Gesamtwertung7/10 |
»Kannst du dich erinnern an Vanilia-Jeans und College-Jacken,
Polo-Shirts und hochgegeltes Haar?
Falco stand auf Jeanny, wir auf Breakdance und auf Knibbel-Bilder,
NDW, weißt du noch wie das war?«
Ob ich mich erinnere? Na klar! Was die Spaßkapelle Donald Dark in ihrem Stück „Alte Säcke“ besingt, ist mir selbstverständlich vertraut – es geht hier um die Achtziger. Für mich spielte damals die Damenwelt eine große Rolle, steckte ich doch tiefer in der Pubertät und damit im Schlamassel als Ben Tewaags Mitbewohner derzeit mutmaßlich in ihm.
Drei Frauen fand ich besonders klasse: Sophie Marceau, Heather Thomas und eine gewisse Giana. Weil dummerweise nur die zuletzt Genannte käuflich war und tat, was ich wollte, kürte ich eben sie zur Lebensabschnittsgefährtin. Man schrieb das Jahr 1987, als Rick Astley „Never Gonna give you up“ knödelte, Mathias Rust auf dem Roten Platz landete, Patrick Swayze mit Jennifer Grey in der Kiste, Uwe Barschel in einer Badewanne und The Great Giana Sisters für den Commodore 64 in den Händlerregalen. Jetzt, 22 Jahre später, gibt es eine Neuauflage für den DS. Was die taugt, erfahrt Ihr hier im Rahmen einer kleinen Zeitreise und beim Blick in antike Computerspiele-Zeitschriften.
Giana Sisters ist ein klassisches Jump & Run in 2D, bei dem ein Mädel durch eine über 80 Levels große Traumwelt reist und tut, was Frauen gern tun. Diamanten einsacken nämlich. Das grundsätzliche Spielprinzip hat sich also nicht geändert, Heinrich Lenhardt beschrieb es in der Happy Computer seinerzeit so: „Der Weg […] führt an vielen ulkigen, aber gefährlichen Sprites vorbei, die unserer Heldin nach dem Leben trachten.“
Ja, Spiele-Veteranen freuen sich über etliche alte Bekannte – etwa Eulen, Quallen und Tentakel. Mit dem Unterschied, dass die Eulen heutzutage sogar wie Eulen aussehen, Quallen nicht nach Hamburger-Brötchen und Tentakel nicht wie Amok laufender Spargel. Verwunderlich ist dies keinesfalls, verfügt ein einzelner DS doch über so viel Arbeitsspeicher wie witzigerweise ausgerechnet 64 Commodore-64-Rechner. Im Vergleich zum DSi müsstet Ihr nach Adam Ries gar 256 der ollen Heimcomputer mit Euch herumschleppen, was – würde man sie übereinander stapeln – angesichts eines knapp 18 Meter hohen Turms wohl ziemlich große Hosentaschen voraussetzt.
In Giana Sisters DS tut Ihr noch etwas, was Frauen gern tun. Richtig, anderen auf dem Kopf rumtanzen. Wenn Madame ihre Gegner von oben bespringt, hauchen diese nämlich ihr Leben aus. Das Standard-Gesindel jedenfalls. Eine weitere Möglichkeit, den Nervensägen den Weg über den Jordan zu weisen, ist es, sie kurzerhand abzuschießen. Das geht aber nur, wenn man vorher einen Energieball gefunden und aufgenommen hat. Dann trägt Giana zudem eine flotte Punkfrisur, die so hart ist, dass sogar schwere Steinblöcke bröseln. Einfach von unten dagegenspringen! Das ist zum Beispiel nützlich, um an sonst unerreichbare Orte zu gelangen.
