Another Code R: A Journey into Lost Memories

Review
Plattform
WII
Vertrieb
Nintendo
Entwickler
Cing
Genre
Andere
WII: Another Code: R

Gesamtwertung

7/10

WII: Another Code: R

Reden wir über Genres... auch wenn viele Entwickler diese heute gerne mal wild mischen und kombinieren, so ist der Genrebegriff doch meist eine recht gute Hilfe, ein Spiel für sich selbst zumindest grob einzuordnen. Kaufe ich einen Shooter, dann weiß ich ebenso was mich erwartet wie wenn ich ein Sportspiel in mein Regal stelle. Problematisch wird es allerdings, wenn man auf Teufel komm raus versucht, jedes Spiel in seine persönlichen Genre-Schublade zu stecken, auch wenn es gar nicht so recht passen will. Bestes Beispiel dafür: Cings Another Code: R. Das Spiel bietet ein paar Rätsel, sieht aus wie ein Adventure und es fühlt sich auch so an. Es ist aber trotzdem keins.

Und daraus macht das Spiel auch keinen Hehl. Direkt auf der Verpackung steht groß und deutlich sichtbar „Ein bewegender interaktiver Roman!“. Um also das Schubladenspiel aus dem ersten Absatz noch einmal aufzugreifen: Die korrekte Genre-Einordnung für Another Code: R wäre „Visual Novel“, ein Genre, das sich in Japan schon seit Jahren größter Beliebtheit erfreut und auch immer mal wieder einmal seinen Weg in den Westen findet. Als Beispiel denke man nur an Capcoms exzellente Phoenix-Wright-Spiele oder Konamis kürzlich erschienenes Time Hollow für Nintendo DS.

Zugegeben, für den Laien ist der Unterschied zwischen Adventure und Visual Novel eher schwer zu erkennen, es sind die Details, die für den kleinen, aber feinen Unterschied verantwortlich sind. Erzählfluss, Prominenz der Handlung und Rätseldichte sind die entscheidenden Kriterien. Bei einem klassischen Adventure stehen Rätsel und Knobeleien im Vordergrund, bei einer Visual Novel Handlung, Dialoge und Charaktere. Die Rätsel sind in einer Visual Novel meist recht einfach gehalten und dienen eher der Auflockerung, auf kreative Gehirnknacker Marke LucasArts verzichten die meisten Titel – der Spieler soll der Handlung folgen und sich nicht an den Rätseln die Zähne ausbeißen.

Ihr seht bereits die Problematik? Wenn ein Tester eine Visual Novel nun kurzerhand für sich selbst als Adventure deklariert und diese auch nach Adventure-Maßstäben testet, dann kann das Urteil letzten Endes kaum noch allzu positiv auffallen. Meckereien über zu lange Dialoge sind dann ebenso an der Tagesordnung wie Kritik an zu wenigen und zu leichten Rätseln. Und wenn den aktuellen Tester dann Figuren oder Plot nicht so wirklich ansprechen, dann ist der Ofen sowieso aus.

Aber genug des Ausflugs in die Welt der Genre-Theorie. Der wichtige Punkt, den es hier einfach nur mitzunehmen gilt, ist: Another Code: R ist kein Adventure, auch wenn es so aussieht. Gehen wir also endlich in medias res. Zwei Jahre nach den Ereignissen von Another Code: Doppelte Erinnerung hat sich für die junge Ashley nicht alles so gut entwickelt wie erwartet. Zwar war am Ende das Geheimnis um den Tod ihrer Mutter gelüftet und Ashley wieder mit ihrem Vater vereint, doch der erweist sich als ausgemachter Workaholic, der schnell über seiner Arbeit Ashleys Bedürfnisse vernachlässigt. Umso unwilliger folgt sie daher der väterlichen Einladung zum Camping-Ausflug an den idyllischen Lake Juliet. Doch kaum dort angekommen, beginnt Ashley sich an ihre vor 13 Jahren verstorbene Mutter zu erinnern...

Auf der Suche nach ihrer verlorenen Erinnerung trifft Ashley auf zahlreiche andere Menschen, wie den Ausreißer Matthew Crusoe oder Ryan Gray, einen Kollegen ihres Vaters. Mit denen führt sie ausführliche Gespräche, die nur gelegentlich von alternativen Antwortmöglichkeiten unterbrochen werden, aber trotzdem meist zum selben Ergebnis führen. Ebenso linear ist der Rest des Spiels: Ashley läuft über vorgegebene Pfade und kann sich an wichtigen Stellen umsehen und Objekte durch Anklicken genauer betrachten und manchmal auch benutzen oder einstecken.

