Gesamtwertung9/10 |
Irgendwas ist diesmal anders. Saß ich beim ersten Gears of War noch zitternd vor der Xbox 360 und tauchte mit einem wohligen Gefühl in die blutige Welt von Sera ein, ließ mich der zweite Teil zu Beginn kalt. Natürlich muss man dazu sagen, dass auf dem PC das omnipräsente Fallout 3 mit seiner gewaltigen Spielwelt und seinen frischen Ideen auf mich wartete. Trotzdem war ich überrascht, wie entspannt ich Gears of War 2 in die Xbox warf und nach dem Startscreen erst einmal eine kleine Kaffeepause einlegte. Es fehlt die Sensation, die große Idee, vielleicht sogar der Hype, um mich nach gerade mal zwei Jahren genauso zwingend vor die Konsole zu bannen.
Schon nach den ersten Minuten kommt das Gefühl auf, alles schon einmal erlebt zu haben. Und das, obwohl Epic eigentlich alles richtig macht. Konsequent wurde jeder Fehler analysiert, auseinander genommen und aus der Welt geschafft. Pacing, Story, Grafik und Multiplayer haben einen Sprung nach vorne gemacht. Alles ist größer, besser und schöner. Gears of War 2 transportiert also erneut perfektes Popcorn-Kino auf den kleinen Bildschirm. Doch im aktuellen Umfeld hat es Epics Action-Epos deutlich schwerer, sich entscheidend abzusetzen und mich zu begeistern.
2006 sah die Welt eben anders aus. Optisch und spielerisch befanden sich die meisten Titel noch in der letzten Generation. Ein Ego-Shooter nach dem anderen überflutete die Microsofts Hardcore-Konsole, ohne wirkliche Zeichen zu setzen. In einem solchen Umfeld schlug Gears of War wie eine Bombe ein.
Trotz der prolligen Charaktere, der eher mageren Story und dem rudimentären Multiplayer fegte es die Action-Fans, einschließlich
meiner Wenigkeit, mit seiner brachialen Inszenierung komplett aus den Socken. Die geschickte Nutzung eines durchdachten Deckungsmodells hob die Schulterperspektive auf die Agenda. Nicht das genaue Zielen, sondern die richtige Bewegung auf dem Schlachtfeld stand im Mittelpunkt.
Heute instrumentalisieren Action-Adventure, Survival-Horror und Rollenspiele diesen Blickwinkel und die passende Deckungs-Mechanik. Die Grafik-Technologie wurde fast zu einem Standard, der uns jede Menge einmalige Titel und einen Haufen Mist bescherte. Natürlich kann Epic selbst am besten mit der Technik umgehen, doch der optische Sprung fällt trotzdem deutlich kleiner aus. Außerdem gewinnen Open-World-Spiele immer mehr an Bedeutung. Produktionen, die nicht nur mit einer gewaltigen Freiheit punkten, sondern auch bei der Inszenierung dazu gelernt haben. Gears of War 2 muss sich also diesmal einer deutlich härteren Konkurrenz stellen und nicht nur Ingame ein spannendes Gefecht austragen.
Ein Kampf, der Euch zurück nach Sera führt. Eine Welt, die seit vielen Jahren im Kampf mit den Locust liegt. Einer Rasse von Humanoiden, die unter der blühenden Zivilisation im Dunklen der Erde ihren Ursprung hat. Im ersten Teil konnte Held Marcus Fenix und seine illustre Truppe mit einer Spezial-Bombe den anfangs übermächtigen Gegnern einen schweren Schlag versetzen.
Doch wie es der Cliffhanger am Ende schon andeutete, die Locust sind noch lange nicht geschlagen. Mit Hilfe ihrer biomechanischen Brut bedrohen sie nun die letzten Städte der Menschen. Ein gewaltiger Wurm raubt ihnen das Fundament und eine Ortschaft nach der anderen versinkt in der Tiefe. Marcus Fenix muss also den Kampf zu den Gegnern tragen und begibt sich mit seinen Kameraden in die Höhle des Löwen.
Ein Großteil des Titels spielt also diesmal in gewaltigen, unterirdischen Bereichen und Kavernen. Erstmals trifft die schlagkräftige Truppe auf Locust-Basen und Wohnsiedlungen. Monströse Gebäude, archaische Sitten und die Versklavung menschlicher Gefangenen prägen das Bild der bombastischen Szenarien. Eingehüllt in unwirkliches Licht und untermalt von einem mitreißenden Soundtrack lässt die Unreal Engine 3 erneut ihre Muskeln spielen. Immer wieder beeindrucken Massen-Sequenzen mit Dutzenden Figuren, die wie Ameisen um die gewaltigen Kriegsmaschinen strömen.
