenzug ein enorm komplexes System geliefert, das man über Monate hinweg erforschen kann.

Da wenigstens dieser Bereich perfekt umgesetzt wurde, reduziert sich das Gameplay auf die Jagd nach dem nächsten Gegenstand und dem nächsten Level. Immerhin bietet das Charakter-System auch bei den Skills gute Ansätze, die zwar ruhig etwas komplexer hätten ausfallen können, aber zum größten Teil wirklich Sinn machen. Manchmal wäre es nur angenehm, wenn einem das Spiel die lästige Rechenarbeit abnehmen und bei Charakteren, wie zum Beispiel dem Evoker, der Schaden der Zaubersprüche vernünftig angezeigt würde.

Auch die Bedienung ist stimmig und zeigt kaum eine Blöße. Vergleichsfenster für Waffen, ein Kontext-sensitives Einkaufs-System und ein übersichtliches Chat-Fenster sind für ein MMO eher Standard, für ein Action-Rollenspiel aber recht komfortabel. Im Gegenzug vermisst man aber eine Sortierfunktion für das viel zu klein geratene Inventar und die geniale Transfermöglichkeit eines Titan Quest, wo man zwischen den Charakteren Gegenstände austauschen konnte. Gerade weil man viel zu oft falsche Items findet, wäre es nett gewesen, zumindest im Einzelspielermodus, nicht bei jedem Fund eines legendären Gegenstandes für eine andere Klasse vor Wut ins Keyboard beißen zu müssen.

Aber eigentlich muss man sich über die stiefmütterliche Behandlung des Offline-Modus nicht wundern. Hellgate: London schreit den Spieler nahezu an jeder Ecke 'Multiplayer' entgegen. Spätestens nach dem zweiten oder dritten Durchgang, stört man sich kaum noch an der mageren Präsentation und der wirren Geschichte. Dann geht es nur noch um das schnelle Leveln und um neue, stärkere Gegenstände.

Damit wir uns vom Multiplayer-Modus ein vernünftiges Bild machen konnten, haben wir den Test um ein paar Tage nach hinten verschoben. Dadurch konnten wir nicht nur die Beta in Augenschein nehmen, sondern auch die aktuellen Server. Neben der Freundesliste, dem Gildensystem und den ganzen Premium-Funktionalitäten, sind wir so in der Lage auch die Stabilität zu bewerten. Zwei Tage Dauerzocken auf 'Sydonai' haben gezeigt, dass die Flagship Studios einen sauberen Job gemacht haben und man relativ lagfrei spielen kann.

Auch Freundeslisten und Gildenfunktionalitäten funktionieren einwandfrei. Mit 10.000 Gold und einem Premium-Account ausgerüstet, haben wir gleich eine Eurogamer-Gilde gegründet. Dies geht nur, wenn man bezahlt, beitreten darf aber jeder. Neben dieser Funktion gibt es auch ein paar andere Vorteile für Premium-Nutzer. Ihre Gegner lassen verschiedene Gegenstände fallen, die sich recht einfach in Items wie Teleporter und Andrenalin-Spritzen umtauschen lassen. Außerdem kann man die eigene Rüstung einfärben, um sich so von den Mitspielern zu unterscheiden.

Wer etwas Ausdauer zeigt, kann sich zum Beispiel einen Zombie-Roboter als Haustier basteln, der zwar keinerlei Funktion besitzt, aber sehr lustig aus der Wäsche schaut. In Kombination mit den zusätzlichen Charakter-Slots – normale User besitzen nur vier, Subscriber acht – und dem Zusatz-Content könnte sich das Paket für Hardcore-Spieler wirklich lohnen. Wer nur ab und an in die Welt von Hellgate eintauchen möchte, kommt mit dem Standard-Zugang aber wunderbar aus.

Das eigentliche Gruppenspiel funktioniert sauber und ohne größere Probleme. Die Stärke der Monster wird leider nicht angepasst, stattdessen wird einfach die Menge deutlich erhöht. Dank der später recht knackigen Levels ist dies aber kein Manko. Man muss jedoch abwarten, was die nächsten Updates bringen. Wie schon Diablo 2 wird sich auch Hellgate in der nächsten Zeit gewaltig verändern.

Ohne größere Bugs ist der Mehrspieler-Modus schon jetzt spielbar und macht deutlich mehr Spaß als der etwas unglückliche Singleplayer. Hellgate spielt all die Stärken aus, die auch Diablo 2 zu einem solch gigantischen Erfolg verhalfen. Trotzdem ist es den Flagship Studios nicht gelungen, das fast sieben Jahre alte Vorbild zu schlagen. Beim nächsten Mal also etwas mehr Innovation, Mister Roper.

Mit der Zeit verschwinden die Zweifel und Ängste. Hellgate: London ist keine Katastrophe geworden, sondern ein packendes Action-Rollenspiel, das die Sammel-Wut zu seinem zentralen Gameplay-Element gemacht hat. Trotzdem muss man sich die Frage stellen, ob eine neue Perspektive und die schicke 3D-Grafik nach über sieben Jahren genug sind. Meine Prophezeiung: Dem Spiel wird es nicht gelingen, die gleiche Bedeutung wie Diablo 2 zu erringen. Dazu fehlt eine packende Präsentation und wirkliche Innovation.

Genau wie sein großes Vorbild wird es sich aber über die Jahre ständig verbessern und damit wahrscheinlich am Ende ein wirklich herausragendes Spiel werden. Bis dahin muss man als Spieler mit ein paar Unzulänglichkeiten leben müssen.

Der Singleplayer alleine müsste übrigens mit mindestens einem Punkt weniger zurecht kommen, erst der wirklich gelungene Multiplayer macht aus Hellgate: London ein sehr gutes Spiel.

Der Premium-Service von Hellgate: London kostet ca. 7 Euro pro Monat.

 

 

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