PS3: Army of Two: The 40th Day
Männerfreundschaften sind etwas ganz besonderes. Vor allem wenn man sich ständig den Arsch rettet, mit dicken Feuerwaffen spielt und gemeinsam auf Terroristen-Jagd geht – von der homoerotischen Komponente harter Kerle in Muskelshirts mal ganz abgesehen. Das Adrenalin, die Vertrautheit und die dämlichen Sprüche sind ein Garant für erstklassige Buddy-Movies und die miesesten Dialoge der Spielegeschichte. Ob wie Marcus Fenix und Dom in Epics indiziertem Baller-Opus oder eben Salem und Rios in EA Montreals ebenfalls indiziertem Koop-Shooter, selten wurde in Action-Games mehr Dünnpfiff erzählt.
Trotzdem hat man als echter Kerl mit beiden Action-Krachern jede Menge Spaß. Spätestens, wenn man gemeinsam mit einem Freund in die Schlacht zieht, verblasst die magere Story im Dauerfeuer der Maschinengewehre. Leider hatte der Vorgänger von Army of Two: The 40th Day ein paar Probleme. Die Koop-Sequenzen wirkten aufgesetzt. Das Gameplay hakelig. Und kleine technische Fehler vermiesten immer wieder die Actionsequenzen. Viel Verbesserungspotential also, das die Entwickler beim Nachfolger scheinbar komplett ausgenutzt haben.
Die entsprechende Anspielstation hatte Electronic Arts angesichts der Indizierungsgefahr in der letzten Ecke des Business-Center-Standes versteckt, doch die Suche hat sich nach einem beeindruckenden Abschnitt wirklich gelohnt. Story-technisch schließt Army of Two: The 40th Day nahtlos an den Vorgänger an. Die beiden Chaoten haben inzwischen eine eigene Private Military Company gegründet: Trans World Operations, akronym geschrieben: T.W.O. Wie schon im Vorgänger jagen sie Terroisten, Despoten und kriminelle Warlords.
Doch Army of Two: The 40th Day jagt euch nicht um den ganzen Globus, sondern konzentriert sich auf ein einziges, überraschend abwechslungsreiches Stadtgebiet. Die chinesische Millionen-Metropole Shanghai wird von einem Disaster nach dem anderen heimgesucht. Hochhäuser werden gesprengt, Straßen aufgerissen und Flugzeuge fallen wie Fallobst vom Himmel. Es herrscht Anarchie und unsere beiden Problemlöser müssen herausfinden, was und vor allem wer dahinter steckt. Ein spannender Wettlauf mit der Zeit beginnt, an dessen Ende ein gewaltiger Haufen Tote, mehrere Milliarden Sachschaden und einige ungewöhnliche Szenarien auf euch warten.
Bevor ich mich selbst in den Kampf stürzen konnte, präsentierte Producer Matt Turner das neue Upgrade-System der Waffen. Wie schon im Vorgänger dürft ihr zwischen den Leveln eure Schießprügel an eure individuellen Bedürfnisse anpassen. Hier ein kleines Metall-Schild, um den Schaden zu reduzieren. Dort ein neuer Lauf, um mehr Reichweite zu erzielen. Plus eine schicke Gold-Bemalung, um Freunde zu beeindrucken. So weit, so bekannt. Neu ist die Möglichkeit, Läufe, Stützen und Abzugsmechaniken verschiedener Waffen-Typen beliebig zu kombinieren. Ihr schafft praktisch Frankenstein-Waffen, die trotz ihrer skurrilen Erschaffung überraschend realistisch aussehen.
“Wir wollen uns noch stärker von der Realität lösen, ohne in Richtung Science-Fiction abzurutschen. Die taktische Bandbreite solcher Konstruktionen verleiht dem Spiel einfach eine ganz andere Tiefe,“ erklärt Matt. Er lässt mich einen G36-Körper mit einem AK47-Lauf verschmelzen, dem Ganzen eine M60-Stütze und ein dickes Metall-Schild verpassen. Den Cola-Dosen-Schallfdämpfer und die Zebra-Tarnung lasse ich dagegen lieber zu Hause. Sieht einfach zu albern aus.
Auf dem Feld zeigt die Waffe überraschende Qualitäten. Aus der Hüfte erzielt man dank des hohen Gewichts kaum Treffer, dafür fallen die Gegner aus der Deckung wie die Fliegen. Körperpanzerungen werden durchschlagen, Gegner umgerissen und die obligatorischen Explosionsfässer durch die Luft geschleudert. Nicht gerade realistisch, aber auf den ersten Blick ein großer Spaß.
Nachdem auf der E3 ein heruntergekommener Hinterhof gezeigt wurde, geht es diesmal in den Zoo. Matt: „Wir wollen weg von den langweiligen Standard-Locations. Fabrikanlagen, Militärstützpunkte und klassischer Häuserkampf im Nahen Osten sind doch öde. Bei uns gibt es neben dem epischen Szenario eben auch Zoos, Märkte und die verwinkelten Straßen einer chinesischen Metropole.“
Mitten in einem Krokodilgehege trifft das Duo auf eine Terroristentruppe. Zwischen Felsen, afrikanischen Mandelbrotbäumen und großen Wasserflächen kommt es zum ersten Kampf. Während im Hintergrund ein weiteres Flugzeug abstürzt, mähe ich mich zusammen mit meinem Präsentator durch die Gegner. Wir setzen Treffer um Treffer an, regenerieren in Deckung unser Lebensenergie und schleppen uns wie im Vorgänger in Sicherheit, wenn einer doch mal auf der Erde landet. Action pur.