Die meisten Gefechte behalten zwar ihren recht intimen Charakter, werden aber gleich durch mehrere Fahrzeug-Abschnitte aufgebrochen. Bei der Geschichte wird diesmal deutlich stärker auf die Figuren eingegangen. Dom, Fenix' Freund und Partner, sucht seine Frau Maria, die von den Locust entführt wurde. Auch die Mitglieder der Truppe werden durch den harten Kampf an die Grenze ihrer Belastbarkeit gebracht.
In einigen Szenen kommt also echtes Gefühl auf. Man stellt fast eine Verbindung zu den sonst eher dumpfen Testosteron-Helden her. Aber nur fast. Epic verliert den Fokus mit der Zeit wieder aus den Augen. Die Geschichte verstrickt sich in neuen Handlungssträngen und nervt am Ende schon wieder mit einem Cliffhanger.
Gears of War 2 mag durch prächtige Zwischensequenzen und gute (deutsche) Sprachausgabe noch so hervorragend inszeniert sein, zumindest bei der Story bleibt die Maxime, alles besser zu machen, etwas auf der Strecke.
Ganz anders sieht es dagegen beim Gameplay aus. Geschickt wurden neue Elemente hinzugefügt, ohne die hervorragende Grundstruktur anzutasten. Wie gehabt steht die Deckung im Zentrum der Mechanik. Mit einem einfachen Knopfdruck springen die Mannen hinter Säulen, Kisten und Fahrzeuge, die zum ersten Mal unter dem Beschuss ihre Substanz verlieren. Epic nutzt geschickt freie Ressourcen, um das Spielfeld lebendiger zu machen.
Mehr Gegner, abplatzende Bruchstücke und ein neues Bewegungsrepertoire sorgen für viel Schlachtfeldatmosphäre. Verletzte Feinde können nun aufgenommen werden und fungieren im Nahkampf als lebende Schutzschilde. Treffen zwei Kämpfer mit Kettensägen-Lancer aufeinander, gilt es in einem Reaktionsspiel die Oberhand zu gewinnen. Und neue, schwere Waffen ergänzen die bisherigen Tötungswerkzeuge, um der neuen Bedrohung Herr zu werden.
Dem Mulcher, eine Art Hand-betriebenen Gatling-Kanone, und dem vernichtenden Mörser, stellt Epic einen schick inszenierten Flammenwerfer, überarbeitete Standard-Waffen und eine neue Pistole zur Seite. Leider reicht kein Schießprügel an die faszinierende Durchschlagskraft des Hammers der Morgenröte heran. Sie fügen sich zwar perfekt in das Universum ein und eignen sich hervorragend, um sich den neuen Bedrohungen entgegen zu werfen. Lassen sich andererseits aber von der eigenen Konkurrenz aus dem ersten Teil den Schneid abkaufen.
Ein Problem, das bei den Fahrzeug-Leveln zum Glück keine Rolle spielt. Der Buggy-Abschnitt in der Premiere fiel ja eher mager aus. Epic fällt es also leicht, in diesem Punkt aufzutrumpfen. Was ihnen bei einer wilden Reaver-Verfolgungsjagd und dem schon angekündigten Brumak-Abschnitt hervorragend gelingt. Lediglich die Fahrt in dem wohl hässlichsten Panzer der Spielegeschichte wirkt deplatziert, fast langweilig. Im Vergleich zu den extrem taktischen Nahkampfgefechten fordert das dröge Geballer kaum, fungiert aber recht zuverlässig als kurzes Ablenkung vom Taktik-Geballer.
Deutlich beeindruckender fallen die End- und Zwischengegner-Kämpfe aus. Während die ersten Abschnitte wie anfangs erwähnt eher enttäuschen, schraubt sich der Titel im Laufe der 9 Kampagnen-Stunden immer weiter nach oben. Ihr kämpft gegen gewaltige Meeresmonster, zerlegt einen mehrere hundert Meter langen Wurm von innen und schlagt Euch mit überdimensionierten Reavern herum. Auch die Standard-Gegner wurden deutlich abwechslungsreicher gestaltet.
Explodierende Krabben, brutale Nahkampfgegner mit Schilden und wiederbelebende Priester sorgen für neue Taktik-Ansätze und einen dynamischeren Kampfverlauf. Den nötigen Platz dafür liefern leider erst die späteren Level. Zu Beginn schlagt Ihr Euch durch enge Gänge und äußerst beschränkte Kampf-Arenen. Wo der erste Teil mit einem Paukenschlag begann, versucht es Epic beim Nachfolger mit der Blockflöte.
Keine Sorge, beim Multiplayer wird wieder die Trompete ausgepackt. Neben dem erneut hervorragenden CoOp-Modus für die Kampagne, dem aber diesmal prägende Momente wie die Scheinwerfer-Szene aus dem Erstling fehlen, wird vor allem bei den Vs.-Varianten die große Inhalts-Keule ausgepackt.
