X360: Burnout Paradise
Alles rast an mir vorbei. Vor ein paar Sekunden hatte ich an einer Ampel im Nordosten der Stadt einem Rennen zugestimmt. Jetzt bin ich mitten drin. Kurz nach dem Start setzte sich bereits ein bulliges SUV mit viel Gebrüll neben mich und versuchte, mich an die Leitplanke zu klatschen. Mit Erfolg. Wertvolle Sekunden verloren – für den Moment. Als ich mich wieder auf der Straße befinde, sehe ich wie er an einem japanischen Flitzer nagt, doch wie aus dem Nichts taucht plötzlich ein Bus auf.
Der Sportwagen links vorbei, das SUV mit gefühlten 200 Sachen ins Heck. Wagenteile fliegen durch die Luft, der Bus gerät ins Schleudern und beginnt sich quer zur Straße zu stellen. Ich aktiviere den Booster und fahre, die Seitenbegrenzung schrammend, rechts vorbei. Take me down to the Paradise City where the ..., dröhnt es aus dem Radio. Damn right, Axl.
Dieses Spiel hat mich geflasht. Angefangen kurz vor dem Jahreswechsel, stehen jetzt bereits 934 Kilometer auf meinem Tachometer. Ich spiele zur Zeit nichts anderes mehr.
Ein Burnout muss schnell sein. Keine Frage. Für Paradise muss aber ein neues Adjektiv gefunden werden. Bezeichnend: Criterion verzichtet darauf, die Geschwindigkeit einzublenden. Vermutlich, weil ein Tacho völlig unrealistische Werte weit jenseits der 300km/h liefern würde. Egal. Wer will schon Ultra-Realismus.
Viel wichtiger: Criterion erkauft sich den Speed scheinbar nicht durch Tricks. Unabhängig von der Geschwindigkeit verliert man nie die Kontrolle über das Fahrzeug. Ob mit 30 oder 300 Sachen, die Wagen reagieren sofort so wie sie sollen. Nicht wie eine Simulation. Auch nicht wie ein Racer. Es wurde vielmehr die richtige Balance zwischen beiden Extremen gefunden – ist also weder frustrierend schwer noch anspruchslos.
Überhaupt wirkt Burnout Paradise gerade technisch so ausgereift, als wäre es schon seit Monaten fertig. Die PlayStation 3 liefert mühelos flüssige Bilder, egal wie viele Wagen gerade dargestellt werden oder wie viele Wrackteile durch die Luft fliegen. Während der gesamten Spielzeit gab es kein einziges Rucken oder Zucken – ich hatte fast den Eindruck, dass Criterion noch nicht einmal an die Leistungsgrenze gegangen ist. Und nein, ich will keinen Systemstreit provozieren, ich hatte einfach noch nicht die Zeit, beide Versionen ausgiebig zu spielen. Das wird zum Test aber geschehen.
Wie spielt sich Burnout Paradise? Wie man will – könnte man sagen. Paradise City ist der Schauplatz. Auf der Minimap werden allerlei Challenges farblich hervorgehoben. Ob man von Rennen zu Rennen hechelt, um möglichst schnell Punkte zu sammeln und sich so für die höchste Wagenklasse zu qualifizieren, liegt an jedem einzelnen.
Ich bin dem Fluch bzw. Segen des 'Free Roamings' erlegen. Zwischen den Rennen, die vorzugsweise an Kreuzungen durch das gleichzeitige Drücken von L1+L2 gestartet werden, hab ich bislang immer die nähere Umgebung erkundet. Nach Veröffentlichung der Demo wurde kritisiert, dass man ein Rennen nicht sofort wieder starten könne. Aufgrund meines Spielverhaltens kann ich dem nicht zustimmen. Bin ich an der Küste, dann mache ich einen Abstecher zum Hafen und schaue, ob es noch irgendwo eine Abkürzung gibt, einen Supersprung, den ich verpasst haben könnte – oder ich cruise einfach für ein paar Minuten.
