Gesamtwertung7/10 |
Interviews sind mit einer Treibjagd vergleichbar. Speziell bei den großen Titeln versuchen gewiefte Redakteure den Entwickler in die Enge zu treiben, ihm die Pistole auf die Brust zu setzen, um am Ende vielleicht eine Exklusivmeldung als Trophäe zu ergattern. Dieses ständige Belauern kann sich schnell in eine nervenaufreibende Quälerei verwandeln, beim eloquenten und erfolgsverwöhnten Total Annihilation-Schöpfer Chris Taylor wurde daraus aber eine sehr spaßige Angelegenheit, die auch für einige Lacher gut war – siehe Interview
. Chris verriet uns sogar indirekt, dass sich ein Addon in der Pipeline befindet und selbst über unsere Wertung konnten wir offen mit ihm sprechen, auch wenn er natürlich nicht unserer Meinung war. Das Spiel war uns „nur“ 8/10 Punkte wert.
Doch dann lehnte sich Chris etwas weit aus dem Fenster: Nachdem er sich unsere Gründe in Ruhe angehört hatte, wagte er die Aussage, dass wir der Erweiterung wohl oder übel 9/10 Punkten verpassen müssten. Schließlich würde Gas Powered Games sich diesmal ganz auf die Einzelspielerkampagne und die Präsentation konzentrieren, die beim Hauptprogramm deutlich zu kurz gekommen sei. Nun, zehn Monate später liegt Forged Alliance auf meinem Tisch und man darf gespannt sein, ob seine Vorhersage der Wahrheit entspricht.
Leider fiel der Einstieg nicht sonderlich viel versprechend aus. Nach den ersten 20 Minuten, die ich mit der Basis-Verteidigung und dem Resourcen-Sammeln beschäftigt war, wäre ich fast eingeschlafen. Während meine Techniker damit beschäftigt waren, meine erste Experimentalwaffe zu bauen, konnte ich die Augen nicht mehr offen halten. Trotz der deutlich verkürzten Bauzeiten, dauert es viel zu lange, bis das Gameplay richtig in Schwung kommt. Steht erst einmal die Basis-Verteidigung, müsst Ihr trotz Zeitbeschleunigung warten, warten und nochmals warten.
Dabei liefert das Addon zum Strategie-Monster Supreme Commander die gleichen Freiheiten und gewaltigen Gefechte wie das Hauptprogramm. Ob zu Lande, zu Wasser oder in der Luft, mit 110 neuen Einheiten wird der Kampf um die Erde ausgeweitet und noch mehr Möglichkeiten geboten, den Gegner in Grund und Boden zu bomben. In der Stand-Alone-Erweiterung gibt es sogar eine neue Rasse, die aber sinnloser Weise nur im Multiplayer spielbar ist.
Es sind die Seraphim, die das Supreme Commander-Universum aufmischen. Angebetet von den Aeon, bringen sie leider nicht die erhoffte Rettung, sondern die Endlösung. In ihrem Wahn, den Krieg zu beenden, wollen sie alles menschliche Leben vernichten. So müssen die ehemaligen Feinde zusammen arbeiten, um das Armaggedon zu überleben. In sechs sehr klassischen Missionen dürft Ihr aber nur mit einer der existierenden Parteien in den Kampf ziehen und werdet dabei von den anderen Völkern unterstützt.
Da sich beim Gameplay nichts getan hat, schmerzt es umso mehr, dass Ihr die neue Rasse nicht in der Kampagne spielen könnt. Wie gehabt startet Ihr mit Eurem Commander auf einem viereckigen Kartenstück, baut eine Verteidigung auf, versucht die nächste halbe Stunde die höchste Technologiestufe zu erreichen und die Wirtschaft auf Vordermann zu bringen. Immerhin könnt Ihr schon im ersten Level auf den gesamten Technologiebaum zugreifen inklusive der wirklich einmaligen Spezial-Einheiten.
Die KI gibt sich zwar Mühe durch verschiedene Angriffsvektoren Eure Verteidigung zu testen, doch da die Attacken in Wellen kommen, sind sie eigentlich recht einfach abzuwehren. Kritisch wird es nur, wenn Ihr Missionsziele erfüllt habt und sich dadurch die Karte erweitert. Manchmal taucht dann aus dem Nichts eine große Armee auf und vernichtet Eure Basis, bevor Ihr entsprechende Gegenmaßnahmen einleiten könnt.