Neben der Erhöhung der Mitspieler auf 10 vs. 10 sorgen die Bot-Fights für zufriedene Offline-Spieler. Die geschickt agierenden KI-Truppen ersetzen zumindest vorübergehend menschliche Mitspieler und ermöglichen das schmerzfreie Erlernen der Mulitplayer-Modi.
Diese werden durch den King of the Hill Modus der Gears of War-PC-Version und drei neuen Varianten ergänzt. In "Guardian" übernimmt einer Figur die Rolle des Anführers, dessen Überleben dem Team die Respawns sichert. In "Wingman" treten immer Zweier-Teams miteinander an und versuchen gemeinsam, den Gegner auszuschalten. Und im Capture the Flag-inspirierten "Submission" übernimmt ein Zivilist mit Schrotflinte die Aufgabe einer sehr widerspenstigen Flagge, die bei Feinberührung wild um sich schießt.
Da Epic im Vorfeld versprach, härter gegen Cheater vorzugehen und sich verstärkt um das Balancing zu kümmern, mausert sich Gears of War 2 noch vor Bad Company zu meinem persönlichen Favoriten auf den Online-Thron 2008.
Satte 10 frische Karten werden mitgeliefert, fünf alte feiern als Upgrade in Form eines Downloads ihr Comeback. Neu außerdem: Einige Karten bieten Umwelteffekte, die sich auf die Auseinandersetzung auswirken. Bei „Day One“ greift zum Beispiel ein fieses Monster immer wieder in den Kampf ein. Kommt Ihr dem Loch in der Mitte der Karte zu nahe, schießt es hervor und attackiert Euch.
Auf anderen Karten fällt in unregelmäßigen Abständen ein Klingenregen, der Euch innerhalb von Sekunden in mundgerechte Häppchen zerlegt. Und in den Bergen verwandelt ein Schneesturm die Karte in eine ebene Fläche. Natürlich könnt Ihr dieses Zufallselement auch abschalten, spaßig ist es aber auf jeden Fall.
Apropos Spaß: Mein ganz persönliches Highlight ist ganz klar der Horde-Modus. Gemeinsam mit bis zu vier Freunden müsst Ihr auf einer vorher ausgewählten Karte Welle um Welle Locust überleben, die Euch vor eine beinharte Aufgabe stellen. Anfangs noch recht einfach, stürmen gleich im zweiten Abschnitt dicke Boomer mit Schwertern auf Euch zu und zerlegen unvorsichtige Teams im Handumdrehen. Überlebt ein Kämpfer, wird der Rest im nächsten Anlauf wiederbelebt. Epics interner Rekord liegt bei 26. Man darf gespannt sein, wann es einem Team gelingt, die letzte, fünfzigste Welle zu erreichen. Wie schon in der Vorschau erwähnt, stelle ich mich gern als Rekord-Jäger zur Verfügung. Interessierte Eurogamer-Leser können sich gern bei mir melden.
Gears of War 2 erfüllt alle Erwartungen, wächst aber kaum über sie hinaus. Böse Zungen könnten Epics neuste Schlachtplatte als Gears of War 1.5 bezeichnen und liegen damit gar nicht mal so falsch. Im aktuellen Weihnachtsgeschäft mit seinen vielen innovativen Titeln hinterlässt der zweite Teil einen schalen Beigeschmack, der sich nur schwer in Worte fassen lässt. Gerade zu Beginn will der Funke nicht so recht überspringen. Die ersten Auseinandersetzungen wirken mehr wie ein Zusatzlevel, uninspiriert und gewöhnlich. Erst mit den neuen Elementen macht es wieder Klick und man stürzt sich mit Begeisterung in die Auseinandersetzungen.
Aber versteht mich nicht falsch. Das alles ist Jammern auf höchstem Niveau. Im CoOp und im überarbeiteten Multiplayer liefert Gears of War 2 genug Höhepunkte, um sich bis in die Spitzengruppe vorzukämpfen. Das Pacing ist hervorragend, die Story vermittelt zumindest etwas Gefühl und die gewaltigen Gegnerhorden sorgen für eine epische Untermalung. Größer, besser und schöner funktioniert also, hinterlässt aber nicht den gleichen Eindruck wie sein kongenialer Vorgänger. Die Redensart „Das Bessere ist des Guten Feind“ trifft den Nagel auf den Kopf. Für Action-Fans ist Gears of War 2 noch immer ein Fest. Könnte ich mir im Weihnachtsgeschäft aber nur einen Titel leisten, wäre Gears of War 2 nicht meine erste Wahl.
Gears of War 2 erscheint am 7. November in Österreich und der Schweiz. In Deutschland kommt der Titel angesichts der Indizierungsgefahr nicht in den Handel. Alle Versionen sind regionfree.
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Gears of War 2 im Test.
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