Gesamtwertung8/10 |
Da vorne, ein ekliges Insekt! Als der Spieler näher kommt, blitzt in Risen der Humor auf, der schon die Gothic-Reihe zierte. Der Name des surrenden Flugviehs lautet doch tatsächlich „Ekliges Insekt“. Wenige Momente später liegt der Spieler tot vor den Fühlern seiner Bekanntschaft. Wieder einmal.
Für einige Leser mag das ein Schock sein, aber das heiß erwartete Rollenspiel Risen gibt sich wahrlich alle Mühe, es umgehend zu verteufeln. Der Spieleinstieg gestaltet sich in der Tat so geschmeidig wie eine Radtour über eine schlecht gepflasterte Straße. Böse formuliert ist Risen ein virtueller Ausflug in die Designfehlerhölle der 90er-Jahre. „Häufiges Speichern ist sinnvoll“, verkündet ein Ladebildschirm im Spiel. Das ist untertrieben. Wer nicht vor jeder Aktion speichert, darf garantiert bald eine große Passage wiederholen. Der namenlose Held ist nämlich eine Pfeife. Selbst an sich harmlose Kontakte mit jungen Stachelratten, hungrigen Wölfen oder schnuckligen Gnomen enden anfänglich schnell mit dem Bildschirmtod.
Die Grafik in Risen erinnert zudem an einen Vampir: Berührt ein Sonnenstrahl euren Bildschirm, zerfällt sie zu Staub – genauer gesagt, seht ihr nichts mehr. „Die Entwickler hätten es am Liebsten, wenn man ohne Fackel nachts im Spiel wirklich nicht mehr die Hand vor Augen sieht“, hatte im Juli Daniel Oberlerchner, der bei Herausgeber Deep Silver Verantwortliche für die Marke, gegenüber Eurogamer noch halb scherzhaft erklärt. „Wir haben da gegengesteuert.“ Nicht genug offenbar. Selbst in verdunkelten Räumen ist das Bild ständig zu duster. Einstellmöglichkeiten dafür existieren an der Xbox 360 nicht, beim PC lässt sich das Manko zumindest noch etwas durch exzessive Gamma-Korrektur ausgleichen. Schön ist etwas anderes. Obendrein gibt es auf dem PC nicht einmal eine Option für Antialising (Kantenglättung).
Überhaupt fühlt man sich als Spieler in Risen wie Kevin allein zu Haus. Hilfestellung leistet das Spiel nur widerwillig. Auf den detailarmen Karten sind Quest-Geber in einem Untermenü versteckt, die Steuerung lässt sich auf der 360 nicht belegen (am PC schon), bei Gesprächen sieht man nicht, wie viel Gold man noch im Beutel hat (blöd, wenn man etwas zahlen soll) und so weiter. Selbst das Rätseldesign geizt mit Komfort. Wer in einem Gespräch den Hinweis auf einen Geheimschalter erhält, läuft vermutlich trotzdem drei Mal an dem guten Stück vorbei, weil man seine Spielfigur millimetergenau davor platzieren muss.
Die 360-Fassung kämpft dabei natürlich mit niedrig aufgelösten Texturen, eingeschränkter Weitsicht und Rucklern. Sogar zu einer Zeitlupenattacke kam es während des Tests. Da hat sich Wizarbox, das französische Studio, das für die Konsolenumsetzung verantwortlich zeichnet, zu wenig Mühe gegeben. Aber auch am PC gibt es technisch Besseres. Seit mindestens zwei Jahren!
Doch dann plötzlich passiert das Wunder. Denn wer all diese Schikanen erträgt, sich nach und nach auf die holprige Benutzerführung einlässt und an die Macken gewöhnt, für den entfaltet sich mit zunehmender Stärke des Helden ein ausgeklügelter Rollenspiel-Leckerbissen. Für machen Spieler mag diese Wandlung von der Raupe zum Schmetterling zu spät kommen, doch es lohnt sich durchzuhalten. Bald steckt man mitten in einer Intrige um Macht, Gold und Magie. Nicht so spannend inszeniert wie ein Hollywood-Film und zudem mit einigen „Hole, Töte, Bringe“-Quests gestreckt, aber dennoch unterhaltsam. Besonders, weil ihr euch frei fühlt.
„Was befindet sich in den Artefaktkisten?“ Ihr seid neugierig. „Artefakte, du dämlicher Kerl“, antwortet Beppo mit seiner gewohnt charmanten Art. Die deutsche Sprachausgabe ist durchweg gelungen. Da sollte man den Insel-Machos ihren grobschlächtigen Ausdruck nicht nachtragen. Und genau der macht sie ja auch interessant, sofern man sich nicht parallel um das sprachliche Wohl seines minderjährigen Nachwuchses sorgen muss.
In Risen sitzt schon mal ein Betrunkener Jäger im Sumpf, der „Arschkrampen. Alles Arschkrampen“ lamentiert. Oder Edgar, der Chef der Stadtwache, erklärt „Unser Rechtssystem ist einfach, aber effektiv: Wir hauen dir auf's Maul!“ Das macht Charaktere liebenswert. Und das ist auch dringend nötig, denn in Sachen Mimik, Texturen und Polygone landet die Engine von Risen keinen Stich gegen die Konkurrenz. Besonders das in den Startlöchern stehende Dragon Age: Origins legt voraussichtlich nächsten Monat die Messlatte höher.
