Gesamtwertung8/10 |
Dead Space. Wii. Lightgun-Shooter. Beim Großteil der Fans von EAs atmosphärischem Weltraum-Horrortrip löst diese Kombination nicht unbedingt Begeisterung aus. Zu sehr riecht das alles nach einem schnellen Cash-In, einer lieblos dahingeschlunzten Billigumsetzung. Wie soll man denn bitte schön dieses Grafikmonster, das mit brachialen Effekten, beeindruckenden Gegnerzerstückelungen und wummerndem Industrial-Sound zeigt, was die gegenwärtige Konsolengeneration so alles drauf hat, auf Nintendos kleine Konsole retten?
Ganz einfach: mit viel Sorgfalt, Respekt vor dem Ausgangsmaterial und ein paar guten Ideen, wie man aus einem so alten und „arcadigen“ Genre wie dem Lightgun-Shooter eine atmosphärische, spannende und zermürbende Spielerfahrung machen kann. Denn mit klassischen Shootern wie Segas Terroristenjagd Ghost Squad oder der indizierten Grindhouse-Hommage The House of the Dead: Overkill hat Dead Space: Extraction bis auf die grundlegende Spielmechanik kaum mehr etwas zu tun.
Ein normaler Lightgun-Shooter fühlt sich letzten Endes an wie eine große, lustige Schießbude. Die Kamera fährt wie auf Schienen durch die Levels und bleibt alle paar Meter einmal stehen, damit das nächste Gegnergrüppchen auf den Spieler zustürmen kann. So einfach macht es sich Dead Space nicht. Stattdessen erzeugt die Kameraarbeit ein beeindruckendes Mittendrin-Gefühl, wie man es aus Kinofilmen wie Cloverfield kennt. Die Subjektive wird hier ganz groß geschrieben, ihr seht das Geschehen stets aus der Sicht eines der Protagonisten. Beim Rennen beginnt die Kamera zu wackeln, stürzt ihr durch einen engen Schacht, rotiert das Bild, und setzt ihr einen Helm auf, um im All zu überleben, seht ihr Verzerrungen durch das Glas. Und als besonderen Bonus erlebt ihr sämtliche Halluzinationen und Wahnvorstellungen der geplagten Protagonisten aus erster Hand.
Von denen gibt es gleich mehrere: Ihr wechselt immer wieder die Rollen, dramaturgisch ein exzellenter Kniff, da auf diese Art kein Charakter sicher ist. So manche Figur segnet im Verlauf des Spiels auf ziemlich unerwartete und auch unangenehme Art das Zeitliche. Bis es soweit ist, müssen aber vor allem die ekligen Necromorphs dran glauben. Neben der Standardwaffe, einem Nietenschussgerät mit unbegrenzter Munition, findet ihr unterwegs jede Menge praktischer Schießeisen, mit denen ihr aber sparsam umgehen solltet. Bogenschweißer, Plasmacutter, Impulsgewehr, Ripper...
All die praktischen Argumentationshilfen aus dem HD-Original sind mit von der Partie. Besonders der Flammenwerfer ist extrem nützlich und wirkt fast schon etwas zu stark, tatsächlich hilft er euch aus fast jeder kniffligen Situation heraus. Dazu hat jede Waffe noch einen sekundären Feuermodus: Dreht die WiiMote einfach um 90 Grad, um die Attacke zu ändern.
Auch die anderen typischen Dead-Space-Fähigkeiten sind mit von der Partie. Per Telekinese schnappt ihr euch entfernt liegende Gegenstände oder schleudert explosive Behälter auf anstürmende Gegnermassen. Auch Stasis könnt ihr einsetzen, sei es um rotierende Riesenventilatoren anzuhalten oder besonders flinke Gegner abzubremsen. So fühlt sich Extraction trotz Genrewechsel sehr ähnlich wie das HD-Original an, das ja auch ziemlich linear war.
Obwohl Dead Space: Extraction sehr viele Zwischensequenzen und Dialoge bietet, seid ihr so gut wie nie zum passiven Zuschauer degradiert. Ihr könnt jederzeit eure Telekinese einsetzen, um im Hintergrund Spindtüren zu öffnen und Heilmittel, Munition, neue Waffen oder Power-Ups einzusacken – ein einfacher, aber cleverer spielerischer Kniff, der dafür sorgt, dass ihr euch niemals allzu sehr in Sicherheit wiegt und stets auf Zack seid.
Überhaupt wird Abwechslung groß geschrieben. Ihr zerlegt nicht nur Horden an Gegnern, gelegentlich meistert ihr auch Geschicklichkeitseinlagen. Um Computer zu hacken, schüttelt die WiiMote, um per Leuchtstab dunkle Gänge zu erhellen, vernietet enge Durchgänge, um euch die Gegnerplage etwas vom Hals zu halten. Und ihr müsst gelegentlich auch mal Multitasking betreiben: Während Horden von Monstern auf euch einstürmen, gilt es, einen klaren Kopf zu behalten und mit ruhiger Hand eine gesicherte Türe zu öffnen. Besonders an solchen Stellen ist ein zweiter Spieler mehr als hilfreich, überhaupt steigt der Spielspaß im Team nochmal kolossal an.
