Gesamtwertung9/10 |
Es ist nachts, im Zimmer brennt kein Licht. Einzig die bizarre Szenerie, die sich auf der Mattscheibe abspielt, taucht das Schlafzimmer in diffuses Flackern. Von außen betrachtet mutet das im Höchstfall seltsam an, aber es kann ja auch keiner ahnen, dass ich vor dem Fernseher mit Wiimote und Nunchuk ausgestattet um das nackte Überleben kämpfe. Das Herz rast, mein Adrenalin-Spiegel steigt ins Unermessliche, mein Blutdruck lässt beinahe meine Adern platzen.
Ich bin angespannt wie selten zuvor, ein falscher Schritt könnte das unweigerliche Aus bedeuten. Die Gefahr ist allgegenwärtig: Hinter jeder Ecke könnten ein paar seelenlose Typen lauern, die unaufhaltsam auf mich zulaufen, mich auffressen, zerhacken oder meinen Kopf sauber mit der Kettensäge von meinem Körper abtrennen wollen. Und tatsächlich, ich höre jemandem mit schlurfenden Schritten näher kommen, kann aber nichts erkennen. Plötzlich geht das Licht im Schlafzimmer an und der Schreck durchfährt meinen Körper wie hundert Nadelstiche.
Ich hätte es ahnen können, meine Freundin tappt ähnlich lethargisch zu ihrer Betthälfte wie die zahlreichen Gegner aus dem Spiel, um endlich in Ruhe schlafen zu gehen. Klar, gegen 3 Uhr nachts ist dann auch mal langsam Schlafenszeit. Damit endet abrupt meine erste Session von Resident Evil 4 Wii Edition.
Okay, ich gebe zu, dass es für Außenstehende schwer nachzuvollziehen ist, was an diesem durchaus blutigen Spiel so faszinierend ist. Deswegen muss ich an der Stelle beinahe froh sein, dass mich meine Freundin noch keine zwei Jahre kennt. Sonst hätte sie mich vermutlich für verrückt gehalten, denn damals habe ich den spielbaren Albtraum zum ersten Mal auf dem GameCube durchlebt. Trotzdem ist diese Metzelorgie eines der besten Videospiele überhaupt, was sowohl für die Cube-Fassung als auch für die PS2-Version gilt. Über die PC-Variante hüllen wir sicherheitshalber den Mantel des Schweigens.
Seit vor kurzem die Wii Edition angekündigt wurde, gab es für mich wie für die meisten von Euch nur eine Frage: Wie spielt es sich wohl? Müsste ich diese Frage mit einem Wort beantworten, würde ich sagen: Fantastisch. Aber Ihr wollt es sicherlich ein wenig ausführlicher. Kein Problem. Technisch gibt es nichts zu meckern: Im Gegensatz zum GameCube-Original sieht die Grafik an einigen Stellen einen Tick besser aus. Die Unterschiede sind aber so minimal, dass sie wahrscheinlich nur Menschen auffallen, die die Cube-Fassung in- und auswendig kennen. Der Sound ist wie gehabt auf hohem Niveau, der Raumklang gut abgemischt, an der atmosphärischen Sprachausgabe wurde nichts geändert.
Neu ist dafür der echte 16:9-Modus, der Technik-Freaks mit Sicherheit begeistern dürfte. Grafisch gehört das im Grunde zwei Jahre alte Spiel mit zum Besten, was uns Entwickler bis jetzt auf der stylischen Wii untergejubelt haben. Tja, kein weiterer Kommentar...
Aber kommen wir zum wichtigsten Punkt, zur Steuerung. Wahrscheinlich geht es Euch die ersten zehn Minuten wie mir. Ich war doch etwas irritiert. Gerade wenn man eine der anderen Versionen schon gespielt hat, sind die ersten Schritte und Aktionen ein wenig ungewohnt. Habt Ihr Euch diese ersten Minuten ein wenig mit dem Interface auseinander gesetzt und schließlich verinnerlicht, merkt Ihr allmählich, wie sehr Euch diese Steuerung mitten ins Spielgeschehen zieht. Direkter habt Ihr mit Protagonist Leon noch nie interagiert.
Mit dem Nunchuk lauft Ihr, mit der Wiimote wird wie mit einer Lightgun gezielt. Während das Zielen in den anderen Fassungen mühsam mit dem Analogstick umgesetzt werden musste, klappt das in der Wii Edition vollkommen intuitiv. Der Laserpointer wurde gegen ein Fadenkreuz ersetzt, das sich bei zerstörbaren Gegenständen oder Gegnern rot färbt, damit Ihr nicht unnötig wertvolle Munition verballert. Das Zielen wird auf diese Weise zum Kinderspiel, der Präzision der Zielmechanik sei Dank. Wer über eine ruhige Hand verfügt, wird damit nicht nur bestens zurecht kommen, sondern auch ein Spielerlebnis haben, an das auf der Wii bislang nur Zelda: The Twilight Princess heran reicht.
