Banjo-Kazooie: Nuts & Bolts

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
Microsoft
Entwickler
Rare
Genre
Abenteuer
X360: Banjo-Kazooie: Schraube Locker

Gesamtwertung

7/10

X360: Banjo-Kazooie: Schraube Locker

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke gab es zwar jede Menge Spielsachen, von Fernlenkautos bis zu Brettspielen, aber nur eines stach wirklich heraus. LEGO. Komplette Ferien verbrachten mein Bruder und ich damit, aus der riesigen Kiste Ungebautem wilde Auto-, Raumschiff- oder Roboter-Konstruktionen zu schaffen und zu perfektionieren. Die LEGO-Videospiele selbst, so gut sie die Optik auch hinbekommen, haben nichts damit zu tun. Sie sind Plattformer im Herzen, keine Baumeister. Banjo-Kazooie: Schraube Locker dreht die allerdings Welt um. Im neusten Ausflug der ehemaligen Plattformhelden rankt sich alles ums Erschaffen wilder Konstruktionen aus kleinen Steinen.

Die Nachricht, dass Bär und Vogel jetzt nicht mehr dem Klempner direkte Konkurrenz machen und über unzählige Hindernisse hüpfen, dürfte die Anhänger des N64-Kulthits immer noch beunruhigen. Für sie hält Banjo-Kazooie: Schraube Locker auf einem der Ladescreens sogar den perfekten Rat bereit: Liegt Euch das hier alles wirklich nicht, solltet Ihr vielleicht das originale Banjo-Kazooie auf Live Arcade kaufen. Damit nicht genug, schon im spielbaren Intro parodieren die Engländer das alte Konzept von Hüpf und Renn. Ihr tretet gegen die wiederbelebte Hexe Gruntella an, um ein wenig zu Hüpfen und Sammeln. Das Spiel wird nach wenigen Sekunden mit einem beißenden Spruch als überholt beendet. Noch deutlicher kann man kaum mit Traditionen brechen.

In welches Genre Schraube Locker jetzt passt, lässt sich nicht mit einem Wort sagen. Der Bär läuft und hüpft zwar noch ein wenig vor sich hin, ohne einen fahr-, flieg- oder schwimmbaren Untersatz geht aber auf Dauer gar nichts. Selbst in der als Hub fungierenden Stadt von Showtown braucht Ihr einen kleinen Laster, um Extras zu ihren angestammten Plätzen zu befördern oder einfach nur ein wenig herum zu kommen. In den Welten selbst warten Herausforderungen auf Euch, von denen nur die wenigsten in einem Durchgang mehr als fünf Minuten Eurer Zeit beanspruchen. Vorausgesetzt, Ihr zählt nicht die teilweise vielfachen Neustarts mit, bis Ihr es endlich hinbekommt.

Euer Gelingen hängt nämlich keineswegs nur von Eurem Geschick ab, mindestens genauso viel Anteil am Erfolg hat Euer kreatives Talent beim Bau eines Fahrzeugs, das exakt auf die Aufgabe abgestimmt ist. Ob es nun in einen Luftkampf gegen einen riesigen Ballon geht, auf die Rennpiste oder auf den Acker, um Kokosnüsse zu sammeln, für jede Mission gibt es das richtige Fahrzeug.

Fahrzeuge stehen zunächst auf fertigen Blaupausen bereit und Ihr könnt zumindest in der ersten Hälfte von Schraube Locker durchaus Erfolge damit erzielen, einfach nur diese Papiere zu kaufen und die damit verbundenen Fahrzeuge zu nutzen. Oder Ihr springt gleich tief in die LEGO-Kiste. Nur wenige Grundelemente gilt es zu berücksichtigen, wenn Ihr Euch in den Schöpfungsprozess stürzt. Jedes Gefährt braucht einen Motor, Treibstoff, Räder oder Propeller und einen Fahrersitz. Deren Zusammensetzung und alle weiteren Teile lassen sich in einem unglaublich einfach zu bedienenden Editor beinahe beliebig zusammenfügen.

Persönlich habe ich eine gewisse Abneigung gegen solche Basteleien, insbesondere mit einem Pad. Daher war es überraschend, wie schnell ich dazu überging, beinahe ganz auf vorgefertigte Blaupausen zu verzichten und stattdessen teilweise von Grund auf etwas zu bauen, was genau für diese eine Aufgabe zurecht geschnitten war. Das Zusammenklicken aller in rauer Diversität vorhandenen Bausteine in einem simplen, dreidimensionalen Raster lässt sich innerhalb von einer halben Stunde leicht verstehen und – zumindest in seinen Grundzügen – meistern. Kinder, die in der Lage sind, mit LEGO etwaige Kreationen zu schaffen, sollten damit also auch schnell zu recht kommen. Räumliche Vorstellungskraft haben sie und die ist das Wichtigste im Umgang mit der einfachen Benutzerführung.

