PC: Far Cry 2
Es ist Mittag. Die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel, während in den stickigen Katakomben des Louvre die erste Far Cry 2-Präsentation der Ubidays läuft. Auch auf dem Bildschirm flimmert die Luft. Harte Schatten zeichnen sich ab, die magere Vegetation kauert sich entlang eines kleinen Rinnsals, das sich Fluss schimpft. Schon vom Zuschauen läuft einem der Schweiß den Rücken runter. Jede Bewegung durch das dichte Unterholz löst eine bedrohliche Reaktion aus. Afrika selbst ist Euer schlimmster Feind. Die Hitze, die Krankheiten, die Menschen. Alle Faktoren haben nur ein Ziel: Euch zu töten.
Euer Charakter ist ein Söldner. Seine aktuelle Mission klar definiert: Im Auftrag der Private Military Corporation APR soll die Propagandastation der UFLL-Truppen ausgeschaltet werden. Der undurchsichtige Informant Frank Bilder bietet Hilfe an, wenn Ihr im Gegenzug eine Wasser-Pipeline vernichtet. Der Grund dafür ist einleuchtend. Die Truppen eines Warlords leiten das überlebenswichtige Wasser des Flusses ins Nachbarland und verkaufen es dort an den Feind. Sie lassen das Land ausbluten, um an Geld für ihre Waffen heranzukommen. Frank hat Recht, sie müssen aufgehalten werden. Aber nur wie?
Endlich selbst an der Tastatur. Ausgerüstet mit einer Maschinenpistole, einer Panzerfaust und einer Machete geht es durch das dichte Unterholz. Eine unbefestigte Straße schlängelt sich durch die dürre Vegetation. Ein rostiges Schild weist den Weg. Staub wirbelt auf. Ein Jeep mit Söldnern. Kaum kommen sie in Reichweite, beginnen ihre Waffen zu feuern. Ein Treffer in den Arm, ein weiterer in das Bein.
Hastig wird der Raketenwerfer präpariert, das Zielsignal ertönt und krachend verlässt ein Geschoss das Rohr. Eine gewaltige Explosion zerreißt das Gefährt und befördert es in die Luft. Bäume und Sträucher werden zur Seite gedrückt und Bruchstücke regnen herab. Das Chassis bleibt nur wenige Meter vor mir liegen. Gerade nochmal gut gegangen.
Eine Stimme reißt mich aus meiner Konzentration. „Die komplette Vegetation ist zerstörbar“, wirft Art Director Alexandre Amancio ein. Habe ganz vergessen, dass der gute Mann neben mir sitzt. „Versuch doch mal, einen Ast abzuschießen.“, bohrt er weiter. Ich tue ihm den Gefallen und nichts passiert. „Oh, das muss ein Bug sein, nimm doch mal den Raketenwerfer.“ Ok, vielleicht lässt er mich dann wieder in Ruhe spielen. Ich visiere einen Baum an und muss zuschauen, wie das Geschoss vorbeisegelt und im Boden einschlägt.
Statt das Gehölz zu zerfetzen, wiegt sich die komplette Umgebung in der Schockwelle. „Da siehst du, wie das Blattwerk auf Explosionen reagiert. Aber versuch es doch bitte nochmal mit einem kleinen Ast.“ Also wieder die MP5 gezückt und endlich fällt das Holz herunter, mein Vorführer ist glücklich und ich darf mich erneut ungestört ins Spiel stürzen.
