Grand Theft Auto IV

Review
Plattform
PC
Vertrieb
Rockstar Games
Entwickler
Rockstar North
Genre
Action
PC: Grand Theft Auto IV

Gesamtwertung

9/10

PC: Grand Theft Auto IV

Was für ein Weihnachtsfest. In den letzten beiden Monaten jagte ein erstklassiger Titel den anderen. Fantastische Open-World-Rennspiele, umfangreiche Action-Adventure-Welten, brachiale Shooter, monumentale Rollenspiele und dazwischen immer wieder ein paar echte Innovationen. Die Hersteller haben sich wirklich alle Mühe gegeben, den Spielern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Da fällt es schwer, bei einer „simplen“, etwas verspäteten PC-Umsetzung aus dem Häuschen zu geraten. Selbst wenn dahinter so ein Meisterwerk wie Grand Theft Auto IV steht. Ein Titel, der nicht umsonst in der Konsolen-Fassung unsere Bestnote absahnte und in den letzten Monaten eine Auszeichnung nach der anderen einkassierte.

Entsprechend hoch sind die Erwartungen. Schließlich hat Rockstar Games in den letzten Jahren bewiesen, dass sie auch auf Heimcomputern ihr Handwerk verstehen. Gerade Grand Theft Auto: Vice City für den PC ist noch heute legendär und sah deutlich besser aus als auf der Konsole. Doch auch die Konkurrenz schläft nicht. Viele Entwickler nutzen die Zeit bis zum Release, bessern Fehler aus und integrieren neuen Content. Das Endergebnis ist zwar nicht immer einmalig, trotzdem haben PC-Käufer das Gefühl, dass die Wartezeit genutzt wurde und sie nicht eine simple Konvertierung vorgesetzt bekommen.

Doch statt wie bei Assassin's Creed oder Gears of War neue Level oder Mini-Spiele zu integrieren, setzt Rockstar auf ein simples Tool, das in den Händen eines kreativen Spielers viel Potential besitzt. Mit dem Video-Editor kann die Generation YouTube einmalige Werke schaffen, die aus Grand Theft Auto IV ein Filmstudio machen.

Niko und Liberty City sind nur Schauspieler und Kulisse. Mit etwas Muße und Geduld entsteht echte Kleinkunst, die mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile. Rockstar Games macht Euch zu Regisseuren und erfüllt den Traum aller Grand Theft Auto-Fans. Doch wie sieht es mit dem Rest des Spiels aus?

Neue Inhalte und Mini-Spiele sucht Ihr bei der PC-Fassung vergeblich – die gibt es im Frühjahr exklusiv für die Xbox 360. Das Spiel dreht sich wie gehabt um den Einwanderer Niko Bellic, der dem Ruf seines Cousins folgt und in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten reist. Doch der Kosovo-Veteran und Kleinkriminelle möchte sich nicht nur ein neues Leben aufbauen. Vielmehr ist er auf der Jagd nach einem Kriegsverbrecher, der im Großstadtmoloch untergetaucht ist. Eine Suche, deren Weg Dutzende Leichen pflastern und die unweigerlich auf ein amoralisches Ende zusteuert.

Doch bis Ihr die großen Fische jagt, gilt es auch bei Grand Theft Auto IV erst einmal jede Menge Kleinkram zu erledigen. Die ersten Stunden seid Ihr damit beschäftigt, die Steuerung zu erlernen, schlagt Euch mit dem Freundes-System herum und entdeckt die vielen Details, die Liberty City so unwiderstehlich machen. Wie gehabt schlagt Ihr Euch in der Third-Person-Perspektive durch die Metropole, meistert die viel zu weich gefederten Ami-Karossen und freut Euch über das neue Kampfsystem. Erstmals kann Niko hinter Deckung Schutz suchen und Feinde wie bei der PSP-Version per Lock-On ins Visier nehmen.

Der Rest unterscheidet sich nicht stark von den Vorgängern. Einige Elemente wie das Rollenspiel-artige Upgrade-System aus San Andreas und der Erwerb von Immobilien wurde wieder heraus genommen. Realismus steht ganz bewusst an erster Stelle und wurde nicht nur optisch umgesetzt.

Statt mit Kampfhubschraubern, Panzern und Monster-Trucks die Stadt in ein Schlachtfeld zu verwandeln, konzentriert sich Grand Theft Auto IV ganz auf die Simulation einer lebenden und atmenden Welt. Egal ob Sozialleben, Internet, realistischer Tag/Nacht-Zyklus, physikalisch genau berechnete Animationen oder ein umfangreiches Fernsehprogramm, Grand Theft Auto IV ist mehr als ein einfaches Computerspiel. Es ist ein Vorbild für kreatives Game-Design, das zwar mit einigen kleinen Macken (Langsamer Einstieg und gefühlte 2000 Tötungsmissionen) zu kämpfen hat, aber nicht zu Unrecht als eines der Spiele des Jahres gehandelt wird.

