Tom Clancy's HAWX

Review
Plattform
PS3
Genre
Kampf
PS3: Tom Clancy's H.A.W.X.

Gesamtwertung

7/10

PS3: Tom Clancy's H.A.W.X.

Es hätte realistisch werden können. Der Gedanke frei käuflicher und börsennotierter Söldnerkonzerne, die ganzen Staaten bei der Bewältigung immer komplexerer Verteidigungs-Fragen unter die Arme greifen und zu diesem Zweck Armeen aufbauen, die es mit allem aufnehmen können, was sonst in der Welt von Militärbudgets gestützt wird, ist nicht abwegig. Der Schritt vom Blackwater unserer Tage zu einem Konzern, der komplette Joint Forces Programme im Produkt-Angebot hat, Flugzeugträger und Panzerheere inklusive, ist wohl kein zu weiter.

Und zu Beginn funktioniert dieser Gedanke auch in Tom Clancy´s H.A.W.X. ganz gut. Ihr fliegt 2015 um die Welt, ein neuer Tag, ein neuer Vertrag, und bombt nicht im Namen des Vaterlandes, sondern des Börsenwertes. Und irgendwo in der Mitte der Kampagne packt die Glaubwürdigkeit ihre Sachen, winkt zum Abschluss und geht nach Hause. Von einem Moment auf den anderen geht es nicht mehr um ein reales Bedrohungsszenario, sondern um den irren Superbösewicht mit der Atombombe. Und mit jeder Mission sinkt das Interesse an dem teuer eingekauften Clancy-Plot.

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass die fehlgeleitete Handlung das einzige sei, was mit der Kampagne nicht stimmt, nur leider beginnen die Probleme erst hier. Gerade mal 19 Missionen, die letzte kaum mehr als eine fünfminütige Fingerübung, reichen für etwa sechs Stunden Spielzeit, die zudem noch denkbar lieblos hingeklatscht wurde. Etwa ein halbes Dutzend der Aufträge bietet mehr als „fliegt los und ballert auf alles, was kommt“. Zwischen Radarfelder manövrieren, die Stationen finden und so den Weg für Bomber ebnen ist gut, 30 Flugzeuge über einer belanglosen Karte abballern weniger. Bei Nacht in einer F-117 durch einen engen Flugkorridor wild eine Million SAM-Raketen auszumanövrieren, dürfte der definierende Moment von H.A.W.X. sein, den ich nie vergessen werde. An die beiden Missionen davor und danach kann ich mich kaum erinnern.

Es gibt die wirklich guten Ideen für spannende Aufträge, manche überzeugen durch Spannung im Detail, andere durch die schlichte Faszination der Größe der Kämpfe. 20 Schiffe, 30 Flugzeuge, 40 Panzer und Tausend Explosionen versetzen in den gewünschten Kampfrausch. Nur wurde jede gute Idee lediglich einmal genutzt, danach vergessen und statt sie einfach noch einmal ein wenig abzuwandeln, durch Einfallslosigkeit ersetzt.

Weiter an der Atmosphäre knabbert die unmotivierte Erzählung der reaktionären Pulp-Handlung. Ein aus jedem Kontext gerissenes Filmchen führt Euch ganz zu Beginn ein. Zwischen den Missionen reduziert es sich dann auf ein kurzes Briefing, in dem Euch von immer den gleichen zwei Typen erzählt wird, wie genau die Welt sich gerade umkrempelt. Direkt zu sehen bekommt Ihr davon nichts und angesichts der weltbewegenden Ereignisse entlässt Euch das Ende, das übrigens der Einfachheit halber auf jede Art von Abspann verzichtet, zutiefst unbefriedigt zurück ins Hauptmenü.

Wenigstens gibt es die Möglichkeit, alle Missionen auch online mit Freunden – oder Fremden – zu absolvieren, was den Wiederspielwert ein wenig erhöht. Genau die gleichen Ziele und Feinde warten zwar wie zuvor auch, nur mit gezielter zu koordinierenden Angriffen und Wingman-Aktionen macht es doch mehr Laune, als mit der zwar nicht schlechten, aber kaum steuerbaren KI. Ganze zwei Befehle habt Ihr im Programm: Angriff und Verteidigung. Das war es, keine Möglichkeit zu sagen, dass das zu beschützende Objekt zu verteidigen ist, keine Details, welches Ziel genau angegangen werden soll. Da boten selbst FluSis aus den frühen 90ern schon weit mehr.