So ist es fast unmöglich, im ersten Anlauf einen Level zu bezwingen. Besitzt Ihr aber dann erst einmal die Information, von wo und wie der Gegner angreift, könnt Ihr ganz entspannt mit dem Erfüllen des ersten Missionsziels warten, bis Ihr Eure ersten Experimentalwaffen besitzt. Dann noch an der richtigen Stelle eine starke Verteidigung hochziehen und die Kampagne wird zu einem Kinderspiel.
Auch optisch hat sich seit Februar kaum etwas getan. Mal abgesehen von den fantastischen Effekten und den wirklich beeindruckenden Experimental-Einheiten, gehört schon viel Wohlwollen dazu, die normalen Units nicht als hässlich zu bezeichnen. Durch die geringen optischen Unterschiede, den enormen Zoom-Faktor und die zweideutigen Symbole, ist es außerdem schwer, die Gebäude und Fahrzeuge auseinanderzuhalten. Gerade bei Artillerie-Schlägen müsst Ihr die Mouse-Over-Funktion nutzen, um überhaupt eine Wirkung zu erzielen.
Diese ganzen Mängel gab es natürlich schon im Hauptprogramm. Leider ist es Gas Powered Games nicht gelungen, auch nur eines dieser Probleme in den Griff zu bekommen. Selbst die neue Rasse wirkt sehr generisch und spielt sich genau wie neuen Einheiten kaum anders als das alte Material. Um das Balancing zu vereinfachen, gibt es auch bei den Außerirdischen nur minimale Unterschiede zwischen den Einheiten. Lediglich der Commander und die Sonderwaffen machen die Fraktionen einmalig – für einen zweiten Durchgang mit einer anderen Rasse deutlich zu wenig.
Blizzard zeigt mit jedem Strategie-Titel, wie das deutlich besser geht. Außerdem sind die ersten Waffensysteme wirklich zu nichts zu gebrauchen. Zu Beginn können die Verteidigungsgebäude und Euer Commander Dutzende Feinde aufhalten, ohne auch nur einen Kratzer abzubekommen, und Ihr könnt Euch so einen enormen technologischen Vorsprung verschaffen.
Online gibt es natürlich genug echte Pro-Gamer, die auch aus den miesesten Dosenöffnern eine vernünftige Taktik herausholen. Dadurch werdet Ihr als Anfänger auch mit Forged Alliance kein Land sehen und ständig den Kürzeren ziehen. Wie schon sein Vorgänger im Geiste – Total Annihilation – ist auch Supreme Commander etwas für echte Profis. Die enorme Spieltiefe wird durch eine steile Lernkurve und viel Arbeit bezahlt. Einsteiger sollten eher die Finger davon lassen.
So symphatisch Chris Taylor auch ist, mit seiner Vorhersage lag er leider komplett daneben. Forged Alliance ist genauso spröde und zäh wie das Hauptprogramm und wird es schwer haben, neue Käufer anzusprechen. Es ist zwar löblich, dass der Titel als Standalone-Version auf den Markt kommt, doch Einsteiger werden ob der steilen Lernkurve an dem Addon verzweifeln.
Leider werden auch erfahrene Spieler nicht mit der Erweiterung glücklich. Dazu ist die CPU zu einfach gestrickt und der weitere Spielablauf zu vorhersehbar. In Kombination mit der nicht spielbaren neuen Rasse, gibt es statt der erhofften 9 Punkten eine Abwertung, die ohne die beeindruckenden Gefechte und die vielen taktischen Möglichkeiten, sogar noch deutlich kräftiger ausgefallen wäre. Statt einer klaren Kaufempfehlung, kann ich Forged Alliance nur echten Fans ans Herz legen, die auch vor einer Online-Partie nicht zurückschrecken. Tut mir leid Chris, aber auch diesmal gibt es keine 9.
Supreme Commander: Forged Alliance ist erhältlich für den PC, eine Xbox 360 Fassung soll im nächsten Jahr folgen.
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Supreme Commander: Forged Alliance im Test.
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