Es ist vor allem die dichte Atmosphäre, die von Anfang an fasziniert. Ubisoft holt mit einer fantastischen Grafik und frischen Gameplay-Ideen den verlorenen Kontinent lebensecht auf den heimischen Bildschirm. „Die Dunia-Engine ist eine komplette Neuentwicklung. Von dem alten Far Cry-Code ist nichts mehr übrig geblieben.“, platzt es aus Amancio heraus, als ich die Effekte bewundere. „Wir haben versucht, einen ähnlichen Weg wie im Kino einzuschlagen. Durch Filter erreichen wir fast einen surrealistischen Stil, der den Titel emotional viel näher an die Realität befördert.“
Doch nicht nur optisch kann Far Cry 2 punkten. Während der direkte Konkurrent und inoffizielle Far Cry-Nachfolger Crysis für eine bessere Erzählstruktur viel Freiheit aufgab, liefert Ubisofts Antwort 50 Quadratkilometer frei begehbare Savanne inklusive Wäldern und städtischen Regionen.
Der Begriff Sandbox passt alleine schon wegen des staubigen Szenarios wie die Faust aufs Auge. Ihr könnt jederzeit entscheiden, auf welcher Seite Ihr kämpft und wo Ihr als nächstes zuschlagt. Während Crytek noch einen Schritt weiter in das Fantastische vorstieß und so einen deutlich lineareren Weg wählte, stehen bei Ubisoft Realimus und Freiheit wieder klar im Vordergrund.
Mein Charakter ist verletzt. Die Kugeln stecken noch im Fleisch. Doch ein Druck auf die entsprechende Taste genügt und er zückt sein Messer. Zielsicher wird das Geschoss entfernt und die Lebensenergie mit einer Spritze wieder vollständig aufgefüllt. Inzwischen habe ich auch das Pumplager der Pipeline erreicht. Behausungen aus Wellblech reihen sich an Rohrleitungen und Wachtürme. Hohes Gras ermöglicht das ungefährliche Heranschleichen bis auf wenige Meter vor den Zaun. Kein Skript stört die eigene Taktik.
Es bleibt Euch überlassen, wie Ihr das Lager ausräuchert. Ich entscheide mich für den Wachturm, der einen guten Überblick ermöglicht. Auf der Hälfte der Stufen kommt mir ein Rebell entgegen. Im Nahkampf muss ich mich auf mein Augenmaß verlassen, Far Cry 2 bietet kein Fadenkreuz. Wer nicht über Kimme und Korn zielt, muss Daumen drücken. Auf der Spitze des Turms wartet ein Scharfschütze. Durch wenige Schläge mit der Machete wird er ausgeschaltet und seine Waffe übernommen. Hier gibt es kein Inventar wie bei der Konkurrenz. Man kann immer nur eine Standardwaffe mit sich herumtragen. Wenn Ihr Euch von hinten heranschleicht, erledigt Ihr einen Gegner auf Wunsch auch mit einer Schleichattacke. Die Machete schneidet dabei, wenig USK-kompatibel, dem Bösewicht den Hals durch.
Durch das Zielfernrohr erledige ich den ersten aufgescheuchten Gegner. Inzwischen wurde das ganze Lager in Aufruhr versetzt. Deckung suchend rennen die Söldner in meine Richtung, feuern auf meine Position und versuchen mich einzukreisen. Doch ein paar Schüsse auf die Benzintanks genügen, um die Feinde zu dezimieren. Nun schnell runter und den Rest erledigen.
Aber zu früh gefreut. Ein Gegner ist in meinen Rücken gelangt und pumpt eine ganze Salve im mich hinein. Alles wird rot und ich drohe zu sterben. In diesem Moment kommt ein Verbündeter aus dem Wald gehechtet und stützt meinen fallenden Körper. Mit gezielten Schüssen erledigt er den Feind und jagt eine Spritze in mich hinein. Ich bin gerettet.
