Gesamtwertung8/10 |
Die TDN Krosus ist am Ende. Enorme Schadenswellen zerreißen ihre Außenhülle. Ein feindlicher Kreuzer löst seine gewaltige Gauss-Kanone der Stufe 3 aus und vernichtet den Reaktor. Explosion um Explosion lässt das gigantische Schiff erbeben. Eine letzte Salve verlässt das Hauptgeschütz, dann zerspringt der Metall-Koloss in Tausend Stücke.
Der Widerstand der Trade Coalition ist gebrochen, der Planet Halitherses befreit. Ein großer Sieg für die Vasari, aber der Krieg geht weiter. Nur eine Drehung am Mausrad entfernt, lauert die nächste Aufgabe.
Die majestätischen Schlachtschiffe werden immer kleiner, verwandeln sich in Symbole und geben die Sicht auf die Planeten frei. Gerade noch mitten im Gefecht, rückt nun das gesamte Imperium ins Blickfeld. Eine Kette von Planeten umkreist eine blaue Sonne. Zarte Warp-Linien werden durch die Schwerkraftfelder der Masseobjekte unterbrochen.
Erforschung, Ausbreitung, Ausbeutung und Auslöschung sind Teil dieser Oasen der Langsamkeit. Es sind die wichtigsten Gameplay-Elemente von Sins of a Solar Empire und machen es damit zu einem der ungewöhnlichsten Vertreter des 4X-Genres (eXplore, eXpand, eXploit, eXterminate).
Hier gibt es keine Pause-Taste, keine gemütlichen Runden oder vorberechenbaren Ankunftszeiten. Hier geschieht alles gleichzeitig, in Echtzeit. Schlachten, Resourcen-Ausbeutung, Forschung und die Erschaffung von bewohnbaren Welten verwandeln sich in einen Wettlauf der Kulturen, einen Kampf um die Vorherrschaft, um die Vertreibung aus dem Paradies. Entwickler Stardock befördert damit das ehrwürdige Genre in die nächste Evolutionsstufe und kreuzt so den Quasi-Vorgänger Galactic Civilizations II mit der Echtzeitstrategie eines Homeworld – ohne aber den Schritt in die echte Dreidimensionalität zu wagen.
Die Geschichte hinter diesem epischen Konflikt ist so einfach, wie austauschbar. Drei Fraktionen wollen sich ein Sternensystem einverleiben und kämpfen mit allen Mitteln um die Vorherrschaft. Eskaliert ist der Streit durch das Auftauchen der Advent, einem mächtigen Maschinenvolk, das durch ein Forschungsschiff der Vasari auf die Sonne und ihre wertvollen Planeten aufmerksam wurde.
Nun müssen die Parteien mit militärischer Macht, diplomatischem Geschick, ökonomischem Talent oder durch kulturellen Einfluss die anderen Invasoren aufhalten, vernichten oder überzeugen. Es gibt keine Kampagne, keine festgelegte Karte oder große Zwischensequenzen, jede Partie ist eine epische Auseinandersetzung, die durch Zufallskarten bei jedem Durchgang komplett anders verläuft. Es gibt kein durch choreographiertes Gameplay mit einem perfekt durchgeplanten Spannungsbogen. Stattdessen zu Beginn lange Wartezeiten und am Ende der Zwang zum ultimativem Multitasking.
Fünf, zehn, zwanzig Planeten tummeln sich in dem komplexen Reitersystem an der linken Seite. Nur mit diesem Tool, das ein wenig an jenes von Paraworld erinnert, lässt sich der Überblick behalten. Flottenmanagment, Verteidigung, Handel und Forschung werden dadurch in dieser Dimension in Echtzeit erst möglich. Trotzdem gibt es immer wieder Momente, in denen Ihr hilflos überlastet seid.
