Der Goldene Kompass

Review
Plattform
PS3
Vertrieb
Sega Of Europe
Entwickler
Shiny Entertainment
PS3: The Golden Compass

PS3: The Golden Compass

Ich bin ja von Natur aus ein genügsamer Mensch. Ob Kino, Kultur oder Videospiele, ich brauche weder Oscar-Hits, 'Alte Meister' noch ein neues Legend of Zelda, um mich zu amüsieren. Mir reicht ein netter, kleiner Shooter, ein schönes Rollenspiel oder selbst eine gut gemachte Filmumsetzung, um mich für ein paar Stunden in eine andere Galaxie zu befördern. Richtiger Mist ist mir in den letzten Jahren äußerst selten in die Finger gekommen, was zu einem an dem wachsenden Qualitätsniveau der Computer- und Videospiele liegt. Und zum anderen an meiner Vorauswahl, bei der ich Gurken wie Boogie und Beowulf mit größtem Vergnügen an meine lieben Kollegen weiterreiche.

Doch nicht immer kann ich mich meiner Verantwortung entziehen. Bei The Golden Compass bin ich quasi persönlich betroffen, da ich ein großer Fan der Geschichte bin. Die geniale Fantasy-Jugendbuchserie verschlang ich innerhalb kürzester Zeit und ich halte sie auch für deutlich besser als den Konkurrenten Harry Potter. Eine wilde Mischung aus kindgerechtem Fantasy-Abenteuer, unverhohlener Kirchenkritik und metaphysischem Diskurs über die Existenz einer ordnenden Macht ist natürlich nicht Jedermanns Sache, hat mich aber vom ersten Moment an in den Bann gezogen.

Schon die filmische Umsetzung erschien mir als ein recht schwieriges Unterfangen, als ich jedoch hörte, dass Shiny Entertainment hinter der passenden Videospiel-Umsetzung steckte, wurde ich stutzig. Das britische Studio hat zwar in grauer Vorzeit einige wirklich einmalige Titel geschaffen (Earthworm Jim, MDK), doch seitdem hat sich eigentlich alles, was sie angefasst haben, in mittelmäßige bis kaum erwähnenswerte Kost verwandelt. Besonders die Matrix-Spiele waren ein Affront für jeden Fan und sind Paradebeispiele für misslungene Filmumsetzungen.

Die ersten Bilder zur Games Convention waren noch recht unauffällig. Der gezeigte Level sah nicht gerade nach einem Meisterwerk aus, aber er schien weit entfernt von dem Enter the Matrix-Desaster zu sein. Die Heldin der Geschichte, Lyra, auf einem gepanzerten Eisbären, der sich mit Wölfen prügelt - so etwas kann doch eigentlich gar nicht so schlecht sein. Traurigerweise stellt dieser Level schon den Höhepunkt des ganzen Spiels dar.

Um Euch ein Gefühl für die Verwirrung zu geben, die dieses Spiel bei meinen Kollegen hinterlassen hat, dürfte ich Euch eigentlich nichts über die Geschichte erzählen. Ohne das Buch gelesen zu haben, zerfällt das Spiel in schlecht erzählte Story-Abschnitte, die einerseits viele Bilder aus dem Film zeigen, aber nur wenig Fragen klären. Als Einstieg wurde nicht etwa das Jordan-College gewählt, in dem die Heldin der Geschichte aufgewachsen ist, sondern die schon gezeigte, wilde Jagd des Panzerbären Iorek durch die Arktis.

Im eisigen Norden wird aus Golden Compass ein mauer Prügler mit schlechten Animationen, sinnlosen Quicktime-Events und nervigen Jump'n'Run-Einlagen, trotzdem ist dieser Abschnitt der Höhepunkt des Spiels, weil hier ganz wie beim guten alten Metroid Prime alle Fähigkeiten zur Verfügung stehen. Ihr prügelt Euch mit Tartaren und Schamanen, lasst Lyra im Alleingang Kletteraufgaben erfüllen und bestaunt die zum Teil sehr gelungenen Eis-Texturen. Für einen kurzen, aber flüchtigen Moment keimt hier fast so etwas wie Atmosphäre auf.

Doch ein zweiter Blick genügt und die Fehler springen einem geradezu mit einem Satz ins Auge: Die Animationen der Figuren wirken abgehackt, die Steuerung ist extrem störrisch und ohne steuerbare Kamera landet Ihr ständig im Abgrund. In der Kombination mit den viel zu simplen Tastenbefehlen und der miserablen Sprachausgabe, scheint die Katastrophe perfekt zu sein. Und es geht noch deutlich schlimmer.

Nur wenige Augenblicke später landet Ihr nämlich in einem sinnlosen Zeitsprung am Anfang der Geschichte und Story-Unkundige werden sich verwirrt die Augen reiben. Es bleibt unklar, was Lyra in der frostigen Umgebung zu suchen hatte und vor allem, was es mit den so genannten Daemonen auf sich hat. Diese Manifestationen der Seele sitzen nämlich in Lyras Welt nicht im Körper eines Menschen, sondern laufen in Form eines Tieres an seiner Seite durch die Gegend. Passend zum Charakter besitzen die Menschen Vögel, Katzen, Hunde oder Affen. Bei Kindern können sich diese Wesen noch verwandeln, was einen weiteren Hauptdarsteller auf den Plan ruft: Pan. Auch wenn er meistens als Hermelin durch die Gegend tollt, ist Lyras Daemon ein entscheidender Bestandteil des verkorksten Spielprinzips.

