Harry Potter und der Orden des Phönix

Review
Plattform
PS3
Vertrieb
Electronic Arts
Entwickler
Electronic Arts

Gesamtwertung

7/10

PS3: Harry Potter und der Orden des Phönix

Kennt Ihr den schon? Auf einem Luxusliner tritt jeden Abend nach dem Dinner ein Zauberer auf. Ein Meister seines Fachs. Er hat nur ein Handicap, seinen Papagei. Dieser blöde Vogel verrät jeden Trick im Voraus. "Die Karte ist in der linken Jackentasche! - Das Tuch ist im Ärmel! - Das Kaninchen war schon vorher im Hut!" so krächzend verdirbt der Vogel jeden Abend des Zauberers. Eines Abends kommt die große Katastrophe, das Schiff sinkt. Der Zauberer kann sich an einen treibenden Balken klammern, der Papagei sitzt auf seiner Schulter. So treiben sie beide sechs Tage durchs Meer, keiner spricht ein Wort. Am Ende des siebten Tages schüttelt sich der Papagei kräftig und meldet sich zu Wort: "Also gut, ich geb's auf. Wo ist das Schiff?" Ok, der Witz passt zwar nicht so ganz zu Harry Potters neuem Videospiel-Auftritt und ist auch dreist kopiert, aber dafür lustiger als das für Filmumsetzungen übliche Gesülze, gelle?

So, damit hätten wir dann auch den Artikeleinstieg hinter uns gebracht und können uns nun dem Spiel widmen. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Harry Potter und der Orden des Phönix ist überraschend unterhaltsam ausgefallen. Es ist natürlich wie seine Vorgänger immer noch ein Titel, der sich vorrangig an die etwas jüngere Konsumentengruppe richtet. Allzu viel Anspruch dürft Ihr demnach nicht erwarten. Im Gegensatz zu sonstigen Vertretern der Zelluloid-Versoftungen gewinnt man aber nicht den Eindruck, dass hier die „schnelle Geldmacherei“ Pate stand. Vielmehr scheint es so, als hätten sich die Entwickler einige Gedanken gemacht, wie sie dem nun mehr fünften Teil der „Gute Zauberer gegen böse Zauberer“-Opera zu mehr Substanz verhelfen können. Und somit auch rüstigeren Hasen zugänglicher machen.

In erster Linie durch eine große, optisch ansprechende und nahezu frei begehbare Spielwelt, in der es an allen Ecken und Enden etwas zu erforschen gibt. Sei es in Hogwarts selbst mit seinen unzähligen Gängen und Räumen über sieben Stockwerke verteilt, im anliegenden Wald, in dem Hagrid und das eine oder andere Fabelwesen haust, oder in der Bootshütte am See – überall warten kleine Geheimnisse, die Euch nach entsprechend absolvierter Magie mit schwebenden, blauen Kugeln belohnen und so genannte Entdeckerpunkte gutschreiben.

Hier bearbeitet Ihr die Toilettentüren im Badezimmer der maulenden Myrte in einer bestimmten Reihenfolge mit den Sprüchen Accio (zu Euch ziehen) und Depulso (fortstoßen). Dort wirbelt Ihr mittels Wingardium Leviosa Steinbänke durch die Luft und platziert sie auf den zugehörigen Markierungen. Und im nächsten der insgesamt 40 Schauplätze flickt Ihr mitunter beschädigte Statuen und eingebrochene Treppenabsätze via Reparo zusammen oder entzündet Fackeln, Heizöfen und Lampen per Incendio. Klingt auf dem Papier vielleicht nicht sonderlich prickelnd, ist aber zum einen nur ein Bruchteil der möglichen Spielereien. Und zum anderen beschert es einiges an Experimentierfreude, da man ab und an austüfteln muss, was die letzten Prozente zu einem „100% erkundet“ bringen könnten. Pfuschköpfe dürfen sich übrigens auf Knopfdruck mit der Entdeckeransicht behelfen. Dann blinkt alles auf, was Harry mit seinem Stab traktieren kann.