Hektisch von einem Planeten zum nächsten zoomt, ohne dass Sins of a Solar Empire taktisch die Tiefe seiner Rundenstrategievorbilder erreicht. Die Herausforderung ist weniger die Komplexität des Technologiebaums, das Wissen über die Besonderheiten des eigenen Volkes oder die strategischen Möglichkeiten der Gefechte, sondern die Bewältigung dieser Aufgaben in Echtzeit.
Die Keimzelle Eures späteren Imperiums ist größtenteils ein einzelner, besiedelter Planet, eine Fregattenfabrik und ein Konstruktionsschiff. Brav dem Credo der 4X-Spiele folgend, beginnt Ihr zuerst das System zu erkunden, den Planeten auszubauen und die Forschung anzuwerfen.
Mit dem ersten Schlachtschiff erfolgt dann nach ca. 20 langen Minuten der aktive Teil des Spiels. Endlich könnt Ihr Euch in ein Nachbarsystem wagen, die dort ansässigen Piraten vernichten und eine Kolonie gründen – gegen Menschen gibt es andere, bessere Taktiken.
Statt nebenbei im Internet zu surfen, müsst Ihr nun ständig auf der Hut sein. Feindliche Völker und starke Piratenverbände drohen Eure ungeschützten Siedlungen zu verwüsten. Ihr müsst also Eure Forschung auf Hochtouren bringen, Verteidigungsplattformen etablieren und Rohstoffe sammeln.
Mit jeder Spielminute wächst die Komplexität und die Anforderung an den Spieler. Besonders in der Expansionsphase müsst Ihr oft an vielen Stellen gleichzeitig sein. Das Piratensystem soll vernichtet, Artefakte gefunden und Superwaffen erforscht werden. Alternativ zu der Vernichtung des Gegners können mit Hilfe spezieller Sender und viel Geduld ganze Planeten umgedreht werden.
Bei größeren Partien mit mehreren Parteien spielt die Diplomatie eine deutlich stärkere Rolle als im schlichten 1 on 1. Wer hier nicht geschickt agiert, wird von Gegnern in die Zange genommen und schnell zu Hackfleisch verarbeitet. Leider erreicht diese Funktion nicht die Tiefe eines Civilization oder vergleichbarer Titel.
Eine Prise Rollenspiel bekommt der Titel mit den Hauptkampfschiffen verpasst. Diese gewaltigen Schlachtschiffe besitzen nämlich nicht nur mächtige Waffen und dicke Schilde, sondern auch Spezialfähigkeiten, die mit steigendem Level immer mächtiger werden.
Je nach Ausrichtung des Schiffes sind dies mächtige Kanonen, schnell regenerierende Schilde oder Alarm-Jäger, die sich wie ein Rudel Wölfe auf die Gegner stürzen. In Kombination mit den erforschbaren Upgrades können diese Schiffe ihre Feuerkraft leicht vervierfachen. Es ist also sinnvoll, sie stets am Leben zu erhalten und sie im Notfall auch aus dem Kampf zurück zu ziehen.
Wie es sich für ein solches Spiel gehört, solltet Ihr bei den Kämpfen nicht allein auf die Großkampfschiffe setzen. Kleine Fregatten und Korvetten können mit Jägerunterstützung selbst den größten Pott in die Knie zwingen. Außerdem wird nur in den Gravitationsfeldern der Planeten, Asteroiden und Monde gekämpft.
Dazwischen bewegen sich die Schiffe überlichtschnell, was oft zu einem sehr taktischen, manchmal aber auch sehr anstregenden Katz und Maus-Spiel führt. Gerade die Künstliche Intelligenz kann sehr genau abschätzen, ob sie gegen die feindliche Flotte eine Chance hat. Scheint sie unterlegen, zieht sie sich sofort wieder zurück, was in einer ausufernden Verfolgungsjagd durch das System enden kann.
Leider weiß die KI - im Gegensatz zu menschlichen Gegenspielern - nicht, wann sie komplett aufgeben soll. Erst wenn das letzte System vernichtet wurde, könnt Ihr einen Sieg feiern und eine entsprechende Auszeichnung einstreichen. Der Einzelspieler-Modus wird so zu einem zähen Ringen, das sich selbst auf der hohen Spielgeschwindigkeit für Stunden hinziehen kann. Immerhin hat es Stardock in einem ersten Patch ermöglicht, auch Ingame die Geschwindigkeit zu erhöhen.
