Gesamtwertung8/10 |
Wann weiß man, ob ein Spiel gut ist? Jeder hat wohl seinen eigenen Instinkt, auf den er sich verlässt. Die einen erkennen es am Prickeln beim Spielen, die anderen können schon beim Anfassen der Verpackung eine Aura spüren. Bei mir sind es Träume. Nicht diese „ich hab zu viel Zoo Keeper gespielt und seh’ überall Löwen und Giraffen“-Träume. Sondern die Träume, in denen man schon Strategien für den nächsten Tag plant, in denen man genau weiß, wie das nächste Level anzugehen ist. Eben diese Heureka-ich-hab’s-Träume.
Ist Disgaea 3 also ein gutes Spiel, hatte ich diese Träume? Sie waren da, ja. Aber sie waren etwas anderer Natur. Denn der Titel ist ein Fest für Statistiker, für Nummern-Fetischisten. Wenn man von Disgaea 3 träumt, so sieht man Zahlenkolonnen, endlose Möglichkeiten, bestimmte Nummern von hier nach dort zu transferieren.
Soll ich mein Geld lieber in Rüstung oder in Waffen stecken? Wenn in Waffen, für welchen Charakter und worauf soll er spezialisiert werden? Hab ich die richtige Entscheidung getroffen, als ich meinem Zauberer diesen oder jenen Spruch hab lernen lassen? Wäre ein anderer nicht besser gewesen? Ist mein Mana wirklich schon aufgebraucht?
Es ist die Unruhe des Perfektionisten, die einen nachts wach hält. Das Spiel stößt einem die Türen weit auf, präsentiert einen riesigen Saal voller unbezahlbarer Wertgegenstände und fügt dann hinzu: „Aber du kannst immer nur einen davon tragen“. Disgaea 3 ist die Vollendung des Munchkin-Nirvana: Hier gibt es nichts, was nicht aufgewertet, verbessert und auf-gelevelt werden kann. Macht so was Spaß?
Im Prinzip hab ich keine Freude an reinen Zahlenspielen, zudem ist Disgaea 3 kein sonderlich innovatives Spiel. Die übliche Japano-RPG meets Strategie-Architektur ist leidlich bekannt und man hat es eigentlich schon fast über: Auf einer Karte werden die Gefechte ausgetragen, reihum geht es Runde für Runde voran. Dazu können diverse Waffen, Zauber und Gegenstände eingesetzt werden. Hat man die Karte geschafft, geht die Story weiter und schon kommt die nächste Herausforderung. Das kennt man.
Was Disgaea 3 allerdings anders macht, ist das Bewusstmachen der Mechanismen. Das Spiel nimmt sich, seine merkwürdige Geschichte und auch den Spieler nicht ernst. Das ist manchmal etwas gezwungen, andererseits auch wieder herrlich surrealistisch. Es gibt keine Identifikationsfiguren, denn alles hier ist nur ein Videospiel. Darauf macht Disgaea 3 bei jeder erdenklichen Möglichkeit aufmerksam. So wird direkt klar, dass ein Sidekick nur eine marginale Rolle spielt – die Dame wird auch genauso betitelt. Selbst in den Stati der Charaktere finden sich immer wieder kleine Anspielungen.
Auch die Waffen und Rüstungen lassen nicht viel Interpretationsspielraum. Die Rüstung aus Papier bietet nicht wirklich viel Schutz. Es ist diese Art von Humor, gekoppelt mit einem kniffligen Strategie-Game, das Disgaea 3 über den reinen Aspekt des Auflevelns hinaushebt. Die Geschichte über Mao, einen Dämonenschüler, der sich an seinem Vater rächen will, Weil der ihm sein geliebtes Videospielsystem inklusive aller Speicherstände zertrampelt hat, ist dann auch von vorne bis hinten Humbug. Aber angereichert mit einer entwaffnenden Ehrlichkeit, so dass man einfach dran bleiben muss.
