Gesamtwertung9/10 |
"Einen Tag! Einen Tag habe ich damit verbracht, hin und her zu gehen und auf Dich zu warten!"
eXperience112 ist ein Meisterwerk.
Das sollte Euch nicht überraschen, denn immerhin kommt es von Lexis Numérique, deren In Memoriam bereits ein kleiner Geniestreich war. Aber vermutlich wird es Euch überraschen und außerdem ist das neueste Spiel der Franzosen weitaus mehr als ein kleiner Geniestreich.
eXperience112 ist ein Meisterwerk, weil es Euch das Gefühl gibt, in eine andere Welt abzutauchen. Diese Welt ist zunächst ein großes Schiff, das seine besten Zeiten längst hinter sich gelassen hat: Rost blättert von den Wänden, winzige Lecks lassen Wasser ins Innere kriechen, wilde Pflanzen wuchern in jeder Ecke. Die Natur holt sich zurück, was irgendwann einmal ihr gehörte. Und der Mensch kann sie nicht zurückschlagen, denn dieses Schiff - oder diese Basis, wie es auch genannt wird - ist fast vollkommen verlassen.
Die anscheinend einzige lebende Hinterbliebene der Besatzung heißt Lea Nichols, erwacht zu Beginn der Geschichte aus einem intensiven Schlaf und kann sich nicht mehr so recht erinnern, was sie hier überhaupt tut. Um zu überleben und das Schiff letztendlich zu verlassen, muss sie die Erinnerung aber schnell zurück gewinnen, sich an Bord zurecht finden und dabei kommt ein zweiter Charakter ins Spiel: Ihr.
Damit seid wirklich Ihr selbst gemeint, denn das Schiff verfügt über noch eine herausragende Eigenschaft, die bisher keine Erwähnung gefunden hat: Ein riesiges Überwachungssystem, das Ihr mit Hilfe eines simplen Interfaces steuert. Nahezu jede Ecke der Umgebung wird von mehreren Kameras gefilmt, Ihr habt die volle Kontrolle über das Licht, Türen und zahlreiche Geräte. Die Sache ist nur, dass Ihr anfangs keine Ahnung habt, wie Ihr damit umgehen müsst, dass Euch Lea nicht kennt und Ihr nicht direkt mit ihr kommunizieren könnt.
Wie gewinnt man das Vertrauen einer fremden Person, die einen weder sehen noch hören kann? Das ist eine der Fragen, vor die Euch das Spiel stellt.
eXperience112 ist ein Meisterwerk, weil es Euch eine andere Perspektive zeigt. Wir sind es gewohnt, Tag für Tag von unzähligen Kameras gefilmt zu werden - in der Straßenbahn, in Geschäften, am Bahnhof, auf öffentlichen Plätzen. Aber wir nehmen es kaum wahr und fragen uns erst recht nicht, wie es wohl auf der anderen Seite aussehen mag.
In diesem Spiel jedoch wechselt Ihr die Sichtweise, erblickt alles nur durch die Augen der Kameras. Ihr verfolgt Lea mit ihnen, während sie sich durch das Schiff bewegt, und Ihr werdet Euch ganz schön aufgeschmissen, sogar hilflos fühlen, wenn eine Kamera den Dienst verweigert oder Ihr mal den Überblick verliert. Eine ungewohnte, aber dafür umso interessantere Erfahrung.
eXperience112 ist ein Meisterwerk, weil Ihr neue Arten der Kommunikation, der nonverbalen Kommunikation entdecken müsst. Wollt Ihr Leas Aufmerksamkeit auf etwas lenken, könnt Ihr schließlich nicht direkt auf den Gegenstand zeigen oder sie darauf ansprechen. Stattdessen müsst Ihr sie locken, indirekt Ihr Interesse wecken. Zum Beispiel, indem Ihr das Licht flackern lassen oder indem Ihr eine Maschine an- und ausschaltet.
Häufig müsst Ihr sogar direkt zusammen arbeiten, aufeinander eingehen, in beide Richtungen kommunizieren. Lea bittet Euch, etwas in der Datenbank Eures Computer nachzuschlagen, stellt Euch eine Frage, die Ihr irgendwie beantworten müsst. Also lernt Ihr, die Kameras als Euren Kopf zu sehen. Schüttelt Ihr sie nach links und rechts, bedeutet das "nein", nickt Ihr mit ihnen nach oben und unten, heißt das "ja".