Ein Rennen nicht sofort wiederholen zu können, hat natürlich einen entscheidenden Nachteil: Die Strecken lassen sich nicht so schnell auswendig lernen. Statt dessen muss man sich die Stadt und die Straßen einprägen. Skill setzt sich bei Burnout Paradise also aus der Beherrschung des Fahrzeugs und Ortskundigkeit zusammen. Was mich zu einem einschneidenden Erlebnis bei einer Taxifahrt in Prag Anfang der 90er führt ... Aber lassen wir das.
Nach einiger Zeit, weiß man, wo es Schnellstraßen gibt, welche Abkürzung ein paar Sekunden bringen können. Das Problem: Informationsaufnahme und -weiterverarbeitung. Unter Hochdruck. Man muss sich das so vorstellen: Der Blick ist vorwiegend geradeaus gerichtet, um nicht mit 200 Sachen in ein Haus zu rasen. Gleichzeitig hüpfen vor einem die anderen Fahrer wie Heuschrecken von einer Spur auf die andere. Immer wieder setzen sich zurückliegende Wagen mit einem kurzen Boost neben einen, bedrohlich kreischen ihre Motoren auf Hochtouren. Sie drängeln und versuchen, einen in die Leitplanke zu nageln. Dazu kreuzende Fahrzeuge und Gegenverkehr. Und alles bei Höchstgeschwindigkeit.
Zwischendrin immer wieder ein schneller Blick auf die Minimap. Wo ist das Ziel? Wer nimmt welche Route? Genau hier zahlt sich aus, Paradise City wie die eigene Westentasche zu kennen. Es ist natürlich von Vorteil, auch mal einen kleinen Umweg zu fahren, wenn man sich dadurch dem Pulk und seinen Attacken entziehen kann. Vorausgesetzt man landet dabei nicht auf einer Straße, die nach ganz woanders führt. Hilfsmittel werden hier kaum angeboten. Nur eines: Wenn am oberen Bildschirmrand die Straßenbezeichnung hektisch in eine bestimmte Richtung blinkt, dann sollte man bei der nächsten Gelegenheit auch in diese Richtung abbiegen – es ist nämlich die letzte Chance, wieder auf eine Art Ideal-Linie zu kommen.
Ansonsten ist Burnout Paradise der Inbegriff des Purismus. Kein Tacho, keine unnötigen Displays. Es gibt natürlich einige Statistiken, die man vorwiegend beim Speichern kurz überfliegt, aber das war es dann auch schon. Das ist Teil des Gesamtkonzepts, denn Criterion will ein möglichst glaubhaftes Szenario erschaffen und da haben Unterbrechungen jedweder Art – und dazu gehören auch Ladezeiten – nichts verloren.
Herausgerissen aus dem Rennfieber wird man nur durch Zeitlupen, die nach einem spektakulären Crash automatisch eingeblendet werden – oder wenn man einen Gegner abschießt. Jedoch sind diese Wiederholungen so sehenswert, dass man eine kurze Unterbrechung gerne in Kauf nimmt. Die Karosserie deformiert sich ausgehend vom Aufprallpunkt, bis schließlich ein Klumpen Blech übrig bleibt. Dazu zerbersten Kunststoffteile, wirbeln durch die Luft und vervollständigen so das Bild der Verwüstung.
Das Fahrverhalten der Wagen ist erstklassig, wie schon gesagt eine gelungene Mischung aus Realismus und Fiktion. Mit Heckantrieb lässt sich wunderbar driften und auch 180 Grad-Drehungen mit angezogener Handbremse funktionieren auf Anhieb, machen einfach Spaß. Spaß ist das vielleicht auch das treffende Wort, um diesen Komplex reduziert zusammenzufassen. Bei Burnout Paradise muss man sich fast nichts hart erarbeiten, man muss sich nicht quälen. Es macht einfach Spaß. Dass das von der ersten Minute an so ist, hat Criterion schon clever inszeniert. Es ist fast schon kriminell, welche profanen Mittel eingesetzt werden, damit der Funke bereits in den ersten Spielsekunden überspringt. Dass Axl Rose 'Paradise City' während des initialen und einzig spürbaren Ladevorgangs schmettert, ließ mich noch kalt. Doch dann stand er da. Ein 'Hunter Cavalry'. Ein fiktives Muscle Car, das ziemlich sicher eine reale Vorlage hat – auf die ich aber jetzt nicht komme; mein Verhältnis zu amerikanischen Wagen ist etwas zwiegespalten.
