Gesamtwertung7/10 |
Es gibt bestimmte, gravierende Fehler, die ein Spiel nie machen sollte: Abwechslungsarmut wäre ein solches Vergehen. Besonders wenn das Gameplay sich hier und da kleinere Patzer erlaubt, wäre das das Ende eines jeden Machwerks. Des Weiteren wären da die so genannten Dead Ends, vor allem in Adventures der frühen Zeit (und ab und an auch jetzt noch) immer wieder angetroffenene und nervig-lästige Sackgassen, bei denen dem Spieler nichts anderes übrig bleibt, als auf den Load-Button zu drücken. Und dann gibt es noch “Fehler”, die einen zwar nicht zur Weißglut treiben, aber doch irgendwie über den gesamten Spielverlauf präsent sind. Gut zu sehen an Blue Dragon: Der fehlende Mut zur Innovation steht dem Japano-Rollenspiel während der Geschichte förmlich ins Gesicht geschrieben.
Das erste, große Fernost-RPG für die Xbox 360 sollte es werden – und es wurde immerhin ein guter, wenn auch feiger Versuch, sich mit bereits bekannten Ideen zu rühmen. Alles was man dazu brauchte, war ein neuer Name und natürlich eine veränderte Story. Getreu dem Höhner-Lied “Wenn nicht jetzt, wann dann...” hätte Entwickler Mistwalker - unter der Federführung von Hironobu Sakaguchi, Nobuo Uematsu und Akira Toriyama - es allerdings wagen sollen, andere Pfade zu beschreiten, die nötige Würze hinzuzufügen, eine Priese Neuerungen einzustreuen. Etwa so, wie es Square Enix gegen Ende des letzten Jahres mit seiner erfolgreichen Final Fantasy-Reihe tat. Bewährtes vermischt mit MMOG-Elementen und einem automatisierten KI-System für die eigenen Recken.
Schade eigentlich, denn Blue Dragon ist an sich ein wunderbares, zuweilen verträumtes, und sich doch so echt anfühlendes Rollenspiel. Der Stempel “Made in Japan” drückt dem umfangreichen Blue Dragon jedoch dreierlei Stempel auf die Stirn: Da wäre zum einen der extrem geschmacksabhängige Grafikstil, weiterhin eine Reihe extrem gewöhnungsbedürftiger Charaktere und zu guter Letzt noch eine ungemein 'fantastische' Hintergrundstory mit viel Schmalz in der Seele. Das alles ist nichts Neues für RPG-Fans.
Zu Ersterem müsste man eigentlich keine Worte mehr verlieren: Jeder kennt den überzeichneten Dragonball Z-Look, die - im Vergleich zum übrigen Kopf - überdimensionalen Augen oder die wilden und bevorzugt auch schon mal knallbunten Spezialeffekte. Das ist nichts Neues.
Neu ist auch nicht die Aufstellung der obligatorischen Stereotypen, die bereits seit anno SNES das Genre bedienen. Zusammengefasst bietet die bis auf fünf Mitglieder anwachsende Blue Dragon-Party alles, was man schon so zig Male über den Bildschirm schleichen sah. Da wäre der ehrgeizige, arrogante Zögling (Shu), der sich gerne auch einmal selber überschätzt. Dazu gesellen sich mit Freude der typische Vernunftsmensch (Jiro) und das ängstliche Küken mit dem traumatischem Kindheitserlebnis (Kluke). Und als wäre das nicht schon genug der üblichen Verdächtigen, wird auch auf den nervenden Nerd (Marumaro) und das geheimnisvoll anmutende Fräulein (Zola) nicht verzichtet.
Nur gut, dass die Helden nicht auch noch – wie immer – im Angesicht der Gefahr über sich selbst hinauswachsen, was? Überraschung! Eben genau jenes Klischee lässt Blue Dragon natürlich ebenfalls nicht aus. Die im Kampf fungierenden und später in verschiedene Richtung upgradbaren „Schatten“ (beispielsweise der namensgebende Blue Dragon) entsprießen den Helden gleich zu Beginn des Abenteuers und unterstützen diese mit mächtigen Kräften.
Wenn solch eine Charakterkonstellation von einem regulären Entwickler stammen würde, könnte man noch damit leben, aber wenn eine Legende wie Hironobu Sakaguchi dafür verantwortlich zeichnet, sollte man auch Hironobu Sakaguchi erkennen können. Angesichts seiner bisherigen Kreationen, allen voran Sephiroth aus Final Fantasy VII, ist das anfangs Gebotene jedenfalls enttäuschend. Dass das einem Profi passiert, ist übrigens auch nichts Neues.
