X360: WET
Ihr kleinen Saubären müsst bei WET bestimmt an die Dame aus dem Sexy Empire denken, die wohl mit den unattraktivsten Plastik-Möpsen der Spielegeschichte ausgestattet war. Rubi, die coole Heldin aus diesem WET, hat mit Lula aber so wenig zu tun wie Spaßvogel Kratos mit einem guten Griechen-Witz. Viel eher ähnelt die Dame unserer Lieblingshöhlenforscherin Lara, nur dass ihr die aufgeblähten sekundären Geschlechtsmerkmale und der alberne Pferdeschwanz fehlen. Stattdessen machen coole, enge Lederklamotten, eine echte Machoattitüde, eine dicke Portion Kaltschnäuzigkeit und ein natürlicher Sexappeal die Dame auf Anhieb sympathisch.
WET steht diesmal also für keine ekligen Schlüpfrigkeiten, sondern für Wetworks, dem dunklen Bereich der Söldner, Diebe und Agenten. Oft stehen dahinter so genannte Cleaner, wie Rubi, die immer dann gerufen werden, wenn es blutig wird oder irgend etwas ohne Rücksicht auf Verluste besorgt werden muss. Es wird gelogen, betrogen und getötet. Ein wirklich schmutziges Geschäft.
Kein Wunder also, dass Rubi neben ihrem Waffenfetisch auch eine starke Trinkerin ist. Ein Laster, dem sie während des kompletten Spiels frönt. Habt Ihr mal wieder zu wenig Lebensenergie, schnappt Ihr Euch herumstehende Whiskey-Flaschen und gönnt Euch erst einmal einen kräftigen Schluck. Eine schöne, politisch unkorrekte Provokation. Und volle Absicht. Der Action-Titel arbeitet ganz bewusst mit dieser überzogenen Darstellung und nimmt sich beim Gameplay Tarantino, John Woo und natürlich Max Payne zum Vorbild. Ihr springt, schnetzelt, ballert und sauft Euch in Zeitlupe durch ein Spiel, das Spaß und Style klar in den Vordergrund stellt.
Rubis Werkzeuge sind zwei durchschlagkräftige Pistolen, die auf magische Weise mit unendlicher Munition ausgestattet sind, ein riesiges Katana-Schwert, mit dem Ihr die Bösewichter in handliche Einzelteile zerlegen könnt, sowie ihre akrobatischen Fähigkeiten. Gleich im Tutorial, das Euch mitten in einen Banden-Deal wirft, lernt Ihr mit diesen Utensilien umzugehen. Euer Auftrag: Einen mysteriösen Koffer beschaffen, der in der ersten Szene für Tote sorgt.
Jeder Hechtsprung, Wallrun und Knierutscher löst die Zeitlupe aus – die unendlich zur Verfügung steht! Anfangs nur mit einer Waffe ausgestattet, könnt Ihr später zwei Ziele gleichzeitig bekämpfen - eins manuell, eins automatisch -, Eure Haltung im Flug ändern und den Angriff mit einem Schwerstreich beenden. Leider konnten wir nicht selbst Hand anlegen, Lead Game Designer Ash produzierte aber beeindruckende Bewegungsabläufe und verknüpfte die einzelnen Angriffe zu ausufernden Serien, die den Kombo-Punktstand zum Glühen brachten.
Erstes Szenario: Chinatown. Viel Gold, Rot und Brokat. Erinnert auf den ersten Blick stark an Stranglehold. Eine kurze Zwischensequenz, um die Geschichte einzuleiten, schon beginnt die Action.
Gelenkt von Ash, springt Rubi an die hübsch tapezierte Seiden-Wand, läuft ballernd ein paar Meter, springt dann auf einen wunderschönen Mahagoni-Tisch, rutscht auf den Knien auf die Gegner zu und jagt ihnen als Finisher das Schwert in die Eingeweide. Blut fließt in Maßen, dafür verlieren die Gegner immer mal wieder ein Bein, ein Arm oder einen Kopf.
Die ständige Bullet-Time wird zwar einigen Spielern nach einer gewissen Zeit auf den Senkel gehen, trotzdem entstehen so packende Szenen, die über das langweilige Gegnervolk des ersten Levels hinwegtrösten. Dazu Ash: „Da war leider ein Fehler im Code. Statt unterschiedlichen Klamotten und Gesichtern gab es bei der Vorschau-Version nur Klon-Krieger zu sehen.“ Hm, ob wir ihm das glauben? Auf jeden Fall gab es im Gegensatz zu den chinesischen Durchschnitts-Killern im Start-Bildschirm jede Menge durchgeknallte Charaktere zu bestaunen, die hoffentlich ihren Weg ins Spiel finden.