Pan verfügt über vier unterschiedliche Tier-Formen, mit denen er Lyra zusätzliche Fähigkeiten verleiht. Als Hermelin entdeckt er Story-relevante Punkte und hilft ihr, über Balken zu balancieren. In Form eines Faultiers könnt Ihr Euch mit seiner Hilfe von Stange zu Stange schwingen, mit dem Falken über Abgründe gleiten und mit der Wildkatze einen Sprint einlegen und klettern. Klingt alles recht nett, allerdings ist der Einsatz dieser Fähigkeiten leider nur an speziell vorgegebenen Stellen möglich. Wie bei kaum einem anderen Spiel verblasst somit die Illusion einer lebenden Welt schon nach wenigen Minuten.

Im Jordan College verkommt der Titel obendrein zu einer Mini-Spiel-Sammlung, die vielleicht gerade noch so für Kinder in Ordnung geht, aber die ältere Fangemeinde dieser recht erwachsenen Thematik vor den Kopf stoßen wird. Wobei: Für Kinderhände ist das Ganze vielleicht auch nicht zu empfehlen, da sich die Spielchen mitunter schwer meistern lassen. Und was zum Beispiel das Einfangen von grünen Bällen mit Lyras einmaliger Rhetorik zu tun hat, erschließt sich wahrscheinlich nur den Entwicklern. Besonders ernüchternd ist neben der lieblosen Umsetzung mit all ihren inhaltlichen und technischen Fehlern der fehlende Bezug zur Geschichte. Die Erzählstruktur wird wie eingangs erwähnt fast vollkommen aufgelöst und durch viel zu viele Filmsequenzen angereichert. Der Titel spoilert dadurch massenhaft magische Momente, ohne der Story gerecht zu werden.

Wild wechselt das Spiel ununterbrochen das Genre, lässt Euch Vogeldreck auf einem Schiff entfernen, verzweifelt einen Weg zu einer Katze finden und landet am Ende doch wieder in der Arktis. Wie entfesselt bombardieren die Entwickler Euch ständig mit neuen, halbherzigen Spielideen, die nahezu jeden Abschnitt quälend in die Länge ziehen. Diese Konzeptlosigkeit wird nur durch die vielen Fehler übertroffen, die für ungewollte Blick unter das Texturkleid sorgen. Die Kamera geriet dabei einmal so außer Kontrolle, dass ein Weiterspielen praktisch unmöglich war. Auf dem Schiff in die Arktis verschwand sie im Boden und statt Lyra war nur Wasser und seltsame Polygongebilde zu sehen, die wahrscheinlich ein Schaufelrad darstellen sollten.

In dem Durcheinander von halbherzigen Ideen und technischen Problemen gehen die wenigen guten Ideen vollkommen unter. So ist es Shiny gelungen, zumindest den Einsatz des Alethiometers einigermaßen sinnvoll auf den Bildschirm zu bannen. Mit diesem Gerät, dem Goldenen Kompass, kann Lyra die Zukunft voraussagen und sich so wichtige Fragen beantworten. Doch um das komplexe Gerät zu verstehen, müsst Ihr die dargestellten Symbole entziffern, deren Bedeutungen überall in der Spielwelt verstreut sind. Mit etwas Fantasie gelingt es, Zusammenhänge zu erahnen und so wichtige Fragen zu beantworten. Leider versteckt sich diese Funktion tief im unübersichtlichen Tagebuch, das bei der Suche nach der nächsten Aufgabe kaum behilflich ist.

Übrigens wäre die Grafik auch ohne die massiven Clipping- und Kamera-Fehler eine Katastrophe. Tanja meinte im Vorbeigehen nur: "Warum spielst du die Xbox 1-Version?" Der absolute Höhepunkt des Horror-Kabinetts ist aber die Darstellung der wunderhübschen Nicole Kidman aka Mrs. Coulter. Die Entwickler haben die australische Schönheit so sehr verunstaltet, dass man die Dame kaum noch wieder erkennt. Nur mit viel Phantasie. Schlackernde Ärmchen, magersüchtiges Antlitz - die volle Riege der Hässlichkeit.

An dieser Stelle erst einmal eine Entschuldigung an meine fleißigen Kollegen. Wenn Boogie und Beowulf nur ansatzweise so katastrophal waren, habe ich Golden Compass wirklich verdient. Das Spiel ist solch ein Reinfall, dass es mir schwer fällt, die Dramatik in Worte zu fassen. Am Ende bleibt mir nichts anderes übrig, als magere 2 Punkte zu ziehen, die es einmal für das Alethiometer und für den süßen Pan gibt. Der Rest ist ein übles Machwerk, vor dem selbst Hardcore-Fans schreiend Reißaus nehmen sollten.

Investiert die 60 Euro lieber in den Kino-Besuch und die drei Bücher. Ihr werdet damit deutlich billiger und besser unterhalten. Das Thema Shiny ist übrigens damit endgültig für mich gestorben. Es ist ihnen gelungen, selbst die Katastrophe von Enter the Matrix zu unterbieten und einem viel versprechenden Thema den Todesstoß zu versetzen. Bei mir persönlich haben sie damit den letzten Rest Hoffnung zerstört. Earthworm Jim, ruhe in Frieden.

The Golden Compass ist im Handel für alle gängigen Systeme erhältlich. Wir haben uns die Xbox 360 und die PS3 Fassung angeschaut, die keine nennenwerten Unterschiede aufweisen.

 

 

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