Ihr könnt aber damit rechnen, dass Stardock noch weitere Verbesserungen vornimmt. Bereits angekündigt sind zusätzliche Rassen und ein Update der KI, um das Endgame abzukürzen. Die frischen Fraktionen sind dabei auch dringend notwendig. Schließlich ist die beschränkte Auswahl von gerade mal drei sehr ähnlichen Fraktionen momentan einer der Hauptkritikpunkte.
Während bei Masters of Orion schon die Rassenwahl eine gut überlegte Strategie benötigte, müsst Ihr bei Sins of Solar Empire nur forschen, was die Forschungseinrichtungen hergeben. Technologien verpassen könnt Ihr nicht. Außerdem sind die Ergebnisse nicht unter den Spielern tauschbar, was die Diplomatie weiter abschwächt.
Trotz des anspruchsvollen Mikromanagment spielt sich Sins of a Solar Empire rein strategisch also deutlich einfacher als andere 4X-Titel. Mit der Zeit bleiben zu wenig Optionen übrig. Versteckte Artefakte und besondere Szenarios können diesen Umstand nur bedingt ausgleichen.
Andererseits sorgt ein sonst recht umfangreiches Zusatzprogramm mit allen Schikanen, wie Replays, Zufallskarten, Dutzenden Modifikationen und dem bereits erwähnten, äußerst gelungenen Mehrspieler für genug Spielspaß, um den Titel für eine Weile zur ersten Wahl zu machen.
Obligatorisch kann man noch erwähnen, dass die Grafik recht solide ist, aber nicht mal ansatzweise mit einem inzwischen schon 4 Jahre alten Homeworld 2 mithalten kann. Der Titel lebt mehr von seinem spielerischen Möglichkeiten und einer wirklich gelungenen Musikuntermalung. Freunde des Genres sind aber vermutlich weitaus schlimmeres gewöhnt und werden von Sins of a Solar Empire eher positiv überrascht sein.
Im ersten Moment dachte ich wirklich, ein Traum geht in Erfüllung: Die Spieltiefe eines Masters of Orion kombiniert mit den Echtzeitschlachten eines Homeworld könnte mich für Wochen, wenn nicht gar Monate vor den Monitor bannen. Für das ganz große Feuerwerk hat es dann allerdings doch nicht gereicht. Zu schnell hatte ich alle Technologien frei gespielt und die einzelnen Rassen gemeistert. Sins of a Solar Empire bietet auf der einen Seite durchaus jede Menge Spiel fürs Geld, ist auf der anderen Seite aber für ein 4X-Game momentan noch etwas zu schmalbrüstig.
Dennoch: Dank der wirklich umfangreichen Neuerungen und dem prächtigen Mehspieler avanciert der Sündenfall eines Sternensystems zu einem Strategiespiel, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Bislang widmete ich dem Titel bereits 30 volle Stunden, mit etwas Finetuning und zusätzlichen Rassen werde ich dieses Kleinod mit Freude noch einmal herauskramen.
Im jetzigen Zustand ist es zwar "nur" eine Kombination von mehreren, sehr guten Elementen und erreicht in keinem Bereich die absolute Spitzenklasse, doch Stardock hat schon bei Galactic Civilization II bewiesen, wie sie einen Titel nach dem Release noch einmal kräftig aufgemöbeln.
Gebt dem Spiel also eine Chance (Ihr könnt das Spiel direkt über die Website kaufen), der Entwickler hat Eure Unterstützung redlich verdient.
Für Europa gibt es noch keinen Publisher. Ihr könnt Euch den Titel also entweder über den Import-Handel oder direkt von der Webseite (store.stardock.com)besorgen.
Sins of a Solar Empire im Test.
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