“Wir versuchen, selbst diese Szene so realistisch wie möglich zu gestalten. Wenn Ihr Kameraden aus brenzligen Situationen rettet, helfen sie Euch, wenn Ihr selbst in Schwierigkeiten geratet. Ihre Ankunft ist dabei nicht geskriptet. Er verschwindet nach der Rettungsaktion auch nicht, sondern bleibt bei Euch und kämpft. Wenn er stirbt, kann er Euch nicht wieder helfen. Er bleibt dann tot.“ Begeistert von der frischen Idee, lasse ich mir von Amancio noch ein paar Takte zu seinem Spezialgebiet, dem Charakter-Design erzählen. „Kein Gegner sieht gleich aus. Wir haben Hunderte verschiedene Modelle gebastelt. Unser Ziel war es, trotz der realistischen Umgebung, so viel Abwechslung wie möglich zu liefern.“
Mit der Unterstützung habe ich eine Chance. Mein Kollege feuert aus allen Rohren und die Söldner fallen gleich reihenweise um. Als sich dann der Pulverdampf lichtet, ist das Lager befreit, alle Gegner getötet und auch mein Helfer musste leider dran glauben. Viel Zeit zum Trauern bleibt nicht, schließlich muss die Pipeline gesprengt werden. Eine Ladung Dynamit später sprudelt das Wasser wieder in den Fluss. Über das Handy, das wie schon bei GTA IV als Missions-Log funktioniert, teilt man mir mit, dass ich nun gegen die Sendeanlage vorgehen kann. Ein Fußmarsch würde ewig dauern. Also flink eines der Schnellboote geschnappt und in Richtung des nächsten Missionsziels.
“Wir haben bewusst auf schwer bewaffnete Transporter, Kampfhubschrauber oder Panzer verzichtet. Solches Material würde einfach nicht ins Szenario passen. Stattdessen gibt es verschiedene Boote und Geländefahrzeuge. Manche sind sogar bewaffnet. Aber Vorsicht, wenn sich jemand hinter das Bord-MG klemmt. Die sind tödlich.“ Amancio behält recht. Schon beim nächsten Camp gelingt es einem Söldner, mir mit diesem Bleispucker die Lebenslichter auszublasen. Far Cry 2 ist alles andere als einfach. Eine Regeneration wie bei anderen Titeln sucht Ihr vergeblich. Die Lebensenergie kann nur mit Spritzen wiederhergestellt werden, die Ihr Euch mühsam zusammensuchen müsst.
Leider reichte die Zeit nicht, um die nächste Mission zu erfüllen. Ein unwichtiges Kamerateam von so einem seltsamen Musiksender namens MTV drängt mich von meinem Platz weg. Immerhin kann ich ihnen noch kurz Amancio klauen und lasse ich mir von ihm noch ein paar Details zum Spiel erklären, die es nicht in die Präsentation geschafft haben.
1. Hintergrundgeschichte: Das Land, in dem Far Cry 2 spielt, wollte mit den Söldnern eigentlich den Frieden sichern. Die Regierung brach jedoch zusammen und die bezahlten Soldaten verlassen das Land erst, wenn sie ihren Lohn bekommen haben. Sie teilen sich wiederum in zwei Partein auf, die APR und UFFL. Euer Charakter hat aber nur ein Motiv: Rache. Er möchte einen Waffenhändler namens Schakal erledigen, der alle Seiten mit Tötungswerkzeugen unterstützt.
2. Feuer: Feuer spielt in Far Cry 2 eine entscheidende Rolle. Im trockenen Gras breitet sich der Flammenteppich wunderbar aus und kann als taktisches Element verwendet werden. Wollt Ihr zum Beispiel Euren Rückzug sichern, platziert Ihr einfach einen Molotow-Cocktail auf Eurem Fluchtweg. Außerdem schneidet Ihr so Gegner von ihrer Unterstützung ab. Das verbrannte Gras regeneriert sich übrigens nach einer Weile, sodass sich die Spielwelt nicht in eine große Brandrodung verwandelt. Für einen der dynamischen Tag-und-Nacht-Zyklen bleibt der Schaden aber bestehen.
