X360: 50 Cent: Blood on the Sand
Da wollte 50 Cent mal nett sein und bewegt seine vielfach Platin behangene Kevlar-Weste in einen nicht näher benannten, vom Krieg zerrissenen („wartorn“) Staat mit mehr Sand als alles anderem, und gibt einen Auftritt, damit sich die lokalen Bewohner endlich mal sehen, was ihnen sonst bei Shisha und Tee so entgeht. Und alles, was der Rapper für diesen Akt der kulturellen Zusammenführung bekommen sollte, ist ein großer Edelstein, der wahrscheinlich einen guten Teil des Bruttosozialprodukts des Landes ausmacht.
Und nicht mal dieses kleine Souvenir gönnen ihm die bösen, bösen Turban-Träger. Die unheilige Allianz einer spontan gegründeten Achse des Bösen aus Drogenhändlern, Terroristen und/oder Juwelendieben schnappt sich den Stein. 50 Cent hält sich nicht mit mitteleuropäischer Diplomatie auf, sondern lebt den neokonservativen Traum. Mit einem für einen Kleinkrieg fast überdimensionierten Arsenal stolzieren er und seine G-Unit in die von bösen Menschen bewohnten Vorstädte des aus inzwischen offensichtlichen Gründen unbetitelten Staates und zeigen den Wüstendieben, was richtige Coast-Gansta so drauf haben.
Wow. Als wir diese Story auf dem Sierra-Event im sonnigen Malle vernahmen, konnte es sich doch eigentlich nur um einen Scherz handeln. Nachdem das ausgeschlossen war, machten wir uns auf die Suche nach den Urhebern dieses hanebüchenen Blödsinns. Aber weder Karl Rove noch Dick Cheney noch die Betreiber des Politically Incorrect Blogs zeichneten sich anscheinend für „Krasser Homeland-Gangster lässt sich nicht von Terroristen mit Kopftüchern vera…lbern und schon gar nicht beklauen“ verantwortlich.
Sollten trotz der Anonymität des Schauplatzes Zweifel bestehen, gegen wen hier 50 Cent und seine Crew Amok laufen: Arabische Schriftzeichen im Hintergrund und im Stile der Hisbollah vermummte Feinde geben einen kleinen Fingerzeig. Nun, unter Reagan gewann Rambo in Vietnam, warum sollte nicht unter Bush 50 Cent im Irak - oder wo auch immer dieses Hirngespinst angesiedelt sein soll – gewinnen.
Der Entwickler Swordfish Entertainment ließ dies natürlich nicht ganz unkommentiert: „Blood on the Sand suggeriert schon eine sandige Ecke. Aber der Bösewicht ist Amerikaner und seine Schergen größtenteils Russen.“ Offensichtlich Russen mit einem ernsten Faible für nahöstliche Kluft. Oder ist 50 Cent selbst mit dem Bösewicht gemeint? Aber seit wann besteht die G-Unit aus Russen? Sehr seltsam.
„Es ist eine Mischung aus Kriegsgebieten. Es gibt definitiv nahöstliche Einflüsse, aber das Art-Team wollte etwas schaffen, das überall zwischen den baltischen Staaten und Persien liegt. Wir denken, es ist schwer, es genau an einen bestimmten Ort zu legen“, so Julian Widdows, Game Director von Blood on the Sand. Vielleicht liegt es nur an mir, aber wenn ich sandige Straßen, Lehmbauten, arabische Schrift und mit schwarzen Kopftüchern vermummte Männer sehe, denke ich nicht an Weißrussland.
Lasst Ihr einfach mal außen vor, dass hier kompletter reaktionärer Schwachsinn aufgetischt wird und hakt es als Comic ab, der selbst Millers 300 als hochphilosophisches Werk dastehen lässt, sieht 50 Cent: Blood on the Sand gar nicht mal so übel aus. Im Gegensatz zum Vorgänger Bulletproof ging jede Art von Realismus über Bord. Ganz „bulletproof“ seid Ihr zwar hier auch nicht, aber wie aus Gears of War bekannt, lässt Euch das progressive Schadenssystem nach ein paar Sekunden in der Deckung komplett geheilt wieder auferstehen.
Die Nennung des 360-Index-Shooters kommt übrigens nicht von ungefähr. Blood on the Sand nutzt ein nicht unähnliches Deckungssystem, das Euch schnell hinter praktisch allem Schutz finden lässt. Da hier aber der Arcade-Akzent betont wird, geht es eigentlich nur darum, schnell ein wenig die Feindesreihen auszudünnen, bevor Ihr wie die Rache Rumsfelds mit MGs, Raketenwerfern oder ähnlichem Gerät auf die verbleibenden Terroristen oder Dealer einstürmt.
Entwickler Swordfish bezeichnet die Möglichkeit, schneller aus der Deckung zu kommen oder gar nicht erst dahinter verschwinden zu müssen, auch als den großen Unterschied zu einem Spiel wie Gears. Blood on the Sand zwingt Euch nicht, in die Deckung, wenn Ihr Manns genug seid, es so ausfechten zu wollen.
Euer Mut dabei wird durch das Kombo-Kill-System belohnt. Schnelle Tötungsabfolgen sorgen nicht nur für mehr Punkte, sie transformieren 50 Cents Munition auch irgendwie magisch in die Explosiv- oder Feuer-Variante. Damit lässt sich dann der Kombo-Zähler noch schneller nach oben treiben. Ihr dürft gespannt sein, wie dieses System für den deutschen Markt angepasst wird, denn „Belohnung für das Töten real anmutender Menschen“ ist eigentlich nur ein komplizierter Begriff für „Indizierung“. Spätestens sobald Ihr anfangt, die Gefallenen um ihr Geld und Ihre Juwelen zu erleichtern.