Das bringt uns zu einem weiteren Manko von WET. Während die Gestaltung der Locations, der schicke Grind-House-Look mit Grieselfilter und vor allem das Design der Hauptdarstellerin souverän wirkt, sieht es technisch ansonsten nicht ganz so gut aus. Im Speziellen was den Detailgrad der Gegner und Objekte im Spiel angeht, hinkt der Titel aufgrund Polygon-Armut etwas hinterher.
Auch Spezialeffekte, Zerstörbarkeit der Umgebung und Animationen wirken noch nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Zu abgehackt bewegen sich die Akteure, zu rar gesät sind Features abseits der Zeitlupenfunktion. Da die Entwickler durch den Publisher-Wechsel von Vivendi/Activision-Blizzard zu Bethesda noch etwas Extra-Zeit bekommen haben, wird sich dieser Umstand bis zum Release im Herbst hoffentlich noch bessern.
Neben der klassischen Story-Missionen mit ihren relativ offenen Kampf-Arenen gibt es noch zwei sehr lineare Missionstypen, die für etwas Abwechslung sorgen. Zum Einen liefert sich Rubi heftige Auto-Verfolgungsjagden, bei denen sie nicht etwa am Steuer sitzt, sondern auf dem Highway von Autodach zu Autodach springt.
Wie ein U-Bahn-Surfer gleitet sie so durch den dichten Verkehr und arbeitet sich immer näher an ihr Zielobjekt, den Mann mit dem Koffer, heran. Geballert und geschnetzelt wird wie gehabt, nur der Wechsel der Fahrzeuge wird per Quick-Time ausgelöst.
Als weiteres Bonbon bietet WET den so genannten Rage-Modus. Ausgelöst durch eine kurze Zwischensequenz, in diesem Fall ein Spritzer Blut im Gesicht, färbt sich Rubis Welt komplett rot. Grafisch an Games wie Madworld angelehnt, wird in diesem Modus die Geschwindigkeit und die Durchschlagkraft ihrer Waffen stark erhöht. Im gezeigten Abschnitt sprintet sie durch einen Hotelflur und erledigt die Gegner praktisch im Vorbeigehen.
Jeder Treffer lässt die stilisierten Rot-Weiß-Gestalten wie prall gefüllte Pinatas zerplatzen. Jeder Blutspritzer taucht die rote Welt in ein grelles Weiß. Ein schicker Modus, der dem Spiel eine optische Klasse verleiht, die man in den restlichen Abschnitten etwas vermisst. Wieso also nicht im normalen Gameplay nutzen? Ash: „Wir haben es ausprobiert, aber sowohl technologisch als auch spielerisch hat es einfach nicht funktioniert. Rubi wurde zu stark und die Akrobatik trat zu sehr in den Hintergrund.“
Soviel zum eigentlichen Gameplay. Mit erspielten Kombo-Punkten lassen sich zwischen den Levels neue Moves kaufen und Eure Waffen upgraden. Neben den Standard-Schießeisen warten noch abgesägte Schrotflinten und Doppel-Maschinenpistolen auf Euch. Die Story wird sich im bekannten Rahmen von 8-10 Stunden bewegen.
Außerdem gibt es spezielle Arena-Modi, in dem Ihr Eure Kombofähigkeiten und Akrobatik-Nummern ausprobieren könnt. Auch das Schlupfloch von Rubi, ein alter Flugzeugfriedhof, wird hier als Spielplatz herhalten und dem Spiel nach dem Finale einen gewissen Wiederspielwert verleihen. Ein Multiplayermodus findet sich übrigens nicht ein. „Wir wollen uns ganz auf den Singleplayer konzentrieren“, betont Ash.
Ich bin verliebt. Rubi ist einfach eine coole Sau. Wenn sie saufend, ballernd und schnetzelnd durch die Level gleitet, sind kleine Grafikmängel und die sich wiederholenden Spielelemente schnell vergessen. Trotzdem sollte Artificial Mind & Movement noch eine dicke Schippe drauf legen. Gerade technisch ist deutlich mehr drin und Klongegner sollten bei der Vollversion der Vergangenheit angehören.
Ebenso könnte die Steuerung dem an sich viel versprechenden Titel noch das Genick brechen. Bevor ich also nicht selbst in die Haut von Rubi schlüpfen darf, wage ich hier keine finale Einschätzung. Wenn alles gut geht, können sich Fans von Max Payne, Stranglehold und Co. auf einen wilden Herbst freuen. Mit Max Payne 3 steht zwar nach aller Wahrscheinlichkeit harte Konkurrenz vor der Tür, doch die belebt ja bekanntlich das Geschäft.
WET erscheint im Herbst 2009 für Xbox 360 und PS3.




