Gesamtwertung9/10 |
Wie man sich das Leben unnötig selbst schwer macht, hat Electronic Arts in den letzten zwei Jahren mit seinen ersten beiden Next-Gen-Versionen von Madden NFL eindrucksvoll bewiesen. Die ließen nämlich nicht nur etliche aus den Vorgängern bekannte Features vermissen, sondern wiesen auch allerlei spielerische Defizite auf - und sahen nicht einmal außergewöhnlich gut aus. Insbesondere dann, wenn man sie mit dem vermeintlich visionären Video verglich, das EA seinerzeit zur Einstimmung auf die neue Konsolengeneration zeigte. Umso gespannter durfte man daher auf die 08er-Ausgabe sein, bei der die Entwickler natürlich wieder alles viel, viel besser machen wollten. Aber, um es einfach schon einmal vorweg zu nehmen: In diesem Fall ist es ihnen tatsächlich gelungen.
Das fängt damit an, dass in Madden NFL 08 endlich nahezu jedes Spielelement in seinem gewohnten Umfang wieder enthalten ist, teilweise sogar spürbar erweitert. Das wichtigste dieser Elemente ist weiterhin der Franchise-Modus, bei dem Ihr ein Team über etliche Jahre hinweg als Manager und Coach durch die Liga begleitet. Ihr verpflichtet frische Spieler, kümmert Euch zu einem gewissen Grade um die Finanzen und habt die volle Kontrolle über sämtliche Akteure auf dem Feld. Oder Ihr lasst eine Partie mal schnell simulieren, falls sie Euch unbedeutend erscheint.
Zu den neuen Features des Franchise-Modus zählt, dass Ihr während der Saison mehrere Spieler vor einem Match trainieren dürft. Ihr wählt also bis zu drei Sportler aus und entscheidet Euch dann für eine Fähigkeit, in der Ihr Verbesserungsbedarf seht. Zur Steigerung dieser müsst Ihr lediglich ein kleines Training absolvieren und dabei eine vorgegebene Punktzahl erreichen, die Ihr selbst bestimmen könnt. Mit wenig Erfahrung nehmt Ihr einen niedrigen Wert, traut Ihr Euch viel zu, greift Ihr zu einem hohen. Scheitert Ihr dabei, geht Euer Spieler am Ende allerdings gänzlich ohne Verbesserung nach Hause, weshalb das Risiko gut abgeschätzt sein will.
Die verschiedenen Trainingsdisziplinen an sich wiederum könnte man als eine Reihe simpler Minispiele bezeichnen. So gilt es zum Beispiel, Pässe zielsicher an den Mann zu bringen, Gewichte zu stemmen oder sich von einem Gegenspieler freizulaufen, um Bälle zu fangen - am Besten in einem markierten Bereich, der Extrapunkte einbringt.
Ebenfalls neu ist, dass Ihr Euer Team in eine andere Stadt umsiedeln lassen dürft. Bei uns kaum vorstellbar, im US-Sport jedoch keine Seltenheit: Warum sollen die Seahawks statt im kalten, regnerischen Seattle nicht einfach mal im sonnigen Los Angeles spielen, das sich nach einem NFL-Team sehnt? Bei solch einem Umzug gibt es aber selbstverständlich allerlei Regeln zu beachten, die jeweilige Stadt sollte sich für Euch interessieren und vor allem unter finanziellen Gesichtspunkten muss sich der Wechsel lohnen.
Darüber hinaus dürft Ihr Euer Stadion ausbauen, Trainer unter Vertrag nehmen, Rookies beobachten und zu Euch locken, sogar Kleinigkeiten wie Ticketeinnahmen einsehen, wenn auch nicht verändern. Sicher, Erweiterungspotential besteht noch, aber da Madden NFL 08 vorwiegend Sportspiel und keine Wirtschaftssimulation sein will, ist der Franchise-Part äußerst gelungen.
Gleiches gilt für den Superstar-Modus, in dem Ihr nur einen einzelnen Spieler steuert und damit seine gesamte Karriere in Euren Händen liegt. Wahlweise erschafft Ihr Euch zu Spielbeginn selbst einen eigenen Charakter oder wählt - und das ist neu - einen echten NFL-Einsteiger der in wenigen Tagen startenden Saison. Auch hier formt Ihr den zukünftigen Superstar mit Hilfe unterschiedlicher Trainingsübungen, sucht Euch einen passenden Agenten, werdet einem Team zugeteilt, gebt Interviews, besteht IQ-Tests und noch einiges mehr.
Trotz des ganzen Drumherums sind das Interessanteste im Superstar-Modus erfreulicherweise die Spiele selbst, müsst Ihr Euch dabei doch an die Anweisungen Eures Trainers halten, einstudierte Laufwege befolgen und den Glauben der Teamkollegen in Euch aufbauen. Das Faszinierende daran ist, dass Ihr eine gewisse Verantwortung tragt; zum einen für Euer Alter Ego und dessen Entwicklung, zum anderen für die Computer-gesteuerten Mitspieler, die Ihr durch Fehler "enttäuschen" könnt.
Der einen oder andere mag es vielleicht frustrierend finden, nicht alles beeinflussen zu können und mal ohne eigenes Verschulden zu verlieren. Aber auch wenn es blöd klingen mag: So ist ein Mannschaftssport eben. Und wer das nicht mag, findet ausreichend andere Spielmodi, von besagtem Franchise bis hin zu Freundschafts- und diversen Minispielen.