Sollten diese ihre Wertschätze nicht freiwillig opfern und Gegenwehr leisten, wird sich Euch häufig die Gelegenheit zu einem Counter-Kill bieten. Spielerisch übersetzt bedeutet dies ein schnelles Bearbeiten der B-Taste im richtigen Moment und ein anschließendes Bewundern einer von insgesamt 21 vorgefertigten Animationen. „Fünfmal ins Gesicht und einmal in den Bauch“ bietet einen Gewaltlevel, den Ihr sonst selten zu Gesicht bekommt. Der Move, bei dem 50 Cent sein Messer dem Feind in den Hintern rammt, darf sich wohl als einmalig bezeichnen. Ob Ihr das positiv oder negativ auslegt bleibt ganz Euch überlassen, über schlechten Geschmack kann man gerne streiten. Nur auswählen, welcher Move ausgeführt werden soll, dürft Ihr nicht, diese Bürde nimmt Euch das Spiel ab.
Wie so vieles andere auch, beispielsweise die Steuerung Eures G-Unit-Wingman. Swordfish experimentierte mit dem Gedanken einer komplexen Teamsteuerung, verwarf dies aber im Angesicht des Arcade-Aufbaus. Tony Yayo, Lloyd Banks oder DJ Whoo Kid - ja, alle Eure Lieblinge sind dabei – posieren aber nicht nur abwartend im Hintergrund, sondern sollen teilweise auch das Tempo vorgeben, mit Euch interagieren und das Gefühl von Co-Op - obwohl allein zu Haus - erzeugen. Online könnt Ihr dann selbst die Rolle des zweiten Playas - hab ich das richtig geschrieben? – übernehmen.
Welches Unit-Mitglied Ihr wählt, spielt dabei nicht die geringste Rolle, zumindest solange es Euch nicht kümmert, welchen Skin Ihr seht und welche Sprachausgabe Ihr hört. Swordfish möchte aktiv mögliche taktische Überlegungen Eurerseits unterbinden und verhindern, dass Ihr Euch nach einem verpatzten Level fragt, ob ein anderes Crew-Mitglied vielleicht besser gewesen wäre.
24 Level dauert die Tour-de-Zerstörungs-Force, in denen Ihr nur selten groß vom linear vorgezeichneten Weg abweichen dürft. Dass gerade mal drei der Stages Euch an das Steuer eines Fahrzeugs lassen, scheint erstaunlich wenig, schließlich bezeichnet Swordfish diese Stages als eine der Säulen des Spieldesigns.
Blood on the Sands eher schlichte Definition einer Submission besteht aktuell in der schnellen Eliminierung einer Extragruppe von bösen Schergen. Bekommt Ihr das hin, regnet es abermals massenhaft Bonuspunkte und Vergleiche mit The Club drängen sich geradezu auf. Auf unsere Nachfrage nannte Swordfish hingegen eine andere Referenz: „Wir haben schon daran gearbeitet, bevor The Club erschien. The Club ist Track-basiert und alles muss innerhalb eines Zeitlimits erledigt werden, wohingegen dies ein linearer, erzählender, Abschnitts-orientierter Shooter mit einem Punktesystem für Kombos ist. Die ursprüngliche Inspiration war es, mit einem Shooter das zu machen, was Diablo mit dem RPG-Genre tat.“
Und wenn wir schon bei Track-basiert sind: Auch wenn bei Blood on the Sand der Levelablauf sich nicht unbedingt nach der Hintergrundmusik richtet, darf diese bei einem so bekannten Namen nicht vernachlässigt werden. Altbekanntes Material, Geremixes und – 50 Cent Fans haltet Euch fest und markiert den Erscheinungstag im Kalender – exklusive, nur für das Spiel geschriebenes Tracks donnern aus Euren Boxen. Wie gut das zu dem Sand-betonten Setting passt, darf jeder mit sich selbst ausmachen. Eine komplette Abneigung gegen 50 Cents Musik wird es Euch sicher aber nicht erleichtern.
„Das erste, was wir machen müssen, ist ein Spiel, das viel, viel besser als das Original (50 Cents: Bulletproof) ist. Es war ein großer kommerzieller Erfolg, aber niemand wird leugnen, dass es bei den Kritikern besonders gut ankam. Es war nicht das Spiel, das die Leute wollten.“ Und ehrlich gesagt kann ich mir trotz der hehren Vorsätze auch bei Blood on the Sand nur schwer ein anderes Ergebnis vorstellen.
Die einzige Chance sehe ich in dem schnellen Arcade-Gameplay, bevorzugt im Co-Op Mode. Hier zeigte bereits Army of Two, wie man mit billigen Feindklischees, markigen Sprüchen und grundsoliden Spielelementen einen guten Abend für echte Kerle – in diesem Falle von mir aus auch Gangstas – hinbekommt. Letztlich spielt das aber für den Erfolg keine so große Rolle. Ein Blick auf die Verkaufszahlen der 50 Cent-Alben suggeriert einen stattlichen Markt für Blood on the Sand. Selbst wenn es nur ein billiger Arcade-Fun, angereichert durch fragwürdige, gangstamerikanische right-wing Träume, werden sollte.
50 Cent wartet die Sommerhitze ab und wird erst im Herbst auf Tournee gehen. Bisher sind Auftritte auf 360 und PS3 angekündigt.
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