Gesamtwertung7/10 |
Es ist Wochenende und die Nacht verspricht ereignisreich zu werden. Ein neuer Club, der erfrischend anders sein will, hat die Pforten geöffnet und voller Vorfreude wollt Ihr fein herausgeputzt eine lange Nacht antreten. Da wäre jedoch ein kleines Problem. Der Türsteher hat gestern anscheinend was auf die Glocke bekommen und weiß nicht so recht, wen er rein lassen soll und wen nicht. So scheint der Abend schon abzustinken, bevor er überhaupt begonnen hat. Doch unter uns: Diejenigen, die hinein dürfen, müssen ohnehin erst einen widerlichen Begrüßungscocktail herunter würgen, bevor sie auf die heiße Tanzfläche können.
Der Club, von dem die Rede ist, nennt sich übrigens Windchaser und der Türsteher wird bei dem Taktik-Strategiespiel von einem unangenehmen Bug verkörpert. Dieser Fiesling hindert einige Käufer daran in das Spiel zu gelangen und lässt sie wild auf den Kampagne-Button klickend im Hauptmenü versauern. Ein unschöner Start, der den Ersteindruck reichlich trübt.
Tatsächlich kann man den Fehler mit einer kleinen Änderung in der Registry umgehen. Das ist zwar nicht sonderlich elegant, sollte aber zumindest helfen, den Zeitraum bis zum geplanten Hotfix zu überbrücken. Wenn das Problem umgangen oder beseitigt wurde, kommt der Auftritt des genannten Begrüßungscocktail. Kaum hat man dem Spiel zu verstehen gegeben, dass man die Kampagne beginnen möchte, ertönt nämlich der Monolog eines mysteriösen Wesen.
Diese Sequenzen erwarten Euch vor jeder Mission und sollen die Ladezeiten ein wenig versüßen. Das Problem dabei ist, dass das Kerlchen wie eine ungesunde Mischung aus Illidan und G-Man klingt. Somit ist das brummelige Gestammel kein sonderlicher Hörgenuss, lässt die Neugier auf das Kommende aber ungemein steigen. Zudem ist es eine gute Einstimmung auf das eigentliche Spiel, denn bei Windchaser ist im Grunde nichts angenehm und locker leicht zu genießen.
Der Titel beginnt schon bei der Einführung damit, Euch Kiesel und Steine in den Weg zu legen. Während der Held Ioan seine ersten Schritte wagt und auf der Suche nach einer Söldnergilde ist, die ihn aufnehmen könnte, bekommt Ihr ein erklärendes Textfeld nach dem anderen vor die Nase gesetzt. Schön und gut, werden darin schließlich immer passende Informationen zum Geschehen bereitgehalten. Doch schon recht bald erreicht man den Punkt, an dem man das Gefühl hat, irgendetwas verpasst zu haben, weil man immer wieder an den standhaften Gegnern scheitert.
Erst ein verzweifelter Blick ins Handbuch offenbart, dass die Texte im Spiel gewisse Dinge einfach unerwähnt lassen. Ärgerlich, zumal das Handbuch selbst sehr übersichtlich ist und das komplizierte Kampfsystem nicht nur detailliert erklärt, sondern auch an einem Beispiel durchexerziert. Hat man von den Grundlagen erst einmal Wind bekommen und diese mit Hilfe der Anleitung verinnerlicht, wird deutlich, wie ausgeklügelt die Gefechte tatsächlich sind.
Gekämpft wird grundsätzlich in Gruppen von bis zu fünf Charakteren, von denen jeder über einen von drei Kampfstilen verfügt. So verhalten sich die Recken im Getümmel entweder konzentriert, diszipliniert oder chaotisch. Jeder Stil ist dabei seinem nächsten überlegen, bezieht aber von der jeweils dritten Haltung stärkeren Schaden. So weit, so einfach. Es spielt aber nicht nur die Zusammensetzung der Gruppen eine Rolle, auch die Bestimmung des richtigen Anführers für den Kampf ist enorm wichtig. Nur dieser darf nämlich seine passive Führungs-Fähigkeit nutzen und bestimmt, auf welche Art sein Gefolge anfangs kämpft.
Der konzentrierte Ioan lässt seine Kameraden also vor allem gegen disziplinierte Feinde besonders effektiv fechten. Je nachdem, in welchem Stil die Gruppe agiert, lädt sich zudem eine entsprechende Energie auf, die einerseits ausschlaggebend für die verfügbaren Boni ist, andererseits für aktive Talente der Einheiten eingesetzt wird. Nur wenn beispielsweise genügend chaotische Reserven zur Verfügung stehen, darf ein Schurke also einen Gegner mit seiner Fähigkeit lähmen. Die verbrauchte Energie wird dann auf die beiden anderen Pools verteilt und kann dort neu verwendet werden. Folglich wechselt nicht nur das Kampfverhalten mitunter innerhalb von Sekunden, es lassen sich auch effektive Talent-Combos und Konter durchführen.
