Dragon Quest IX

Preview
Vertrieb
Square Enix
Entwickler
Level 5
Genre
Andere
DS: Dragon Quest IX

DS: Dragon Quest IX

In einer der wenigen Famitsu-Ausgaben, die ich besitze, war ein Leserbrief von einem Jungen, der für das Jahr 2009 voraussagte, dass es einen Kampf zwischen Dragon Quest und Final Fantasy geben wird. Die Aussage fand ich persönlich sehr belustigend, da ihm wohl entgangen ist, dass beide Spiele von ein und der selben Firma vertrieben werden. Das einzig stattfindende Scharmützel wäre somit zwischen ihm und seinen Freunden, welches Spiel nun eigentlich besser sei. Und auch dieser Schlagabtausch wäre mehr als belustigend, denn Dragon Quest ist und bleibt die populärste RPG-Reihe auf der Vulkaninsel. Es ist wie auch Monster Hunter oder Nintendos Pokémon ein kulturelles Phänomen.

Teil IX festigt diesen Status, die Verkaufszahlen mit knapp drei Millionen verkauften Einheiten sprechen eine eindeutige Sprache. Ursprünglich sollte der neunte Teil, dessen Untertitel wörtlich übersetzt „Die Beschützer des Sternenhimmels“ lautet, ein Action-RPG werden, was den Fans überhaupt nicht geschmeckt hat. Die Erfolgsformel hinter dem Franchise ist der Nostalgiefaktor. Es gibt nicht wenige Japaner, die darüber glücklich sind, dass ihr Land Dinge auf seine eigene Art und Weise angeht. Die Angst der „Westifizierung“ ist noch allgegenwärtig, wenn auch einige Firmen (und Personen) ihre Fühler deutlich entspannter gen Westen ausstrecken. Man denke da an Namco Bandai oder aber auch Square-Enix, die erst vor kurzem Eidos übernahmen.

Eine Menge der Arbeitnehmer wünschen sich die besseren, alten Tage wieder, in denen keine Rezession herrschte und Japan ein Land des Aufstiegs war. Für diese Leute ist die Dragon Quest-Reihe ein Sprung in die Vergangenheit, vielleicht auch in ihre Kindheit, in der die Dinge unkomplizierter waren oder es sich einfach bequemer lebte. Aus westlicher Sicht ist die Serie nichts besonderes. Die ersten acht Teile wagten keine große Experimente, waren fröhliche Abenteuer, die allesamt unterhaltsame Geschichten erzählten, vorwiegend aber wegen ihres unkomplizierten Gameplays gespielt wurden.

Dragon Quest IX macht da nach der Umgestaltung in ein gewöhnliches J-RPG keine Ausnahme. Es ist ein Sprung in die Zeit, in der Spiele nicht überaus kompliziert sein mussten, um Erfolg zu haben, und trotzdem tiefgründig waren. Und letztlich ist es das, was den Charme des Ganzen ausmacht.Und trotz des Nostalgiegefühls und der Rückkehr zu alten J-RPG-Tagen versucht Dragon Quest IX dennoch, ein paar Sachen anders anzugehen.

Zu Beginn des Spiels erstellt ihr wie auch in Teil III und IV euren eigenen Helden mit dem Akira-Toriyama-Bastelkasten. Die Möglichkeiten sind zwar nicht sonderlich überwältigend, das Gefühl, sich in einem reinrassigen Rollenspiel zu befinden, in dem man seinen eigenen Avatar kreiert, ist allerdings gegeben. Aber: Egal ob er nun rote, pinke oder blaue Haare trägt, die Frisur kurz oder lang ist, letztlich wirken die Figuren wie eine Auskoppelung aus Toriyamas Manga Dragonball. Wie eigentlich all seine Figuren. Was auch immer die Gründe waren, die dazu beitrugen, dass man altbekannte Gesichter erblickt, hinsichtlich der Gegner - es gibt eine Cowbat, eine Cowbat!! – ließ Toriyama hingegen seiner Kreativität freien Lauf. Mit Erfolg.

Den ersten Gegner, den ihr zu Gesicht bekommt, ist kein geringer als der blaue Slime. Das Kampfsystem ist nach wie vor unkompliziert. Ihr wählt eine Attacke aus, verteidigt euch oder sprecht einen Zauberspruch. Wird es mal brenzlig, holt ihr einen Heiltrank aus dem Inventar. Wart ihr am Zug, greift der Gegner an, bis eine der beiden Seiten das Zeitliche segnet – basic stuff. Neu hingegen ist die Eliminierung der nervtötenden Zufallskämpfe. Alle Gegner laufen sichtbar in der Spielumgebung umher, rennen bei Blickkontakt direkt auf euch zu oder geben auch mal Fersengeld, wenn ihr zu stark für sie seid. Es ist trotzdem empfehlenswert, nahezu jeden zweiten Feind zu erledigen, denn auch „Die Beschützer des Sternenhimmels“ setzt einen hohen Grad an Grinding voraus.

Geschenkt bekommt ihr nämlich nichts.

