Vampire Rain

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
Microsoft
Entwickler
Artoon
Genre
Shooter

Gesamtwertung

4/10

X360: Vampire Rain

Es gibt Dinge im Leben eines Videospielredakteurs, die muss man anscheinend nicht begreifen. Vielleicht weil sie nach ihrer ganz eigenen Logik funktionieren, vielleicht aber auch, weil es einen Sinn gar nicht gibt? Wer weiß schon so genau, was in den kreativen Köpfen der Entwickler vor sich geht. Aber im Fall von Vampire Rain ist die Absicht des japanischen Artoon-Teams allerdings eindeutig – es ist ein Spiel, das Besitzer einer Xbox 360 emotional ergreift.

Nein, wir reden hier nicht von überschwenglicher Freude dank grandiosem Spielspaß, auch nicht von einer fesselnden Spannung, die Euch in den Bann zieht. Es geht um viel stärke Gefühle. Und die würde ich nicht unbedingt als Liebe bezeichnen. Obwohl für sadomasochistisch veranlagte Spieler der Traum der spielbaren Selbstquälung hier endlich Wirklichkeit wird. Alle anderen reißt Vampire Rain in einen Strudel aus permanentem Frust, tiefer Verzweiflung und unbändiger Wut. Würde Artoon in Nürnberg residieren, wäre ich persönlich dort vorstellig geworden und hätte mit rot unterlaufenen Augen gefragt, ob man mich mit Absicht in den Wahnsinn treiben will.

Dabei hatten die Japaner vermutlich tief in ihrem Herzen gute Absichten. Schließlich möchte ich keinem Entwicklerstudio reine Böswilligkeit bei der Produktion solcher Machwerke unterstellen. Letztlich wäre so ein Ansatz auch ein unternehmerisches Himmelfahrtskommando. Doch trotzdem hat man bei der Produktion von Vampire Rain bestimmte Qualitätsansprüche vermutlich nicht beachtet. Eine einfache Erklärung für diesen unverzeihlichen Faux-Pas wäre schlichtweg Überforderung, schließlich hatte Aarton in den letzten Monaten nicht nur mit Yoshi's Island DS den Arsch voller Arbeit, sondern werkelte zusammen mit Mistwalker akribisch an der Fertigstellung des kommenden Rollenspielhammers Blue Dragon.

Zur komplexen Rollenspielkost und dem niedlichen Nintendo-Hüpfer ist Vampire Rain ein perfektes Kontrastprogramm, das auf klassische Action-Adventure-Elemente der Splinter Cell-Reihe setzt. So verwundert es wenig, dass Held John Lloyd auch optisch der kleine Bruder vom Kollegen Sam Fisher sein könnte. Während sich Tom Clancys Vorzeigeschleicher allerdings stets mit gigantomanisch veranlagten Terroristen herumschlägt, hat Lloyd mit seinem vierköpfigen Spezialkommando ein ganz anderes Problem. Nein, es regnet keine Vampire. Sähe ja auch selten dämlich aus. Allerdings erheben sich die untoten Nightwalker mit einem unstillbaren Appetit aus ihren urbanen Labyrinthen der Stadt und dezimieren im Akkord die Bevölkerung. Das ruft Lloyd und sein Team auf den Plan, um den Vampiren Manieren beizubringen und vor allem die Menschheit vor dem Untergang zu bewahren.

Da ist sie erneut, die offensichtliche Parallele zum guten alten Sam. Und im Grunde genommen unterscheiden sich beide Titel zumindest im Gameplay nur marginal – Stealth-Action steht auf dem Programm.

Dank der düsteren Atmosphäre und des gewissen B-Movie-Horrorflairs der Geschichte nahm ich in meiner Unwissenheit allerdings an, bei Vampire Rain handele es sich um einen Splatter-Titel, bei dem soviel Blut fließt wie Regen vom immer grauen, nächtlichen Himmel über Los Angeles fällt. Die Annahme war auch richtig. Dass es allerdings mein Blut sein würde, das die Regenpfützen am Straßenrand verfärben würde, ahnte ich nicht. Denn ganz ehrlich, selten habe ich in meinem Leben ein frustrierenderes Spiel als Vampire Rain erlebt. Lediglich meiner lethargischen Gemütlichkeit ist es wohl zu verdanken, dass mein 360-Pad nicht zum Opfer dieser Umstände wurde. Denn wenn in den ersten zwei Stunden über 50 Mal blutrot der enttäuschende „Spiel vorbei“-Schriftzug auftaucht, hört der Spaß auf.

Dabei sind die Einsätze von Lloyd und des Nightwalker-Teams keine große Herausforderung: Kommunikationssysteme der Vampire ausschalten, eine verschwundene Spezialeinheit finden oder Sicherheitssysteme deaktivieren – wer jemals mit Solid Snake oder Sam Fisher im Einsatz war, kennt das Aufgabenrepertoire zur Genüge.

