Gesamtwertung8/10 |
So, Red Faction: Guerilla durchgespielt, viel Spaß gehabt und nun Test schreiben. Hm, gar nicht so einfach, die richtige Wertung zu finden. Auf der einen Seite ist Red Faction: Guerrilla ein perfektes Männerspielzeug voller prächtiger Zerstörungswerkzeuge und beeindruckenden Bauten, die sich mit viel Stil dem Erdboden gleich machen lassen. Noch nie hat das Schrauben-genaue Zerlegen so viel Freude gemacht. Genauso hätte Mercenaries 2 sein müssen, ein mehrere Quadratkilometer große Sandbox mit interessanten Waffen, ein wenig Chaos und viel Action.
Doch da ist noch die andere Seite. Während die aggressive KI, die gelungene Grafik und ein paar interessante Puzzleansätze begeistern, enttäuschen die müde Story-Präsentation, die streckenweise schwache Kampagne und die suboptimale Inszenierung. Dabei wäre es doch so einfach. Entwickler Volition hätte sich nur bei der eigenen Inhouse-Konkurrenz ein Scheibchen abschneiden müssen.
Der übertrieben HipHop-Stil von Saints Row mag zwar nicht jedermanns Sache sein, die zum Teil sehr lustigen Ingame-Sequenzen und die prägnanten Charaktere laufen Red Faction: Guerrilla-Hauptdarsteller Alec Mason und der restlichen Besetzung jedoch locker den Rang ab. Ein Vergleich mit Story- und Charakter-Design-Schwergewicht Grand Theft Auto spar ich mir da lieber ganz, gerade mal 5 bis 6 kurze Render-Sequenzen und ein paar verwackelte Missions-Videos sind 2009 einfach nicht genug.
Also stellt sich die Frage: Trägt das zentrale Gameplay-Element, die Zerstörung, den Titel weit genug, um am Ende daraus trotzdem ein sehr gutes Spiel zu machen? Eine Entscheidung, die erst in der letzten Sekunde gefallen ist. Lange befand sich Red Faction Guerrilla im Wertungs-Limbo, erst die letzten zwei bis drei Stunden sorgten für die endgültige Entscheidung. Natürlich will ich Euch nicht die ganze Spannung rauben, deswegen müsst Ihr Euch schon bis zum Fazit gedulden. Und ja nicht spicken!
Falls Ihr die beiden Vorgänger nicht kennt, hier eine kleine Zusammenfassung: Der erste Teil war ein waschechter Ego-Shooter, der dank GeoMod-Engine die partielle Zerstörung des Level-Inventars ermöglichte. Parker, der Hauptdarsteller des ersten Teils, musste gemeinsam mit der Widerstands-Bewegung Red Faction den bösen Ultor-Konzern bekämpfen. Im zweiten Teil wurde dann der Traum der Mars-Bewohner Wirklichkeit. Mit Verstärkung der Earth Defense Force wurde der Konzern in aufgemotzter Grafik zerschlagen und dem Mars die Freiheit geschenkt.
Diese Zeiten sind nun leider vorbei. Die Befreier von der EDF haben sich im Nachhinein als neue Besatzer herausgestellt. Um den erdgestützten Konzernen billige Arbeiter und kostenlose Rohstoffe zu liefern, sorgt die Armee für eine Diktatur der Waffen. Wer nicht spurt, wird gnadenlos niedergemäht. Euer Held, Alec Mason, möchte anfangs mit dieser Problematik nichts zu tun haben. Er ist auf den Mars gekommen, um zusammen mit seinem Bruder Dan in den Minen zu arbeiten. Doch dieser Vorsatz hält genau 5 Minuten. Direkt nach dem Tutorial wird Dan von EDF-Truppen getötet, Alec steht auf der Fahndungsliste und es bleibt ihm nichts anderes übrig, als zu kämpfen.
Red Faction: Guerrilla bewegt sich dabei weg von der linearen Ego-Shooter-Erfahrung, hin zu einem Third-Person-Open-World-Spiel, bei dem Ihr als menschliche Abrissbirne für jede Menge Kleinholz sorgt. Vereint mit der Red Faction-Bewegung muss Alec die EDF aus sechs Sektoren vertreiben. Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es, den Einfluss der Besatzer auf Null zu reduzieren. Durch die Erfüllung von unterschiedlichen Missionen und die Zerstörung von Schlüsselgebäuden lockert sich der eiserne Griff der EDF-Truppen, bis Ihr in einem Großangriff den entsprechenden Sektor für die Mars-Bevölkerung sichert .
Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Moral der Widerstandskämpfer. Mit speziellen Missionen, zum Beispiel Unterstützung bei Angriffen, lässt sich diese Erhöhen. Ein praktischer und oft Kriegs-entscheidender Nebenaspekt: Umso höher die Moral Eurer Truppe ist, umso mehr Kämpfer unterstützen Euch bei Angriffen auf den Feind. Zu Beginn habt Ihr nämlich gegen die ständig Unterstützung herbeirufenden Gegner kaum eine Chance. Nach ein paar Minuten werdet Ihr, gerade in den höheren Schwierigkeitsgraden, einfach überrannt.
Noch dazu sind die EDF-Kämpfer einigermaßen intelligent, suchen ständig Deckung und flankieren Euch. Wie es sich für einen Guerilla-Kämpfer gehört, müsst Ihr anfangs blitzschnell zuschlagen und sofort wieder abhauen. Und seid nicht zu stolz. Bevor Ihr wie meine Wenigkeit tausende Tode sterbt, versucht es erst einmal mit dem niedrigsten Schwierigkeitsgrad – lässt sich Ingame ändern.
Die Herausforderung ist auch auf "Easy" hoch genug und sorgt trotzdem für einige spannende Kämpfe. Schade allerdings, dass Volition keine Stealth-Elemente eingebaut hat. Viel zu selten gelingt es, Euch unbemerkt bis zum Ziel vor zu stoßen. Da auf höheren Schwierigkeitsgraden eine Entdeckung fast immer der sicheren Tode bedeutet, eine manchmal etwas mühselige Angelegenheit.
Dafür ist das Missionsdesign relativ abwechslungsreich. Mal fahrt Ihr mit einem Buggy samt Raketenwerfer durch die Gegend und zerlegt Feindmaterial im Gegenwert von einigen Millionen, dann wieder klaut Ihr der EDF ein Fahrzeug und müsst es in einer bestimmten Zeit im Red Faction-Camp abliefern. Besonders brachial: Ihr schnappt Euch einen der drei verschiedenen Mechs oder einen Panzer, um innerhalb eines Zeitlimits drei Dutzend Fahrzeuge platt zu machen. Helft Ihr Euren Kameraden ein EDF-Gebäude einzunehmen beziehungsweise platt zu machen, gibt es eine besonders dicke Einfluss- oder Moral-Belohnung.
Fast alle Missionen drehen sich um Zerstörung. Wer so viel Arbeit und Kraft in eine aufwändige Physik-Engine steckt, möchte diese natürlich ständig vorführen. Meistens gelingt dieser Ansatz, aber manchmal geht er auch daneben. Gerade nach dem ersten Drittel macht sich eine gewisse Ermüdung breit, doch dazu später mehr.
Nach dem vielen Gerede um Aufträge, Gameplay-Struktur und Gegner-KI nun endlich ein paar Worte zum wichtigsten Feature: Der GeoMod-Engine 2.0. Im Gegensatz zu den Vorgängern kann man nicht mehr Löcher in den Boden reißen und so die ganze Landschaft deformieren. Volition hat sich voll und ganz auf die Level-Architektur konzentriert. Jedes Gebäude besteht aus tragenden Elementen und einfachen Wandplatten. Um es einzureißen, könnt Ihr entweder so viel zerstören, dass die gesamte Struktur nachgibt, oder aber wichtige Wände und Stützstreben.
Wird dann die Belastung zu groß, fällt das ganze Gebäude in sich zusammen und Ihr müsst aufpassen, nicht erschlagen zu werden. Die Faszination dieser essentiellen Spielmechanik erschließt sich wohl vor allem echten Kerlen, die auch gern mal Bagger fahren. Mal ganz abgesehen davon, dass sich auch richtige Puzzle-Missionen einfinden, in denen Ihr mit wenig Material oft gigantische Gebäude zu Fall bringen müsst, zieht Red Faction aus diesem Gameplay-Element einen großen Teil seiner Motivation.
