PC: PES 2010
So sieht er also aus, der „neue Ansatz“, den uns Seabass im Interview schilderte (eurogamer.de). Und was soll ich sagen: Die mir vorliegende Version ist zwar spürbar noch nicht fertig, man merkt aber schon, dass hier mehr Neuerungen hinzugekommen sind als in den letzten drei Pro Evos zusammen.
Ist es wirklich ein vollkommen neues Spiel? Jein. Die alte Engine scheint immer noch das Zepter zu schwingen, das Spiel sieht nach wie vor aus wie ein PES. Allerdings - und das ist ein großes „allerdings“ - ist die optische Steigerung tatsächlich massiv. Die Spielergesichter, die laut Konami noch lange nicht fertig sind, halten schon jetzt höchsten Ansprüchen stand. Wenn ein Thierry Henry beim Anstoß ein bisschen verschmitzt am Mittelkreis steht und auf den Pfiff des Schiris wartet, ist die Ähnlichkeit zum Vorbild beinahe unheimlich.
Die Spielergesichter in PES waren nie ein Schwachpunkt der Serie, vermittelten sie doch immer einen guten Eindruck davon, wer gemeint war. Aber es war immer auch nur ein Eindruck. Dieses Jahr scheint die Devise ausgegeben worden zu sein, sich den Vorbildern bis auf die Poren anzunähern, und meistens klappt das sehr gut. Auch die Trikots sehen realistischer aus. Die Hosen flattern zwar selbst im Stilstand noch zu nervös umher, aber das ist ohne Zweifel ein Glitch, der dem frühen Entwicklungsstadium der Vorschau-Fassung geschuldet ist. Wichtig ist, dass sie sich in diesem Jahr überhaupt bewegen. Und zwar nicht wie aneinander getackerte Din-A-3-Bögen Pappe, sondern leichter.
Besonders wichtig für das aufgewertete Erscheinungsbild ist vor allem das neue Licht, das Konami auf seine Hauptdarsteller wirft. Diese zeitgemäßen Beleuchtungs-Routinen hätte man der alten Engine wirklich nicht mehr zugetraut. Das Licht ist nun organischer, die Schatten, die es wirft, sind weicher, und bei eitel Sonnenschein überstrahlt in Stadien mit harten Tribünenschatten ein gleißender HDR-Effekt den erleuchteten Teil des Feldes. PES Productions hat sein Baby in diesem Jahr also sehr viel realistischer gestaltet - und es steht dem Spiel gut zu Gesicht.
Das schlägt sich auch im Spielablauf nieder, wie Seabass im Interview schon ankündigte. Nachdem die letzten Teile nach Zugänglichkeit strebten, macht einem PES 2010 in diesem Jahr wieder richtig das Leben schwer. Man muss sich endlich wieder ordentlich reinfuchsen, ins neue Spieltempo, die neuen Taktikfunktionen, und Mittel und Wege finden, die buchstäblich mit Mann und Maus verteidigende CPU auszuhebeln. Wenn man PES 2010 erst einmal spielt, dann merkt man, wie sehr man den spitzen Stiefel vermisst hat, mit dem einem dieser einstmalige König der Sportsimulationen bis PES 6 so regelmäßig in den Hintern getreten hat.
Es ist (noch) nicht so sehr die Offensive der Gegner, die erfahrenen Spielern so zu schaffen macht, sondern die neue Zonenverteidigung der überarbeiteten KI. Hier steht niemand der Gegner nur rum und sieht zu, wie ein Teammitglied verteidigt. Jeder hilft mit. Die Defensive ist in PES 2010 der gleiche Mannschaftsakt wie im echten Fußball und das macht selbst Superstars das Leben schwer. Wenn man hier 4:0 gewinnt, dann ist das eine echte Sensation und fühlt sich auch so an.
Zusammen mit dem neuen, langsameren Spieltempo, an das man sich vor allem bei Torschüssen und Aktionen mit grobschlächtigen Spielern erst einmal lange gewöhnen muss, ist es vor allem der Körperkontakt, der 2010 selbst für schnelle Dribbelkönige absolut tödliches Gift ist. Die Spieler werden höchst effektiv ihres Tempos und ihrer Schussgenauigkeit beraubt und die Seite, an der der Verteidiger klebt, verleiht dem Begriff „toter Winkel“ eine ganz neue Dimension.