Den Rest der Geschichte findet Ihr in unserem Xbox 360-Test (eurogamer.de). Wir wollen uns hier ganz bewusst auf die Steuerung, die technische Umsetzung und den Video-Editor konzentrieren. Dinge, die bei einer Konvertierung von entscheidender Bedeutung sind. Schließlich wollen auch Besitzer der Konsolen-Version – davon gibt es ja so einige – wissen, ob sich gar ein erneuter Erwerb lohnt, um ihrem Lieblingsspiel ein paar neue, einmalige Momente abzuringen.

Wer den Titel noch nie gespielt hat und keine Konsole besitzt, sollte erst gar nicht lange überlegen. So viel steht fest: Grand Theft Auto IV hat auf dem PC kaum von seiner Brillanz eingebüßt, doch es gibt aber ein paar Stolpersteine, die einigen Spielern doch die Suppe versalzen könnten.

Eine erste, kleine Hürde ist die Steuerung, die zwar unterm Strich hervorragend funktioniert, aber in den Fahrsequenzen unbedingt ein Joypad benötigt. Mit den WASD-Tasten lassen sich die realistisch bis schwammig gefederten Kisten nur sehr schwer durch den dichten Stadtverkehr lotsen. Vor allem, da Ihr die Verkehrsdichte ordentlich hochschrauben könnt, werdet Ihr bei einigen Missionen mit einer reinen Tastatur-Steuerung fluchen.

Und auch einige Nebenaktivitäten, wie zum Beispiel Bowling, sorgen anfangs für etwas Kopfzerbrechen. Im Gegensatz dazu funktioniert das Schießen fast zu gut. Die KI wurde nicht auf den Steuerungsvorteil von Tastatur und Maus angepasst. Mit etwas Übung gelingen Kopfschüsse am laufenden Band und einige Feuergefechte fallen deutlich zu leicht aus. Es ist kaum nötig, die Deckungsfunktion auszunutzen, da die Gegner kurz nach dem Auftauchen schon wieder zu Boden gehen.

Natürlich könnt Ihr auch zum Ballern den Controller nutzen, doch dabei geht viel von dem neuen Spielgefühl verloren. Wer eine Mischform bevorzugt, wird sich freuen: Rockstar erlaubt es, zwischen den unterschiedlichen Eingabeinstrumenten ohne große Umschaltaktionen hin und her zu wechseln. Masochistisch veranlagte Spieler können sogar in den Kämpfen den Controller und beim Fahren die Tastatur einsetzen, wirklich Spaß macht es aber eher anders herum.

Neben der eben erwähnten Verkehrsdichte, lassen sich auch die Sichtweite sowie die Textur- und Render-Qualität einstellen. Das System limitiert Euch dabei ganz bewusst, um GTA nicht in eine Diashow zu verwandeln. Ohne eine nagelneue Grafikkarte mit vieeeeel Speicher, dürft Ihr erst gar nicht die hochauflösenden Polygon-Tapeten auswählen. Selbst auf unserem recht kräftigen System (Intel Core2Duo E8400 3Ghz, 4 Gbyte RAM, Radeon 4850, Auflösung: 1680x1050 – Wichtig: Neue Grafiktreiber installieren!) und genügsamen Qualitätseinstellungen, lief der Titel nur mit knappen 30 Frames. Ein paar Autos mehr oder gar ein paar Explosionen und der Frame-Counter wanderte langsam aber sicher in Richtung 10.

Einige unschöne Schattenkanten und selbst auf der höchsten Sichtweite hereinploppende Gegenstände versauen das ansonsten erstklassige Erscheinungsbild. Gerade die sauberen Texturen und die höheren Auflösungen stehen dem Titel verdammt gut zu Gesicht und machen die PC-Fassung zum deutlich hübscheren Spiel. Leider werden nur sehr wenige Spieler Grand Theft Auto IV in seiner vollen Pracht erleben können. So genial der Titel auch sein mag, was die Optimierung angeht, hat Rockstar sich nicht mit Ruhm bekleckert. Man muss aber eingestehen, dass der Titel auch auf den niedrigen Detailstufen noch hervorragend aussieht und dort auch deutlich weniger Probleme macht.

Nach diesem eher durchwachsenen Technik-Fazit zu einer erfreulichen Neuerung. Der Video-Editor ist wirklich so genial, wie es auf den ersten Blick den Eindruck machte. Ihr könnt während des gesamten Spiels einfach die F2-Taste drücken, um die letzten 30-60 Sekunden in Form einer Demo auf die Festplatte zu speichern.