Nicht minder enttäuschend präsentiert sich zu Beginn die quasi nicht existierende Handlung. Ehe man erst einmal das große Ziel vor Augen hat, vergeht einige, für Blue Dragon gar wertvolle Stunden. Den Begriff Tutorial scheint man hingegen bei Mistwalker fast schon legendär falsch verstanden zu haben. Statt der Story endlich die Sporen zu geben, sieht man sich immer noch mit vielen, vielen – teils unnötigen – Hilfestellungen konfrontiert, die mit der Zeit nicht nur nerven, sondern mit der Tatsache, dass sie die Handlung ausbremsen, auch wachsende Sympathien zur Heldengruppe verhindern. Ist aber schließlich nicht das erste Mal, dass so etwas einem Rollenspiel passiert – also ist dies ebenfalls nichts Neues.
Kreativ waren die Entwickler aber zumindest beim recht interessanten, rundenbasierten Kampfsystem, das neben dem üblichen Attackieren und Verteidigen zudem eher selten gewordene Möglichkeiten bietet. Da sich alle Feinde sichtbar in der Welt bewegen, sind Zufallskämpfe ausgeschlossen. Zieht man nun die Aufmerksamkeit der Schergen, die unter dem Kommando des fiesen Yoda-Verschnitts Nene stehen, auf sich, wird man logischerweise verfolgt. Durch ein Einzugssystem kann man nun die Gegner in der nahen Umgebung mit in den Kampf einbeziehen und dank gezielter Attacken gegeneinander aufhetzen. Zum Beispiel ein Rudel Wasserkrebse und einen in Rüstung gepackten Fisch.
Einfach mit einem Angriff alle gemeinsam erwischen und schon kriegen sich die Widersacher derart in die Wolle, dass sie den eigentlichen Feind vergessen. Das Resultat: Die Wasserkrebse klauen dem einst mächtigen Wirbeltier die Rüstung. Nun wäre freies Feld für einen vernichtenden Angriff. Das ist alles nicht sonderlich „neu“, aber gerade wegen seiner Seltenheit so unglaublich charmant und gerade zu knuffig.
Und genauso ist es mit dem großen Rest des Spiels, der wie aus einem bezaubernden Guss wirken würde, wenn da nicht die vielen Zwischensequenzen wären, die dem Ganzen hier und da die Dynamik berauben. Löblicherweise sind die Unterschiede zwischen Filmchen und Ingamegrafik fast schon nicht mehr nennenswert. Angefangen beim Aufenthalt im noch malerischen Talta bis zum coolen Endkampf, bleibt Blue Dragon stilsicher und macht im Mittelteil das wieder gut, was es anfangs vermissen lässt. Nämlich eine nicht von der Hand zu weisende Charaktertreue, mehr Tiefe und vor allem weniger nervige Unterbrechungen. Ist man dann erst einmal in der soundmäßig übrigens hervorragenden Blue Dragon-Materie versunken, lässt einen das Spiel so schnell nicht los.
Summa Summarum: Hat man sich erst einmal mit den genannten Schwächen abgefunden, macht Blue Dragon richtig Spaß. Vergessen ist der fehlende Mut zur Innovation, in den Vordergrund drängen sich die großen Rollenspiel-typischen Stärken, die es von anderen Genre-Kandidaten abhebt und hier zweifelsfrei gut präsentiert. Die Liebe am Sammeln und Leveln etwa, genauso wie die lange Reise über viele Instanzen oder die spätere – endlich funktionierende! - Identifikation mit der Heldenbande. Wobei man vor allem auf Letzteres einen Tick zu lange warten muss. Es heißt also Sitzfleisch bewahren und nicht gleich die Konsole ausschalten - es lohnt sich.
Blue Dragon besitzt aufgrund seiner Herkunft nicht die pompös-epochale Inszenierung eines The Elder Scrolls IV: Oblivion. Es hat auch nicht von Beginn an sympathische Charaktere wie beispielsweise Final Fantasy VII. Blue Dragon hat aber das Rollenspiel-Herz am rechten Fleck, das mit zunehmender Spielzeit endlich zum Vorschein kommt.
Dürfte man sich zuerst beschweren, dass die Kiddies ziemlich nervig sind und dem Spiel vielleicht andere Charaktere besser zu Gesicht gestanden hätten, ändert sich die Meinung, wenn man es sich im anfangs unbequemen RPG-Sitz erst einmal gemütlich gemacht hat – die eigenen Helden sowie deren Spezialfähigkeiten, die mächtigen “Schatten”, wachsen und gedeihen zu sehen, sich endlich mit ihnen identifizieren zu können, all das, was man im Übrigen mit dem Genre verbindet. Ich hoffe, dass viele andere Spieler den inszenatorisch guten, aber innerlich trägen Anfang nicht als Ausladung betrachten, sondern sich von dem, was noch kommt, verzaubern lassen. Von neuen, am Ende liebgewonnen Charaktere beispielsweise, oder von den beeinflussbaren Kämpfen. Dass mir dieser Wunsch am Herzen liegt, das ist etwas Neues, obwohl Blue Dragon reichlich wenig Neues bietet.
Rollenspiel-Fans dürfen sich seit dem 22. August mit den Stärken und Schwächen von Blue Dragon auseinandersetzen.
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Blue Dragon im Test.
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