Hamstert Ihr alsbald genügend Punkte auf Eurem Konto an, steigt der Bursche ein Level auf und die im Repertoire befindlichen Zaubersprüche (mit dem weiteren Verlauf kommen immer mehr dazu) erfahren eine Stärkung, Zusätzlich schalten sich diverse Gimmicks im Raum der Belohnungen frei. Beispielsweise Interviews mit den Hauptdarstellern, etwaiges Bildmaterial und kleinere Filmchen, die Hintergründe zur Inszenierung und Synchronisation beleuchten.

Und wo wir gerade bei Belohnungen sind: Für so manches „Gelingen“ winkt obendrein ein witzig animierter Pokal. Etwa ein explodierender Kelch, wenn Ihr Euch zum Knallpoker-Champion mausert (eines von drei Mini-Spielen in verschiedenen Varianten und Schwierigkeitsgraden). Oder eine fliegende Trophäe, sobald Ihr sämtliche Vogelarten um und auch an Hogwarts findet. Zuweilen verbergen sich die Flatterviecher auf höher gelegenen Mauervorsprüngen respektive unterhalb einer Brücke – Ihr dürft also ein paar Kletterpartien einlegen.

Davon abgesehen kommt Harry Potter und der Orden des Phönix mit einen ganzen Schwung an Haupt- und Nebenmissionen daher, die sich mal mehr, mal minder an der recht dünn beseelten Storyline entlang hangeln. Bis auf eine Handvoll Schlüsselsequenzen – der Angriff der Dementoren, das aufkommende Problem mit Professor Umbridge, Dumbledores Kampf gegen Voldemort (hier übernehmt Ihr die Kontrolle des alten Zauberers), etc. - ist der Verlauf nämlich weitgehend nichtlinearer Natur und verhält sich mehr wie ein eigenständiges Spiel, denn eine richtige Filmumsetzung. Kann man kritisieren, kann man aber auch loben. Schließlich schmälert man so nicht die Vorfreude auf das Kinospektakel.

Der überwiegende Teil der Aufgaben bedient sich dabei aus dem obligatorischen „Hole, Bringe, Suche“-Topf. Folglich seid Ihr über lange Strecken damit beschäftigt, von einem Trakt in den nächsten zu flitzen, um Person A eine Botschaft von Person B zu übermitteln oder diverse Gegenstände aufzuspüren. Zum Beispiel verschiedene Kräuter im Außenbereich, die Ihr für eine Hausarbeit von Professor Snape benötigt, welche nach Abgabe wiederum ausführliche Trainingsstunden für die anstehende Prüfung eröffnet.

Gelegentlich mischen sich zudem Umbridges nervige Helfer – ihres Zeichens Schüler des Hauses Syltherin - ins Spielgeschehen ein und wollen Euch eine Lehre erteilen. In den kurzen Kampfeinlagen stellt Ihr dann die erlernten Angriffs- und Verteidungskünste unter Beweis und schüttelt Expelliarmus, Protego, Rectosempra und Petrificus Totalis aus dem Stäbchen. Getreu dem allgemeinen Anspruch keine echte Herausforderung - zumal Euch Ron und Hermine tatkräftig zur Seite stehen -, für eine Abwechslung zwischendurch jedoch ganz nett.

Nebenbei erwähnt: Solltet Ihr Euch bei der Hatz durch Hogwarts einmal verlaufen, oder der Standort einer Person, eines Raumes oder eines Platzes ist Eurem Gedächtnis entfallen, genügt ein Klick auf die Karte des Herumtreibers und Fußstapfen weisen in die Richtung. Falls Ihr über diverse Passwörter der sprechenden Wandgemälde verfügt, hinter denen sich Geheimgänge verbergen, zeichnen die Tappser sogar den kürzesten Weg auf den Boden. Zumindest sofern die Kameraperspektive nicht ihre sporadischen Tücken an den Tag legt (man blickt kurzerhand in eine Mauer) oder die beiden Begleiter dumm im Gang herum stehen und Euer Voranschreiten behindern.