Alte Säcke wie ich, und da wären wir wieder beim Thema Zeitreise, stellen natürlich schnell fest, dass die Entwickler nicht auf das Bonus-System von The Great Giana Sisters zurückgreifen. Das finden einige Retro-Fans möglicherweise nicht so dolle. In den Achtzigern konnten sie ihren Schützling noch liebevoll hochpäppeln, weil sie sieben Extras finden mussten. Erst mit dem zweiten Symbol beispielsweise, dem Blitz, lernte Giana schießen. Die Erdbeere, das vierte Upgrade, bescherte ihr ein zielsuchendes Traumblasengeschoss. Und mit der Smart-Bomb konnte sie per Tastendruck alle am Bildschirm sichtbaren Gegner auf einen Streich auslöschen.
Anders als im vergangenen Jahrtausend geht’s bei Giana Sisters DS nicht nur von links nach rechts, wenn Ihr den Ausgang des jeweiligen Levels sucht, sondern auch in die entgegengesetzte Richtung sowie nach oben und unten. Einem neuen Spielelement kommt hier große Bedeutung zu: Giana schlüpft in eine riesige Kaugummiblase, um zu fliegen. Ihr könnt die Blondine steuern, indem Ihr ins Mikrofon des DS pustet. Dass die Schweberei auch per Knopfdruck klappt, darüber freuen sich allerdings nicht nur Raucher.
Ein weiteres neues Spielzeug ist die Sodaflasche. Sobald die Heldin sie schüttelt und öffnet, schießt ein Strahl heraus. Der zerstört bestimmt Steinstrukturen und löscht Flammen. Oder schubst nerviges Getier beiseite – quasi wie in den Achtzigern die Wasserwerfer bei „Petting statt Pershing“-Demonstrationen. Teleporter existieren auch in der Neufassung. Allerdings führen sie lediglich in Bonus-Höhlen oder andere Abschnitte. Niemals direkt in höhere Level, wie das bei diversen versteckten „Warp-Abkürzungen“ der Urfassung der Fall war. Seinerzeit musste man also nicht mal alle 33 vorhandenen Abschnitte durchwandern.
Ich fand Giana immer toll, weil sie eine der wenigen Frauen in meinem Leben war, die auf Befehl springt. Wo wir beim nächsten Gesichtspunkt wären: „Besonders gut gelungen ist die Steuerung“, urteilte Ottfried Schmidt vor über zwei Dekaden im Test der Zeitschrift ASM über das erste Werk mit der beliebten Hupfdole. Auch in der Neuauflage lenkt Ihr sie pixelgenau durch die Pampa, was sich besonders im späteren Spielverlauf als wichtig beweist.
Wenn die Dame beispielsweise auf nur wenige Millimeter großen Felssimsen umherturnt. Giana Sisters ist nie unfair. Im Gegenteil, durch jahrelange Erfahrung geadelte Steuerkreuz-Ritter scheint das Abenteuer eher zu wenig herausfordernd. Das liegt zum einen am relativ leicht durchschaubaren Leveldesign und den Blumen, die zwischendurch als Speicherpunkte dienen. Zum anderen nibbelt Giana nicht gleich bei der ersten unglücklichen Berührung mit einem Gegner ab – sofern sie gerade mit Punkfrisur unterwegs ist. Stattdessen verliert Madame nur ihre „wilde Seite“, wie es im Handbuch heißt.
Darüber hinaus gestaltet sich das Spiel einfacher als die Version 1987, weil Ihr mit großzügigen fünf Leben startet, relativ leicht Extraleben dazu gewinnt (eins für 100 gesammelte Diamanten) und mit einem deutlich weniger fiesen Zeitlimit kämpft. Apropos Zeit: Es dauert zwischen fünf und zehn Stunden, um durch das Spiel zu hopsen. Je nachdem, wie akribisch Ihr die Welten nach so genannten Achievements (Erfolge) und roten Diamanten durchforstet, um damit Bonus-Levels freizuschalten. Somit behält eine weitere Feststellung der Happy Computer von vor über zwei Dekaden ihre Bedeutung: „[Giana Sisters] ist nicht nur ein Geschicklichkeitsspiel mit netter Grafik, sondern bietet durch die vielen versteckten Extras einen zusätzlichen Spielanreiz.“ Hilfreich bei der Suche ist, dass Ihr das Sichtfeld etwas nach oben und unten verschieben könnt, wenn Ihr das Steuerkreuz in die entsprechende Richtung bewegt. Als nützlich erweist sich dieser Späh-Modus ferner, weil überall Gemeinheiten wie etwa Abgründe, Feuer und Wasserlöcher lauern.
