Gesamtwertung8/10 |
Vielleicht liegt es an den dutzenden Stunden, die ich schon in der Zone verbracht habe, den wenigen, neuen Spielelementen oder aber an der fehlenden grafischen Finesse, doch zu Beginn hat mich das neueste S.T.A.L.K.E.R.-Add-On Call of Pripyat etwas kalt gelassen. GSC Game World liefert Déjà-vu-Erlebnisse am laufenden Band: Wie schon bei den Vorgängern zieht ihr mit Sturmgewehr und Strahlungspanzer bewaffnet durch ein wolkenverhangenes Ödland, kämpft gegen skurille Mutanten, raffgierige Banditen und tödliche Anomalien. Ihr fühlt euch sofort zu Hause, müsst aber auch mit Redundanzen leben. Bevor die Story Fahrt aufnimmt, kämpft man sich von Motivationsloch zu Motivationsloch.
Dabei leistet der Titel atmosphärisch erneut erstklassige Arbeit. Die graubraune Umgebung fängt die Stimmung des nuklearen Desasters hervorragend ein. Die seltsam designten Figuren, die verwaschenen Texturen und mittelmäßigen Effekte erreichen zwar trotz DirectX-11-Unterstützung nicht ganz das Niveau der Konkurrenz, doch dank geschickt eingesetzter, indirekter Beleuchtung, glaubwürdigen Gebäuden und einer einmaligen Skybox ensteht die glaubhafte Illusion einer Apokalypse. Der Zerfall der Zivilisation, die tödliche Strahlung und die mutierte Fauna halten euch auf Schritt und Tritt unter Hochspannung. Es entstehen spannende Kämpfe, einmalige Panoramen und erstmals wirklich erstklassige Nebenmissionen.
GSC Game World hat diesmal nämlich auf zufallsgenerierten Einheitsmist verzichtet. Stattdessen wurde liebvoll selbst Hand angelegt. Das Ergebnis: Während sich die Hintergrundgeschichte – noch immer recht trockenen durch Mini-Zwischensequenzen und viel Text erzählt – um eure Spielfigur, den USS Major Alexander Degtyarev, und seine Suche nach abgestürzten Militärhelikoptern zu Beginn etwas in die Länge zieht, begeistern die interessanten Aufträge der anderen Einwohner der Zone.
Die Jagd auf Artefakte, Monster und feindliche Fraktionen wurde diesmal deutlich stimmungsvoller in Szene gesetzt. Ihr räuchert ein Blutsaugernest mit Giftgas aus, überfallt zusammen mit einer Banditen-Truppe eine Gruppe Stalker oder müsst euch mit zwei knallharten Burern auseinandersetzen. Diese telekinetischen Zwerge verwandeln ein Bahndepot in einen packenden Endgegnerkampf, der geschicktes Taktieren zur absoluten Pflicht macht. Die fiesen Gnome reißen euch in der direkten Konfrontation einfach die Waffe aus der Hand. Wer sich hier nicht ständig zurückzieht, beißt innerhalb von wenigen Sekunden ins Gras.
Nachdem ihr dann die Jupiter-Industrielandschaft betreten habt, beginnt sich die Geschichte langsam zu verdichten. Die Überlebenden der Erkundungsmission, die das Areal um den Tschernobyl-Reaktor sichern sollte, hat sich nach Pripyat zurückgezogen.
Die Antwort auf all eure Fragen scheinen in der Stadt nahe des Reaktors zu liegen. Doch der Weg dorthin ist durch eine lebensfeindliche Untergrundpassage versperrt. Giftgas, Mutanten und feindliche Kräfte machen die Reise ohne Unterstützung unmöglich. Erstmals müsst ihr ein Squad aufbauen, um gemeinsam mit bis zu vier Kameraden die beinharte und atmosphärische Passage zu bezwingen.
Das Gefühl, alles schon einmal erlebt zu haben, verschwindet auf einmal. Speziell die Untergrundpassagen unterscheiden sich dramatisch vom glücklosen Vorgänger. Kaum zieht ihr durch Kellergewölbe, düstere Fabrikhallen und Bunker, liefert Call of Pripyat genau die Portion Horror, die schon den Erstling zu solch einem einmaligen Erlebnis gemacht haben. Panisch lauscht ihr den Geräuschen euer Gegner, versucht die mordenden und zum Teil unsichtbaren Monster in den Bereich eurer Taschenlampe zu locken. Immer wieder schreckt ihr hoch, werdet von hinten angesprungen und in verzweifelte Rückzugsgefechte gezwungen.
Und das Beste: Dem Add-On gelingt es, diese Höhepunkte des Vorgängers abzurufen, ohne mit dessen Fehlern kämpfen zu müssen. GSC Game World ist es diesmal nämlich gelungen, einen stabilen, fast absturzfreien Titel auf den Markt zu werfen. Indem sie sich bei den Features bewusst eingeschränkt haben, entstand das schmerzfreiere und damit deutlich bessere Spiel. Ganz müsst ihr auf Detailverbesserungen aber nicht verzichten. Neben frei belegbaren Slots für Medi-Packs, Bandagen und Nahrung gibt es nun einen Helmplatz für Zusatzausrüstung.