Allerdings ist das nur möglich, wenn das Spiel das auch zulässt. So findet Ashley beispielsweise recht früh im Spiel eine Packung Streichhölzer, ist aber nicht bereit, diese einzustecken. Erst später, wenn sie die Aufgabe erhält, ein Feuer zu entfachen, kann sie den Gegenstand aufheben. Gerade diese Designentscheidung gibt Another Code: R ein wirklich ausgesprochen lineares Spielgefühl. Dafür bleiben euch zumindest Sackgassen und auch langwierige Suchaktionen erspart. Alle für ein Rätsel notwendigen Gegenstände finden sich stets in der unmittelbaren Umgebung.

Wie schon der Vorgänger auf DS nutzt auch das Wii-Sequel die Eigenschaften der Hardware. Nach kurzer Spielzeit bekommt Ashley von ihrem Vater das TAS – im Grunde die Ingame-Inkarnation der WiiMote mit einer Funktionsbreite, die fast schon an den Sonic Screwdriver des guten, alten Doctor Who erinnert! Durch verschiedene WiiMote-Aktionen könnt ihr Schlösser öffnen, ein Reagenzglas schütteln oder ein Feuer entfachen.

Netterweise wirken diese Einlagen nie überflüssig oder aufgesetzt, sie lockern stattdessen das dialoglastige Geschehen angenehm auf und wurden weit maßvoller und überzeugender eingesetzt als beispielsweise im neuen Indiana Jones-Abenteuer. Aus dem Vorgänger übernommen wurde Ashleys DAS – das von ihrem Herrn Papa entworfene Gerät erinnert frappierend an Nintendos DSi und beherbergt nicht nur die Speicherfunktion und Figuren-Datenbanken, ihr könnt mit dem handlichen Gerät auch Fotos schießen und diese dann überlagern. Zur Lösung so mancher Rätsel ist das unabdingbar.

Atmosphärisch unterscheidet sich Another Code: R teils stark von seinem oft etwas surrealen Vorgänger. Lake Juliet ist weitaus belebter als das mysteriöse Blood Edward Island (vom ein klein wenig einladenderen Namen einmal ganz abgesehen). Braucht die Geschichte anfangs noch eine gewisse Anlaufzeit, um in Fahrt zu kommen, zahlt sich die lange Exposition in den späteren Kapiteln ordentlich aus: Das Tempo zieht an, die Geschichte wird zunehmend mysteriöser und die Figuren sind euch mittlerweile unmerklich ans Herz gewachsen. Dank gutem Skript und sauberer Übersetzung wird Another Code: R dem selbstgestellten Anspruch, ein bewegender, interaktiver Roman zu sein, durchaus gerecht und muss sich keineswegs vor so manchem unterhaltsamen Druckwerk für jugendliche Leser (was hier keineswegs abwertend gemeint ist!) verstecken.

Eine Gelegenheit, den Spieler noch weiter in die spannende Geschichte hineinzuziehen, verpasst Another Code: R aber leider: Auf Sprachausgabe wird nämlich komplett verzichtet. Teilweise ist diese Entscheidung gut. Wären die ebenso zahlreichen wie langen Dialoge allesamt vertont worden, würde das die Spielzeit teilweise enorm in die Länge ziehen. Aber zumindest bei so manchen Schlüsselszenen hätten Stimmung und Atmosphäre zweifelsohne ganz kolossal von ein paar talentierten Sprechern profitiert.

Abgesehen von der fehlenden Sprachausgabe ist die Inszenierung von Another Code: R durchweg gelungen. Mimik und Gestik der Figuren kommen überzeugend rüber, die Umgebung ist in angenehm gedämpften Farben gehalten. Dialoge werden durch gekonnten Splitscreen-Einsatz gut präsentiert und vermeiden es so, allzu statisch zu wirken. Man merkt dem Spiel immer wieder die Erfahrung seiner Entwickler an.

Für eingefleischte Adventure-Fans, die auf neue Rätselkost und Kopfnüsse Marke Sam & Max oder Geheimakte Tunguska aus sind, eignet sich Another Code: R nur bedingt. Wie schon der ersten Teil von Another Code und der Noir-Geheimtipp Hotel Dusk setzt auch das neue Spiel des kleinen, aber feinen Entwicklerstudios Cing lieber auf eine ausgefeilte Mystery-Handlung, überzeugend geschriebene Protagonisten und eine ordentliche Menge Dialog. Und ist es zur Abwechslung nicht mal eine schöne Sache, sich nach einem langen Arbeitstag nicht in das nächste nervenaufreibende Action-Inferno zu stürzen, sondern ein paar stressfreie, aber dennoch spannende Stunden gemeinsam mit der angenehm schlagfertigen Ashley zu verbringen? Für mich schon!

Another Code: R ist ab sofort für den Wii im Handel erhältlich.

 

 

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