Giana Sisters DS sieht für heutige Verhältnisse nicht atemberaubend aus, aber immerhin hübsch. Das Jump & Run wirkt dank des kindlichen Grafikstils und der drolligen Animationen so zuckersüß, man möchte beinahe Schwarzwälder Kirschtorte draus machen. Und der Ton? Über die Musik-Untermalung des Originals hieß es bei Happy Computer: „In Sachen Sound ist besonders viel los.“. ASM vergab indes sogar die Höchstpunktzahl 12. „Die Melodie […] glänzt durch zahlreiche Einheiten, die selbst beim C64 nicht alltäglich sind“, jubilierte Verfasser „Baller-Otti“, völlig überwältigt über „fünf Stimmen“ und das „digitalisierte Schlagzeug“.
Für einen Ohrgasmus reicht es anno 2009 nicht, aber es gilt ebenfalls: Die Macher haben das Flair der Urfassung prima eingefangen. Spielemusik-Komponist Fabian Del Priore ließ sich spürbar von „Sound-Magier“ Chris Hülsbeck inspirieren. Der DS düdelt ähnlich wie damals Sid, der C64-Soundchip. Zeitweise glaubt man gar, komplett identische Tonfolgen zu erkennen. Die spielerische Nähe zum Original kommt ja auch deshalb nicht von ungefähr, weil hinter dem DS-Projekt Armin Gessert steckt, neben Manfred Trenz einer der Giana-Urväter.
„Für mich ist Giana Sisters […] ein Spiel, das sich wohltuend aus der Masse der Neuveröffentlichungen hervorhebt.“, befand Ottfried Schmidt in der ASM von 1987. Das gilt für die DS-Variante nur bedingt. Kult-Status wie das große C64-Vorbild (momentan läuft wieder eine Versteigerung bei Ebay, die einen Preis von gut 200 Euro oder mehr erwarten lässt; siehe hier (cgi.ebay.de)) erreicht sie sicher nicht. Zum einen, weil Rainbow Arts die Urfassung damals wegen eines Plagiatvorwurfs durch Nintendo (Super Mario Bros.) vom Markt nahm und damit heute relativ wenige gut erhaltene Exemplare im Umlauf sind. Zum anderen aber vor allem, weil das Spiel für heutige Verhältnisse sich dann doch etwas zu retro „anfühlt“. Einen Mehrspielermodus gibt's übrigens nicht, also auch keine Maria.
Dem Leveldesign fehlt es an Überraschungen, die Zahl der Gegnertypen ist zu gering und am Ende wartet stets derselbe Zwischenboss, dem man lediglich immer häufiger auf die Omme springen muss, um ihn zu besiegen. Mir hat Giana Sisters trotzdem einen Heidenspaß gemacht, und zwar so viel, dass ich mir jetzt einen eigenen DS hole. Mein Fazit: Weil der Schwierigkeitsgrad erst spät herausfordernder wird, spricht die niedliche Hüpferei wohl zwei Zielgruppen an: Dreikäsehochs unter sechs Jahre und Greise. Also alte Säcke ab 30. Womit sich der Kreis zum Song von Donald Dark schließt.
Giana Sisters ist exklusiv für DS und DSi erschienen und kostet rund 35 Euro.
Du bist Gladiator, der Held der Spiele im Kolosseum. Besiege Deine Gegner und erkämpfe Dir die Cance auf 10.000 €. zum Spiel...
The Great Giana Sisters im Test.
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