Die aufwändige Technik hat aber auch einen Nachteil: Da viel Rechenkraft für die Physik-Engine drauf geht, ist die restliche Grafik höchstens Mittelklasse. Niedrig aufgelöste Texturen, ein generisches Design der EDF-Truppen und in der Xbox-Fassung pixelige Schatten sorgen für optische Ernüchterung – die PS3-Fassung liefert hübschere Schatten, besitzt dafür das deutlich schlechtere Anti-Aliasing. Zum Glück glänzen die Fahrzeuge mit ausgefallenem Design, die Explosionseffekte mit dem nötigen Wumms und der Tag- und Nacht-Wechsel mit genug Atmosphäre, um dieses Manko zumindest teilweise auszugleichen.
Wenn Ihr dann erst einmal mit Eurem dicken Spezialhammer ein Gebäude Stück für Stück auseinander nehmt, es mit gut platzierten Sprengladungen mit einem Schlag dem Boden gleich macht oder herumliegende Gas-Kanister einsetzt, sind solche Mängel schnell vergessen. Wer sich aber für diese Zerstörungswut nicht begeistern kann, darf an dieser Stelle aufhören zu lesen und sich ein anderes Spiel kaufen. Der Titel steht und fällt genau mit dieser Mechanik. Sie macht den Unterschied zwischen Standard-Ware und einer richtigen Empfehlung.
Damit Ihr die im späteren Verlauf immer größeren Gebäude vernichten könnt, gibt Euch das Spiel ein effektive Waffe an die Hand, die der Mechanik den richtigen Kick verpasst. Nach circa einem Drittel erhaltet Ihr ein Nano-Gewehr, das dank mikroskopisch kleiner Roboter die atomare Verbindung von Gegenständen auflöst. Für das Zerstörungbusiness ist der Unterschied ähnlich dramatisch wie bei einem Chirurgen die Arbeit mit einer dicken Metzger-Axt oder einem ultragenauen Laser-Skalpell. Selbst filigrane Bauteile lassen sich damit zielgenau auflösen. So zerlegt Ihr Türme und Brücken aus mehreren hundert Metern, löst feindliche Deckung einfach auf und bekämpft sogar menschliche Gegner und Fahrzeuge.
Aber keine Sorge, auch die restliche Waffen-Palette kann sich sehen lassen. Egal ob Mehrfach-Raketenwerfer, Black Hole Bombe, Gauss-Gewehr oder Panzerabwehr-Mine, wenn Ihr genug Schrott aufsammelt, um das Material zu bezahlen, bekommt Ihr ein prächtiges Arsenal zur Verfügung gestellt, das immer wieder Spaß macht.
Trotzdem kommt es, wie auf der Seite zuvor angedeutet, nach dem ersten Drittel immer wieder zu Ermüdungserscheinungen. Zum Teil sehr lange Fahrtwege, sich wiederholende Missionen und ein nicht ausbalancierter Schwierigkeitsgrad ziehen das Spiel unnötig in die Länge. Auch die karge Landschaft des ersten Sektors passt mit ihren malerischen Sonnenuntergängen und ihrem Staub-verhangenen Horizont zwar hervorragend zur Geschichte, doch abwechslungsreich sieht anders aus. Zum Glück wird es später deutlich besser.
Ihr erhaltet für ein wenig Schrott ein Upgrade verpasst, das Euch die Direkt-Reise zu den verschiedenen Red Faction-Lagern ermöglicht und bekommt es in den Badlands mit anderen Gegnern zu tun. Dieser Handlungsstrang um die Mad Max-ähnlichen Marauder wird zwar erst später fortgesetzt, ihre abgefahrenen Gebäude, Fahrzeuge und Waffen kommen allerdings genau zum richtigen Zeitpunkt. Außerdem haltet Ihr dank einer dicken Rüstung mehr aus und schlagt Euch in Oasis fast durch urbanes Gebiet. Einige Probleme lösen sich damit in Luft auf.
Auch die Geschichte gewinnt im letzten Drittel deutlich an Fahrt. Ihr müsst Euch seltener mit den sich wiederholenden Nebenmissionen herumschlagen und könnt Euch mehr auf die spannend präsentierten Story-Missionen konzentrieren. Der verstohlene Guerilla-Krieg verwandelt sich hier langsam in eine offene Auseinandersetzung. Dutzende Kämpfer auf beiden Seiten stürzen sich ins Gefecht. Panzer, dicke Mechs und VTOL-Kampfflugzeuge tauschen Plasmageschosse und Raketen aus. Wenn Ihr dann auch noch eine verkappte Atomwaffe erhaltet, avanciert das nette Open-World-Spiel zu einer waschechten Kriegssimulation samt Orbital-Attacken und ausufernden Panzer-Missionen.
