Army of Two

Review
Plattform
PS3
Vertrieb
Electronic Arts
Entwickler
Electronic Arts
Genre
Shooter
PS3: Army of Two

PS3: Army of Two

Army of Two hat ein ungewöhnliches Problem: Die Gegner sind zu intelligent. Statt brav hinter ihrer Deckung zu verharren und bleischwangere Feuergefechte zu führen, gehen sie viel zu oft in den Nahkampf. Sie riechen scheinbar, dass unsere Helden hier eine Schwäche haben, denn die Schulterperspektive sorgt in diesem Bereich für gewaltige Kopfschmerzen.

Arme und Kamera zucken unkontrolliert von links nach rechts, während Ihr versucht, den Gegner ins Fadenkreuz zu nehmen. Langsam, viel zu langsam folgt Ihr den flinken Kontrahenten, werdet gleichzeitig von ihren Kollegen ins Kreuzfeuer genommen und müsst Euch anschließend verwundet von Eurem Partner aus dem Schlachtgetümmel schleppen lassen.

Nur mit viel Übung und gutem Teamplay bekommt Euer dynamisches Duo die Gegner in den Griff. Doch seid Ihr alleine unterwegs und habt nur einen KI-Partner an Eurer Seite, wird der letzte Level schon auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad zu einem Höllenritt. Präzise geworfene Handgranaten, ständig die Stellung wechselnde, schwer gepanzerte Kämpfer nehmen Euch ins Kreuzfeuer. Spätestens nach dem zehnten Versuch an der gleichen Stelle, wird der Ladebildschirm zu Eurem vertrautesten Freund.

Das bedeutet aber nicht, dass sich die KI keine Fehler erlaubt. Während sie zu 99 Prozent einen richtig guten, fast zu guten Job macht, gibt es immer wieder Aussetzer. Da kreist eine Figur stundenlang auf einer Kiste herum, Euer Partner perforiert nur die Wand oder er reagiert zu spät auf die Kommandos.

Trotzdem ist die Künstliche Intelligenz von Army of Two ein echtes Meisterwerk, die sogar Schusswinkel und die Qualität der Deckung berücksichtigt – die aber leider weder durchschießbar noch zerstörbar ist. Sie macht Army of Two zu einer echten Herausforderung und befördert den Titel trotz einiger Macken in die gefühlte Oberklasse.

Auch beim Thema Grafik gibt es nicht nur Erfolgsmeldungen zu verzeichnen. Grundsätzlich macht die Unreal Engine 3 einen guten Job und vor allem die Charaktermodelle sehen mit ihrem brutalem Antlitz und den wirklich erstklassigen Texturen fantastisch aus. Bei der Umgebung erreichten die Entwickler dagegen sehr unterschiedliche Ergebnisse.

Einige Level, wie etwa ein gigantischer Flugzeugträger mit dem wohl bislang realistischsten Wasser der Videospielgeschichte, sehen wirklich prächtig aus. In anderen Abschnitten, wie zum Beispiel in einem Höhlensystem in Afghanistan, fühlt man sich in selige Playstation 2-Zeiten zurückversetzt.

Flache, extrem hässliche Texturen sorgen für schwerwiegende Augenprobleme und für ein ernstes, ungläubiges Kopfschütteln. Außerdem gibt es immer wieder Clipping-Fehler und so manche Geschoss-Salve landet nicht dort, wo sie sollte. Äußerst unschön auch der Umstand, dass Eure Figur beim Hinterherschleifen Eures Teammitglieds nicht durchsichtig wird. Theoretisch kann man also die Rettungsaktion mit Unterstützungsfeuer decken, doch wenn man nichts sieht, wird es mit dem Treffen äußerst schwierig.

Army of Two ist wie der Name schon sagt ein purer Co-Op-Shooter. Hier gibt es keine heldenhaften Alleingänge oder brachialen Rambo-Aktionen. Trotz der martialischen Präsentation erfordert das Gameplay neben schnellen Reaktionen auch haufenweise Köpfchen. Jeder Level mit seinen Deckungsobjekten, unterschiedlichen Gegnern und möglichen Interaktionsmöglichkeiten, ähnelt einem Schachbrett. Ständig müsst Ihr versuchen, Euch in eine bessere Position zu bringen, um die knallharten Gegner aus ihrer Deckung zu locken und unbeschadet das Levelende zu erreichen.

Schon im Tutorial wird den beiden Rangers Rios und Salem eingetrichtert, zusammen zu arbeiten. Neben schlichten Kletterhilfen, Erster Hilfe und gemeinsamer Fahrzeugbeherrschung geht es vor allem um Aggressivität. Damit sind nicht die kleinen Raufereien gemeint, die Ihr ziemlich sinnentleert mit Eurem Partner austauschen könnt, sondern die Aufmerksamkeit Eurer Gegner.