Mit einem letzten Schwinger geht der Verräter zu Boden. Glück gehabt, denn wer die Deckung verlässt und durch schnelles Knöpfchendrücken eine Schlagkombo auslöst, muss damit rechnen, dass er am Gegner vorbeitänzelt und dann umgehend eins über die Rübe gezogen bekommt. Ein potenteres Kamerajustierungs- und Feindmarkierungssystem steht schon auf dem Wunschzettel für eine eventuelle Fortsetzung. Jetzt schnell den rostigen Zweihänder wegstecken und den Bewusstlosen fleddern, bevor er wieder zu sich kommt. Ein paar Goldstücke, ein Trank, ein Apfel … egal, ihr steckt alles ein.
Aber was ist mit dem herrlichen Schild der alten Stadtwache, das der Glatzkopf eben in der Hand hielt? Ah, da liegt es ja. Sag hallo zu deinem neuen Besitzer! Der macht doch deutlich mehr her als der eigene, blöde Holzschild. Da hat es sich tatsächlich gelohnt, diesen besenschwingenden Gehilfen Gary im Schneckentempo durch die halbe Stadt bis zu diesem Kerl zu verfolgen! Gute Ausrüstungsgegenstände finden sich im Gegensatz zu Kräutern und Pflanzen für Tränke eben nicht an jeder Ecke. So, jetzt noch die Pakete mit dem bewusstseinserweiternden Kraut zurück zu Weasel bringen und die Belohnung kassieren. Ein guter Tag.
Lange dürft ihr eurer Unabhängigkeit als Schiffbrüchiger im Spiel nicht frönen. Die politische Situation erfordert, sich auf eine Seite des undurchsichtigen Ränkespiels auf der Insel Faranga zu schlagen. Doch ob man sich nun für eine gute Rüstung und etwas Gold an Don Esteban und seinen Banditen verkauft oder ihr lieber mit dem Inquisitor Mendoza und seinen Ordensmännern („Die Weißen“) für die Chance auf eine Ausbildung zum Magier paktiert – ihr erhaltet den Eindruck, dass eure Entscheidungen sich tatsächlich auf das Geschehen auswirken. Und das stimmt auch!
Zumindest zum Teil. Allerdings nicht so hintergründig wie im Konkurrenzprodukt The Witcher (eurogamer.de). Wer den Alchemisten in der Hafenstadt im Gespräch beleidigt, bekommt eben keine Heiltränke zugesteckt. Und wer Aufträge für die Banditen erledigt, darf es sich abschminken, gleichzeitig für Inquisition oder Stadtverwaltung tätig zu werden.
Es ist unmöglich, in einer einzigen Partie wirklich alle Facetten der Risen-Welt zu sehen. Dass sich die Aufträge für Inquisition oder Banditen in Wahrheit gar nicht so stark unterscheiden, fällt erst später auf. Euer Handeln hat also Konsequenzen. Unmittelbare Konsequenzen. Das merken auch wie gehabt die Langfinger, die in fremden Häusern Beute einstecken. „Elender Dieb!“ schmettert der Eigentümer oder die Eigentümerin, wenn sie euch dabei ertappen. Danach kommt es zum Kampf.
Meist stehen ruckzuck ein paar Wachen um euch herum. Unangenehm. Gemopst wird trotzdem alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Wolfsfelle von der Kommode, Kerzenleuchter vom Nachttisch, Äpfel, Teller und Goldmünzen vom Altar. Dafür die richtigen Momente abzupassen, macht Laune und garantiert Erfolgserlebnisse. Wer sich gegen Gold die Fertigkeit „Taschendiebstahl“ beibringen lässt, darf sogar seine Mitmenschen in sinnlose Gespräche verwickeln, um einen Griff in die fremde Hosentasche zu riskieren. Beherrscht ihr die Kunst des Schleichens, könnt ihr hoffentlich unbemerkt nachts in Häuser einsteigen und Kasse machen.
Ist doch einmal eine Person auf euren Helden sauer, lest ihr einfach einen Witz-Zauber. Nach ein paar herzhaften Lachern handelt und spricht der Verzauberte wieder mit euch. Da Zauberrollen teuer und rar sind (die kann selbst der großte Dorftrottel verwenden), rentiert es sich vielleicht, eurem Held selbst ein paar magische Fertigkeiten mit auf den Weg zu geben. Dazu müsst ihr euch auf der Vulkanfestung zum Magier oder Ordenskrieger ausbilden lassen.
