X360: Dead Rising 2
Wir befanden uns irgendwo in der Nähe des Blackjack-Tisches am Rande des Kasinos, als die Drogen anfingen ihre Wirkung zu entfalten. Ich glaube, ich sagte noch so etwas wie „Vielleicht solltest Du lieber die Karten austeilen…“ . Dann gab es diesen furchtbaren Aufschrei und das ganze Kasino war voll dieser Zombies. Alle rannten und schlichen und krochen um den Tisch, auf dem eine 22 zum Gewinner erklärt wurde. Eine Stimme schrie: „Wo zur Hölle kommen diese Biester her?“
Es war sehr ruhig danach. Der Typ mit dem Elchgeweih auf dem Kopf sah mich an und verlangte zu wissen, warum ich hier so herumschreie, bevor er seinen gewaltigen Zwölfender senkte und zwischen zwei Schlucken Bier und drei gespielten Karten durch die Masse an Untoten preschte und sie wie billiges Zeitungspapier, durch das ein Orkan fegt, auseinanderstieben ließ. Er drehte eine Runde und setze sich wieder neben Bob, der grübelnd auf die umgedrehten Karten starrte, während er die beiden Kettensägen an den Enden des Paddels ölte. „Nichts.“, sagte ich. Wenn sie die Zombies nicht störten, warum sollte ich mich beschweren.
Die Runde hatte gerade erst begonnen und wir hatten noch 100 Karten zu ziehen, zumindest glaubte ich das. Ich glaubte in diesem Moment eine Menge. Auch wenn ich einige Zweifel über diesen Kerl in dem Rollstuhl hatte. Es war nicht unbedingt der Rollstuhl, der war normal. Etwas altertümlich vielleicht, ein schweres Metallgestell, solide wie die Golden Gate und wahrscheinlich genauso schwer. Worüber ich mir kurz Gedanken machte, waren diese beiden Maschinengewehre, die an seine Seiten geschraubt waren und Reihe um Reihe der Zombies niedermachten.
„Ich komme gleich wieder.“ Weder Elch noch Kanu protestierten über die Unterbrechung. Es gab ihnen mehr Zeit, sich mit ihren Spielzeugen zu beschäftigen. Sehe eigentlich nur ich, wie das Elchgeweih genau über der sechsten Rippe in den Zombie eindringt, Teile der gammeligen Innereien herausfetzt und mit erschreckender Plastizität auf das Glücksrad verteilt? Wahrscheinlich. Dürfte das Meskalin sein. Wildes Zeugs, vor allem zusammen mit dem Äther, der meine Gelassenheit gegenüber der Situation erklären dürfte. Vielleicht erklärte es auch, dass ich mir von schräg hinten selber über die Schulter schaute, als ich die 45er direkt in die halb zerflossene Zombiefresse entleerte. Die Präzision dieser außerkörperlichen Handlung verblüffte mich selbst, schließlich ging das noch nie vorher so dermaßen gut von der Hand.
Ob ich es wohl noch schaffe, in Apartment zu kommen? Ob die Fledermäuse zuerst zurückkommen oder eine durchgeknallte Nazi-Paranoia-Ordnungsgang mich in die Wüste bringt? Oder der Typ mit dem Motorrad und seinen beiden Kettensägen als Lenker mich vorher erwischt oder… Die Gedanken werden lang auf dem Zeug, aber sie blieben bei dem Typen hängen, als ich ihm hinterherstarrte, wie er mit seiner Cross-Maschine durch ein Meer von 7000 oder mehr Zombies mähte. Er eine Runde drehte und seinen frisch gepflasterten Highway über die Masse an totem Fleisch zurücklegte und mir fröhlich zuwinkte, während ich dümmlich zurückgrinste und ich ungläubig den Kopf schüttelte. Aber so sehr ich auch schüttelte, die Armee der toten Untoten lag immer noch herum und verschwand auch nicht. Sehr lange Gedanken.
Ich nahm den Fahrstuhl, um zum Parkplatz zu kommen. Ich hatte Glück, es regte sich keiner auf, dass das alte Cadillac-Cabrio direkt auf dem Parkverbotsschild stand. Könnte an den Massen an Zombies liegen. Oder an den Fledermäusen. Hab sie schon lange nicht mehr gesehen. Nur Untote, seit ich in der Stadt war. Überall. In Massen. Unglaublichen Massen. Man munkelt, bis zu 10.000 machen einen einzelnen Platz unsicher. Munkelt man das, habe ich es gehört oder nur gedacht? Ich wollte mal mit dem Concierge darüber reden. Dann würde er sich auch wegen der 45er und dem blutigen Stoffhasen keine Sorgen machen. Seltsames Wesen. Hab damit einen Zombie aus dem Weg geschlagen. Schien in dem Moment eine gute Idee gewesen zu sein.