Diese warteten auch mit weit mehr Realität bei der Umsetzung der vielen Details eines Flugzeugs auf. Kurz vor dem Test unterhielt ich mich noch mit Flugzeugnerd Kristian, der unbedingt das Spiel auf die naturgetreue Umsetzung der Flugzeuge abklopfen wollte. Es wäre vergebene Liebesmühe gewesen. Die Masse der verschiedenen Jets von Mig 23 über alle gängigen F-s, bis zu Eurofighter und A-10 überwältigt, nur läuft es am Ende auf gerade mal drei Schlüsselwerte hinaus: Geschwindigkeit, Wendigkeit und Panzerung.

Eine A10-Thunderbolt ist langsam und wendig und gut gepanzert. Das wurde auch umgesetzt. Alle anderen Eigenheiten, wie ihre überdimensionierte Gattlinggun oder dass Ihr Einsatz als Joint Forces Flugzeug besondere Begleitung voraussetzt, bleibt unbeachtet. Statt Euch Begleitjäger zur Seite zu stellen, heißt es dann einfach, dass in dieser Mission keine Jäger diese Schwäche des Warzenschweins ausnutzen. Das Gefühl realer simulierter Kampfsituationen kapituliert da als erstes.

Die Fertigkeiten der F-15, Luftdominanz über 100 Kilometer und ein gleichzeitig brauchbares Bodensortiment, dafür aber nur durchschnittliche Dogfightfähigkeiten, sucht Ihr ebenso vergeblich. So etwas lässt sich mit drei Werten nur sehr bedingt abbilden. Bei den Waffen sieht es nicht viel besser aus. Auf Typenbezeichnungen verzichtet man gleich und beschränkt sich auf Funktionsbeschreibungen. Joint Forces-Raketen für alles, AA und AG-Mehrfachzielraketen, All-Aspect Raketen, Wurf-Bomben und ebenfalls genau eine Sorte Langstreckenrakete findet sich. Und für alle Flugzeuge sind es die gleichen Waffen. Selbst ganz grundsätzliche Simulationsaspekte wie die G-Kräfte blieben vor der Tür. Mit jedem Flugzeug könnt Ihr beliebig wilde Manöver, die Top-Gun-Bremse und engste Zirkel ausführen, ohne dass dem Piloten der Kopf im Helm platzen würde.

Ihr streicht am besten aus dem Wort Flugsimulation das „Flug-“ und ersetzt es durch „Action-“. Man muss H.A.W.X. wohl als ein Ballerspiel nehmen, als eine Art modernes UN-Squadron in 3D, und so kommt man den durchaus vorhandenen Qualitäten näher. Die Dogfights erleben hier endlich einmal das cineastische Feeling, das ihnen keine Simulation bieten kann.

Per Knopfdruck geht es in eine herausgezoomte Kameraperspektive, die es Euch erlaubt, wilder als Maverick persönlich herumzurudern, bis zum Stall zu drehen, Euch trudelnd fallen zu lassen, kurz vor dem Acker die Nase hochzureißen und im Augenwinkel die Euch verfolgende Rakete ins Feld einschlagen zu sehen. Ihr startet durch und setzt Euch hinter den ehemaligen Verfolger und schickt ihm mit einem „Fox 2! Clean Separation!“ Stahltod hinterher.

Es sind diese kleinen Momente, in denen H.A.W.X. lebt und zeigt, dass die Hülle vielleicht lieblos sein mag, das Herz des Spiels aber kräftig pulsiert. Es kann, wenn man es mal lässt. Und in den glücklicherweise überwiegenden Momenten, in denen die Action das richtige Maß zwischen Langeweile und zu viel des Guten findet, erlebt Ihr Top Gun, nur schneller. Die Optik macht dem sicher keinen Strich durch die Rechnung. Zwar schafft es H.A.W.X nicht, sich über das inzwischen zwei Jahre alte Ace Combat zu stellen, hübsch sieht es trotzdem aus. Sattelitendaten sorgen für realistische Szenarien von Chicago oder Rio, und die Nase kurz vor Downtown über dem Wasser hochzuziehen und dann mit getipptem Flügel zwischen zwei Wolkenkratzer hindurch der Rakete zu entkommen, ist ein großer Moment. Selbst wenn nicht jede Textur wirklich überzeugt.

