Bayonetta

Preview
Vertrieb
SEGA Europe
Entwickler
PlatinumGames
Genre
Action
PS3: Bayonetta

PS3: Bayonetta

Nach den ersten paar Minuten in Bayonetta fragt man sich unweigerlich, welche Drogen die Macher wohl während der Entwicklung geschluckt haben. Das Spiel lässt von Beginn an keinen Zweifel daran aufkommen, dass Euch hier eine abgedrehte, übertriebene und zuweilen auch absurde Achterbahnfahrt der Gefühle erwartet. Damit das auch unmissverständlich klar wird, legt man gleich im Prolog ordentlich vor.

Sexy Hexi Bayonetta bearbeitet eine überschaubare Menge an Widersachern mit Schwert und Schießeisen. Nicht einfach irgendwo, sondern auf einer Turmuhr - die zudem noch vom Himmel fällt. Während um das herabstürzende Objekt Wolken mitsamt merkwürdigen Wesen vorbeizischen, die entfernt an Ungetüme aus Final Fantasy erinnern, und der riesige Mond im Hintergrund die Szenerie in ein stimmungsvolles Licht taucht, erfährt man mehr über die Hintergrundgeschichte.

Momentan stellt sich das jedoch als ein wenig problematisch heraus: In der von uns angespielten Fassung wird in Japanisch gesprochen, für Erleuchtung sorgen höchstens die Untertitel. Die richtige Balance zwischen Lesen und Kämpfen will hier erstmal gefunden werden. In der fertigen Version ist das hoffentlich anders, ansonsten verpasst man das eine oder andere Detail. Aber zurück zum Geschehen. Der Turm knallt wenig später auf einen Felsvorsprung, löst eine riesige Explosion aus - hat vermutlich leicht entflammbare Zeiger - und fliegt, um diverse Einzelteile erleichtert, munter weiter gen Boden.

Irgendwann hat die Hexe aber dann doch genug vom freien Fall und verabschiedet sich vom Ort des Geschehens, indem sie über mehrere, quasi im Formationsflug mit der Turmuhr schwebende Trümmerteile davonhüpft. Einfach so, als wäre es die einfachste Sache der Welt. Das ist eben Bayonetta.

Szenenwechsel: Ein Friedhof, eigentlich ein friedlicher Ort. Noch zumindest. Bayonetta steht in einer Art Nonnenoutfit inmitten der Grabsteine und liest aus einem Buch vor. Man könnte meinen, sie würde beten. Derweil wird sie von einem Typen bequatscht, so richtig scheint sie sich jedoch nicht dafür zu interessieren und konzentriert sich unbeirrbar weiter auf das Gedruckte zwischen ihren Händen. Plötzlich erhebt sie sich in die Luft, gleitet einem lilafarbenen, leuchtenden Etwas entgegen – scheinbar ein Portal. Eine Passage zu einer anderen Sphäre, wie man uns erklärt.

Vom Himmel herab kommen ihr Engel entgegen geflogen, die hier mehr an irgendwelche Vogelkreaturen mitsamt Heiligenschein erinnern. Und merkt Euch dabei gleich: Bayonetta gut, Engel böse. Noch bewegen sich beide also aufeinander zu, doch damit ist schon bald Schluss. Von einem Augenblick auf den anderen macht sich Bayonettas Kleidung auf und davon, stößt sich wie bei einer Explosion von ihr ab. Kurzzeitig schwebt die Protagonistin nackt in der Luft, bevor sich ihre langen, schwarzen Haare als neues Kostüm über nahezu jeden Zentimeter ihres wohlgeformten Körpers schlängeln. Und dann bricht die Hölle los.

Einerseits im Spiel, da ein Engel nach dem anderen vermöbelt oder mit Kugeln durchsiebt wird. Andererseits im eigenen Kopf, da gleichzeitig wahrhaft schräge, japanische Düdelmusik einsetzt und auch so schnell nicht mehr aufhört.

Daran wird man sich wohl gewöhnen müssen, denn das ist Platinums volle Absicht und begleitet einen durch das gesamte Geschnetzel hindurch. Love it or hate it. Anfangs sehr gewöhnungsbedürftig, passt es doch irgendwie zu diesem verrückten Spiel. Hier werden die Geschmäcker aber vermutlich auseinander gehen. Weit. Ich kann es niemandem verdenken, wenn er die Musik abschaltet.

Aber: Von solchen Elementen, dem eben beschriebenden Momenten lebt Bayonetta. Alles soll „over the top“ sein, der Begriff „Climax action“ fällt. Man hangelt sich also im Prinzip von Höhepunkt zu Höhepunkt, der Anfang mit der Turmuhr markiert da nur den Startschuss. Und tatsächlich hält Bayonetta, was es mit voller Wucht verspricht. Immer wieder gerät man in Situationen, die verrückter kaum sein könnten. Zum Beispiel läuft man auf einem abgetrennten Brückenteil herum, das wiederum von einem Monster gepackt wurde und herumgeschleudert wird. Haut man eine Zeit lang ordentlich genug drauf, knallt das Vieh das Objekt an eine andere Stelle des Levels. Das Brückenteil zerbröckelt und der Kampf geht am Boden weiter.