Feuert Ihr aus vollen Rohren, konzentrieren sich die Feinde erst einmal auf Euch. Wie bei einem Online-Rollenspiel lenkt Ihr so von Eurem Partner ab. Eine Anzeige mit Totenkopf und ein rotes Leuchten machen klar, dass Ihr nun auf gefährlichem Fuß lebt. Jeder Turbanträger in Reichweite sieht Euch als Freiwild und wartet sehnsüchtig auf einen Abschuss.

Euer Partner dagegen wird leicht durchsichtig und kann sich nun ganz heimlich, still und leise in eine bessere Schussposition bringen. Doch Vorsicht: Rennt er aufrecht durch die Gegend und wird entdeckt, positionieren sich mögliche Ziele in Deckung und beginnen zu feuern. Allein wenn Ihr einen Overkill auslöst, wird eine richtige Tarnung aktiviert. Gleichzeitig macht Euer aggressiver Partner doppelt so viel Schaden, verbraucht keine Munition und wird deutlich widerstandsfähiger. Gerade in schwierigen Situationen ein praktisches Allheilmittel, das Ihr aber nur sehr sporadisch einsetzen könnt.

Gleich in der ersten Mission in Somalia wird den beiden Berufssoldaten bewusst, dass sie sich in der U.S. Army nicht wohl fühlen. Wenn sie schon Ihren Kopf hinhalten, soll entsprechend der Rubel rollen, also heuern sie bei einer Private Military Corporation an. Kurz PMC, die auch in der Realität auf Schlachtfeldern wie dem Irak ihr Unwesen treiben. Ganz zaghaft vermitteln die Entwickler ein Bild von skrupellosen Geldhaien, die Menschenleben wie eine Ware behandeln.

Wirklich kritisch wird der Titel aber nie und beschwört viel zu oft das rosarote Bild von Kameradschaft und Treue herbei, die angesichts des schmutzigen Kriegsgeschäfts eher unappetitlich wirkt. Doch wer ein Spiel mit dem eindeutigen Namen Army of Two kauft, wird wohl keine komplexe Gesellschaftskritik anhand der aktuellen, politischen Situation erwarten. Der Titel liefert genau das, was die Zielgruppe dahinter vermutet: Knallharte Action und martialische Sprüche, die unsere beiden Waffenbrüder im Kugelhagel von sich geben.

Neben dem schon erwähnten, recht komplexen Aggro-Managment, müssen Rios und Salem auch gemeinsam Türen aufbrechen, Gegenstände verschieben oder Rücken an Rücken Ziele ummähen. Im Gegensatz zu vergleichbaren Titeln ist Army of Two somit wirklich für zwei Spieler ausgelegt.

Das perfekte Spielerlebnis bekommt Ihr also gemeinsam mit einem Freund geliefert. Einfach eine entsprechende Partie aufmachen, den Partner in die Lobby einladen und schon könnt Ihr mit Eurem abgespeicherten Waffenarsenal die Gegend unsicher machen.

Apropos Waffenarsenal: Für das Erreichen von Missionszielen bekommt Ihr Geld, das Ihr zwischen den Aufträgen in Ausrüstung investieren könnt. Das Upgraden erinnert dabei ein wenig an ein Rollenspiel: Je nach Addon gewinnen die Maschinen-, Scharfschützen- und Sturmgewehre an Präzision, Schaden oder Aggro. Entsprechend dem Missionstyp kann es nötig sein, andere Schießeisen einzupacken, um eine bestimmte Rolle in der gemeinsamen Taktik zu übernehmen. Wer also eher für die Ablenkung zuständig ist, braucht solch ein Monster wie eine M134 Gatling Gun, während der Partner entsprechend auf ein schallgedämpftes Gewehr setzt.

Beim Multiplayer geht Army of Two sogar noch einen Schritt weiter: Statt das Hundertste Deathmatch oder die Dutzendste Counter-Strike-Kopie auf die Spieler los zu lassen, setzt das Spiel auch beim fröhlichen VS.-Match auf das gemeinsame Spielerlebnis. In jedem Spielmodus seid Ihr als Zweier-Team unterwegs und müsst einem anderen Duo beweisen, dass Ihr einfach besser zusammen arbeitet.