H.A.W.X. kann begeistern wenn es will und das auch mit eigentlich zu wenig Kontrollmöglichkeiten. Es kommt häufig vor, dass Ihr Euch wünscht, das nächste Ziel genau bestimmen zu können. Statt einer elaborierten Zielaufschaltung bietet man Euch einen Knopf zum Weiterschalten. Probiert damit mal, die SAM-Stellung in einem Wust aus Bodenzielen herauszupicken.

Zumindest hilft Euch das ERS (Enhanced Reality System)-System aus gefährlichen Lagen oder das einmal gewählte Ziel zu erreichen. Ein angezeigter Korridor bietet Euch den besten Fluchtweg vor einer Rakete und meist unterstützt es Euch gut darin, aus der Misere zu entfleuchen. Fast ein wenig zu gut, denn bis auf die letzten Missionen, in denen die Feindzahl deutlich nach oben geschraubt wird, kommt Ihr dank teilweise hunderter Raketen an Bord und einer selbst auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad nicht ganz realistischen Schadenstoleranz gut über die Runden.

Schön wäre es auch gewesen, die eigene Payload bestimmen zu können. Für jeden Flieger gibt es zunächst ein Waffenpaket, weitere Konstellationen schaltet Ihr nach und nach über das Erfahrungspunkte-System frei. Für Abschüsse, besondere Taten, wie den Tausendsten Kill mit einer Bombe, sowie das Bewältigen von Missionen gibt es Punkte. Den Punkten folgen Levelaufstiege und damit kommt Ihr zu neuen Fliegern, frischen Waffenpaketen und einem Ranking, das Ihr in den Multiplayermodus mitnehmt.

Der Luftkampf mit und gegen menschliche Flieger verlässt sich ganz auf seinen eigenen Reiz, statt mit innovativen Spielmodi zu glänzen. Ihr könnt mit bis zu vier Piloten auf jeder Seite zum Deathmatch antreten, das war es auch schon. Zumindest lassen sich Freundeslisten zusammenstellen, sodass Ihr mit einem Wingman unterwegs seid, auf den Ihr Euch verlassen könnt.

Der Modus funktioniert anständig, ohne große Lags und im Wesentlichen unspektakulär. Und macht dank der simplen Ballermechanik der Flugphysik richtig Spaß. Ranglisten heraufzuklettern und zumindest im oberen Drittel der Aces zu landen, reicht als Motivation für eine ganze Weile. Danach enttäuscht H.A.W.X. leider mit inhaltlicher Leere.

Insgesamt ist Tom Clancy´s H.A.W.X eine Enttäuschung auf hohem Niveau. Ein Spiel, das mit ein wenig mehr Politur, Umfang und Kreativität bei Missionen und Multiplayer zu einem der besten (Flug-)Actiontitel des Jahres hätte werden können. Es reicht immer noch für eine verhaltene Empfehlung, insbesondere für Freunde von Ace Combat auf der Suche nach Abwechslung. Aber die geringe Zahl der Missionen, speziell die der gut designten, die Abwesenheit eines über das notwendige Minimum herausragenden Multiplayers – wäre eine Art Luft Capture the Flag wirklich so schwer gewesen? – und die nur rudimentär hingeworfene Handlung reichen nicht, um H.A.W.X. in höhere Regionen aufsteigen zu lassen.

Dies gilt auch alles nur unter dem Vorbehalt, dass dies ein Action-Game ist. Wer wirklich und ernsthaft hier mit einer Simulation rechnete, sollte sich stattdessen lieber schnell einen PC kaufen. Den Falcon schaudert es angesichts der Konzessionen H.A.W.X' an die Massentauglichkeit. Hier wurde alles auf Zugänglichkeit und schnellen Ballerspaß getrimmt und den bekommt das Spiel wirklich gut hin. Das Fliegen und Kämpfen mit den daraus entstehenden kleinen Actionszenen sind das sichere Kapital, das genügt, um die Defizite an anderer Stelle auszugleichen. H.A.W.X. macht Spaß. Aber es hätte so viel mehr sein können.

H.A.W.X ist ab sofort für PS3 und Xbox 360 zu haben. Die PC-Version folgt am 19. März.

 

 

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