Wie seine Kollegen schleicht Lloyd aus der Verfolger-Perspektive, sucht Schutz in der Dunkelheit, hangelt sich in halsbrecherischer Manier an Vorsprüngen entlang, schwebt an Seilbahnen über die Dächer und stirbt tausend Tode. Schuld an dieser Misere sind die Nightwalker – zwar habt Ihr anfangs eine Pistole und ein Maschinengewehr zur Hand, sobald Euch ein Nightwalker allerdings mit seinen gierigen Blicken erspäht, ist der Ofen aus. Ihr habt grob geschätzt 3,5 Millisekunden Zeit, um Euch hinter der nächsten Hausecke zu verkrümeln, bevor Euch die Brut auf brutalste Art dahinschnetzelt.

Selbst wenn die Zeit reichen würde, mehrere Schüsse abzufeuern, sind die Nightwalker verteufelt flink und zu widerstandsfähig, um Euch eine Überlebenschance zu gewähren. So wird in den ersten Missionen schnell deutlich, das ein Kampf mit einem Nightwalker zum unweigerlichen Game Over führt. Aha, da steckt bei Artoon also anscheinend ein Konzept dahinter. In der Tat. Es gilt stets, die einzige richtige Route zum auf einer kleinen Karte eingeblendeten Ziel zu finden. Handlungsspielräume gibt es durch die eng begrenzten Missionsgrenzen nicht. Und genau das ist das Problem – unter Umständen wiederholt Ihr eine einzige Mission fünfundzwanzig Mal, bis Ihr den sicheren Weg gefunden habt. Schnell staut sich Frust auf, denn die unfairen Rücksetzpunkte sorgen für zusätzlichen Unmut. Ein perfektes Beispiel, wie schlechtes Gamedesign ein Spiel zerstören kann.

Hat man den Bogen allerdings raus, die ersten drei Missionen überstanden und begriffen, wie vorsichtig man in Vampire Rain agieren muss, hat der Titel durchaus seine kleinen Höhepunkte. Dann kommen auch zusätzliche Waffen wie ein Sniper-Gewehr oder UV-Messer ins Spiel, die endlich auch das Vernichten der Nightwalker ermöglichen.

Wer allerdings bis zu diesem Zeitpunkt spielt, wird über lange Strecken die Erfahrung mit Frust, Verzweiflung und Wut gemacht haben, allesamt treue Begleiter in Vampire Rain. Genau wie die Panik.

Dank der ständigen Gefahr und der visuell schön in Szene gesetzten Schockmomente, die mit wackeliger Kamera das Herannahen eines Nightwalkers signalisieren, schwingt ständig die Angst mit. Angst davor, den Level erneut spielen zu müssen! Plötzlich gewinnt das Wort Präzision eine völlig neue Bedeutung in Spielen und erinnert an alte Brocken wie Rick Dangerous oder Mega Man, die einen einzigen Fehltritt sofort mit dem Tod bestrafen.

Keine Frage, ich will Vampire Rain nicht schönreden, aber zumindest habe ich verstanden, wie die Jungs bei Artoon das Spiel konzipiert haben. Auch wenn es für 99,9% aller Spieler eine herbe Enttäuschung sein wird. Wenigstens der Mehrspieler-Modus sorgt für ein wenig Kurzweil und erklärt auch, warum die Entwickler die im Einspieler-Modus völlig überflüssige Pistole und das Maschinengewehr integrierten – hier ist es von Nutzen.

Das erschreckende Fazit kann also nur lauten: Finger weg von Vampire Rain. Um es über den Durchschnitt zu heben, hat Aarton zu häufig geschludert. Speziell das Einblenden der deutschen Untertitel wirkt durch die asynchron laufende Sprachausgabe lediglich peinlich. Über die grafische Qualität, die selbst zu Xbox-Zeiten nicht für Staunen gesorgt hätte, hüllen wir den Mantel des Schweigens. So gibt es für dieses Spiel kaum eine Daseinsberechtigung, es sei denn, Ihr gehört zu der kleinen Minderheit sadomasochistischer Spieler!

Ich bin ein geduldiger Mensch, aber irgendwann sind auch meine Nerven am Ende. Wer ein ausgeglichenes, ruhiges und beschauliches Leben führt, dem sei Vampire Rain wärmstens empfohlen, denn es wird Euch an den Rande eines Nervenzusammenbruchs führen – Grenzerfahrungen sind eine wichtige Angelegenheit, wenn ich mich allerdings damit zwangsläufig in den Geisteszustand begebe, für den man einen Freifahrtschein in die nächste Klappse bekommt, verzichte ich gerne. Gott sei Dank relativiert sich der völlig verkorkste Ersteindruck nach längerer Spielzeit, kann aber nicht über die Macken und Designfehler hinwegtäuschen.

Angehende Vampirjäger stehen ab dem 29.Juni auf der Xbox 360 im Regen.

 

 

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