Gesamtwertung8/10 |
Ich gestehe, es ist ein paar Tage her, dass ich mich intensiv mit dem Thema Wrestling befasst habe. Damals verdiente David Hasselhoff sein Geld noch als Rettungsschwimmer am Strand, Michael Jackson weilte noch unter den Lebenden, Twix trug noch den Namen Raider, unsere Bundeskanzlerin hieß Helmut und beim Kürzel WWF dachte man trotz Tschernobyl & Co. an etwas Positives – an lässige Typen wie Hulk Hogan und nicht an Treibhausgas, aussterbende Tiere und Weltuntergang.
Auch wenn die World Wrestling Federation WWF wegen der gleichnamigen Umwelt-Organisation irgendwann zum World Wrestling Entertainment und Hulk Hogan ein alter Sack wurde, manches blieb zum Glück: Knight Rider hieß nicht plötzlich Knight Twix und die US-Variante des Ringens präsentiert sich nach wie vor als außergewöhnlicher Sport, dem albern kostümierte, großmäulige Muskelberge und Muskelberginnen im Rahmen seifenoperartiger Geschichten lustiges Leben einhauchen.
Womit wir bei der wichtigsten Neuerung wären, was die beliebte Reihe WWE SmackDown vs. RAW betrifft: Ihr dürft nicht nur wie gehabt eigene Figuren, deren charakteristische Einmärsche und spezielle Finishing-Move-Kampfmanöver erstellen, diesmal sind dank eines Szenario-Editors sogar ganze Hintergrundgeschichten mit Zwischensequenzen machbar. Storys, wie sie Fans der Show-Kampfsportserie aus der neben dem Karrieremodus ebenfalls wieder vorhandenen Road-to-WrestleMania-Spielvariante kennen.
Der Szenario-Editor wirkt auf den ersten Blick nur geringfügig eingängiger als eine Anleitung für den Einbau einer kompletten IKEA-Küche. Dabei ist das Baukastensystem gar nicht so kompliziert. Als Beamter oder jemand, der ähnlich viel Zeit hat, kriegt man tolle Ergebnisse hin. Etwas Fummelei ist aber schon nötig, ehe aus einer – natürlich begrenzten – Zahl an Orten und Darstellern eine Geschichte entsteht. Ihr dürft unter anderem sogar die Kamera frei positionieren, den Protagonisten Gesichtsausdrücke und damit Gefühle zuordnen sowie Sprechblasen-Texte verpassen.
Ich finde den Szenario-Editor cool, selbst wenn ich kein Bastelfritze bin. Weil: Faule Zeitgenossen können sich dank dieses Werkzeugs nämlich auch von anderen Spielern ersonnene Geschichten bequem aus dem Netz saugen anstatt selbst tätig zu werden. Wii-Besitzer gucken allerdings in die Röhre: Fuchtelmaschinen-Freunde müssen sogar auf Online-Duelle verzichten, die Editoren-Funktion ist ebenfalls leicht abgespeckt. Dafür bleibt den Nintendo-Daddlern im Vergleich zum Vorjahr die Gesten-Steuerung erspart – eine gute Entscheidung.
Im Zusammenwirken mit den kleinen Verbesserungen bei den anderen Editoren entpuppt sich WWE SmackDown vs. RAW 2010 also vor allem als Spiel, das kreative Köpfe befriedigt. Also gewissermaßen ein „Haudrauf-LittleBigPlanet“.
Für den Einmarsch eurer Helden dürft ihr ein Video mit Höhepunkten vorangegangener Kämpfe und ein Musikstück nach Wahl einbinden (Tokio Hotel kommt sicher tierisch gut), beim Figuren-Generator neuerdings eigene Logos und Tätowierungen malen und selbst entworfene Finishing-Moves erstmals mit akrobatischen Flugeinlagen aufhübschen. Technisch hat sich hingegen wenig getan. Das betrifft auch altbekannte Schwächen: Zu notieren sind kleine Grafikfehler, wie sich durch Körper bohrende Gliedmaßen oder Ringseile, manchmal abgehackte Bewegungsabläufe, abschnittsweise magerer Sound, verwirrende Perspektivenwechsel und vor allem die etwas hakelige Steuerung.
Inhaltlich sieht es einen Tick besser aus: Der Modus Road to WrestleMania hält diesmal nicht nur fünf vorgegebene Geschichten mit den Herren Adam „Edge“ Copeland, Shawn Michaels, Randy Orton, Fräulein Mickie James sowie Paul Michael „Triple H“ Levesque und John Cena bereit (wobei das Abenteuer dieses Team-Duos auch im kooperativen Modus spielbar ist), sondern obendrein eine Story für selbst gebastelte Polygonbuben – die wegen feinerer Texturen nebenbei erwähnt deutlich besser aussehen als noch im Vorgänger.