Ebenso essenziell wie die gute Spielbarkeit ist aber insbesondere bei Dead Space auch die Atmosphäre. Und gerade hier punktet Extraction. Technisch gehört das Spiel ohne Wenn und Aber zur Wii-Elite und bewegt sich grafisch sehr nahe am prächtigen Original. Details, Effekte und Mimik der Protagonisten beeindrucken und zeigen, wie sehr andere Entwickler die kleine Konsole oft unterfordern.
Und wenn ihr dann einmal von euren Mitstreitern getrennt in den klaustrophobischen Gängen der Ishimura unterwegs seid und eure Figur – und damit ihr selbst – von Halluzinationen heimgesucht wird, dann dreht die Atmosphäre richtig auf. Krasse Schockeffekte sind selten, aber gerade dadurch auch umso effektiver, der wahre Horror entsteht durch das stets präsente, unterschwellige Grauen, das zunehmend an euren Nerven nagt.
Neben den zehn umfangreichen Storymissionen spielt ihr einzelne Herausforderungen frei. Dort halten dann wieder die Arcade-Elemente Einzug. Auf Story wird verzichtet, hier geht es nur um Punkte und natürlich ums Überleben. Schade, dass es keine Möglichkeit gibt, euren Score ins Internet hochzuladen und mit anderen zu vergleichen. Online-Multiplayer verlangt ja schon keiner mehr, aber zumindest Highscore-Listen wären doch ein netter Zug gewesen.
Erschien der Erstling im zensurwütigen Deutschland noch komplett ungekürzt, kam Electronic Arts beim Shooter-Prequel um ein paar Schnitte leider nicht herum. In den ersten Missionen des Spiels bekommt ihr es noch mit menschlichen Gegnern zu tun. Während ihr denen in der ungeschnittenen Euro-Version, wie den ekligen Necromorphs im späteren Spielverlauf, die Gliedmaßen einzeln abschießen könnt, verzichtet die deutsche Fassung darauf. Ebenso wurden Sterbeanimationen abgemildert. Natürlich sind Schnitte immer eine ärgerliche Angelegenheit, ein Beinbruch sind die Kürzungen aber nicht. Ärgerlicher ist da schon, dass in der deutschen Fassung auch wirklich nur der deutsche Bildschirmtext vorhanden ist, während die Protagonisten fröhlich Englisch reden. Auf Untertitel in der Originalsprache müssen deutsche Spieler verzichten.
Dafür dürfen sie auch am Motion-Comic teilhaben: Der wird nach und nach freigeschaltet und ist eine leicht animierte und vertonte Adaption des Comic-Prequels von Autor Antony Johnston (Three Days in Europe) und dem hervorragenden Zeichner Ben Templesmith (Fell) und zeigt einen weiteren Blick auf die Ereignisse in der Kolonie auf Aegis VII – genau das richtige für Fans, die nicht genug von der schmutzigen Dead-Space-Welt bekommen können.
Und das bringt auch den Gesamteindruck von Dead Space: Extraction auf den Punkt. Visceral Games und Co-Entwickler Eurocom haben ganze Arbeit geleistet und ein spielerisch und inhaltlich absolut überzeugendes Prequel abgeliefert, das dem Vorbild voll und ganz gerecht wird, auch langfristig motiviert und beeindruckend zeigt, was man aus dem Lightgun-Genre tatsächlich noch alles herausholen kann.
Dead Space: Extraction ist keine schnelle Abzocke, sondern ein vollwertiger Teil der wachsenden Dead-Space-Reihe. Es sieht prima aus, ist umfangreich, bietet überraschend viel Tiefgang und Wiederspielwert, ist atmosphärisch und in seinen stärksten Momenten tatsächlich auch mal verstörend. Selbst wenn ihr bisher noch so eure Vorbehalte an den Genre- und Plattformwechsel von Dead Space hattet, schaut euch Dead Space: Extraction unbedingt genauer an. Nicht nur Fans der Reihe werden hier viel Spaß haben.
Leider fällt aber auch Dead Space: Extraction in eine alte Falle des Lightgun-Genres: So durchdacht und stimmungsvoll die Kameraarbeit hier auch wirkt, gelegentliche plötzliche Kameraschwenks und Dreher sorgen dafür, dass ein eigentlich wohl gezielter Schuss spektakulär daneben geht und ihr öfter mal wertvolle Munition für die potenteren Knarren unnötig in der Gegend verheizt. Und auch wenn der Umfang mit zehn Missionen überzeugt, so ist das Ende doch wieder etwas sehr abrupt, kurz und auch inhaltlich eher unbefriedigend.
Dead Space: Extraction ist ab sofort für den Wii im Handel erhältlich.
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Dead Space: Extraction im Test.
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