In den zahlreichen Dungeons lassen sich in den Schatztruhen zwar mitunter nützliche Items vorfinden, das Meiste eures Equipments, und sei es nur ein einfacher Heiltrank, müsst ihr für horrende Summen in den unterschiedlichen Läden kaufen. Immerhin – und das ist ein absolutes Novum unter den Japan-Rollenspielen – verändert sich jederzeit das Aussehen eures Recken, sobald ihr neues Rüstungsteil anlegt. In solch einem Moment fühlt sich Dragon Quest IX wie ein Multiplayer-RPG an, vielleicht auch weil es ein Multiplayer-RPG ist. Oder zumindest ein RPG mit einer sehr stark ausgeprägten Mehrspielerkomponente.

Square-Enix schlägt hierbei den von Capcom gepflasterten Monster-Hunter-Weg ein. Am ehesten bemerkt man diese Ausrichtung bei der eigenen Party, die sozusagen in-existent ist. Es dauert bis zur zweiten Stadt, bis ihr in einer Schenke euch drei vorgefertigte oder selbst erstellte Recken an eure Seite holt. Aber auch dann sind sie nichts weiter als seelenlose Gefährten, die keine einzige Silbe in den Mund nehmen, geschweige mit einer Hintergrundgeschichte aufwarten.

Party-Dialoge? Fehlanzeige. Lediglich der Feen-Sidekick Sandy dient an bestimmten Punkten als Story-Antrieb. Die Ironie daran: Die Fee verkörpert einen Modetrend, der von einigen Japanerinnen zwar noch immer zelebriert wird, aber schon längst nicht mehr „in“ ist – Yuji Hori, du kramst tatsächlich in der Vergangenheit.

Das Voranschreiten in der Hauptgeschichte ist womöglich die größte Änderung, die von den Entwicklern vorgenommen wurde. Die Story rund um den goldenen Bummelzug und euch, einen gefallenen Engel, ist in kleinere Quests unterteilt, die mitunter auch mehrmals gelöst werden können – ein Prinzip, das bereits Monster Hunter zur immensen Popularität verholfen hat. Somit können selbst Fremde sich gegenseitig in der U-Bahn, im Restaurant oder im Park zur Drachenhatz einladen, schnell eine Quest lösen und anschließend wieder getrennte Wege gehen. Zugelassen sind nur lokale WiFi-Partien. Vermutlich der Grund, wieso ein Großteil der Quests binnen weniger Minuten lösbar ist.

Die KI-Mitstreiter werden hierbei, sofern genügend reale Spieler vorhanden, entfernt. Einziger Haken: Eingeladene Gamer übernehmen ausschließlich erhaltene Erfahrungspunkte sowie gefundene oder gekaufte Gegenstände mit in „ihre“ Welt, während abgeschlossene Quests dem Host zugeschrieben werden. So zumindest die Theorie. In der Praxis konnte ich das selbstverständlich noch nicht ausprobieren, trotz mutiger Versuche in der örtlichen Straßenbahn. Laut einem guten Kollegen werden seit Juli in Japans U-Bahnen aber nicht nur Monster zerlegt, sondern auch Slimes gejagt.

Trotz all dieser Änderungen bleibt DQIX ein reinrassiges Dragon Quest, mit all seinen Ecken und Kanten. Während des Spielens fühlt man sich an die seligen Super-Nintendo-Zeiten erinnert, als man in Final Fantasy VI der Oper lauschte, in Lufia II den Höllenfürsten in den Hintern trat oder in Terranigma die Welt neu aufbaute. Menüs und Soundeffekte sind fast 1:1 aus den Vorgängern übernommen, lediglich die sich bewegenden Party-Mitglieder während der Kämpfe sind neu. Die Charakterentwicklung funktioniert erneut über das bewährte Klassensystem, dem Verteilen von Skill-Punkten auf spezielle Waffenarten oder klassenspezifische Spezialattacken, wie etwa das Klauen beim Dieb. Tiefgründig, da auf jede Klasse eine Meisterklasse folgt und unterschiedlich geskillt werden kann, aber alles andere als kompliziert. Keine Frage: Das ist Dragon Quest – und zwar in allen Belangen.

12 Stunden habe ich erst in der Welt der Slimes verbringen können. 12 Stunden, in denen ich noch keinen Drachen zu Gesicht bekam und auch sonst denke, erst an der Oberfläche gekratzt zu haben. Es gibt so viel zu entdecken, so viele Quests zu lösen, so vieles zum Ausprobieren. Das Kasino, der traditionelle Ort für Glücksspiele und der Möglichkeit, mehr Gold zu gewinnen, gibt es allerdings nicht mehr. Dafür aber den Alchemie-Pot, mit dem neue Gegenstände hergestellt werden können.

Denke ich an die Begegnung mit meinem ersten Metal Slime zurück, so fühle ich mich an die Vergangenheit erinnert. An eine Zeit, in der J-RPGs noch nicht meine persönliche Krux waren. An eine Zeit, in der sie nicht Hand in Hand mit dreiviertel der, man verzeihe den Ausdruck, grenzdebilen Animes gingen. Square-Enix' Experiment scheint somit geglückt. Trotz der Änderungen ist Teil IX ein reinrassiges Dragon Quest, ein erneuter Trip in die Vergangenheit. Und damit wohl auch ein weiterer Teil, der erneut keinen Anklang im Westen finden wird.

Dragon Quest IX wird vermutlich irgendwann Jahr 2010 außerhalb Japans erscheinen.

 

 

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