Project Gotham Racing 4

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
Microsoft
Entwickler
Bizarre Creations
Genre
Andere
X360: Project Gotham Racing 4

Gesamtwertung

9/10

X360: Project Gotham Racing 4

Shadow dröhnt aus dem Boxen. Dieser Track wurde exklusiv von The Prodigy für Project Gotham Racing 4 eingespielt. Und er verfehlt seine Wirkung nicht: Der elektrisierende Techno-Sound macht das Intro zum Musik-Clip. Hektische Schnitte fangen einen feuerroten Ferrari ein, der um die Kurve driftet. Genauso wie einen Shelby GT. Und zwischendurch immer wieder Motorräder. Doch gerade als sich Kopf und Bein zu den monotonen Schlägen der Bass Drum warm gewippt haben, ist es auch schon wieder vorbei: Ein Biker blickt über die Schulter, seine Finger strecken eine Vier in die Kamera. Es kommt schon fast einer Aufforderung gleich. Spiel mich!

Die Serie ist fast schon eine Legende: Streckendesign. Online-Modus. Kudos-System. Atemberaubend. Wegweisend. Motivierend. PGR3 war einfach ein tolles Spiel, wenn es auch irgendwie zwischen Arcade und Simulation gefangen schien. Der Launch der Xbox 360 machte perfektionistisches Feintuning aber wahrscheinlich unmöglich. Keine Rechtfertigung, aber zumindest eine Begründung. Und so machte uns Lead Artist Alan Mealor bereits auf der Games Convention Hoffnung auf etwas ganz Großes: „Endlich konnten wir ohne Zeitdruck und auf finaler Hardware ein Project Gotham Racing entwickeln und alle Ideen umsetzen, die uns im Kopf herumspukten.“ Es ist Euch gelungen, Alan.

Worum geht es bei Project Gotham Racing 4? Es geht um Skills! Um fahrerisches Können auf allerhöchstem Niveau. Um punktgenaue Bremsmanöver, perfekte Drifts in den Kurven, das Finden der Ideallinie, mutige Überholmanöver bei über 300 Km/h und natürlich: Die Freude am Fahren.

Das perfekte Beherrschen des Fahrzeugs gelingt dank der leicht zugänglichen Mischung aus Arcade-Steuerung mit einem gehörigen Schuss Simulation fast wie von selbst. Allerdings sollte man nicht den Fehler begehen und nach Sega Rally direkt ins Cockpit von Project Gotham Racing 4 steigen. Dann landet man bei Fahrmanövern wie Braking-Drifts und Power-Slide schnell in der Bande. Ein Glück, dass sich das optische Schadensmodell auf kaputte Heck- und gesplitterte Windschutzscheiben beschränkt.

Nicht auszumalen, wenn man den riesigen Fuhrpark mit über 100 Fahrzeugen komplett zu Schrott fahren würde. Das sieht keiner der Hersteller gern, die sich für Project Gotham Racing 4 wieder mal in Geberlaune befanden. DeLorean, Pontica, Jaguar, Lamborghini, Ferrari, Toyota, Mazda, Audi, Lotus, BMW, Mercedes – alles was Rang und Namen hat, steht irgendwann in Eurer Garage. Und wenn ich sage alles, meine ich alles.

Überflüssig zu erwähnen, dass sich jede Luxuskarosse anders steuern lässt. Ein Lotus Exige GT3 klebt eben ganz anders auf dem Asphalt als ein Audi RS4. Vermeintliches Highlight des Fuhrparks sind aber die erstmals vorhandenen Motorräder. Denn als Innovation gefeiert, sind die Bikes leider die größte Enttäuschung. Natürlich ist es ein geiles Gefühl, mit seiner Kawasaki Ninja ZX-14 durch das nächtliche London zu brettern, die Tachonadel fast am Anschlag, die Silhouette der Stadt rauscht schemenhaft vorüber. Freude am Fahren? Zumindest, solange man keine allzu realistische Steuerung wie beispielsweise in MotoGP erwartet.

