Gesamtwertung7/10 |
Halo Wars ist das Ende einer Ära. Mit einem sehr klassischen Echtzeit-Strategiespiel verabschieden sich die Veteranen der Ensemble Studios und hinterlassen ein umstrittenes Erbe. Während mit den ersten beiden Age of Empire-Teilen Strategiegeschichte geschrieben wurde, merkte man Bruce Shelleys Mannen schon beim dritten Teil eine gewisse Innovationslosigkeit an. Immer gut inszeniert und handwerklich hervorragend gemacht, fehlte es den letzten Produktionen etwas an Seele.
Auch Halo Wars erfindet das Genre nicht neu oder lässt die Fans gleich scharenweise zur Konsole überlaufen. Stattdessen nutzt es die Macht der starken Franchise und setzt auf bekannte Gameplay-Mechaniken, um ein gutes Konsolen-Spiel auf die Bein zu stellen, das in seiner Direktheit entwaffnend wirkt und vor allem Strategie-Neulinge anspricht. Dank wirklich erstklassiger Render-Zwischensequenzen wird der epische Charakter der Vorlage nahezu perfekt in Szene gesetzt und für 6 bis 8 Stunden das bekannte Schere, Stein, Papier-Prinzip durchexerziert.
Fans der Serie dürften schon in der ersten Mission leuchtende Augen bekommen. Mit einem Warthog-Jeep rast Held Jericho durch eine vereiste Schneellandschaft, erledigt Grunts und Elite-Soldaten. Als Boden-Kommando der Spirit of Fire kämpft er auf fremden Welten gegen die technologische Übermacht der Allianz. 15 Missionen lang gilt es, menschliche Kolonien zu beschützen, Artefakte zu entschlüsseln und den angreifenden Horden der Außerirdischen zu widerstehen. Die Flood ist genauso mit von der Partie wie gigantische Scarabs, unsere geliebten Spartan-Soldaten inklusive Fahrzeug-Klau-Fähigkeit und massiven Scorpion-Panzern.
Und die Steuerung funktioniert. Per einfachem Knopfdruck werden Spezialfähigkeiten ausgelöst, per Auswahlrad Unterstützungs-Gebäude auf dem festgelegten Bauplatz errichtet und mit wenigen Clicks die richtigen Einheiten ausgewählt. Doof nur, dass sich keine Gruppierungsfunktion findet und sich der Zoom-Faktor in Grenzen hält. Insbesondere auf den höheren Schwierigkeitsgraden, zum Beispiel auf dem berühmt-berüchtigten Legendary, werden einige Verteidigungsmissionen zu Qual.
Ständig neu auftauchende Gegner machen die Evakuierung von Arcadia zu einem Graus. Wie von der Tarantel gestochen, jagt Ihr Eure Einheiten über die Karte, nur um am Ende alle Transporter mit Zivilisten zu verlieren. Auch die Grafik präsentiert sich als zweischneidiges Schwert. Ensemble ist es zwar gelungen, das Flair der Serie nahezu perfekt in Szene zu setzen, doch im Vergleich zu PC-Optik-Highlights a la Empire: Total War und Dawn of War 2 wirkt Halo Wars fast rudimentär.
Die kleinen Einheiten lassen die wuchtige Präsenz ihrer Egoshooter-Vorlage vermissen. Mit ihren wenigen Polygonen sind sie auf der niedrigsten Zoom-Stufe trotz ihrer gelungenen Animationen schlicht unansehnlich. Der bunte Farbmix verbessert zwar die Übersichtlichkeit, nimmt dem Spiel aber etwas die Ernsthaftigkeit. Wer sich an diesem grundlegenden Element der Halo-Serie bisher jedoch nicht gestört hat, wird auch diesmal nicht schreiend davonlaufen.
Ein Nachteil der bombastischen Inszenierung: Das Gameplay muss sich oft unterordnen. Um die Epik der Auseinandersetzungen zu unterstreichen, werfen sich Euch unendliche Gegnerhorden entgegen, bis Ihr einen gewissen Punkt der Handlung erreicht. Während Ihr den Strom bei anderen Titeln wie Dawn of War 2 durch die Zerstörung des Produktionsgebäude beenden könnt, müsst Ihr hier erst Plasma-Kanonen platzieren, Schutzschilde deaktivieren oder Sperren lösen. Immerhin greift auf den höheren Schwierigkeitsgraden das Stein-Schere-Papier-Prinzip und Ihr werdet ohne gemischte Einheiten gnadenlos in den Boden gestampft. Auf „Normal“ reicht es dagegen, ein paar Vulture-Bomber zu bauen und den Gegner schlicht zu überrollen.
