Scribblenauts

Review
Plattform
Nintendo DS
Vertrieb
Warner Bros Interactive Entertainment
Entwickler
5th Cell
Genre
Strategie
DS: Scribblenauts

Gesamtwertung

8/10

DS: Scribblenauts

Ich kann Scribblenauts einfach nicht spielen. Ich komme nicht über den Titelbildschirm hinaus. Nicht aus Unvermögen, nein! Es ist eher so, dass ich schon hier so viel Spaß habe, dass ich gar nicht mehr weg will. Im Titelbildschirm von Scribblenauts wird nicht einfach nur die übliche Wahl „Neues Spiel – Spielstand laden – Optionen“ getroffen, gerade dort ist das Spiel völlig entfesselt. Dort gibt es keine Aufgaben, keine Missionen, keine Gefahren und so gut wie keine Beschränkungen. Hier habe ich vermutlich mehr Zeit verbracht als in all den teilweise richtig knackigen Missionen des Spiels zusammen. Hier könnt ihr per Texteingabe fast jedes Objekt erschaffen, das ihr wollt.

Eine Katze. Katzenfutter. Verschiedene Hunde. Einen Teich. Mechanische Dinosaurier. Hubschrauber. Pfarrer, Rabbis und Imame. Fast-Food-Restaurants. Handheld-Konsolen. Den mächtigen Cthulhu. Einen Barbecue-Grill. Eine Sonnenbrille. Regen. Goliathfrösche. Klempner. Schottischen Haggis. Der Titelbildschirm von Scribblenauts ist das, was ich Leuten in die Hand drücke, die glauben, Videospiele seien nur noch graue Dauerballereien mit stiernackigen Space Marines. Die könnt ihr übrigens auch erschaffen. Das einzige, was ihr nicht kriegt, sind Sauereien, markenrechtlich geschützte Dinge und Figuren sowie abstrakte Konzepte. Und Tapire. Ja, leider weiß Scribblenauts nicht, was ein Tapir ist und liefert lediglich ein generisches Wildschwein. Aber Schwamm drüber.

Der Titelbildschirm ist die Stelle von Scribblenauts, an der ihr tatsächlich das Potenzial des Spiels voll ausreizen könnt. Und wie groß ist dieses Potenzial? Ganz einfach – es ist so groß wie eure Bereitschaft, euch auf etwas Neues einzulassen. Es ist so weit wie euer Horizont und so tief wie eure Vorstellungskraft. Ich versuche das mal mit folgendem Vergleich zu verdeutlichen...

In einem gewöhnlichen Sandbox-Spiel geben euch die Designer eine bestimmte Anzahl an Hilfsmitteln und Gegenständen und lassen euch damit in einer großen Welt freie Hand. Scribblenauts dreht das Prinzip um. Hier gibt es sehr kleine, überschaubare Szenarien und eindeutig gestellte Aufgaben, die ihr mit einer praktisch unüberschaubar großen Zahl an Hilfsmitteln lösen könnt. Lautet euer oberstes Zocker-Ziel, einfach nur schnell durchzuwetzen, um danach gleich das nächste Spiel auf der Liste abzuhaken, dann werdet ihr mit Scribble-Held Maxwell keine große Freude haben. Manche Aufgaben sind euch dann zu simpel, andere zu frustrierend.

Mal sollt ihr ein paar Leuten die Gegenstände geben, die sie gerne hätten. Mal sollt ihr einem Mädchen drei Blumen bringen. Dann sollt ihr einen König auf seinem Pferd in sein Schloss geleiten. Oder an einem Schlägertypen vorbeikommen, um einen Schokoriegel aus einem Automaten zu holen. Oder einfach mal ganz simpel einen Starite, den kleinen, goldenen Stern, den ihr euch verdienen müsst, um einen Level abzuschließen, aus einem Baum holen.

Geht ihr da jetzt mit der richtigen Portion Experimentierfreude an 5th Cells originelles Abenteuer heran, seid ihr auf der Suche nach unorthodoxen Lösungen und ist euch eine innovative Spielidee wichtiger als handwerklich perfekte Inszenierung, dann ist Scribblenauts mit hoher Wahrscheinlichkeit genau das Spiel, auf das ihr gewartet habt. Denn unorthodoxe Lösungen sind die große Stärke von Scribblenauts. Natürlich ist die einfachste Methode, den begehrten Starite vom erwähnten Baum zu holen, schlicht den Stamm mit einer Kettensäge zu bearbeiten.

Aber mal ganz ehrlich, ist das nicht auch furchtbar langweilig? Das kann man doch besser lösen. Vielleicht ein Hubschrauber? Schon besser! Ein Aufzug? Auch nicht verkehrt! Wie wäre es mit einem Biber, der den Baum umnagt? In diesen Proportionen müsst ihr denken. Oder besonders schön: Ein Einrad erschaffen, auf dem zwei dicke Pandas sitzen, die im Vorbeifahren den Starite runterstoßen. Ja, das ist eine Lösung, die eines wahren Scribblenauten würdig ist.