Ich habe mich ja immer gefragt, warum es keine andere gute Motorrad-Serie gibt. Die Antwort liefert PGR4 dann wohl doch eher unfreiwillig. Denn eine exzellente Motorrad-Steuerung zu finden, ist anscheinend eine Kunst für sich. Oder ist es Absicht? Jedenfalls bewegt sich die Steuerung der Zweiräder lediglich um eine zentrierte Achse; das sorgt für Arcade-Feeling, senkt aber gleichzeitig die Herausforderung.

Darüber hinaus ist man gegen Autos quasi chancenlos, da man zu leicht von der Straße geworfen werden kann, ohne dass es Konsequenzen für den Rempler hätte. Aber als ordentlicher Sammler stellt man sich natürlich auch Motorräder in die Garage. Die ist wie immer Ausgangspunkt der Karriere, die für PGR4 in seiner Struktur komplett aufgebrochen wurde. Erstmals führt Project Gotham Racing eine Weltrangliste ein, die meinen Ehrgeiz von der ersten Minute an geweckt hat. Dann gab es kein Halten mehr. Ich glaube, Männer sind da einfach gestrickt: Wir wollen immer erster sein. Platz 70 und ein paar Zerquetschte ist vom Ruhm allerdings weit entfernt.

Zeit zu handeln, die Nullen rußige Abgase schnüffeln zu lassen und Numero Uno Oncho der Straßen in Project Gotham zu werden. Dafür gibt es einen Rennkalender, der Terminplaner für PGR-Fahrer. Dort sind alle wichtigen Meisterschaften rund um den Erdball verzeichnet. Einige sind in der ersten Saison noch gesperrt, öffnen sich aber sobald sich die Platzierung in der Weltrangliste verbessert.

Sich als Rennspiel stets neu zu erfinden, ist sicherlich eine ganz besondere Herausforderung, der sich Project Gotham Racing 4 aber mit Bravour stellt. Wie anfangs erwähnt, geht es vor allem um die Fähigkeiten als Fahrer, die von der unglaublichen Vielfalt der Veranstaltungen getragen wird. Hier trifft sich das Who-is-Who der besten Wettbewerbe und Bizarre Creations setzt ihnen mit eigenen Ideen die Krone auf.

Langeweile ist ein absolutes Fremdwort. Mal sind es Eliminator-Wettbewerbe, klassische Start-Ziel-Rennen, Drift-Events, Slalom-Parcours oder auch Zeit vs. Kudos. Kudos ist quasi die PGR-interne Währung, mit der neue Strecken und Fahrzeuge freigeschaltet werden und die als Belohnung für erstklassige Platzierungen, besonders spektakuläre Fahrmanöver oder fehlerfrei gefahrene Passagen dem eigenen Konto gutgeschrieben werden.

Im Grunde ist 'Zeit vs. Kudos' nichts anderes als ein Zeitfahren, bei dem ein bestimmtes Limit nicht überschritten werden darf. Wer durch Drifts Kudos erntet, hält für wenige Sekunden die Zeit an und verschafft sich so einen entscheidenden Vorteil. Nicht nur schnell sein ist die Devise, auch auch das Fahren mit Stil ist erwünscht und belohnt.

Apropos Kudos: Das interne Bonussystem ist nun wesentlich transparenter als noch im Vorgänger. Wer mit seinem Ferrari F50 quer durch das hell erleuchtete Las Vegas donnert und in den Kurven zum eleganten Drift ansetzt, wird sofort die Kudos-Anzeige in der Mitte des HUDs bemerken, welche die wertvollen Punkte addiert.

Aber nicht nur die Anzeige, sondern auch das System wurde verbessert und ist bei Bandenberührungen nun wesentlich gnädiger. Für Vollgas-Piloten besonders interessant: Neu an Bord sind jetzt auch Hochgeschwindigkeits-Kudos! Mit jeder Stunde, die in Project Gotham Racing 4 vergeht, bekommt man das Gefühl, viele der Elemente zu kennen, nur eben nicht in dieser Perfektion. Man fühlt sich sofort heimisch, entdeckt aber immer wieder neue Details, die sich durchaus entscheidend auswirken oder für Staunen sorgen.

