Infinite Undiscovery

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
Microsoft
Entwickler
Tri-Ace
Genre
Andere
X360: Infinite Undiscovery

Gesamtwertung

8/10

X360: Infinite Undiscovery

Ich kenne Euch. Gebt's ruhig zu! Ihr habt diesen Artikel in erster Linie wegen seiner Unterzeile angeklickt, nicht wahr? "Endliches Unvermögen", das klingt ein bisschen nach Verriss - und ich weiß doch: Vernichtende Kritik schätzt Ihr insgeheim noch viel mehr als Lobeshymnen. Also will ich Euch nicht enttäuschen, Ihr sollt Euren Verriss bekommen. Bitte schön!

Infinite Undiscovery ist ein Desaster. Von den chaotischen Kämpfen über das absurde, langatmige Leveldesign, die abgrundtief öden Aufgaben und die lieblose Grafik bis hin zu den überwiegend unvertonten Zwischensequenzen. Die Geschichte des Spiels ist altbekannt, genau wie seine Charaktere, und der vermeintliche Held besitzt ungefähr soviel Profil wie die Sohle meines linken Schuhs. Verdammt wenig! Der einzige Grund, den Titel zu kaufen? Daran zu lernen, wie man ein Action-Rollenspiel auf keinen Fall designen sollte.

4/10

Nach zwei, drei Stunden Spielzeit war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich mein Review am liebsten in diesem Stil runtergeschrieben hätte - nur, um Infinite Undiscovery nie wieder berühren zu müssen. Ich meine, warum soll ich um den heißen Brei herumreden? Das Spielen war beinahe eine Qual. Dass ich nicht aufgegeben habe, lag nicht zuletzt an meiner eigenen Ungläubigkeit: tri-Ace, die Entwickler, haben zuvor Star Ocean sowie Valkyrie Profile gemacht und sollen jetzt plötzlich alles verlernt haben? Das kann doch nicht sein! Und, wie sich in der Folge herausstellte, konnte das tatsächlich nicht sein.

Urplötzlich kommt das Gefühl auf, als habe jemand einen tonnenschweren Hebel umgelegt. Statt engen, sich ständig wiederholenden Gängen, erkundet Ihr große Landschaften, Städte und Schlösser. Die Schlachten werden anspruchsvoller, dynamischer, abwechslungsreicher und in den Cutscenes lernen die tapferen Krieger auf einmal das Sprechen. Warum das nicht von Anfang an so ging, kann ich nicht einmal mutmaßen. Aber es ist ein schlimmer Fehler, denn wer Infinite Undiscovery probehalber mal anspielen will, wird unweigerlich enttäuscht sein. Gerade deshalb muss ich es so deutlich sagen, da der erste Eindruck hier täuscht wie bei kaum einem zweiten Titel.

Nun zum Spiel nach Stunde drei! Der junge Flötist Capell hat ein Problem: Er gleicht dem sagenhaften Helden Sigmund, wie sich sonst nur zwei eineiige Zwillinge gleichen. Und wenn man für einen sagenhaften Helden gehalten wird, jedoch keiner ist, kann das gewisse Schwierigkeiten mit sich bringen. Folglich sollte Capell wohl besser auch ein sagenhafter Held werden und da trifft es sich gut, dass er Sigmund und seinen Gefolgsleuten mehr oder weniger über den Weg läuft. Zu Euren Mitstreitern zählen unter anderem die attraktive Bogenschützin Aya, der supercoole Edward mit seinem großen Schwert, das kindliche Duo Rico und Rucha, die verführerische Michelle, der treue Hausbär Gustav...

Kurz und gut: Es ist eine ähnliche Mischung wie in so vielen japanischen Rollenspielen. Natürlich fühlen sich Capell und Aya zueinander hingezogen, tun allerdings zunächst so, als könnten sie sich nicht leiden. Natürlich verbirgt der perfekte Sigmund ein düsteres Geheimnis. Und natürlich ist Edward in Wirklichkeit gar nicht so kalt und hart, wie er stets tut. Gemeinsam müssen sie die Welt aus ihren Ketten befreien und das ist intelligenterweise durchaus wörtlich zu verstehen.

Überraschungen sind dabei Fehlanzeige, aber letztlich tut das der Unterhaltung keinen Abbruch. Es ist halt so wie bei vielen TV-Serien: Man weiß genau, was als nächstes passieren wird, wer mit wem, wer gegen wen und warum - doch man bleibt trotzdem dran, weil es ja irgendwo schön ist, bestätigt zu werden. Allenfalls Capell selbst ist mit seiner phlegmatischen Art auf Dauer ein gewisser Störfaktor, da er sich ununterbrochen von jedem herumschubsen lässt, ohne jemals den Mund aufzubekommen. "Hol Holz!", "Such meinen Bären!", "Geh nicht so weit weg", "Sprich nicht mit ihr!", "Tu dies, tu das!".