Aber statt einzig Eure Zielfähigkeiten in einem 2 vs. 2 auf die Probe zu stellen, werdet Ihr im Modus Kriegsgebiet vor ganz besondere Aufgaben gestellt. Im Minutentakt trudeln Missionen herein, die Ihr so schnell wie möglich und vor dem anderen Team erledigen müsst. Klingt noch nicht sonderlich innovativ? Ja, aber zwischen Euch und der Kohle, die über den Sieg entscheidet, steht nicht nur das feindliche Team, sondern auch beinharte KI-Soldaten.

Statt also auf einer nahezu entvölkerten Map stundenlang nach dem Gegner zu suchen, warten an Euren Zielen unterschiedlich starke Angreifer, die es erst zu beseitigen gilt, um die entsprechende Prämie zu kassieren. Außerdem sehr erfrischend: Die Aufträge hängen oft kausal zusammen. In einem ersten Schritt müsst Ihr zum Beispiel Chemiewaffen sichern. Gelingt es Euch, müsst Ihr sie im Anschluss beschützen.

Das andere Team muss sie zerstören und wird so zum Angreifer. Es entsteht eine sehr gute, treibende Dynamik, die aber etwas Einarbeitungszeit benötigt. Kartenkenntnisse sind von entscheidender Bedeutung und können so über Sieg oder Niederlage bestimmen.

Im Gegensatz zum Co-Op-Modus könnt Ihr nicht das Geld auf Eurem Account horten und verprassen, hier fangt Ihr stets mit null Pesos an. Die gewonnene Kohle setzt Ihr dann für so nettes Spielzeug wie eine Gatling-Gun oder einen Granatwerfer ein. Als netter Bonus stehen auf zwei der vier Karten Fahrzeuge wie ein Buggy und ein Panzer herum, mit denen Ihr fröhlich auf Gegnerjagd gehen könnt. Wie es der Name schon sagt, müsst Ihr natürlich auch hier zusammen arbeiten und dürft nicht gleichzeitig fahren und schießen.

Auf dem Papier ist Army of Two also eine Ausgeburt an frischen Ideen. Leider krankt der Titel auch im Mehrspielermodus an der leidigen Nahkampfproblematik. Ähnlichen Ärger gab es ja auch schon bei Gears of War, doch dort fiel dieser Umstand durch die deutlich langsamere Laufgeschwindigkeit weniger ins Gewicht. Besonders gruselig wird es in den Innenräumen, in denen die Übersichtlichkeit teilweise vollkommen flöten geht.

Recht katastrophal ist übrigens auch der Split-Screen-Modus geworden. Durch den viel zu nah gewählten Kamera-Ausschnitt ist es extrem schwierig, die Gegner auszumachen. Kommt es zum Nahkampf, habt Ihr kaum eine Chance, weil der gigantische Körper und der kleine Bildausschnitt keine schnellen Reaktionen ermöglichen.

Rauf, runter, Rauf, runter, Rauf, runter. Army of Two liefert nicht nur emotional eine beeindruckende Achterbahnfahrt ab. Auch qualitativ kann sich der Titel nicht so recht entscheiden, was er sein will: Fehlgeschlagenes Co-Op-Experiment oder innovative Multiplayer-Action. Mitten in der ersten Mission dachte ich noch: Endlich mal wieder richtig gute 9, doch schon ein Level später ging es steil bergab. Die zum Teil katastrophale Grafik in Afghanistan, diverse KI- und Handling-Probleme ließen mich innerlich eine 7 zücken. Bei einer kurzen Multiplayer-Session auf einer furchtbaren Karte war es sogar kurzzeitig eine 6, doch die letzten Kampagnen-Level und ein paar wirklich spaßige Vs.-Kämpfe holten einiges wieder raus und ließen die Wertung ein Stück nach oben schießen.

Nach sechs Stunden Kampagne, jeder Menge lustigen Co-Op-Kämpfen und dem wohl abwechslungsreichsten Multiplayer-Erlebnis der letzten Zeit, ist es am Ende also eine 8 geworden. Es ist keine glorreiche 8. Keine, die eine 9 hätte sein können, wäre es noch etwas besser, sondern eine hauchdünne 8, die auch ein wenig Enttäuschung in sich trägt. Ich weiß, dass der Titel schon mehrmals verschoben wurde und diesmal keine andere Wahl blieb, aber mit etwas mehr Liebe zum Detail hätte der Titel deutlich unterhaltsamer werden können. So bleibt unterm Strich keine echte Konkurrenz für Halo 3 und Co., aber genug Spaß für ein paar echte Freunde, die gemeinsam die Freuden des korrupten Daseins genießen wollen.

Army of Two erscheint mangels USK-Auszeichnung nicht in Deutschland. Wir haben die österreichische Verison getestet.

 

 

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