Da wäre zum Beispiel das Streckendesign, welches mit seinen breiteren Auslaufzonen Massenkarambolagen vorbeugt und auch in den Kurven mutige Bremsmanöver zulässt. Oder die absolut beeindruckende Technik. Project Gotham Racing stellt aktuell die optische Creme de la Creme der Rennspiele dar. Egal, ob nun der Big Ben im wunderschönen London, das farbenfrohe Las Vegas oder der Nürburgring mit seiner einladenden Landschaft – das Umgebungsdesign sieht unglaublich beeindruckend aus.

Wer von den Strecken der Vorgänger immer noch nicht genug hat, bekommt hier ein Best of serviert, das dank neuer Streckenführung aber keine Langeweile aufkommen lässt. Zusätzlich hat Bizarre Creations die Metropolen St. Petersburg, Shanghai, Macau und Quebec integriert. Besonders die letzten beiden Städte fordern die Fahrer mit engen Haarnadelkurven heraus. Dagegen wirkt der Stadtkurs von Monaco wie eine Hochgeschwindigkeitstrasse. Den Abschluss macht der fiktive Michelin-Test-Track – ein Sponsor gehört wohl heute zum guten Ton. Wo wir gerade bei Werbung sind: Für die nächste Innovation hätte ich den perfekten Partner.

Schließlich geht es um Wetter, Wetter, Wetter. Neben den Bikes, eine der wichtigsten Neuerungen der Project Gotham Racing-Reihe. Da wäre es doch passend, wenn Wetterprophet Jörg Kachelmann den nächsten Wettbewerb ansagt.

„Liebe Fahrer, in den folgenden Rennen ist mit verstärktem Bodennebel zu rechnen. Heftige Regenschauer behindern die Sicht und plötzliche Gewitter sorgen für Irritationen. Wenn Sie Pech haben, fängt es an der berühmten Nordschleife des Nürburgrings an zu schneien. Schützen auch Sie sich mit Actimel – inklusive Geld-zurück-Garantie.“ Ob Actimel bei Aquaplaning und rutschigem Pulverschnee hilft, möchte ich an dieser Stelle bezweifeln.

Wenn bei regennasser Fahrbahn die Bremsen versagen, der feuerrote Lamborghini Gallardo krachend in der Bande einschlägt und der dahinter stehende Streckenposten dem Herzinfarkt nahe ist, hilft auch kein Joghurtdrink, sondern nur das Trainieren der eigenen Fähigkeiten. Egal ob bei Nebel, Regen, Schnee oder Eis – stets die Kontrolle zu behalten, ist das Geheimnis.

Als wären die nahezu perfekte Steuerung, die abwechslungsreichen Herausforderungen, das einmalige Streckendesign und das Wetter nicht schon Kaufgrund genug, spendiert Bizarre Creations der Serie auch noch einen grandiosen Online-Modus. Wie in Halo 3 ist auch hier 'User Generated'-Content das Zauberwort der nächsten Rennspielgeneration. Auf Abruf laden Fahrer aus aller Welt die besten Fotos aus ihren Rennen oder die spektakulärsten Videos ins Netz. Eine praktische Sortierfunktion verhindert, dass Ferrari-Fans irrtümlicherweise die tollsten Fotos eines BMW vorgesetzt bekommen.

Bizarre Creations hat an den richtigen Schrauben gedreht. Die großen (Motorräder, Wetter) und kleinen (Streckendesign, Online-Modus) Verbesserungen haben den neuesten Teil der Serie auf ein neues Niveau gehoben. Und dadurch wird das Spiel nicht nur für PGR-Fans interessant, sondern für jeden, der PS nicht als Zusatz zu einer E-Mail versteht. Und wer jetzt immer noch über den Kauf grübelt, dem sei noch etwas verraten: Es gibt in der Garage ein neues Geometry Wars

. Und es ist gut.

Xbox 360-Besitzer gehen ab dem 5. Oktober auf die temporeiche Kudos-Jagd.

 

 

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