Gesamtwertung5/10 |
Letztens war ich wieder abends mit Henry unterwegs. Es ging zu einer Lesung über revolutionäre Poesie. Henry mag so was ja und der Abend begann gut. Während der Fahrt erzählte er abermals von seiner Zeit mit der Rollins Band. Wie immer begann er zu schwadronieren, dass die Kinder heute ja keine gute, zornige Rock-Musik mehr machen. Das regt Henry immer ziemlich auf. Die Venen seines Stiernackens beginnen dann so komisch zu pulsieren. Das sieht ziemlich gefährlich aus. Ich schwenkte vorsichtig zu der Literatur zurück. Das beruhigte ihn und er erzählte von dieser tollen Mandela-Biographie, die er gerade liest. Ich sagte, dass ich vor kurzem den siebten Band von Harry Potter beendete und es ganz gut fand.
Henry stieg mit beiden Füßen auf die Bremse.
Wir standen mitten im dunkelsten Viertel der Stadt. Eine unangenehme Stille breitete sich zwischen uns aus. Sie wurde nur von dem rhythmischen Rauschen des Blutes in Henrys bedrohlich geschwollenen Halsmuskeln untermalt. Er sagte: „Du hast was gelesen?“ Ich dachte mir, dass er wohl einfach etwas falsch verstanden hatte. Ich antworte unschuldig: „Harry Potter.“. Seine rechte Vene verbündete sich mit 30 Prozent seiner Halsmuskulatur und zusammen traten die beiden mich durch die Autotür auf die Straße. Dort stand ich dann sehr verwirrt herum. Henry brüllte mich an: „Niemand in meinem Auto ließt besch… Kinderbücher! Hau bloß ab, Du…” Den Rest konnte ich wegen des Reifenquietschens nicht mehr verstehen. Henry war weg. Dafür stand neben mir eine etwas mitgenommen aussehende Frau. Von ihr erfuhr ich, dass Henry schon länger ein Problem mit Harry Potter hat. (youtube.com)Ok, ich mag also Harry Potter, auch wenn ich zugebe, dass es ein eher kindliches Vergnügen ist. Aber die Geschichten sind nett, die Charaktere lebendig und man ertappt sich doch dabei sich zu wünschen, dass die echte Welt ein wenig magischer wäre. Und sobald ihr das Spiel zum sechsten Buch beziehungsweise Film einlegt, dann solltet ihr bereits ebenfalls wissen, worum es hier geht. Harry Potter und der Halbblutprinz verzichtet auf jegliche Erklärungen und wirft euch von Minute Eins an ins Geschehen. Kennt ihr Dumbledore, Hermione und Snape, dann ist das völlig ok. Haltet ihr den goldenen Schnatz für etwas, mit dem man an thailändischen Flughäfen besser den Drogenfahndern aus dem Weg geht, werft ihr besser zuerst einen Blick auf diese Seite. ( amazon.de )Das sechste Spiel leidet wie auch sein Vorgänger darunter, dass die Vorlage kaum eine zu spielende Geschichte hergibt. Die Potter-Bücher leben in kleinen Einzelereignissen, die sich nur schwer zu einer kohärenten, in einem Spiel interessanten Storyline verbinden ließen und auch der Halbblutprinz hat seine liebe Mühe, wenigstens ein paar Schlüsselmomente sinnvoll aneinanderzureihen. Einen Spannungsbogen, den findet ihr nicht. Schnell und abgehackt werden euch Brocken eher vagen Bezugs hingeworfen, die der hohen Qualität des Originals kaum gerecht werden.
Trotzdem hilft es der von vornherein schwierigen Umsetzung des Materials nicht, dass man sich bei einem Spiel für ein halbes Dutzend Systeme auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigte. Keine Frage, es läuft flüssig, aber alles andere wäre auch ein Fehdehandschuh in das Gesicht der 360. Texturen und Objekte erinnern spätestens bei näherer Betrachtung an hochgezüchtete PS2-Vertreter und so hübsch einige der Hogwarts-Örtlichkeiten trotz des beschränkten Mitteleinsatzes aussehen, an jeder Stelle ist es deutlich, dass sich seit dem Orden des Phönix aus der ersten Spielgeneration der Konsole nichts getan hat.
Dabei hätten vor allem die Helden und Bösewichter eine Grundüberholung dringend nötig gehabt. Ginny wirkt wie irgendetwas zwischen niederträchtig und debil, Ron scheint eine misslungene Schönheitsoperation zu viel hinter sich zu haben und Dumbledore würde man in der U-Bahn einen Euro zustecken. Es grenzt ans Surreale, wie die Figuren vertraut und doch daneben und mit teilweise erschreckend begrenzten Animationen daherkommen. Das dramatische Finale bricht schließlich endgültig zusammen, als Dumbledore und Snape auf Bauchrednerei umsteigen und die Lippen sich gar nicht mehr bewegen.