Folgerichtig seht Ihr Euch im Laufe der Geschichte immer wieder mit recht banalen Aufgaben konfrontiert, die andererseits eine gewisse Ruhe reinbringen und Euch häufig die Umgebung intensiver erkunden lassen. In der trefft Ihr auf die unterschiedlichsten Gegner, die Ihr direkt und übergangslos ins Visier nehmt. Per Knopfdruck schwingt Capell in Echtzeit sein Schwert, führt elegante Kombos aus oder pariert - mit einer Portion Glück - Attacken. Die Kamera ist dabei recht nah am Geschehen dran und lässt sich problemlos drehen, so dass ausreichend Überblick vorhanden ist.

In der Regel stehen Capell außerdem drei Begleiter zur Seite, die prinzipiell eigenständig agieren, Euch aber gekonnt unterstützen und heilen sowie für Kombinationsangriffe zur Verfügung stehen. Bittet Capell beispielsweise Freundin Aya um Hilfe, übernehmt Ihr die Kontrolle über ihren Bogen und feuert einen gezielten Schuss ab. Im Tutorial wird lang und breit erklärt, dass Ihr auf diese Weise besondere Gegenstände wie explodierende Fässer in Eure Bemühungen miteinbezieht, doch wirklich Gebrauch machen könnt Ihr davon nur äußerst selten.

Taktik ist allgemein eher wenig gefragt, aber das würde die actionreichen und im positiven Sinne hektischen Gefechte vermutlich ohnehin unnötig kompliziert machen. Es ist die Gradlinigkeit, die Infinite Undiscovery seinen Schwung verleiht - was keinesfalls bedeuten soll, dass es übermäßig simpel wäre. Im Gegenteil: Was die Kämpfe für sich genommen an Spieltiefe vermissen lassen, macht das Drumherum locker wieder wett.

So kann Capell mit seiner Flöte verschiedene Lieder spielen, die versteckte Wege erscheinen lassen, die Gruppe vor magischen Attacken schützen oder ihre Fähigkeiten stärken. Rico und Rucha kochen aus vorgegebenen Zutaten gerne neue, nahrhafte Mahlzeiten. Hin und wieder müsst Ihr mehrere Partys bilden, die unabhängig voneinander bestimmten Aufgaben nachgehen, was ein gewisses Maß an Überlegung und geschickter Verteilung der Ressourcen erfordert. Und ein paar an Zelda erinnernde Rätsel erwarten Euch in einigen Dungeons noch obendrauf.

Es ist die vielleicht größte Stärke des Spiels, dass vieles so einfach, so selbstverständlich wirkt und sich doch ein nicht zu unterschätzendes Maß an Komplexität dahinter verbirgt. Es kann eben auch erfreulich sein, wenn der erste Blick täuscht.

Das tut er nämlich sogar bei der Grafik: Anfangs findet Ihr Euch in einer eintönigen, farblosen Texturensuppe wieder, in der schmückende Details so selten sind wie Widerworte von Capell. Wäre die Grafik nicht hochauflösend, könnte sie ebensogut auf einer PS2 laufen. Doch später wird es bunter, belebter und gerade während der Kämpfe brennt ein regelrechtes Effektfeuerwerk ab. Dass darunter manchmal leicht die Framerate leidet, ist verzeihbar.

Denn verzeihen kann ich Infinite Undiscovery sowieso vieles. Vielleicht musste ich es erst hassen, um es anschließend richtig schätzen zu können. Vielleicht fließt die Erleichterung, dass es nach dem grausigen Anfang ganz objektiv deutlich besser wird, in die dann aufkommende Euphorie mit ein. An dem Quantensprung, der nach dem ersten Abschnitt stattfindet, gibt es jedoch nichts zu deuteln.

Möglicherweise fragt Ihr Euch nun: Schön und gut, aber ist der Quantensprung so groß, dass es sich lohnt, die ersten drei Stunden zu ertragen? Für mich lautet die Antwort: Ja. Ja, auf jeden Fall. Schließlich hat jedes Spiel seine Durchhänger - und fünfundzwanzig Stunden Spaß überwiegen zwei, drei Stunden Langeweile für mich bei Weitem.

Infinite Undiscovery steht ab Freitag exklusiv für Xbox 360 in den Läden.

 

 

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