Kleinere Anpassungen lassen sich innerhalb weniger Minuten vornehmen und es hilft ungemein, dass hier kein wirklich funktionierendes Modell von Getriebefeinheiten oder Zusammenhängen moderner Technik abgefordert wird. Ein Motor kann überall am Gefährt hängen und es spielt keine Rolle, dass zwischen ihm und den Rädern eigentlich nur Bauplatten ohne Getriebewelle liegen. Klatscht ihn einfach irgendwo ran und er wird seine Arbeit erledigen. Das Leistungsprinzip der Gefährte funktioniert additiv, ein kleiner plus ein großer Motor rechnen ihre Leistung einfach zusammen.

Die Mechanik Eures entstehenden Untersatzes mag keine großen Anforderungen stellen, die Physik nimmt es genauer. Das Gewicht und dessen Verteilung an Bord sind entscheidend. Liegen erstmal mehr als 50 Prozent der Masse hinter der letzten Achse, spielt es keine Rolle, wie cool es aussieht. Es wird einfach nach hinten kippen und nichts tun. Ein Winzmotor wird einen tonnenschweren Lasthubschrauber nicht bewegt bekommen. Ein Boot mit dem CW-Wert einer Schrankwand kann an Motoren packen, was es möchte. Elegant durchs Wasser wird es nie pflügen.

Aber es wird trotzdem schwimmen und wenn es Euer Herzenswunsch ist, es damit zu versuchen, hält Euch Rare bei den meisten Herausforderungen von nichts ab. Selbst mit einem Flugzeug dürft Ihr an einem Bootsrennen teilnehmen. Ob Ihr damit Erfolg habt, steht auf einem anderen Blatt, die Freiheit lässt man Euch aber gern. Und das ist auch das Ass im Ärmel des Spielsystems. Nichts ist festgelegt. Nehmt ein Fahrzeug aus der Sammlung Eurer Entwürfe, packt etwas lieblos einen neuen Motor drauf oder setzt Euch eine Stunde hin und designt das perfekte Gefährt. Oder versucht auf gänzlich andere Weise zum Erfolg zu kommen.

Um ein Beispiel zu nennen, galt es, eine große Statue vor angreifenden Flugzeugen zu schützen. Ihr könnt es mit einem wendigen, mit Kanonen bestückten, schnellem Wagen probieren, der die Angreifer rechtzeitig unter Feuer nimmt. Trickreich, aber machbar. Oder Ihr entwerft eine Kreuzung aus Garage und Panzer, kippt die Statue kurzerhand um und stellt Euch schützend über sie. Hoffentlich habt Ihr genug Platten an der Oberseite verbaut. Ich selbst löste das Problem, indem ich einen Transportheli entwarf, die Statue kurzerhand einlud und die zwei Minuten des Angriffs einfach durch Ausweichmanöver in der Luft überstand. Gut, dass die Statue erst in der drittletzten Sekunde herunter fiel und noch nicht am Boden aufschlug, als der Zähler auslief… gewonnen ist gewonnen.

Nicht jede der grob geschätzt 100 Aufgaben und Minimission lädt zu so viel Kreativität zu. In einem simplen Autorennen macht es sich sicher am Besten, einfach ein schnelles Geschoss zu konstruieren - eine recht eindeutige Grundprämisse, die den Freiraum bei den Details bietet. Über Langeweile werdet Ihr nicht klagen können. Rennen, Sammeln, Verteidigen, Angreifen, Suchen, Bringen, Holen und eine Reihe Aktivitäten, die sich nicht direkt kategorisieren lassen. Beispielsweise Dinge in der Richtung von „aufblasbare Schafe hüten“. Nur sehr selten wird es vorkommen, dass Ihr bei den im weitesten Rahmen der Freischalterei auswählbaren Challenges zwei ähnliche in Folge spielt.

Auf der einen Seite bringt dieses System der in riesenhaften Leveln verteilten, frei herauszupickenden Aufgaben viel Freiheiten für das mit, worauf Ihr Lust zu spielen habt. Auf der anderen Seite zeigt es Schraube Locker deutlich als das, was es ist: Ein großer Sandkasten.