Insgesamt ist der Spielablauf auf dem Platz einfach deutlich authentischer. Die Positionierung ohne Ball ist einfacher und wird nicht mehr von unsichtbaren Wänden gestoppt, der Keeper wirft den Ball jetzt endlich zuverlässiger und schneller ab und in Sachen Physik entdeckt man ebenfalls eine neue Qualität: Das Leder rollt nun noch etwas schwerer und unberechenbarer über den Platz. Bei Pressschlägen oder abgefälschten Schüssen kann das Rund fast senkrecht in die Luft gehen, was der Ballbewegung ein noch realistischeres Gefühl verleiht.
Zusätzlich geht das Spiel nach vorne nun endlich im gefühlt-richtigen Umfang auch wieder über Umwege in die Breite oder nach hinten, eben weil ein Verteidiger in Ellenbogen-Reichweite dafür sorgt, dass man drastisch an Optionen einbüßt. Ein Rückpass oder Flankenwechsel ist oft die einzige Chance, um etwas Handlungsspielraum zu bekommen.
Diesen konnte ich, anders als Kollege Benjamin mit FIFA, aber noch nicht in der angekündigten 360-Grad-Kontrolle nutzen. Unsere Vorschau-Version von Pro Evo war noch nicht entsprechend ausgestattet. Es gibt allerdings viele neue Animationen, vor allem bei den Übergängen zwischen den einzelnen Richtungen, die die Ankunft des vermeintlichen Totschlag-Features schon ankündigen. Ich bin gespannt.
Im direkten Vergleich mit dem Vorgänger fällt jedenfalls recht schnell auf, dass die Mitspieler wieder viel aktiver sind, sich anbieten und auf freie Räume lauern. Auch hier tritt der Mannschaftsgedanke wieder in den Vordergrund. Vorbei die Zeiten, in denen man in der Gegnerhälfte ausschließlich seinen „Go-to-Guy“ suchte. Hier bekommt derjenige den Ball, der den besten offensiven Einfall hatte, was mittlerweile jeder sein kann. Und weil die Verteidiger auch dementsprechend darauf reagieren (mit Doppel- oder Dreifachdeckung), steht anschließend regelmäßig ein Mitspieler frei.
Auf dessen Verhalten habt ihr nun glücklicherweise noch mehr Einfluss als zuvor. Vergesst die weißen und blauen Pfeile! Das neue Strategie- und Kartensystem ist alles andere als Augenwischerei. Es sorgt dank der flexiblen Mitspieler-KI für ebenso flexible Team-Taktiken, die sich wirklich deutlich auf das Spiel auswirken. Das neue Kartensystem ersetzt zum Beispiel die stets aktiven Fähigkeiten-Sterne früherer Teile.
Nun besitzen die Spieler verschiedene Verhaltenskarten, von denen einige passiv sind, andere aber manuell justiert werden können. Ein Diego Militio verfügt etwa über die Karte „Torjäger“. Ist sie deaktiviert, arbeitet der argentinische Mittelstürmer fleißig mit nach hinten und holt sich die Bälle. Ist „Torjäger“ aktiv, lauert er an der Abseitsgrenze auf einen Steilpass, was Abläufe im Angriff unmittelbar verändert. Auch nach vorne drängende Verteidiger zügelt ihr auf diese Weise, während ihr im Umkehrschluss auch einen defensiven Mittelfeldmann Impulse nach vorne setzen lassen könnt.
Im Taktikbildschirm könnt ihr den Charakter der Mannschaft außerdem durch neue Schieberegler ebenfalls recht stark beeinflussen. Breite, Sturm- und Überholfreudigkeit, Kompaktheit und einige andere grundlegende Verhaltensweisen des Teams lassen sich stufenlos auf jede denkbare Strategie des Gegners anpassen. Insgesamt hat PES sein Wesen im Bereich Taktik und (Mit-)Spielfreude der Nebenmänner am meisten verändert - eine Neuerung, die ich ausdrücklich begrüße.