Der 'Hunter Cavalry' ist jedoch in vielerlei Hinsicht die Wucht in Tüten. Optisch kann man sich an seiner Form kaum satt sehen, egal aus welcher Perspektive. Seine Schönheit resultiert also nicht allein aus hochauflösenden Texturen oder Reflexionen, die sich auf dem Lack spiegeln. Nein. Sein Design ist einfach atemberaubend. Dann kam der zweite magische Moment: Wagen anlassen. Dazu muss etwa zwei Sekunden die Taste für das Gaspedal gehalten werden. Das Monster schüttelt sich kurz und blubbert danach so, wie ein V8 mit unanständig viel Hubraum blubbern muss. Herrlich.
Randnotiz: Liebe Entwickler von Rennspielen, so geht das. Klar, heutzutage muss (?) man eine Fantastillion verschiedener Wagen anbieten, die man nacheinander freischaltet. Aber muss ich deshalb mit irgendeiner Krücke anfangen, deren Hässlichkeit und Trägheit miteinander um die Spitzenposition auf meiner Hass-Skala kämpfen?
Weitere Fahrzeuge bekommt durch Upgrades des Führerscheins – oder indem man sie erobert. Dazu gibt die DJane, deren Stimme mich persönlich gewaltig nervt, wichtige Hinweise auf gerade durch Paradise City flanierende Modelle, die man durch Abschuss (nein, nicht mit einer Knarre!) der eigenen Flotte hinzufügen kann. Das überragende Design macht diese Wagen zu Objekten der Begierde, der Jagdinstinkt wird geweckt. Ich muss ihn haben! Alle Herausforderungen werden nebensächlich, bis er sich auf dem eigenen Schrottplatz befindet und nach anschließender Reparatur in neuem Glanz erstrahlt.
Die Wagen haben dabei alle ihre Vor- und Nachteile – natürlich. Bei den klassischen Rennen gebe ich persönlich den schnellen japanischen Flitzern den Vorzug, auch wenn ihre Stabilität zu Wünschen übrig lässt. Direkten Duellen muss man mit diesen Fahrzeugen aus dem Weg gehen. Anders bei 'Marked Man'. Hier muss man einer ganzen Meute entkommen, die wiederum versucht, einen durch Karambolagen schrottreif zu fahren. Schwere Muscle Cars und SUVs haben Vorteile, aber wie gesagt: Das hängt alles vom individuellen Stil und Geschmack ab.
Richtig mitgerissen hat mich auch der Soundtrack. Ob Epic von Faith No More, Would? von Alice in Chains oder Stand and Deliver von Adam and the Ants, EA Traxx spielt ganz groß auf. Und meine Güte, wie lange hatte ich schon nicht mehr Jane's Addictions Stop! gehört? Eine wirklich gute Zusammenstellung mit großem Hang zu härteren Klängen. Gefällt mir.
Criterion tritt mit Burnout Paradise das Gaspedal durch's Bodenblech. Ungelogen, noch nie hat mich die Geschwindigkeit in einem Rennspiel so umgehauen. Sicher, viele Rennspiele haben einen hohen Speed, aber Burnout Paradise geht ans Limit, ohne dieses mit einem einhergehenden Kontrollverlust zu erreichen.
Aber es ist nicht nur das. Mir persönlich gefällt das 'Free Roaming' großartig. Ich vermisse keinen Crash-Modus und keinen Retry-Button, wie seit der Demo vielerorts moniert wird. Paradise City hat eine wunderschöne Architektur und bietet viele kleine Details, die es zu entdecken gilt. Ob diese schließlich in Punkten resultieren oder nicht, war für mich tatsächlich nebensächlich. Burnout Paradise ist der pure Spaß an Automobilen.
Burnout Paradise erscheint am 25. Januar für PlayStation 3 und Xbox 360.