So gewaltig die schieren Ausmaße der Areale ausfielen, so zahlreich die Aufgaben sind, Schraube Locker fühlt sich dennoch nie nach einem großen Spiel an. Ihr erledigt stets Kleinigkeiten und selbst die gelegentlichen Endkämpfe gegen die böse Hexe fühlen sich klein an. Nie stellen sich Eure Vehikel wirklich großen Herausforderungen, die länger als die paar Minuten dauern.

Ab der Hälfte des Spiels zieht der Schwierigkeitsgrad drastisch an und für vieles werdet Ihr eine ganze Reihe von Versuchen brauchen, bis die richtige Mischung aus Handwerk und Geschick gefunden wurde. Das ist nicht das Problem. Einen echten, längeren Level oder eine fortschreitende Storyline kann trotzdem keines der Minigames ersetzen. Ihr arbeitet Euch durch die Aufgaben, schaltet neue Welten, Level und Minigames frei, aber es ist kein fließender Prozess, sondern ein Abarbeiten nach Nummern. Ihr wisst vom Start weg, wie viele Herausforderungen bis zum „Sieg“ zu sammeln sind. Der gesamte Weg durch das Spiel ist von Anfang an vorgezeichnet. Überraschungen? Fehlanzeige.

Damit eignet sich Schraube Locker allerdings wunderbar als Spiel für zwischendurch. Einfach ein wenig schrauben, herumforschen und vielleicht ein wenig sammeln. Und Rares Talent für ironische Eigenliebe genießen. Seitenhiebe auf Ghoulies schlechte Verkaufszahlen hier, Pinata- und natürlich Banjo-Anspielungen dort, die optische Schönheit funktioniert in der Größe wie in den Details. Selbst wenn hier und da winzige Ecken der Welt ein wenig wie N64-HD wirken oder kleine Ruckler die Freude an Showtown und dem Multiplayer-Splitscreen etwas trüben.

Das Lego-Kisten-Feeling tritt im Multiplayerteil so richtig zu Tage. Motto: „Mein Rennwagen ist viel besser als Deiner!“. Nun, beweist es - in einer Vielzahl kleiner Games, die Ihr On- und Offline mit anderen Spielern teilen dürft. Es kann ein echtes Vergnügens sein, aber nur sofern ambitionierte Baumeister aufeinander treffen. Einfach nur mit generischen Fahrzeugen zu spielen, langweilt schnell. Als Spiel für zwischendurch mit einem Freund, dem man einfach das zweite Pad in die Hand drückt, funktioniert Schraube Locker daher nicht besonders gut. Ihr müsst zu lange erklären, wie denn jetzt was funktioniert.

Wertvoller als die eigentlichen Onlinespiele dürfte die Möglichkeit sein, Blaupausen freizugeben oder die Werke anderer zu testen. Und kommt Ihr mal nicht weiter, hat vielleicht schon jemand ein simpel zu speicherndes Video bereitgestellt, das seine Lösung zeigt.

Die Zielgruppe von Banjo-Kazooie: Schraube Locker zu definieren, fällt leicht. Mochtet oder mögt Ihr dänische Plastiksteine und wollt diese Liebe ungebremst digital in einer farbenfrohen Welt ausleben, dann ist dies Euer Spiel. Seid Ihr dagegen auf der Suche nach einem harten Jump´n´Run mit knackigen Endgegnern, endlosen Leveln und hegt keine Bauambitionen, dann werdet Ihr mit dem Retro-Release des Originals auf Live Arcade sicher besser hüpfen.

Rare tobt sich in ihrer eigenen Kreativität aus und setzt Euch auf einen Spielplatz aus, ohne jedoch übertrieben viel Rahmen zu bieten. Es als Rohbau zu bezeichnen, dem der Inhalt fehlt, ginge sicher zu weit. Einige Schritte in die Richtung wagt Schraube Locker aber schon. Gut, dass Euch die all die Herausforderungen und Basteleien sehr lange beschäftigen und mit dieser Rare-eigenen Magie erfreuen, bevor Ihr das feststellt.

Banjo-Kazooie: Schraube Locker ist ab dem 14. November nur für Xbox 360 zu haben. Zu einem freundlichen ca. 50 Euro-Preis. Und in den USA sogar für 40 Dollar. Das ist wohl der „Bye Bye Bush“–Freudenrabatt, den man sich dort gönnt.

 

 

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