Trotzdem würde die Qualität der Kampagne kaum ausreichen, um den Titel in Richtung 8 zu befördern. Dafür gibt es bei der Kampagne zu große Hänger im Mittelteil und eine eher schwache Inszenierung. Zum Glück liefert Volition neben einem wirklich spaßigen Wrecking Crew-Modus, in dem Ihr nacheinander gegen menschliche Mitspieler antretet und im Rahmen eines Zeitlimits Gebäude vernichten müsst, auch einen extrem gelungen VS.-Modus - der dank ausuferndem Physik-Einsatz so einige Konkurrenten alt aussehen lässt.
Volition will dabei ganz bewusst nicht mit Call of Duty und Co. konkurrieren. Bei Red Faction Guerrilla steht im Multiplayer der Spaß ganz klar im Vordergrund. Neben den Waffen aus der Kampagne gibt es spezielle Rücken-Tornister mit einigen interessanten Spezialattacken. Auf Knopfdruck zerlegt Ihr mit Schallwellen Gegner und Gebäude, macht Euch partiell unsichtbar oder führt einen alles vernichtenden Rammstoß aus. In Verbindung mit dem Jetpack aus der Story dehnt sich das Multiplayer-Spielfeld zu einer gewaltigen Spielwiese aus, in der Ihr Euch mit Euren Kontrahenten herrlich chaotische Gefechte liefert.
Abseits des obligatorischen Deathmatchs, das mittels Physik-Engine besonders spaßig ausfällt, einer Capture the Flag-Variante, die durch kreative Diebstähle begeistert, sowie einem Siege-Modus, bei dem sich alles um die Zerstörung der gegnerischen Basis dreht, fasziniert vor allem Damage Control. In diesem ungewöhnlichen Ableger gilt es, Bauwerke einzunehmen und zu halten.
Den richtigen Dreh bekommt diese Version durch die Möglichkeit, die Stützpunkte zu zerstören und mit einem speziellen Tool wieder aufzubauen. So entsteht ein spannendes Hin und Her, das speziell im Vergleich zur Bier-ernsten Konkurrenz durch puren Spielspaß punktet. Erfrischend anders und überraschend gut. Schade nur, dass man keine Fahrzeuge einsetzen kann.
Die Stunde der Entscheidung. Nach etlichem Für und Wider, stundenlangem Meditieren und der Befragung meines inneren Motivations-Messers bekommt Red Faction Guerrilla nun doch eine 8 verpasst. Die gelungene Zerstörungsmechanik, das bombastische Ende und der spaßige Multiplayer haben am Ende den Unterschied gemacht. Ich bin eben doch, trotz einiger Germany's Next Topmodel-Kapriolen (ja, ich hab es gesehen. mehrmals.) ein echter Mann. Wenn ich etwas in die Luft jagen kann, vergesse ich gern und schnell die mittelmäßige Story und ein im Mittelteil ermüdendes Missionsdesign. Vor allem, weil es auch nach 15 Stunden Kampagne jede Menge Laune macht.
Design-Fetischisten, Open-World-Hasser und Gameplay-Feinmotoriker sollten um Red Faction: Guerrilla aber trotzdem einen großen Bogen machen. Der Titel definiert sich in erster Linie über seine Knalleffekte und besitzt ein paar Macken, die man nur mit dem stoischen Gleichmut eines männlichen Zeitgenossen überwinden kann. Deshalb, meine lieben Mit-Neandertaler, werde ich jetzt noch ein paar Häuser zerlegen und meinen eigenen Wrecking Crew-Highscore schlagen. Wir sehen uns auf dem Marsianischen Schrottplatz.
Red Faction: Guerrilla ist seit gestern für Xbox 360 und PS3 erhältlich. Die PC-Fassung folgt am 26. Juni.
Bei XBlaster ist die Welt, wie wir sie kennen, Vergangen- heit. Als Mechpilot kämpfst Du zur Belustigung der Menge und monatlich 10.000 € zum Spiel...
Red Faction: Guerrilla im Test.
Teilen Sie Ihre Meinung mit anderen Yahoo!-Usern.