EA Montreal hat dabei stark an der Detailschraube der Unreal Engine 3 gedreht. Die Texturen wirken plastisch, die Effekte glaubwürdig und die Farbpalette schön bunt. Kleine Grafikfehler quälen zwar noch die Pre-Alpha-Version, doch angesichts des Release im Januar nichts, um was man sich derzeit Sorgen machen müsste. Wir huschen von Deckung zu Deckung, versuchen gepanzerte Gegner im Rücken zu erwischen und freuen uns über die gelungenen Trefferanimationen.
Wie im Vorgänger gibt es eine Aggro-Anzeige, die es euch ermöglicht, eure Gegner auszumanövrieren. Werdet ihr von Waffen-Plattformen unter Dauerfeuer genommen, muss sich ein Partner auf die Ablenkung spezialisieren, während sich der andere von hinten heranschleicht. Spezialattacken, wie etwa das gemeinsame Snipern, lassen sich nun praktisch überall durchführen. „Wir wollen den Koop-Modus natürlicher gestalten und dem Spieler mehr Flexibilität liefern,“ kommentiert Matt.
Nachdem wir das Krokodil-Gehege samt seiner gefrässigen Bewohner hinter uns gelassen haben, können wir das duale Scharfschützensystem zum ersten Mal sinnvoll einsetzen. Die Posten im nächsten Abschnitt haben uns noch nicht gesehen. Salem und Rios visieren zwei Treibstoff-Tanks an und lassen sie synchron in die Luft gehen. Die Feinde haben so keine Chance in Deckung zu gehen oder wegzulaufen. Vorbei an toten Elefanten und Nilpferden betreten wir das Löwengehege, in dem der erste Zwischengegner auf uns wartet.
Nachdem wir seine Häscher erledigt haben, betritt er im Vollpanzer die Bühne. Kugeln prallen harmlos an ihm ab. Aus seinen drei Granattaschen zieht er einen Explosivkörper nach dem anderen und verwandelt die Auslauffläche der Savannen-Katzen in ein Minenfeld. Ihr müsst euch aufteilen, ihn so in die Zange nehmen und seine Nachschub-Behälter in die Luft jagen. Satte 5 Minuten umkreisen wir den Bösewicht, weichen seinen Salven aus und ringen ihn mit letzter Kraft endlich zu Boden. Grandios.
Bisher also ein rundherum beeindruckendes Ergebnis. Deutlich umstrittener wird dagegen die Entscheidung sein, die Fahrzeug-Level des ersten Teils komplett zu kippen. Kein gemeinsames Schützenfest von einem Hovercraft hinab oder ein Ausflug mit einem Panzer. „Wir wollen uns auf die Infanterie-Elemente konzentrieren. Der erste Teil wollte einfach zuviel und konnte es nicht abliefern.“, unterstreicht Matt. Auch von den moralischen Entscheidungen gab es diesmal noch wenig zu sehen.
Je nachdem, ob ihr zum Beispiel einen unbeteiligten Wachmann tötet oder nicht, bekommt ihr es im weiteren Verlauf mit schwerer bewaffneten Gegnern oder mit dem rachelüstern Sohn des Security-Guards zu tun. EA Montreal möchte damit dem Spieler die Chance geben, sich im Spiel auszudrücken und das Team zu zwingen, gemeinsam eine Entscheidung zu treffen. Um in solchen Momenten die Emotionalität nach oben zu schrauben, werden die beiden Hauptdarsteller übrigens ohne Maske zu sehen sein. Ob die vernarbten Gesichter ein schönerer Anblick sind, mag dahingestellt sein.
Der erste Teil strotzte nur so vor kleiner Fehler und unsinnigen Gameplay-Entscheidungen. Doch einige Konzept-Bestandteile waren genial. Gerade das Koop-Gameplay funktionierte hervorragend und sorgte für viele spaßige Momente. Umso begeisterter war ich von Army of Two: The 40th Day. Die Entwickler haben genau an den richtigen Stellschrauben gedreht und scheinen die perfekte Mischung gefunden zu haben. Mehr Freiheit, mehr Epik und vor allem mehr Tiefe könnten im Januar für eine echte Überraschung sorgen.
Leider wird der Titel nach aller Wahrscheinlichkeit nicht in Deutschland erscheinen. Denn noch immer bekommt man für das Töten der Gegner Geld. Noch immer geht es um knallharte Action, bei der hunderte Gegner unter der Erde landen. Noch immer agieren Salem und Rios nicht gerade wie Pazifisten. Aber: Das Szenario begeistert, die Grafik wurde aufpoliert und die vielen neuen Elemente scheinen zu funktionieren. Es gibt also genügend Gründe, als erwachsener Spieler trotz einer drohenden Indizierung im Ausland zuzuschlagen. Army of Two: The 40th Day scheint genau das Spiel zu sein, das uns schon beim Vorgänger versprochen wurde.
Army of Two: The 40th Day erscheint am 12. Januar 2010 für Xbox 360, PS3 und PSP.



