MadWorld

Preview
Vertrieb
SEGA Europe
Entwickler
PlatinumGames
Genre
Abenteuer
WII: MadWorld

WII: MadWorld

Die Diskussion um Gewalt in Videospielen ist ein leidiges Thema, das im Prinzip die Horrorfilm-Debatte aus den Sechzigern wiederholt. Welchen Einfluss haben Filme und Spiele mit gewalttätigen Inhalten auf das komplexe Zusammenspiel von Es (Triebe), Ich (Bewusstsein) und Über-Ich (Moral)? Die Wissenschaft ist sich uneinig. Manche Forscher sehen in virtueller Gewalt eine katharsische Handlung, die ähnlich wie Sport von unbewussten Aggressionen befreit.

Die Medienforscher Craig Anderson und Karen Dill beschreiben dagegen in ihrem General-Affective-Modell, dass brutale Bilder unsere Handlungen beeinflussen können. Ein Pfadfinder wird dadurch nicht zum Mörder, aber ein labiler Geist kann einen Stoß in die falsche Richtung erhalten und Gewalt als Problemlösung begreifen.

Einen solchen Impuls soll laut Jugendschützern MadWorld auslösen. Der Titel wird gerade in England heftig diskutiert. Ein Killerspiel auf der Wii? Unglaublich. Das Spiel sprüht nur so vor kranken Einfällen und würde ohne Comic-Grafik jede Skala an Geschmackslosigkeit sprengen. Aber genau die ist es, die in Kombination mit den überzeichneten Charakteren und der wilden Story die Brutalität bricht und daraus ein sarkastisches Selbstbild der Unterhaltungsbranche macht. Wie im guten alten Running Man werden die niederen Instinkte der Zuschauer ausgelotet und der Voyeurismus angeprangert.

Trotzdem löste der Titel bei der Vorführung unterschiedliche Reaktionen aus. Einem Kollegen war es einfach zu viel. Für ihn persönlich überschreitet der Titel trotz der Überspitzung die Grenze zum guten Geschmack.

Ich dagegen musste meistens nur lachen. Die zum größten Teil unrealistischen Aktionen waren für mich weniger verstörend als die berühmt berüchtigten Messerstechereien bei Riddick. Ein Spiel für Erwachsene? Sicher. Unzumutbar? Ganz sicher nicht.

Wie es sich für eine echte Blutorgie gehört, ist die Geschichte in zwei Sätzen erzählt. Hauptdarsteller Jack, ein Mechaniker mit einem Kettensägenarm, muss sich durch eine TV-Show namens „Death Watch“ kämpfen, die von der Terroristengruppe „The Organizers“ veranstaltet wird. Sein Ziel: Alle Gegner töten und 100 Millionen Dollar absahnen. Punkt. Ähnlich komplex ist auch das Gameplay: Ihr müsst Euch besonders kreativ durch Horden von Kontrahenten metzeln, genug Punkte sammeln, um den Weg freizumachen und am Ende jedes Levels einen dicken Boss besiegen. Eigentlich primitiv, ergeben sich die Feinheiten aus dem Wie, Wo und vor allem Was.

Bewegt wird der coole Hühne mit dem Nunchuck. Angriffe mit der Kettensäge erfolgen durch die Kombination aus Knopfdruck und Wiimote-Bewegung. So schnetzelt man sich anfangs durch die Punk-artigen Schläger und zerteilt sie mit rot leuchtenden Blutfontänen, die in der sonst schwarz-weissen Umgebung wie Leuchtfeuer herausstechen.

Mit der Zeit wird das normale Gemetzel aber öde. Außerdem erreicht Ihr durch einfache Attacken nicht genug Punkte, um die Zuschauer glücklich zu machen und so bis zum Endgegner vorgelassen zu werden. Deshalb müsst Ihr die Umgebung mit einbeziehen, um das simple Abschlachten in einen durchchoreographierten Amoklauf zu verwandeln.

Ein wichtiges Schlüsselelement ist hierbei das Greifen der Gegner. Habt Ihr einen Bösewicht am Kragen gepackt, könnt Ihr Spezialattacken auslösen, um ihm zum Beispiel das Rückrad zu brechen oder durch die Gegend zu werfen. Metallspitzen, messerscharfe Ventilatoren, scharfkantige Mülltonnen und diverse Waffen verwandeln das Geschehen in die kranke Phantasie eines Massenmörders. Richtig viele Punkte erhaltet Ihr aber erst durch Kombos, die ein Schlüsselelement des Gameplays darstellen.

So jagt Ihr Eurem Gegenüber ein Verkehrsschild durch den Schädel, stülpt ihm hinterher einen Reifen über, um ihn abschließend in ein brennendes Fass zu stopfen. Spätestens, wenn Ihr dann einem Schläger zum ersten Mal gegen eine fahrende U-Bahn schleudert, ihm anschließend den Kopf abreißt und ihn dann mit seinem Hintern auf eine Metallspitze im Boden rammt, müsst Ihr entweder kotzen oder herzhaft lachen.