Der gute Eindruck setzt sich auf dem Spielfeld im Wesentlichen fort, auch dort nicht zuletzt dank einiger neuer Features. Richtig angetan hat es mir in erster Linie das so genannte Waffensystem, das besondere Spieler deutlicher hervorhebt und ihnen vor allem mehr Individualität als in der Vergangenheit zuschreibt: Es gibt Quarterbacks, die ein Spiel lesen und so die Verteidigung ausmanövrieren, auf der anderen Seite aber ebenso Defensivspieler, die Spielzüge der Angreifer im Voraus erkennen. Runningbacks, die jeden Gegner umwalzen können, aber genauso welche, die durch Schnelligkeit und Beweglichkeit punkten. Receiver, die jeden noch so unmöglichen Ball fangen, und Receiver, die es geradezu lieben, wenn ihnen ein Verteidiger auf Schritt und Tritt folgt. Jeder Spieler, der über eine dieser Spezialfähigkeiten verfügt, ist dadurch ein bisschen anders und wird nicht mehr allein anhand von Attributen wie Geschwindigkeit und Stärke definiert.
Der einzige echte Schwachpunkt dieses Systems ist, dass man anfangs ob all der besonderen Spieler und Eigenschaften schnell den Überblick verlieren kann. Zumal Electronic Arts die ohnehin schon recht hohe Komplexität auch in anderen Bereichen ausgebaut hat: Bei der Pre-Snap-Kontrolle etwa, also der Steuerung vor dem Beginn eines Spielzugs, dürfte bald jeder Button des Gamepads belegt sein. Man gewöhnt sich daran, da einige Optionen sowieso nur sehr selten Verwendung finden, aber einsteigerfreundlich ist Madden NFL 08 definitiv nicht.
Zusätzlich haben die Entwickler im Vergleich zum Vorgänger den Schwierigkeitsgrad ein gutes Stück angehoben, was unter anderem der in diesem Jahr stärkeren KI zuzuschreiben ist. Gerade unter Druck und in ungewöhnlichen Situationen agiert der Computer eindeutig geschickter. So kommt es unter anderem durchaus vor, dass ein Quarterback seine Pocket verlässt, wenn ein Verteidiger auf ihn zustürmt, um den Ball ohne Strafe wegschleudern zu können. Oder dass sich ein Receiver größte Mühe gibt, einen Pass am Spielfeldrand zu fangen, ohne dabei ins Aus zu laufen.
Leider weniger gelungen sind die Special Teams: Um einen Field Goal zu verschießen, muss man sich selbst aus großer Entfernung schon sehr anstrengen, ganz zu schweigen davon, dass jeder Spieler bei einem Kick off den Ball über die gegnerische End Zone hinaus befördern kann. Genauso lässt das Verhalten der KI-Spieler bei Kick off Returns zu wünschen übrig. Insgesamt ein nicht unbedingt großer, aber vermeidbarer Schwachpunkt. Ebenfalls nicht durchweg überzeugen kann die Physik bzw. Kollisionskontrolle, hüpft der Ball bei aus der Luft geschlagenen Pässen doch gerne unorthodox zwischen zwei Spielern hin und her.
Größer und ein wenig ärgerlicher sind allerdings die Schwächen bei der Präsentation von Madden NFL 08: Von der früher vermittelten TV-Atmosphäre ist in diesem Jahr nichts zu spüren, obwohl Electronic Arts weiterhin mit dem US-Sender ESPN zusammenarbeitet, der im Spiel jedoch kaum Präsenz zeigt. Unerträglich ist gar der Kommentator, der wohl eine Art Radio-Flair rüberbringen soll und einem damit nach kürzester Zeit schlichtweg jeden Nerv raubt. Immerhin ist die Stadionatmosphäre (inklusive Spieler-Trash-Talk) brauchbar - auch wenn man bezweifeln mag, ob ein echtes Heimpublikum bei zwanzig Punkten Rückstand oder mehr weiterhin gut gelaunt sein Team anfeuern würde.
Wenige Veränderungen letztlich erwarten Euch beim Onlinepart, der via Xbox Live bis auf seltene Lags sehr ordentlich funktioniert, aber nicht ganz den erhofften Umfang bietet. Komplette Saisons etwa könnt Ihr online leider nicht spielen.
Alles in allem darf man die jüngste Madden-Version aber als die erste echte Next-Gen-Ausgabe bezeichnen, wozu auch die starke Grafik - von den Stadien über die Spielermodelle bis hin zu den Animationen - ihren Teil beiträgt, wenig schwerwiegende Clippingfehler außen vor gelassen. Da Auswahl und Umfang der Spielmodi (wieder) stimmen, kann man über die wenigen kleinen Schwächen gerne hinwegsehen. Denn da, wo es wirklich wichtig ist, punktet Madden NFL 08 und so kann ich es erstmals nach drei Jahren wieder jedem Football-Fan nur ans Herz legen.
Du bist Gladiator, der Held der Spiele im Kolosseum. Besiege Deine Gegner und erkämpfe Dir die Cance auf 10.000 €. zum Spiel...
Madden NFL 08 im Test.
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