Etwas mehr Taktik ist beim Bau Eurer Basis gefragt. Die Platzierung ist zwar festgelegt, aber welche Unterstützungsgebäude Ihr auf die beschränkten Punkte setzt, bleibt Euch überlassen. Wollt Ihr vor allem starke Fahrzeuge, müsst Ihr zu Beginn auf Infanterie verzichten. Ein schnellerer Fluss der einzigen Ressource bedeutet eine niedrigere Tech-Stufe oder keine Luft-Einheiten. In vielen Missionen findet Ihr aber weitere Basen, die von den Errungenschaften der Hauptbasis profitieren. Die Basis-Verteidigung ist nur an den vier Eckpunkten Eurer Zentrale möglich, es ist also unabdingbar, in manchen Abschnitten Einheiten zum Schutz abzustellen, da der Gegner wie schon erwähnt über unendlichen Nachschub verfügt.
Etwas seltsam ist dagegen die Reparatur von Fahrzeugen gelöst. Statt eine entsprechende Einheit oder eine Reparatur-Plattform in der Basis anzubieten, müsst Ihr eine Art Regenerations-Regen aus dem All herbeirufen. Wie die Transportmöglichkeit über Hindernisse, mächtige Orbital-Angriffe und Gefrier-Bomben wird dieser gegen Ressourcen über ein spezielles Menü aktiviert. Ist Eure Einheit in einen Kampf verwickelt, regeneriert sie sich übrigens nicht. Dafür könnt Ihr diese Funktion auf der ganzen Karte nutzen.
Normale Skirmish-Missionen findet Ihr selten. Nahezu jeder Auftrag wurde perfekt in die Geschichte eingebunden und liefert spezielle Levelbestandteile. So gilt es zum Beispiel, einen unfertigen Super-Scarab-Läufer zu zerlegen, dessen Hauptwaffe schon aktiv ist. Das gewaltige Geschütz kann mit einem Schuss jede Einheit vernichten und scannt nahezu die gesamte Karte ab. Um den mächtigen Strahlen zu entgehen, müsst Ihr Generatoren ausschalten und so die Drehgeschwindigkeit verlangsamen. Danach könnt Ihr den Angriffen leicht ausweichen und das Monster mit Dauerfeuer schrottreif schießen.
Im Online-CoOp-Modus besitzen beide Spieler die gleichen Rechte. Ihr müsst Euch also genau absprechen und Aufgaben verteilen, sonst rennen die Einheiten sinnlos durch die Gegend. Im Idealfall kümmert sich einer um die Basis, während der andere die Front organisiert. Erst auf einem höheren Schwierigkeitsgrad ist diese Zusammenarbeit aber wirklich notwendig. Nur wer sich an Legendary versucht, wird sich über jede Hilfe freuen.
Als eher enttäuschend entpuppt sich der Mehrspielermodus. Es gibt zwar genügend, gut designte Karten und Ihr könnt mit bis zu 5 weiteren Spielern Deathmatch-Gefechte austragen, doch mit gerade mal zwei Fraktionen und sehr eingeschränkten Möglichkeiten wirkt der Multiplayer unvollständig. Es ist zum Beispiel nicht möglich, ein Free for All-Game auszutragen oder drei Parteien zu gründen. Es heißt immer 1vs1, 2vs2 oder 3vs3. Auch warum die Flood nicht als weitere Rasse integriert wurde, ist unverständlich. So verlieren die Gefechte schnell an Reiz, auch wenn das Balancing trotz der sehr unterschiedlichen Einheiten recht gut funktioniert.
Sechs bis acht Stunden Spielzeit sind für ein Strategiespiel einfach zu kurz. Dank versteckter Schädel samt Modifikatoren, dem CoOp-Modus und dem knackigen Legendary-Schwierigkeitsgrad gibt es zwar einen gewissen Wiederspielwert, trotzdem bleibt bei einem Titel, der so von seiner Story lebt, ein schaler Nachgeschmack. Ganz anders sieht es dagegen bei der Inszenierung aus. Selbst Strategie-Schwergewichte wie Dawn of War 2 können sich bei Halo Wars eine Scheibe abschneiden. Die Story gewinnt keinen Oscar, dafür sorgen die Render-Zwischensequenzen für ein packendes Mittendrin-Gefühl.
Auch was Steuerung und Gameplay angeht, hat Emsenble einen guten Job abgeliefert. Aufgrund der einfachen Handhabung fallen Mängel, wie etwa eine fehlende Gruppenbildung, nicht allzu schwer ins Gewicht. Die Missionen bieten zwar nur Strategie-Standard-Ware, Fans des Franchise werden aber mit vielen interessanten Hintergrundinfos wieder beruhigt. Was dem Titel am Ende allerdings eine bessere Note kostet, ist neben der Kürze und der Innovationslosigkeit vor allem der Multiplayer. Zwei Fraktionen und viel zu wenig Optionen reichen nicht aus, um das Genre würdig zu vertreten. Wenn man den Halo-Hype-Bonus abzieht, bleibt leider „nur“ ein gutes Strategiespiel übrig. Zu Casual für meinen Geschmack.
Halo Wars ist exklusiv für die Xbox 360 erhältlich.
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