Mit genug Punkten werden immer brutalere Waffen freigeschaltet. Jack greift sich Schwerter, Baseballschläger mit Stacheldraht und Vorschlaghämmer, jagt Trompeten in Ohren, um das Blut herausspritzen zu sehen, oder reißt Herzen heraus. Habt Ihr Eure ersten Ziele erreicht, trefft Ihr auf die Mini-Games. Ihr müsst Gräben mit Gegnern füllen, die anschließend von einem Nagelbrett zermatscht werden, schleudert sie in Flugzeugturbinen oder spielt Man-Darts. Bei dieser lustigen Variante versucht Ihr auf einer gewaltigen Scheibe an der richtigen Stelle Blutflecken zu hinterlassen. Ein Baseballschläger, ein Opfer und ein kräftiger Schlag genügen, um volle Punktzahl zu erreichen.

Den Höhepunkt eines Levels markieren aber die Endgegner. Jeder verlangt Euch eine andere Taktik ab und besitzt unterschiedliche Spezialangriffe. Der erste Boss besitzt gewaltige Bohrarme, die Euch in sekundenschnelle zermalmen können. Außerdem löst er Wirbelstürme aus, denen Ihr ausweichen müsst. Verwundbar wird er erst, wenn Ihr ihm auf den Rücken springt und seine verwundbare Stelle bearbeitet. Der zweite Endboss sieht dagegen wie ein menschlicher Koopa aus.

Das schwabbelige Etwas hat sich einen Schild mit Stacheln auf den Rücken geklemmt und spielt bei seinen Angriffen Metroid. Er rollt sich zusammen, beschleunigt und versucht Euch mit den Stacheln aufzuspießen. Die richtige Taktik: Hinter einem Gegenstand Deckung suchen, warten bis die Kugel abprallt und dem benommenen Gegner dann die Kettensäge ins Kreuz jagen. Ein paar Kombos später ist er Geschichte und es gibt skurrile Zwischensequenzen zu bestaunen, in denen Frauen in Domina-Kostümen Eure Kontrahenten auspeitschen oder selbst bestraft werden.

Zur Abwechslung dürft Ihr Euch später auf ein Motorrad schwingen und Eure Opfer praktisch im Vorbeifahren erledigen. Trotzdem nutzt sich das Spielgeschehen nach einer Weile etwas ab.

Nur wer sich auf Punktjagd begibt und wirklich alle Mordinstrumente ausnutzt, wird sich länger als ein bis zwei Stunden am Stück mit dem Titel beschäftigen. Über weite Strecken erinnert der Titel dabei an The Club von Bizzare Creations, allerdings verbreiten die kleinen Story-Fetzen, die ungewöhnliche Grafik und die Endgegner deutlich mehr Atmosphäre.

Jack prügelt sich so von Level zu Level, kämpft sich durch U-Bahn-Stationen, eine japanische Altstadt und einen heruntergekommenen Hafen. Die ressourcenschonende Comic-Grafik ermöglicht dabei beeindruckende Szenarien, die alles aus der Wii herausholen. Die Figuren wirken extrem detailliert, die Effekte stimmig und das Spielgeschehen relativ flüssig. Die deftigen One-Liner, satte Soundeffekte und skurrilen Ideen unterstreichen dabei die Exklusivität des Titels, der sich weitab des oft lächerlichen Casual-Mülls bewegt. Selbst ein Multiplayer-Modus wurde angekündigt, in dem man die Mini-Games angeblich gemeinsam bestreiten darf. Weitere Informationen dazu folgen.

Auch wenn ich ernsthaft am Geisteszustand der Entwickler zweifle, lässt sich über Geschmack bekanntlich nicht streiten. Während also zartbesaiteten Naturen bei dem dargebotenen Blutbad die Galle hochkommt, werden sich Fans von Splatter-Orgien an einer wirklich scharf gezeichneten Satire erfreuen.

Manchmal bleibt einem zwar das Lachen im Halse stecken, doch dank realitätsfremder Darstellung und skurrilem Szenario schlägt das Geschehen nicht allzu sehr auf den Magen. Etwas mehr Sorgen macht da das Gameplay, auch wenn sich die Japaner alle Mühe geben, die abgedrehte Gewaltorgie so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten.

Selbst mit neuem Equipment, frischer Umgebung und aufgemotzten Gegnern nutzt sich das Morden nach einer Weile einfach ab. Zum Glück liefern die wirklich hervorragend designten Endgegner und die witzigen Mini-Spiele genau die richtige Portion Ablenkung, um das Gameplay nicht ganz in Blut und Eingeweiden zu ertränken. Sein ganzes Potential entfaltet MadWorld aber erst, wenn Ihr einen Highscore anstrebt, dazu die Karten auswendig lernt und die perfekte Lösungsstrategie für den jeweiligen Level sucht. Dann verwandelt sich das kranke Gemetzel in eine Art Geometry Wars 3D. Mutig beziehungsweise verrückt, genau solch einen Titel exklusiv für die Familienkonsole Wii zu veröffentlichen.

MadWorld erscheint im März in den USA exklusiv für die Wii. In Deutschland wird Sega das Spiel gar nicht erst veröffentlichen, ein Termin für Europa steht noch aus.

 

 

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