Apropos gut aussehen: Meine Eigenkreation, ein gewisser Harald „The Amazing“ Fränkel, ist natürlich besonders attraktiv. Wenngleich auch andere Meinungen existieren: „Hast du dir die Klamotten selber ausgesucht?“, fragte etwa mein Herzblatt, als es mir bei mir meinem Treiben kurz über die Schulter blickte.
„Ja. Sieht cool aus, gell?“, erwiderte ich mit Begeisterung in der Stimme. „Nö. Schwul“, lautete das Urteil. Pfff! Mann, das muss doch so sein, dabei hatte ich bei meinem Modellathleten sogar auf Leggings verzichtet! Naja, Frauen...
Meine Freude trübte besagter Zwischenfall nicht. The Amazing fand sich zunächst als Zuschauer am Ring wieder und beobachtete aus der Ich-Perspektive, wie ein gewisser Santino Marella gerade seinen Kontrahenten platt machte und anschließend in Englisch und mit deutschen Untertiteln ins Publikum pöbelte: „Ich bin der größte Intercontinal Champion aller Zeiten! Das hier ist eine Arena voll mit Losern!“
Der italienischstämmige Kanadier provozierte sogar den einen oder anderen unschuldigen Zuschauer. Mich mit den Worten „Du bist wohl vom Baum der Hässlichkeit gefallen und hast alle Äste mitgenommen? Komm doch her und kämpfe!“ zu verhöhnen, war dann aber keine gute Idee. Ein paar Bodyslams, Dropkicks und vergnügliche Verknotungen später hatte ich den Meisterschaftsgürtel an mich gerissen.
Doch damit beginnt die Geschichte erst: WWE-Chef Vince McMahon erkennt den Spieler nämlich nicht als Titelträger an. In der Folgezeit müsst ihr euch im wahrsten Sinne des Wortes zunächst einen Vertrag erkämpfen – inklusive launiger Raufereien in Umkleidekabinen und Büroräumen, wo gerne auch mal Stühle, Gitarren und Gemälde als Argumentverstärker zum Einsatz kommen.
Letztlich lautet das Ziel, sich für das Ereignis des Jahres zu qualifizieren: WrestleMania. Wie gesagt, das ist nur eine von sechs Storys, und natürlich wird das alles sehr überzogen dargestellt, fast kitschig. Man muss diese Art von US-Humor samt Overacting mögen, dann warten einige unterhaltsame Stunden.
Spaß kann das Spiel auch Neueinsteigern machen, denn WWE SmackDown vs. RAW enthält in dieser Saison auch einen Übungsmodus. Der bringt einem mit eingeblendeten Hinweisen die Steuerung näher. Im interaktiven, als Hauptmenü verpackten Trainingszentrum steht ein Prügelknabe bereit, dem ihr auf die Glocke geben dürft, weil er sich in der Standardeinstellung nicht wehrt. Das lässt sich aber ändern, wie auch einige andere Parameter. Aufgebohrt haben die Macher das Royal-Rumble-Match, hinzugekommen ist Championship Scramble. Natürlich sind dank WWE-Lizenz auch die ganz großen Kerle wie der Undertaker mit von der Partie.
Die komplexe Steuerung erlaubt wieder gut drei Dutzend Griffe, Würfe und Sprungattacken. Sie ist aber dennoch verhältnismäßig leicht zu verinnerlichen – viele Manöver ergeben sich aus der Position zum Gegner. Nachteil: Man muss die hin und wieder störrischen Athleten pixelgenau bewegen und immer wieder genau zum richtigen Zeitpunkt ein Knöpfchen drücken, um sie zu bestimmten Aktionen zu animieren. Auch das ist eine Altlast. Punktuell kam es zu Vereinfachungen, beispielsweise gibt es nur noch einen Konter-Knopf. Das macht die Klopperei etwas flüssiger.
Wrestling ist alles andere als realistisch, insofern wundert mich nicht, dass bei WWE SmackDown vs. RAW 2010 ominöserweise nur die männlichen Recken bluten können. Die Frage nach dem Realismusgrad entscheidet, wenn ihr zwischen diesem Kampfspiel und dem ähnlichen UFC Undisputed (eurogamer.de)schwankt. Während sich der Martial-Arts-Konkurrent hübscher, ernster und moderner präsentiert, bleibt SmackDown vs. RAW wegen des spektakulären Show-Charakters und besonders für Bastelfreunde auf Augenhöhe. Ihr Geld wert sind beide Titel.
PS3/Xbox 360:
Wii:
WWE Smackdown vs. Raw 2010 ist für PlayStation 3 und 2, Xbox 360, Wii, Nintendo DS und Sony PSP erschienen.
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WWE Smackdown vs. Raw 2010 im Test.
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