Und auch das schon beim ersten Spiel angekündigte X-Life-System scheint diesmal zu funktionieren. In der Einöde des nuklearen Fallout-Gebietes könnt ihr immer wieder Kämpfe zwischen Banditen, Stalkern und Mutanten beobachten. Ob und wie ihr eingreift, bleibt euch überlassen. Ein kompexes Fraktionssystem wurde diesmal weggelassen. Bis ihr aggressiv handelt, bleiben die meisten Gegner euch gegenüber erst einmal neutral. Oft stehen euch unterschiedliche Vorgehensweisen zur Verfügung. Ihr könnt zum Beispiel brav den Banditenanführer bezahlen, um einen Kollegen von seiner Schuld zu befreien. Alternativ erkämpft ihr euch die Freiheit, was euch eine schicke Automatikschrotflinte und jede Menge neuer Feinde einbringt.
Auch sehr praktisch: Anomalien, besondere Locations und Basen werden auf der Karte deutlich sichtbar mit einem weißen Kreis markiert. Und auch das Transportsystem von Clear Sky hat es ins Spiel geschafft. Um weite Strecken zurückzulegen, müsst ihr einfach einen Führer anhauen, der euch direkt zu markanten Örtlichkeiten bringt. Und auch die Upgrade-Funktion für Waffen und Panzerung feiert ihr Comeback. Einfach einen Techniker aufsuchen und schon motzt er euren Lieblingsschießprügel mit mehr Munition, weniger Rückstoß oder einem Zielfernrohr auf.
Für die wirklich hilfreichen Aufbesserungen müsst ihr leider Werkzeuge besorgen. Da diese nicht auf der Karte angezeigt werden, kann sich die Suche hinziehen. Ich für meinen Teil habe während der ganzen, ungefähr zehnstündigen Kampagne gerade mal ein Tool gefunden. Jäger und Sammler haben also trotz niedrigerer Gegnerdichte und überschaubarer Extra-Locations noch genug zu tun. Zum Glück gibt es bis zum dritten Areal, der Stadt Pripyat, ständig neue Ausrüstung, sodass ihr auf diese nette Zusatzfunktion nicht angewiesen seid.
Und natürlich darf auch der obligatorische Multiplayer-Modus nicht fehlen. Große Unterschiede zu den Vorgängern gibt es nicht. Basierend auf der Kampagne erwarten euch ein paar neue Karten, was die Gesamtzahl auf satte 17 Stück bringt. Die Spielmodi dagegen wurden nicht angefasst. Ihr jagt euch im Team-Deathmatch, Deathmatch, bei Artefakt-Jagd (CTF) und Artefakteroberung die Kugeln um die Ohren. Ihr kauft Waffen in einem Menü, müsst euch durch Gamespy quälen und werdet bei der Konkurrenz besser bedient. Mehr braucht man nicht zu sagen. Ein bis zwei entspannte Partien. Für mehr reicht es nicht.
Noch mal Glück gehabt: Nach den ersten fünf Stunden wollte ich eine überraschte, aber auch etwas gelangweilte 7 ziehen. Überrascht, weil es erfreulich bugfrei zur Sache ging. Gelangweilt, weil mich gerade das erste Gebiet zu sehr an den direkten Vorgänger erinnert hat. Doch dann nahm irgendwann die Hauptstory Fahrt auf, und mit einem Schlag hat es mich wieder gepackt. Nur noch eine Höhle, ein Banditennest, ein schauriger Hinterhalt. Und auch wenn die Story noch immer staubtrocken präsentiert wird, sind die Russen Meister in Sachen Atmosphäre. Besonders die neuen Untergrundpassagen begeistern durch eine dicke Portion blankem Horror. Ein Element, das ich bei Clear Sky schmerzlich vermisst habe.
So hat es am Ende doch wieder zu einer 8 gereicht. Eine Note, die ich angesichts von so viel Redundanz, gerade mal zwei neuen Gegnern und dem komplett gleichen Waffenarsenal nicht ohne Bauchschmerzen ziehe. Nur durch den Budget-Preis ist das Inhaltsrecycling erträglich. GSC Game World muss bei der Fortsetzung kräftig nachlegen. Das war wirklich das letzte Mal, dass ich mir das Gebiet um den Atomreaktor geben kann. So sehr mich Tschernobyl und seine Folgen auch faszinieren: Es reicht.
S.T.A.L.K.E.R.: Call of Pripyat erscheint am 4. November exklusiv für PC.
Tauche ein in die Welt der Stars und bring Deine Fans auf der Bühne zum kochen. Neben Ruhm winkt einer der Megapreise im Gewinnspiel! zum Spiel...
S.T.A.L.K.E.R.: Call of Pripyat im Test.
Was halten Sie vom neuen Spiel von GSC Game World?
Teilen Sie Ihre Meinung mit anderen Yahoo!-Usern.