Entdeckt Lea wiederum einen Code, der Euch Zugriff auf weitere Daten verschafft (Login und Passwort eines anderen Wissenschaftlers beispielsweise), schreibt sie die vielleicht auf eine Tafel, so dass Ihr sie sehen könnt - sofern eine in der Nähe ist. Oder sie hält den Zettel in die Kamera und Ihr müsst lediglich heranzoomen, um ihn lesen zu können. Genauso sucht Ihr die Spielwelt nach Hinweisen ab.
eXperience112 ist ein Meisterwerk, weil es Euch vorgaukelt, Ihr wärt in Kontrolle, obwohl Ihr es nicht seid. Ihr fühlt Euch in Kontrolle, schließlich dürft Ihr einen Großteil der Einrichtung des Schiffes bequem von Eurem Schreibtisch aus bedienen. Schließlich ist Lea auf Euch angewiesen, schließlich dürft Ihr sie regelrecht von Raum zu Raum dirigieren. Doch dann gibt es immer wieder Momente, in denen sie bewusst nicht das tut, was Ihr von ihr verlangt. Wenn sie einen unheimliche Ecke nicht untersuchen will, wenn sie einen Raum verlässt, weil er ihr Angst macht.
In diesen Augenblicken wird Euch klar, dass Ihr es mit einer eigenständigen Person zu tun habt, die ihr Handeln in erster Linie von ihrem eigenen Willen bestimmen lässt. Ihr seid zwar ein Paar, ihr nehmt sie an die Hand und tragt in gewisser Weise die Verantwortung für sie. Aber Ihr seid ein gleichberechtigtes Paar: Ihr seid fast genauso auf ihre Mithilfe angewiesen wie sie auf Eure, sie verschweigt Euch zu Beginn vieles und offenbart erst mit der Zeit mehr über ihre Hintergründe. Ihr besitzt die Macht über die Welt, aber nicht über den Menschen.
eXperience112 ist ein Meisterwerk, weil es Euch zeigt, dass Eure Taten wirklich Auswirkungen haben. Dass sich da auf der anderen Seite hinter den Kamerabildern auf dem Monitor tatsächlich ein lebendiges Wesen befindet. Wenn Lea gerade auf einer Bank sitzt, dabei Notizen oder Tagebucheinträge liest und Ihr das Licht ausschaltet, wird sie sich umgehend bei Euch beschweren. Und wenn Ihr vom Spielen mal einen Tag Pause einlegt, quittiert sie das zur Begrüßung mit den beiden ersten Sätzen dieses Reviews, die Euch regelrecht Schuldgefühle aufzwingen.
Überhaupt wird alles im Spiel ganz wunderbar erzählt: Flashbacks, Audio-Aufzeichnungen sowie Mails der Besatzung fügen sich nach und nach wie kleine Puzzlestücke zu einem großen Gesamtbild zusammen. Das Gemeine daran ist, dass Ihr fast sämtliche Informationen quasi vor Euch in Eurem Computer habt, aber nicht an sie herankommt, weil Euch die notwendigen Passwörter und die Zusammenhänge fehlen.
eXperience112 ist auch ein Meisterwerk, weil mir, wenn ich es mit anderen Spielen vergleiche, nur die Besten der Besten einfallen. Das Szenario, die Spielwelt hat was von BioShock. Die Interaktion mit Lea erinnert entfernt an Ico, die Reaktionen auf Eure Handlungen an Deus Ex. Der Erzählstil lässt sich am ehesten mit dem von System Shock vergleichen. Aber der Titel bedient sich niemals direkt bei der Konkurrenz, das hat er nicht nötig.
Selbstverständlich wird man, wenn man mit der Lupe sucht, kleine Schwächen finden. Die Performance geht ganz schön in den Keller, sobald zwei Kamerafenster oder mehr gleichzeitig geöffnet sind. Ein paar Objekte sind etwas zu gut versteckt, die optionale automatische Kameraverfolgung funktioniert nicht perfekt, Lea läuft recht lahm und die Geschichte schlägt in der zweiten Hälfte ein wenig über die Stränge. Aber wen interessiert's?
Denn eXperience112 ist ein Meisterwerk. Ich weiß, ich sage das zum wiederholten Male, aber es ist eine Tatsache, die man nicht oft genug betonen kann. Kein anderes Adventure bezieht Euch so sehr ins Spielgeschehen ein. Kein anderes Adventure lässt Euch so spüren, dass Ihr hier nicht nur ein wenig "daddelt", um die Welt zu retten, sondern dass Ihr eine einzelne Person aus ihrem Schicksal helfen müsst. Es ist erwachsen, spannend, nachdenklich, experimentell, innovativ, intuitiv, anders - und zwar im gute Sinne anders. Es ist düster, beklemmend, einzigartig, mutig, magisch...
Ein Meisterwerk eben.
eXperience112 im Test.
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