Aber das sind freilich nur meine Vorschläge. Jeder Spieler geht Scribblenauts mit anderen Ideen an. Manche schwören auf Waffengewalt. Andere holen sich für jede Aufgabe ein nützliches Tier herbei. Wieder andere bauen aus einfachen Mitteln mit Hilfe des Wundermittels Klebstoff (mit dem könnt ihr fast alle Objekte irgendwie kombinieren) Kontraptionen, die ein MacGyver herstellen würde. Und die langweiligen Zeitgenossen wählen eben stets die offensichtlichste Lösung.

Mehrere zehntausend Worte umfasst das Vokabular von Scribblenauts. Und jedem der kreierten Gegenstände sind grundsätzliche Werte zugeordnet, damit Gegenstände, Menschen, Tiere und alles andere korrekt aufeinander reagieren. Um auf eines der Beispiele von vorhin zurück zu kommen: Erschaffen wir einen Rabbi und ein saftiges Schweinesteak, wird dieser das nicht beachten. Erschaffen wir allerdings einen christlichen Priester, so verleibt der sich das Schweinefleisch direkt freudig ein. Auch nach ausgedehnten Sessions weiß Scribblenauts immer wieder mit diesen liebevollen, für das eigentliche Spielziel im Grunde reichlich irrelevanten Feinheiten zu begeistern.

Natürlich kann man Scribblenauts jetzt auf seine Grundlagen herunterbrechen. Oft lassen sich Gegenstände und Tiere schnell auf grobe Kategorien einteilen. Welchen Unterschied macht es, ob ich einen Löwen, einen Tiger, einen Panther oder der berühmt-berüchtigten Liger hole? Klar, sie befinden sich alle im Spiel und sehen auch verschieden aus, machen spielerisch aber keinen Unterschied. So lassen sich die meisten Gegenstände in verschiedene Gruppen einordnen. Aber wie bereits erwähnt, ist eben dieser nüchtern-ökonomische Denkansatz genau das, was bei Scribblenauts nicht funktioniert und vor allem nicht Sinn der Sache und Ziel des Spiels ist.

Die Steuerung an sich hat auch ihre Mängel. Maxwell wetzt oft so fix durch die Levels, dass er übers Ziel hinausschießt. So manche Aufgabe habt ihr längst durchschaut, scheitert aber letzten Endes an den fummeligen Kontrollen. Seid ihr nicht vorsichtig, wenn ihr dem Mädchen Blumen für ihren Korb bringen müsst, dann rennt das begeisterte kleine Ding den Korb einfach um. Resultat: ihr könnt keine Blume mehr hineinlegen und müsst die Stufe wohl oder übel neu starten.

Das kann und wird unweigerlich irgendwann zu Frust führen. Aber das ist dann eben auch der Preis, den man für die in Scribblenauts gebotene Freiheit zahlt. In einem Spiel, in dem so gut wie alles möglich ist, kann euch eben auch eine Menge Mist und ebenso viel Ungewolltes wie Unvorhergesehenes passieren. Es ist schwer, dem Spiel das vorzuhalten. Um solche Dinge zu vermeiden, hätte das Spiel mehr vorgescriptete Elemente benötigt, und gerade die sind es eben, die Scribblenauts absolut vermeiden will. Auch wenn es dabei gelegentlich mal zu seltsamen und frustigen Momenten kommt.

So ist Scribblenauts ein schlichtweg grandios originelles, kreatives und durch und durch innovatives Spiel – perfekt ist es aber gerade deswegen eben noch nicht. Scribblenauts ist eine kreative, aber noch keine spielerische Offenbarung. Ehrlich gesagt muss es das aber auch gar nicht sein. Gerade als etwas ungeschliffener Diamant macht Scribblenauts Spielern mit der richtigen Herangehensweise und einem Interesse an neuen Spielideen mehr Spaß als die meisten auf Hochglanz polierten, letzten Endes aber doch ziemlich generischen Genretitel.

Und deswegen spreche ich hier für Scribblenauts auch eine große Kaufempfehlung aus. Ich bin überzeugt, 5th Cells bislang originellstes Werk wird in Zukunft noch seine Kreise ziehen und mit seinen gewaltigen Freiheiten viele künftige Titel beeinflussen. Es ist nicht unbedingt jedermanns Sache, gar kein Zweifel. Aber alle, die von einem Videospiel mehr als nur ein wenig Ablenkung vom Alltag, Online-Deatchmatches oder das Wiederkäuen altbekannter Ideen erwarten, sollten sich Scribblenauts dringend zulegen, unvoreingenommen rangehen und ihren Ideen freien Lauf lassen. Vielleicht schafft ihr es dann ja irgendwann, einen Spielstand zu laden, ohne erst minutenlang im Titelbildschirm alberne und abstruse Ideen auszuprobieren.

Scribblenauts ist ab dem 9. Oktober für den Nintendo DS im Handel erhältlich.

 

 

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