Eine weitere Parallele zum erfolgreichen Launchtitel: Schwingt Ihr die Wiimote, zückt Leon blitzschnell sein Messer und zerstört Kisten oder erwehrt sich notdürftig dicht stehender Feinde. „Mittendrin statt nur dabei“ ist nicht nur ein flachsiger Werbespruch, dieses Motto ist hier Programm vom Anfang bis zum Schluss.
Eine kleine Kritik muss ich bei diesem Punkt aber trotzdem anbringen. Zum einen ist die Inventarverwaltung etwas umständlich gelöst, was aber nicht groß ins Gewicht fällt, da Ihr nur nach einem Kauf neuer, Platz raubender Waffen eventuell ein wenig umsortieren müsst. Etwas unglücklicher hingegen finde ich die Steuerung in den Quick Time Events, die beispielsweise God of War zu einem einzigartig präsentierten Spielerlebnis gemacht haben.
Hier haben die Entwickler simple Button- oder Schüttelproben eingebaut, die kaum etwas mit der Bewegung zu tun haben, die Leon in diesem Moment ausführen muss. Da hätte ich mir ein wenig mehr Kreativität gewünscht, denn so rissen mich diese cineastischen Spielsequenzen ein wenig aus der Atmosphäre heraus, die in Resident Evil 4 Wii Edition hauptsächlich durch die direkte Steuerung dichter ist als in allen anderen Fassungen davor.
Die bereits mit der Eröffnungssequenz erzeugte Stimmung fängt Euch ein wie ein ultra-spannender Horrorfilm - das gilt heute genauso wie vor zwei Jahren. Ihr schlüpft wie gehabt in die Rolle von Leon Kennedy, der in Spanien nach der entführten Präsidententochter Ashley sucht. In einer beinahe gottverlassenen Gegend nehmt Ihr eine Spur auf und findet Euch unverhofft in einer lebensbedrohenden Situation wieder. Durchgeknallte Dorfbewohner, die scheinbar nicht mehr Herr ihrer Sinne sind, trachten Euch nach dem Leben.
Spätestens an diesem Punkt nimmt Euch das Spiel gefangen und lässt Euch bis zum Ende nicht mehr los. Nach und nach kommt Ihr einer großen Sache auf die Spur, die die Machenschaften der Umbrella Corporation wie ein Kinderspiel aussehen lassen. Bei abgedunkeltem Zimmer saugt Euch die Handlung, das Gameplay und vor allem die Spannung dermaßen ins Spiel, dass die Umwelt um Euch vollkommen verschwindet. Ihr seid plötzlich selbst in Spanien, kämpft um Euer Überleben und wollt unbedingt Euren Auftrag erledigen.
Das Bewusstsein, dass sich hinter jeder Ecke ein durchgeknallter Typ mit Kartoffelsack über dem Kopf und laufender Kettensäge in der Hand aufhalten könnte, lässt Euren Adrenalinspiegel in grenzwertige Höhen schnellen. Schon bei einem entfernten, unverständlichen Schrei seid Ihr bis in die Zehenspitzen in Alarmbereitschaft.
Die Meute von spanischen Landbewohnern verlangt Eure letzte Konzentration ab, immer sucht Ihr panisch nach einem Ausweg aus der Situation, bevor Euch die Munition ausgeht oder Euer Pixel-Alter Ego sein Leben aushaucht. Fette Endgegner bringen Euch an den Rand der Verzweiflung, bevor Ihr feststellt, dass es mit der richtigen Taktik kein Problem ist, den anfänglich als übermächtig eingeschätzten Obermotz zu besiegen. Ein paar Minuten später seht Ihr Euch wieder einem lockeren Rätsel gegenüber, das Eure grauen Zellen fordert und Euch eine willkommene Ruhepause spendiert.
Lange Rede, kurzer Sinn: Das Gamedesign von Resident Evil 4 schafft die perfekte Balance aus Atmosphäre, Action, Spannung, Grusel, Ruhephasen und Stressmomenten, knackigen Rätseln und morbider Faszination. Kein Wunder, dass man dabei jegliches Zeitgefühl verliert.
Bei einem solch aufreibenden Spielerlebnis fällt es schwer, das Spiel mit dem notwendigen Abstand zu bewerten, zu sehr versteht es Resident Evil 4 Wii Edition eine Atmosphäre zu erzeugen, die Euch nicht nur perfekt in das Spiel integriert, sondern förmlich einsaugt. Obwohl es im Grunde nicht mehr ganz taufrisch ist, hat es nichts von seiner Faszination eingebüßt.
Einen Vorwurf muss sich die Wii Edition trotzdem gefallen lassen: Es bietet inhaltlich nichts Neues. Zwar wurden die zusätzlichen PS2-Missionen eingebaut, abgesehen von der Steuerung und kleinen technischen Details ist das Spiel aber das Gleiche wie vor zwei Jahren. Allerdings veröffentlicht Nintendo den Titel zum attraktiven Preis von knapp 40 Euro, wofür Wii-Fans und Spieler, die das geniale Action-Adventure noch gar nicht kennen, definitiv zuschlagen dürfen oder sogar sollten – ach, was sag ich, zuschlagen müssen!
Mit Resident Evil 4 – Wii Edition darf sich seit 29. Juni 2007 gepflegt gegruselt werden.