Vorausschauende Planung und ein gutes Timing sind hier unerlässlich, um in den anspruchsvollen Auseinandersetzungen zu bestehen. Da muss man auch mit der einen oder anderen Niederlage rechnen, bevor man endlich die richtige Taktik für einen Gegner oder eine ganze Horde von Fieslingen gefunden hat. Wem das nicht gefällt, der sollte gleich aufhören zu lesen. Die Geplänkel sind schließlich die linke Herzkammer des Spiels und vor allem durch den hohen Schwierigkeitsgrad unglaublich motivierend.
Die rechte Herzhälfte stellt wiederum das Gildenschiff Windchaser, Euer fliegendes Hauptquartier, dar. Ist der schwebende Kahn anfangs lediglich Rückzugsort für verwundete Charaktere und Lager für Gegenstände, mausert er sich später zu einer richtigen Allzweck-Festung. Immer, wenn ein Quest erfolgreich abgeschlossen wird, erntet Eure Gilde Ruhm und darf entsprechende Punkte in die Techtrees der Windchaser investieren. Ganz egal, ob man dabei auf einen großen Lagerraum, einen Ausgrabungsarm oder Produktionsstätten für Gegenstände setzt, jeder Punkt lohnt sich und facht das Streben nach neuen Errungenschaften weiter an.
Einheiten werden im Gilden-Hauptquartier allerdings nicht bereitgestellt. Nur der harte Kern der Protagonisten bleibt von Mission zu Mission erhalten. Die weiteren Mitstreiter gewinnt Ihr jeweils im Laufe einer Mission für Eure Sache. Diese Burschen sammeln ebenfalls Erfahrung und lassen sich in besonderen Stätten in der Umgebung aufwerten, in neue Abschnitte folgen sie Ioan und seinen treuen Begleitern jedoch nicht.
In jedem Fall sollte man als Spieler etwas resistenter sein, da man dem Titel deutlich anmerkt, dass die Entwickler bisher nur wenig Erfahrung sammeln durften. Die Bedienung ist zum Beispiel etwas unpräzise und könnte wesentlich intuitiver ausfallen. Manche Gebäuden benutzt man einfach, indem man sie anklickt, bei anderen wird die Interaktion erst über eine weitere Schaltfläche ermöglicht.
Genauso unflexibel sind auch ein paar Auslöser von Ereignissen. Unter Umständen – und mit etwas Pech – kann es passieren, dass man einen Trigger verpasst und sich zwischenzeitlich an nahezu unbesiegbaren Feinden versucht, um voran zu kommen. Wer soll denn ahnen, dass sich ganze Horden von Gegnern nur durch den Besuch eines Händlers in Luft auflösen? Und warum gibt es eigentlich keine Währung?
Waren werden hier ihren Werten entsprechend getauscht. Da man den Händlern aber maximal vier Gegenstände gleichzeitig anbieten darf und diese meist über ein recht beschränktes Sortiment an Waren verfügen, gestaltet sich das Eintauschen von günstigen Waren als äußerst umständlich. Wer einfach nur Platz im Kämmerchen schaffen will, muss also entweder günstige Gegenstände von Bord werfen, oder umständlich in Verbindung mit wertvollen Artefakten hin und her tauschen.
Es ist diese Unausgereiftheit im Detail, die das Spielen stellenweise wirklich anstrengend werden lässt. Immerhin hat die Umsetzung des Kernprinzips wirklich wunderbar funktioniert. Die Verquickung von Taktik, Strategie und einigen Rollenspielelementen macht schnell süchtig und zieht Euch wie eine Dampflok durch das umfangreiche Abenteuer. Dazu leistet auch die spannende Hintergrundgeschichte mit ihren zahlreichen Wendungen einen essentiellen Beitrag. Da stört es kaum, dass die Spielwelt trist und die Charaktere ein wenig steif geraten sind.
Man muss sich aber darüber im Klaren sein, dass es sich bei Windchaser um kein leicht bekömmliches Spielchen handelt. Hier muss man ordentlich Geduld mitbringen und arbeiten, um den Spaß ans Laufen zu kriegen. Die Mühe wird für Taktiker und Denker aber in jedem Fall belohnt. Also Leute: Anpacken und Kohlen schippen, der Party-Zug fährt nicht von alleine!
Das Gildenschiff hat bereits abgelegt und ist mitsamt Besatzung für schlappe 30 Euro zu haben.
Windchaser im Test.
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