Bevor Ihr Euch mit all dem spaßigen Beiwerk und den eher trivialen Missionen vergnügen dürft, ziehen allerdings zunächst zwanzig langweilige Minuten ins Land, die Euch in Form eines Tutorials die grundlegenden Handgriffe näher bringen. Analogstick links (Expecto Patronum)- oder rechtsherum (Reparo) rotieren, mehrmals nach oben (Depulso) respektive unten (Accio) drücken und einmal rechts, einmal links bewegen (Wingardium Leviosa). Später gesellen sich wie bereits angedeutet weitere Zauber hinzu, die – bis auf einige, wenige Ausnahmen – die selbe Mechanik nutzen. Wann Ihr welche einsetzt, richtet sich nach der jeweiligen Situation.

An für sich sind die Magieanwendungen ein kinderleichtes Unterfangen, gäbe es nicht ein klitzekleines Problem. Stellenweise agiert die Zauberei nicht so wie angedacht und folgt ihren eigenen Regeln. Selbst nach vier, fünf Spielstunden und allerlei Übung kann es somit passieren, dass Ihr ein Objekt in die Luft erheben wollt, plötzlich aber einen gänzlich anderen Spruch aus dem Joypad leiert. Meist ist das kaum der Rede wert. Bei der Prüfung des guten, alten Flittwick, dem Lehrer für Zauberkunst, sorgt solch ein Patzer hingegen für eine Portion Frust, da es zu einem mittelmäßigen O.W.L.-Ergebnis führen kann und Euch demnach die Chance auf einen neuen Pokal verwehrt. Den gibt es nämlich nur für ein „Outstanding“ in allen Prüfungen.

Von einer Steuerung mittels Bewegungssensoren des Sixaxis-Controllers solltet Ihr im Übrigen komplett Abstand nehmen. Weiß der Geier warum, aber irgendwas ist mächtig schief gelaufen. Kurz: Ihr könnt neigen und kippen bis Euch die Arme abfallen, einen Zauberspruch bekommt Ihr dennoch nur in seltenen Fällen zustande. Ganz zu schweigen davon, wie unrealistisch es sich anfühlt, mit dem Joypad einen Zauberstab nachzuahmen.

Hinsichtlich der optischen Gestaltung gibt es wenig zu bemängeln. Hogwarts und Umgebung sind detailreich ausgeschmückt, wirken durch die satte Zahl der herum wuselnden Schüler äußerst lebendig und lassen aufgrund etlicher Effekte (Haus-Zeichen erheben sich aus der Wiese, Feuerspeier an den Mauerstücken) jedem Harry Potter-Fan das Herz aufgehen. Es reicht zwar noch nicht ganz zum Next Gen-Status und hier und da schleichen sich Ruckler ein, der Spielatmosphäre tut das jedoch keinen Abbruch. Lediglich die eingescannten Gesichter muten etwas merkwürdig an. Bewegen sich die Lippen noch synchron zum Redeschwall, neigen die Augen zu leblosem Starren. Harry im Zombieland sozusagen.

Alles in allem ist Harry Potter und der Orden des Phönix ein vergnüglicher Feierabendspaß. Ja, es haften dem Titel einige Fehler an, die man hätte vermeiden können. Und ja, der Anspruch hält sich durchaus in Grenzen, selbst im höchsten der drei Schwierigkeitsgrade. Statt sich nach einem harten Arbeitstag aber mit fordernden Missionen, komplizierten Menüs und saftiger Hektik den Puls hoch zu treiben, kann man sich hier gemütlich auf die Couch legen und den Abend mit fröhlichen Erkundungstouren in Ruhe ausklingen lassen. Und so etwas ist doch auch mal ganz angenehm.

Harry Potter und der Orden des Phönix ist auf allen gängigen Systemen erhältlich.

 

 

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