In der Theorie sind die Level zu 360 Grad begehbar. An einigen Stellen kommt das auch aktiv zum Einsatz, wird jedoch stets vom Spiel vorgegeben. In einem Abschnitt läuft man beispielsweise an Häuserwänden entlang, ein paar Meter weiter blubbert die heiße, tödliche Lava vor sich hin, Funken entweichen in die Luft und obendrein lauern diverse Feinde im Gebiet.

Bayonetta hüpft von Haus zu Haus, von Stein zu Stein. Dabei brechen Gebäude zusammen, reißen sie im schlimmsten Fall mit in die Tiefe. Diese Möglichkeiten dienen keineswegs nur als optisches Gimmick. Es ist zwingend nötig, um an den entsprechenden Positionen überhaupt voranzukommen.

Die Skurillitäten hören selbst in den normalen Kämpfen nicht auf, sofern man bei Bayonetta überhaupt das Wort „normal“ in den Mund nehmen kann. Immer wieder hat man die Möglichkeit, Spezialattacken und Folterangriffe einzusetzen. Es kommt öfter vor, dass sich Bayonettas Haare beispielsweise in ein riesiges, zähnefletschendes Monster verwandeln und einen Gegner regelrecht zerfleischen.

Während ihre Haare so herumwirbeln, steht die gute Dame praktisch nackt in der Gegend. Lediglich ein paar Haarfetzen bedecken noch ihre intimsten Stellen. In besonders lasziven Momenten, etwa wenn sie die Beine entsprechend weit spreizt, schießt das Spiel übrigens selbstständig Fotos. Natürlich nur als Erinnerung an die schönen Auseinandersetzungen. Wozu auch sonst?

Die Folterangriffe umfassen scharfe, spitze und insbesondere tödliche Gerätschaften, die von Bayonetta herbeigezaubert und teils als Finisher genutzt werden. Zum Beispiel ein riesiges Rad mit spitzen Zacken, das sich wild drehend in einen Widersacher bohrt, ihm jegliches Blut aus dem Körper matscht und nichts Lebendiges von selbigem übrig lässt. Oder aber die Guillotine, mit der die bösen Engelchen ganz flott einen Kopf kürzer gemacht werden.

Und da wäre dann noch die Eiserne Jungfrau. Bayonetta befördert einen der Kontrahenten mit einem beherzten Tritt hinein und knallt umgehend die Tür hinzu. Zu der Chance auf eine lebendige Flucht kommt es für den Schergen jedoch nicht, da sich, wie es sich für Eiserne Jungfrauen nun gehört, an der Innenseite spitze Pfeiler befinden. Akupunktur für Fortgeschrittene und besonders cool inszeniert. Es geht eben nichts über Stil beim Auseinandernehmen der Fieslinge.

Während Hexchen ordentlich austeilt, greift sie auf ein umfangreiches Bewegungsrepertoire zurück. Unzählige Moves stehen zur Verfügung. Nette Idee: Während des Ladevorgangs zwischen den einzelnen Abschnitten sieht man eine Auflistung sämtlicher Kombos und ist in der Lage, sie nach Lust und Laune auszuprobieren. Die Akrobatik kann sich definitiv sehen lassen. Bayonetta macht Überschläge, wirbelt das Schwert durch Luft und Feind und schickt gleich noch ein paar Kugeln auf die Fieslinge. Ständig blitzt etwas auf, Gegner fliegen herum, geschwungene Waffen ziehen sichtbare Spuren hinter sich her. Und all das geschieht teilweise so rasend schnell, das keine Atempause bleibt. Unterbrochen wird man selbst vom Waffenwechsel nicht. Der geht nahtlos durch die Betätigung des linken Triggers in Sekundenbruchteilen über die Bühne.

Frische Prügelinstrumente besorgt man sich einfach von den getöteten Widersachern. Die Gerätschaften sind allerdings nicht bis zum Spielende einsetzbar. Einige bieten lediglich eine begrenzte Haltbarkeit, andere wiederum sind in puncto Energie beziehungsweise Munition limitiert.

Sollte es mal brenzlig werden, hilft die „Witch Time“ weiter. Das kleine Hilfsmittelchen friert die Zeit um Bayonetta herum ein. Ausgelöst wird dieser Effekt, indem die Hexe im letzten Moment einen Backflip macht, also einem Schlag ausweicht. Der Bildschirm schimmert dann kurzzeitig in blauer Farbe und die Welt erstarrt. Das dient nicht etwa dazu, um sich aus dem Staub zu machen. Man haut einfach munter weiter drauf und erfreut sich an den in diesen Sekunden wehrlosen Opfern. Und das immer und immer wieder. Weil es einfach Spaß macht, sich so herrlich verrückt auszutoben.

Es fällt mir schwer, Bayonetta wirklich richtig einzuschätzen. Man merkt dem Spiel seine Wurzeln immer wieder an, Devil May Cry-Erfinder Hideki Kamiya sei Dank. In den gespielten Abschnitten macht das Geschnetzel auch wirklich Spaß, obwohl ich vermutlich nur an der Oberfläche der möglichen Kombos und Aktionen gekratzt habe. Meine größte Befürchtung ist aber, dass mir das Gedudel im Hintergrund irgendwann gewaltig auf den Keks gehen wird.

Bayonneta ist jedenfalls kein Spiel, das man einem Epileptiker empfehlen sollte. Wer Spiele á la Devil May Cry mag, muss Bayonetta aber im Blickfeld behalten.

Bayonetta erscheint voraussichtlich im Herbst für Xbox 360 und PlayStation 3.

 

 

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