Wenigstens einen Hauch von Größe rettet in erster Linie James Hannigans entzückender Soundtrack. Während ich diese Zeilen tippe, lauschte ich diesem dann sogar noch einmal getrennt und es gelang wirklich eine hinreißende Mischung aus Leichtigkeit mit geschickter Betonung der dramatischen Einlagen und ein paar eingängigen, aber nicht zu simplen Melodien. Mit ein wenig mehr Mitteleinsatz wäre dieses Werk auch in einem Film keineswegs verloren.
Das wirklich Erstaunlichste am Ende ist es aber, dass man hier trotz der schwachen Umsetzung der Story und trotz der bestenfalls zweitklassigen Technik eine ganz gute Zeit in Hogwarts haben kann. Das hat der Potter in erster Linie seinen drei wichtigen Minispielchen zu verdanken. Das schwächste stellt nach wie vor das Zauberduell dar. Beide Kontrahenten umkreisen einander und per Stickbewegung hauen sie sich die Potteräquivalente Feuerball und Blitzzauber um die Ohren. Leider reagieren die Eingaben etwas arg verzögert und spätestens ab dem Punkt, an dem ihr euren Gegner kopfüber schweben lassen könnt, verkommt selbst der Endkampf gegen ein paar Todesesser zur drögen Simpelroutine.
Mehr Spaß kommt beim Quidditch-Spiel auf. Es bleibt zwar weiterhin völlig unklar, warum das damals recht gelungenen Quidditch World Tournament nicht wieder aufgegriffen wurde, das Abfliegen einer festen Route auf der Jagd nach dem Schnatz hier macht aber auch eine Menge Spaß. Das Tempo stimmt, ihr dürft euch herzhaft mit dem gegnerischen Sucher herumschubsen und die zu durchfliegenden Sterne, die euer knappes Zeitkonto füllen, lassen sich nicht ganz von allein treffen. Ok, schwer ist es auch nicht, aber immerhin.
Nummer drei im Bunde überraschte mich persönlich am meisten. Wer hätte gedacht, dass das Mixen von Zaubergebräu das meiste Spaßpotenzial birgt. Mit den beiden Sticks koordiniert ihr eure beiden virtuellen Hände, greift nach Mixturen, schüttelt sie vorsichtig, heizt den Kessel ein wenig an, alles nach klaren Vorgaben und mit einem teilweise harten Zeitlimit. Ich finde es schade, dass mir hier nur die 360-Version zur Verfügung stand. Es ist gut möglich, dass gerade diese Disziplin auf der Wii noch einmal gut an Spaß zulegt. Aber auch so bleibt etwas, mit dem man gut einen Abend verbringen kann.
Nur leider fiel auch diese Disziplin nicht allzu schwer aus. Die Geschichte um den Halbblutprinzen dauert für einen auch nur leicht geübten Spieler kaum mehr als vier Stunden. Das heißt, solange ihr der Story folgt und euch nicht ablenken lasst. Gehört ihr zu den Potter-Fans, denen es reicht, einfach nur im Hogwarts-Universum abzuhängen, dann bietet der Halbblutprinz eine ganze Menge. Vier Duellierklubs fordern euch heraus, der Brau-Klub will Rekordzeiten beim Tränke-Mischen sehen und 175 Wappen sammeln sich nicht von allein. Diese liegen netterweise nicht einfach herum, sondern müssen teilweise mit Geschick und Nachdenken ergattert werden, und wer den letzten Achievementpunkt haben will, kann hier sehr viel Zeit verbringen. Beim Herumlaufen und Suchen kommt ihr aber auch nicht umhin zu bemerken, dass sich in Hogwarts seit dem letzten Besuch nicht viel verändert hat. Warum auch, so ist das nun mal mit Fortsetzungen.
Die vergangene Zeit seit dem Orden des Phönix und auch der Vorgänger selbst dürften die größten Probleme von Harry Potter und der Halbblutprinz sein. Was damals noch als Hogwarts-Open-World gefeiert wurde, kam gut an, da alles Hochaufgelöste irgendwie NextGen war. Heute hat sich die Messlatte deutlich nach oben verschoben und der Stauneffekt wird nicht nur durch die maue Technik und die hässlichen Figuren, sondern auch durch die mit dem Vorgänger praktisch identischen Örtlichkeiten geschmälert.
Den Potter-Nerd stört das weniger, schließlich will er gar nichts anderes als dieses recht detaillierte Hogwarts erkunden. Und auch wenn keines der drei Minispiele zu wahrer Größe aufläuft, kommt insbesondere das Tränkemixen dem schon erstaunlich nahe. Die Tränke, Quidditch und sogar das Duellieren sollten eigentlich jeden Spieler für ein kurzes Weilchen fesseln. Vielleicht sogar noch über das Ende der kurzen und erstaunlich ungeschickt erzählten Geschichte hinaus.
Am Ende muss man aber der Wahrheit ins Gesicht blicken: Henry Rollins hatte recht. Harry Potter ist ein Kinderbuch und auch der digitale Halbblutprinz schafft es nicht, in der Riege der „erwachsenen“ Spiele mitzumischen. Es bleibt ein unschuldiger, kurzer Spaß, mehr aber auch nicht.
Harry Potter und der Halbblutprinz ist für so ziemlich jedes System im Handel erhältlich. Kurz: 360, PS3, PC, Wii, PS2, DS und PSP.
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