Dieser Schnipsel besitzt alle Parameter, die Ihr für eine kreative Arbeit benötigt. Statt einfach den Bildschirminhalt in bewegte Bilder zu verwandeln, werden Positionen und Bewegungen aller Objekte eingefangen. In dem über das Handy erreichbaren Editor könnt Ihr dann Abspielgeschwindigkeit, Blickwinkel und Hintergrundmusik frei wählen.

Gemeinsam mit anderen Schnipseln entstehen mit etwas Übung aufwändige Geschichten oder eine Art Best-Of Eurer Erlebnisse. Zum krönenden Abschluss könnt Ihr Eure Machwerke noch beim Rockstar Social Club hochladen oder das Video in diverse Formate exportieren. Selbst HD-Material ist kein Problem, wenn Ihr bereit seid, für das Rendern ein paar Minuten zu opfern. Das Ergebnis sieht auf jeden Fall fantastisch aus.

Zusatzfunktionen wie diverse Filter, einblendbare Texte und voreingestellte Kamera-Fahrten machen aus dem Video-Editor ein Spiel für sich, das für kreative Köpfe viele Stunden Spaß bereit hält. Ohne viel Zeit und Muße sind die Ergebnisse aber wenig beeindruckend.

Ungeduldige Naturen, wie meine Wenigkeit, werden dieses mächtige Tool also nur kurz in Augenschein nehmen und aufwändige Versuche eher auf das Wochenende legen. Zum eigentlichen Spiel trägt diese Funktion natürlich wenig bei. Trotzdem ist der Video-Editor ein sinnvolles Features, das in den nächsten Wochen noch für jede Menge hervorragendes Filmmaterial sorgen wird.

Deutlich weniger sinnvoll, ist die Anmeldepflicht beim Rockstar Social Club. Ohne einen entsprechenden Account lässt sich das Spiel nicht einmal starten. Läuft im Hintergrund dann noch das Windows Live Tool, um Online mit bis zu 32 Kollegen zu spielen und vielleicht noch Steam, um die Updates zu managen, verwandelt sich schon der erste Start in einen Kraftakt.

Mal ganz abgesehen von der verbratenen System-Leistung werden Offline-Spieler zu einem Service gezwungen, den ganz sicher nicht jeder nutzen möchte. Es gibt zwar auch ähnliche Beispiel aus der Industrie, sonderlich kundenfreundlich ist diese Vorgehensweise aber ganz sicher nicht. Zum Glück schränkt wenigstens das verwendete SecureROM-System die Anzahl der Installationen nicht ein. Electronic Arts ist mit solchen Restriktionen ja schon gehörig auf die Schnauze gefallen.

Grand Theft Auto IV ist und bleibt auch auf dem PC ein einmaliges Computerspiel, dass mit seiner prächtigen Welt und seinen detaillierten Charakteren begeistert. Trotzdem sorgt die technische Umsetzung diesmal für einige Kopfschmerzen.

Rockstar hat es leider nicht geschafft, die schnellere Hardware-Plattform richtig auszunutzen. Mit genug Power sieht der Titel zwar deutlich besser aus, genauso flüssig wie auf der Konsole ist er aber selten. Besitzer älterer PCs ohne Dual-Core und dicker Grafikkarte brauchen den Titel gar nicht erst installieren. Da ist es sinnvoller eine Xbox 360 oder PS3 zu kaufen als für viel Geld den Rechner hochzurüsten.

Bei der Steuerung erlaubt sich Rockstar theoretisch keine Schnitzer. Theoretisch deshalb, weil die schwammige Federung vieler Fahrzeuge einige Fahr-Missionen nahezu unmöglich macht. Erst mit einem Joypad hat man das Geschehen wieder unter Kontrolle, doch das kann man bei einem PC-Titel ja leider nicht voraus setzen. Auch die Schwierigkeit der Kämpfe wurde nicht auf Maus und Tastatur abgestimmt. Erfahrene Shooter-Spieler werden sich ohne Probleme durch die Gegner schnetzeln und nur sehr selten einen Bildschirmtod sterben.

Der Video-Editor ist dagegen über jeden Zweifel erhaben. Die Aufnahme-Zeit ist momentan noch etwas zu kurz, eine Erweiterung kann aber per Patch in Zukunft nachgeschoben werden. Da auch die restlichen Funktionen Weltklasse sind, befördert dieses simple Werkzeug den Titel zumindest für kreative Spieler locker wieder auf Konsolen-Niveau und darüber hinaus. Ohne Regisseur-Ambitionen und schnelle Hardware verliert Grand Theft Auto IV durch seine kleinen Probleme aber etwas an Attraktivität. Deshalb gibt es diesmal für das eigentliche Spiel keine Bestnote. Liberty City-Neulinge und Machinima-Fans müssen aber trotzdem zugreifen, denn Grand Theft Auto IV gehört einfach in jede Softwaresammlung.

Grand Theft Auto IV erscheint für den PC am 3. Dezember. Die Xbox 360- und PS3-Varianten sind seit April erhältlich.

 

 

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