3. Waffen: Um dem Realismus-Anspruch gerecht zu werden, nutzt sich jede Waffe mit der Zeit ab und blockiert so irgendwann. Beim Waffenhändler könnt Ihr Eure Lieblingswaffe aber wieder in Gang bringen und sie sogar aufwerten. Über Herausforderungen erhaltet Ihr so genannte Waffenhandbücher, die ihnen zu mehr Durchschlagskraft oder einem dickeren Magazin verhelfen. Das Arsenal entspricht nahezu 1:1 dem Shooter-Standard. Überraschungen gibt es nur in Form von fernzündbaren Minen und einem wirklich schicken Flammenwerfer.
4. Malaria: Ein weiteres Spielelement ist Eure Malariaerkrankung. Details zu diesem Feature wollte Ubisoft noch nicht veröffentlichen. Fest steht, dass Ihr Medikamente einnehmen müsst, um Fit zu bleiben. Trotzdem werdet Ihr Euch immer wieder übergeben müssen, was in ungünstigen Momenten schon mal die Gegner auf den Plan rufen kann. Aber Vorsicht, wie Ihr bei Euren Angriffen agiert. Wer zu blutrünstig vorgeht und zum Beispiel Gegner mit der Machete abmetzelt, bekommt von der Bevölkerung keine Medikamente.
5. Konsolen-Versionen: Im Demo-Bereich konnte man übrigens auch einen Blick auf die Konsolen-Versionen werfen. Beide sehen gleich gut aus, erreichen aber nicht ganz die Brillanz der PC-Variante. Vor allem die niedrigere Auflösung und etwas matschigere Texturen werden Grafikfetischisten ein Dorn im Auge sein. Spielerisch gibt es, mal abgesehen vom Speichersystem, keine Unterschiede. Konsoleros müssen erst ein Safehouse freikämpfen, um einen Spielstand anzulegen. PC-Krieger dürfen dagegen überall speichern.
6. Multiplayer: Bis zu 16 Spieler schlagen sich auf bis zu 1,6 Quadratkilometer großen Karten die Köpfe ein. Pünktlich zum Release soll ein Editor erscheinen, damit Ihr Eure eigenen Kreationen auf die Spielergemeinde loslassen könnt. Auf einen CoOp-Modus müsst Ihr verzichten, dafür bietet man ein an Call of Duty 4 erinnerndes Erfahrungspunkte-System. Erwartet allerdings nichts weltbewegendes, der Fokus liegt klar auf der Einzelspieler-Erfahrung.
Nachdem es eine Weile nichts mehr von dem Titel zu sehen gab, war die gesamte anwesende Journalie überrascht, in welch guter Verfassung sich Far Cry 2 präsentierte. Gerade der Umzug nach Afrika hat der Serie gut getan. Technisch wird nicht ganz die Klasse eines Crysis erreicht wird, trotzdem wirkt das Szenario deutlich glaubwürdiger als der seltsame Alien-Insel-Mix bei Cryteks Hardware-Monster. Auch spielerisch scheint die Entscheidung hin zu einer offenen Spielwelt die richtige gewesen zu sein. Alles wirkt wie aus einem Guss. Und bis auf kleine KI-Mängel scheint das Konzept voll aufzugehen.
Natürlich bleiben noch ein paar Fragen offen, etwa die Dramaturgie der ganzen Geschichte, die sich angesichts der enormen Freiheiten nur schwer steuern lässt. Gelingt es dem Titel, die Spannung über die gesamte Spielzeit zu halten? Leidet die Abwechslung unter dem Realismus, weil eben keine Panzer oder Fantasiefiguren vorhanden sind? Auch einige Spielelemente wie die Malariaerkrankung wirkten noch nicht komplett ausgereift, angesichts der vorhandenen Qualitäten müsst Ihr Euch aber keine Sorge machen. Far Cry 2 wird auf jeden Fall ein erstklassiges Spiel. Ob es jedoch Crysis schlagen kann, steht noch in den Sternen. Die Chancen stehen aber gar nicht mal so schlecht.
Far Cry 2 erscheint im Herbst 2008 für PC, Xbox 360 und Playstation 3.
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