Die Sonne brannte heiß, war es eben nicht noch Nacht, wann war ich angekommen? Der Concierge machte sich keine Sorgen. Er war ein Zombie geworden. Ich war mir immer noch nicht ganz sicher über alles, und da er mit dem Rücken zu mir stand und ungelenk kleine Schlüssel zu sortieren schien, ließ ich ihn in Ruhe. Ein wenig Fernsehen würde mich zurückbringen. Das ernüchtert ja immer. Ich spulte mich durch die Kanäle. Wie sang Springsteen in seiner furchtbarsten Zeit? "57 Channels and nothing on"? Trifft es wohl. Ich blieb bei „Terror in Reality“ hängen.
Eigentlich hasse ich Gameshows. Aber diese erregte doch meine Aufmerksamkeit. Ich wünschte, mein Anwalt wäre hier gewesen, dann hätte ich ihn gefragt, ob er auch diese vier Typen sieht, die in die Bälle von American Gladiator gespannt sind. Wahrscheinlich hätte er. Sehr sicher sogar. Es scheint Tage her, dass ich etwas aus dem Kofferraum geholt hatte. Mit wachsender Faszination folgte ich der ersten Runde von „Terror in Reality“.
Nur der Spieler, dessen Ball leuchtet, sammelt Punkte, sobald er die Fallen über Zombies herfallen lässt. Die anderen drei folgen ihm frenetisch, denn wer den leuchtenden Ball berührt, der leuchtet selbst. Dieser letzte Gedanke schien eine tiefere Bedeutung zu haben, aber ich konnte sie gerade nicht fassen. Drei verrückte farbige Bälle rollten, prallten von verrückten Bumpern ab und wollten leuchten, während der Illuminat ordentlich Punkte aus dem toten, wandelnden Fleisch zog. Ich glaube, rot gewann. Keine Überraschung. Es scheint das farbliche Thema dieser Stadt zu sein.
Die zweite Runde hieß „Headache“, was sehr gut paste. Ich hatte langsam selber einen. Aber wenigstens pappte mir niemand einen mit nach innen gerichteten Schneidblättern versehenen Hut auf den Kopf. Jeder Spieler hatte davon drei und musste sie einer Masse von Untoten auf deren Köpfe verteilen. Anschließend rennt der Spieler zu einem Knopf an der Arena und kann die Hüte auslösen. Eine Stange Dynamit kann er nutzen, um Hüte herunterzusprengen. Wer die meisten Skalps sammelt, gewinnt. Es ist ein altes Spiel dieses Landes.
Danach sah ich vier Typen mit riesigen, metallenen Elchgeweihen. War ich doch zurück zum Kofferraum und unserem Vorrat gegangen? Vielleicht. So oder so rannten die vier Elchmenschen in der Runde „Pounds of Flesh“ wie die Berserker durch Zombiehorden, um möglichst viele Einzelteile auf ihren mächtigen Schaufeln zu sammeln. Das war ziemlich außerweltlich und ich würde später definitiv mit dem Concierge darüber reden. Als Zombie müsste er eigentlich eine Meinung dazu haben.
Der Abschluss von „Terror in Reality“ erklärte zumindest den Motorradfahrer im Kasino. Hier sind vier von ihnen unterwegs. Durch eine Flut aus Zombies fahren sie, um die Ernte einzubringen. Wer die meisten Ähren holt, gewinnt. Der Erste der letzten Runden bekam ein paar Sekunden mehr dafür, die anderen starteten später. Aber die besonders bunten Zombies mit Ballons auf dem Kopf vervielfachten die Punkte und so gewann zum Schluss Grün. Ist das nicht die Farbe der Hoffnung? Nun, die Hoffnung stirbt zuletzt, aber ich werde mir Mühe geben, nicht viel früher dran zu sein und werde wohl morgen weiterziehen. Oder übermorgen. Ich schlief ein. Nie eine gute Idee in einer Stadt voller Untoter. Aber eigentlich war das hier nie anders. Untote oder nicht.
(In Gedenken an Hunter S. Thompson) (rollingstone.com)Zurück in die Realität und ganz nüchtern. Inhaltlich bleibt Dead Rising 2 noch weitestgehend im Dunkel. Es knüpft zeitlich später an seinen Vorgänger an und nicht nur das Setting, auch der Held ist ein anderer. Biker statt Reporter, verschollene Tochter statt Super-Scoop und damit auch keine Kamera. Dafür natürlich wieder endlos viele und vor allem schräge Waffen. Die ihre surrealen Höhepunkte im „Terror in Reality“-Multiplayermodus feiern werden.
Blue Castle Games – The Bigs – legt technisch Beeindruckendes hin und wirft euch ungeahnte Massen an Zombies vor. Die bisherige Splatterpräsentation in der Casinowelt des Pseudo-Vegas sagt zwar noch nicht viel über das Spiel an sich aus, aber es schreit einen Fakt in die Welt: Es wird geschätzt 73 Sekunden nach dem Release indiziert, beschlagnahmt und verbrannt. Es wird eine der verbotenen Sachen der Welt sein. Und die bringen häufig den meisten Spaß.
Anfang 2010 beginnt der Roadtrip nach Fortune City auf PS3, Xbox 360 und PC. Ob er hierzulande stattfindet, wage ich zu bezweifeln.