Nicht jeder Gag zündet natürlich, vieles wirkt aufgesetzt und bewusst Ha-ha-ha-humorig. Das ist dann der Moment, in dem man in die Tiefe eintauchen kann. Disgaea 3 geht noch weiter als alle Strategie-RPGs zuvor. Nicht nur kann man die verschiedenen Charaktere mit neuen Fähigkeiten ausstatten, ihnen neue Zaubersprüche zuweisen oder mit Gegenständen ausstatten. Auch die Positionierung innerhalb der Gruppe ist wichtig, um Combo-Angriffe auszuführen.
Stehen zwei Kämpfer, die gut miteinander können, zusammen neben einem Gegner, ist es möglich, einen recht effektiven gemeinsamen Angriff auszuführen. Doch zunächst muss man die jeweils mächtigsten Combos ausfindig machen, indem man viel rumprobiert, experimentiert und erforscht, wer zu wem passen könnte.
Hier kommt das durchaus ansprechende Dämonenschule-Ambiente zur Geltung. Setzt man zwei Charaktere im Klassensaal nebeneinander, so arbeiten die beiden später im Kampf gut zusammen und können einen Combo-Angriff lancieren. Doch nicht alle Charaktere, die nebeneinander sitzen, können wiederum gut miteinander. Es müssen folglich verschiedene Sitzkombinationen ausprobiert werden. Und nicht nur die Sitzordnung ist wichtig: Die Gruppenmitglieder können verschiedenen Clubs zugeordnet werden, was sich auch wieder auf das Zusammenwirken im Kampf niederschlägt.
Wem das noch nicht genug ist, kann zudem beim mehrköpfigen Schulrat noch spezielle Nettigkeiten einfordern. Verbesserte Fähigkeiten oder mehr Erfahrungspunkte für eine Schlacht zum Beispiel. Um das zu erreichen, muss man allerdings die Zusammenkunft der Schulräte erst abstimmen. Verliert man das Votum, sind wichtige Punkte dahin. Damit das nicht passiert, ist es machbar, den Mitgliedern des Schulrates etwas zuzustecken, um diese von der Notwendigkeit einer positiven Stimme zu überzeugen.
Wie man merkt, ist Disgaea 3 riesig, vielfältig, schlicht einzigartig. Leider kann das nicht über die Grafik gesagt werden. Das Spiel hätte problemlos auch auf einer PlayStation 1 oder einer PSP laufen können, die Sprites erinnern an 16-Bit-Games aus den 90er Jahren. Warum man sich dafür entschieden hat, hier auf einen Old School-Look zu setzten, ist nicht ganz klar.
Auch die Zwischensequenzen sind nicht animiert, die Dialoge dementsprechend etwas trocken. Zudem ist man beim den Gesprächen inkonsistent. Mal sieht man das Konterfeit eines Charakters in voller Größe, dann wieder nicht. Nach welchen Regeln das passiert, ist schleierhaft. Ein ähnliches Bild zeichnet sich bei der Sprachausgabe. Mal gibt es sie, mal wieder nicht. Das wirkt alles inkonsequent, in Sachen Präsentation wäre mehr auf jeden Fall begrüßenswert gewesen. Das ist natürlich nicht wirklich störend, aber wenn der Besuch, der gerade den Raum betritt, fragt, ob man mal wieder ein geliebtes Spiel für die erste PlayStation ausgepackt hat, ist einfach etwas schief gelaufen.
Die Frage ist natürlich, ob man darauf Wert legt. Die Liebe zum japanischen Strategie-RPG und zum Aufleveln, bis der Medic kommt, sollte größer als der Anspruch an eine zeitgemäße Grafik sein, um das Spiel wirklich ins Herz zu schließen. Genre-Fans werden hier auf jeden Fall ihr Eldorado finden: Soviel Tiefe war selten, und wer gerne exzessiv an seinen Charakteren und seiner Party arbeitet, wird hier für Stunden Freude finden. Disgaea 3 bietet mehr, als es auf den ersten Blick erahnen lässt – der Connaisseur wird es zu schätzen wissen.
Disgaea 3 ist für PlayStation 3 im Handel erhältlich.
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Disgaea 3 im Test.
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