Besonders wertvoll sind die neuen Strategie-Optionen nicht nur im Mehrspieler-Modus (für den Konami vor allem Online endlich Besserung gelobt - was wir leider noch nicht nachprüfen können), sondern vor allem in der generalüberholten Meisterliga. Schließlich beginnen echte PES-Nerds meistens mit nicht eben optimalem Spielermaterial. Die neuen Taktik-Möglichkeiten helfen hier, das Meiste aus dem zur Verfügung stehenden Kader zu machen.
Ohnehin hat sich das Gesicht des beliebten Management-Modus deutlich zum Positiven geändert. Endlich wird nicht mehr nur in Ligen A, B, C und D gespielt, sondern eben in der englischen, italienischen, spanischen und niederländischen Liga. Und zum Glück sind jetzt auch Europaliga und Champions League mit dem entsprechenden Tam-Tam integriert, was ein echtes Atmosphäre-Plus darstellt.
Ob die Bundesliga - oder zumindest eine „Deutsche Liga“ mit verballhornten Namen - noch folgt, ist derzeit nicht bekannt. Wetten würde ich nicht darauf, doch vielleicht passiert ja noch das eine oder andere in Form exklusiver Abkommen mit einzelnen deutschen Klubs. Unwichtige Spiele gegen Abstiegskandidaten dürft ihr dankenswerter Weise erstmals per Simulation überspringen und auch der wirtschaftliche Aspekt spielt nun eine größere Rolle.
Verschiedene Sponsoren locken unter unterschiedlichen Bedingungen mit Bonuszahlungen, die Spieler wechseln jetzt erstmals gegen echte und nahezu angemessene Euros (und nicht mehr PES-Punkte, wie zuvor) ihre Arbeitgeber und endlich scheint auch die Zufriedenheit des Personals eine Rolle zu spielen. Wer zu wenig verdient oder bei einem schwächeren Club spielt, der wird die Tür aufmachen, wenn Barcelona anklopft. Und zu guter Letzt lassen sich in einer Jugendmannschaft sogar Eigenbrau-Talente rekrutieren und pflegen.
Schön ist auch, dass man auf die Entwicklung dieser und der übrigen Spieler mehr und direkteren Einfluss hat. Ihr legt die Trainingsschwerpunkte fest und dürft ihnen sogar neue Positionen beibringen. Die Qualität der Spieler lässt sich auch durch zusätzliche Karten steigern, wie etwa Grätsche, Passspiel, Decken, Direktspiel und diverse Tricks. Diese wandern gegen (viel) Bares ins Repertoire der Schützlinge, um damit etwa einem defensiven Mittelfeldspieler das Schließen von Räumen beizubringen oder einem Mittelstürmer per 1-gegen-1-Scoring zum noch effizienteren Goalgetter werden zu lassen.
Auch hier zielt alles darauf ab, dem Spieler mehr Möglichkeiten zur Gestaltung seines Teams zu geben. Einige Eigenschaften, wie eben erwähnte „Torjäger“-Karte, sind allerdings quasi „angeboren“ und nicht durch Training zu bekommen. Auf diese Weise haben Ausnahme-Talente weiterhin das „gewisse Etwas“.
Tja, so wird aus einem geplanten „kurzen Preview“ über ein Sportspielupdate dann schon mal ein dreiseitiger Artikel. Das zeigt aber nur, dass sich Seabass und seine Mannen wirklich sehr viel Mühe gegeben haben, um die Fans nach den Jahren der Stagnation auf gehobenem Niveau, zu versöhnen. Es gibt immer noch einige Fragezeichen. Da wären zum Beispiel die teilweise arg lange Reaktionszeit der Spieler, einige rätselhafte Ping-Pong-Einlagen des Balls und gemeinschaftliche Mitspieler-KI-Aussetzer der Marke „Nimm du ihn, ich hab ihn sicher“. Aber das Spiel ist ja auch noch nicht fertig.
Entscheidend ist doch, dass PES sich scheinbar gut erholt hat von der (meiner Meinung nach in der Höhe nicht vollends verdienten) Klatsche des letzten Jahres. PES 2010 ist wieder mehr Simulation und fühlt sich nicht mehr an wie ein abgeschlagener, weil satter Altmeister. Es sieht alles danach aus, dass PES zumindest wieder eine echte Alternative ist. Ob es für mehr reicht, wird die Testversion zeigen.
PES 2010 erscheint am 23.10. Gebt ihm eine Chance.