Die Charakterentwicklung verläuft generell erfreulich einfach. Für Quests und Kämpfe erntet ihr Erfahrungspunkte. Steigt euer Held dadurch einen Rang auf, landen einige Lernpunkte auf seinem Konto. An vielen Orten trifft man Lehrer, die gegen solche Punkte und Gold neue Fertigkeiten vermitteln oder vorhandene aufwerten. Schmied Oscar bringt euch beispielsweise gegen fünf Lernpunkte und 100 Goldstücke die Grundlagen des Schmiedens bei. Alles bekannt aus den "Quasi-Vorgängern" der Gothic-Reihe.
Die Schnellspeichertaste am PC (F8) oder das Speicher- und Lademenü auf der 360 bleiben trotzdem eure besten Freunde. Bei jeder Gelegenheit zu speichern, wirkt zwar antiquiert, doch vielleicht möchtet ihr ja nicht zwangsrekrutiert werden, nur weil euch der Falsche im Kampf bewusstlos geschlagen hat? Vielleicht habt ihr euren Begleiter im Getümmel ja nur unabsichtlich mit der Axt verletzt und ihn euch deshalb zum Feind gemacht? Vielleicht wolltet ihr ja gar nicht so tief in den Abgrund springen? Schade, dass dadurch lustige Gimmicks, wie der Dietrich, einen Teil ihres Sinns verlieren: Wenn der mal bei einer Schlossknack-Aktion (man muss mittels Links- und Rechts-Eingabe die richtige Kombination herausfinden) abbricht, könnt ihr neu laden. Na ja.
Doch habt ihr erst einmal die rosarote Fanboy-Brille auf, ist es auf einmal auch gar nicht mehr so schlimm, wenn nur Mondlicht oder Fackelschein euch den Weg weisen. Man freut sich über die ersten Sonnenstrahlen, die am Morgen durch die Blätter im Wald brechen und genießt das Spektakel eines Gewitters in der Abenddämmerung. Ohne Ladepausen wandert euer Held von einem Ende der Insel zum anderen. Das hebt Risen aus der Masse hervor, wenngleich dadurch auch auffällt, dass kaum etwas Zufälliges auf der Insel passiert.
Kein Jäger im Wald, kein Fischer auf dem See. Und wenn man schon einen Schwarm Grabmotten hinter sich her lockt, warum greift der nicht auch die Seegeier an, die ein paar Meter weiter lauern? Stattdessen hat man fortan beide Parteien an der Backe. Zum Glück kaschiert das Spiel diese Mängel gekonnt. Dass Risen ein tolles Spiel ist, merkt ihr, wenn sich irgendwann das unweigerliche „Eine Aufgabe löse ich noch“-Gefühl einstellt. Jetzt habt ihr endlich den Schlüssel bekommen, um das Versteck des berüchtigten Piratenkapitäns Stahlbart zu betreten, jetzt kommt ihr an der magischen Barriere in der Ruine vorbei oder es fehlt doch nur noch eine Zutat für den tollen Zaubertrank.
Gründe, weiter zu spielen, finden sich viele. Und wenn ihr euch dann ein wenig schuldig fühlt, weil die Krallenfalter, die ihr gerade aus dem Sumpf zum Novizenhof gelotst habt, den liebenswürdigen Diener Benny niedermetzeln, dann wisst ihr, dass ihr euch in Risen verliebt habt. Schade, dass Benny nun tot ist. Das Korn in seiner Kutte und seinen Stab nehmt ihr der Leiche trotzdem ab. Das Leben ist schließlich kein Ponyhof.
Hat Piranha Bytes ein bugfreies Spiel erschaffen wie es noch Projektleiter Björn Pankratz im Interview ankündigte (eurogamer.de)? Nicht zu 100 Prozent. Läuft es stabil? Ja. Ist Risen ein gutes Spiel? Ja. Allerdings keines, das man sich in der Videothek mal für einen Abend ausleiht. Wer das trotzdem macht, gibt es vermutlich in der Gewissheit zurück, dass Rollenspiele aus Deutschland einfach unkomfortabel und dämlich sind. Die gelungenen Eigenheiten der offenen Inselwelt und der freien Charakterentwicklung erschließen sich erst später.
Doch gerade Kenner von Gothic 2, und genau die werden mit Risen angesprochen, dürften ihre Freude an dem ungehobelten Rollenspiel-Epos aus dem Hause Piranha Bytes haben. Der namenslose Held macht seinem Ruf alle Ehre und hat spannende Abenteuer zu bestehen. Wer etwas benutzerfreundlichere und moderne Rollenspiel-Kost sucht, greift lieber zu Divinity 2. Das ist dann auch technisch mehr auf der Höhe der Zeit. Mir persönlich macht Risen nach anfänglichem Frust und trotz seiner altbackenen Seite richtig Spaß. Die PC-Fassung bekommt daher von mir eine knappe 8 (wer Gothic nicht mag, zieht einen Zähler ab), die 360-Variante gerade noch eine 7. Falls ihr die Wahl habt, greift definitiv zur PC-Fassung, die sieht einfach besser aus.
PC:
Xbox 360:
Risen ist ab Morgen erhältlich für PC und Xbox 360.
Du bist Gladiator, der Held der Spiele im Kolosseum. Besiege Deine Gegner und erkämpfe Dir die Cance auf 10.000 €. zum Spiel...
Risen im Test.
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