Earth Defence Force 2017

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
D3Publisher of Europe
Entwickler
Sandlot
Genre
Shooter
X360: Earth Defense Force 2017

Gesamtwertung

7/10

X360: Earth Defense Force 2017

Die ach so besinnliche Weihnachts- und Jahreswechselzeit. Schön war sie – zumindest für mich – und dennoch so dermaen hektisch, dass man schon ein bisschen froh ist, sie unbeschadet überstanden zu haben. Das bedeutet natürlich auch, dass nun erstmal Ebbe ist am Strand der Spiele. Die Publisher haben in den letzten zwei Monaten all ihre besten Games-Pferde ins Rennen um die Spielergunst geschickt. Wer laufen konnte, musste raus und sollte sich den Titel holen. Dieses Rennen bot wieder einmal alles auf, was das neutrale Zuschauer-Herz begehrt. Ein paar unwirsche Frühstarts, kalkulierbare Erfolge und die ein oder andere echte berraschung.

In der Lawine millionenschwer beworbener Weihnachts-Blockbuster musste ein Spiel wie Earth Defense Force 2017 einfach hoffnungslos untergehen. Die Umsetzung des dritten Teils der Chikyū Bōeigun-Serie, die im Rahmen des traditionsreichen Budget-Labels „Simple 2000“ im Land der aufgehenden Sonne einige Achtungserfolge verbuchen konnte, kam hierzulande viel zu spät an und hätte – genau wie die UK-Version – im letzten März viel besser dagestanden.

Das Spiel selbst kann freilich nichts dafür. Es ist einfach so, dass selbst ehrlicher und – im positiven Sinne – beknackter Trash gerade beim deutschen Endverbraucher nur sehr schwer zu kommunizieren ist. Dabei ist doch gerade das die groe Stärke von Earth Defense Force 2017. Es nimmt sich selbst nicht ernst, ist gerne unfreiwillig komisch und tut erst gar nicht so, als müsste es Euch einen Grund geben, mit abgedrehten Waffen Bazillionen von auerirdischen Invasoren in den Orbit zurück zu schieen.

Im Jahr 2017 steht der Menschheit der Erstkontakt mit Auerirdischen bevor. Hunderte riesiger, unbekannter Flugobjekte kreisen über den Grostädten der Welt und… kreisen. Zumindest zunächst einmal. Was die Besucher wollen, ist noch vollkommen unklar und trotzdem nennen die verantwortlichen Wissenschaftler sie in einem Anflug von Hellsicht und in Ermangelung der echten Bezeichnung einfach mal „Ravagers“ – Verwüster. Das Spiel verrät uns nicht, ob diese Frechheit eventuell sogar der Auslöser für das nicht enden wollende Inferno aus gigantischen Ameisen, Robotern und Spinnen ist, das die Aliens anschlieend über der Erde ausschütten. Stattdessen hält es Euch, als Mitglied der Earth Defense Force, unzählige Waffen vor die Nase und erteilt Euch vollkommene Narrenfreiheit bei der Verteidigung der Erde.

Vor jeder der 50 Missionen wählt Ihr zwei Waffen (die im Level nicht mehr abgelegt werden können) und den Schwierigkeitsgrad, bevor Ihr meist in das frei begehbare Tokio entlassen werdet. Die Munition ist unbegrenzt, Zivilisten und Gebäude sind entbehrlich und das einzige Briefing, das Ihr wirklich benötigt, liefert Euch Euer Radar. Denn das ist mit feindseligen roten Punkten gesprenkelt, als hätte es eine auerirdisch aggressive Form der Masern. Seit Space Invaders war kaum ein Spiel mehr so simpel: Finde und zerstöre alle Feinde! Oder lasst Euch finden. Der Rest ergibt sich von selbst: Rotte um Rotte der schier endlos anrückenden B-Movie-Invasoren gehen in Eurem überkandidelten Dauerfeuer zu Grunde, während Euer elektronischer Helfer hier und da versprengte EDF-Soldaten vermeldet.

Habt Ihr die Kollegen aus der Umzingelung der vielbeinigen Landplage befreit, schlieen sie sich Euch an und verstärken Eure Alienstoppwirkung zwar nicht signifikant, aber durchaus spürbar. Auch wenn sie gelegentlich Eurem Friendly Fire zum Opfer fallen, weil Ihr im Regen aus Alienmatsch oder in der bildschirmfüllenden Feuersbrunst eines haushohen, schmelzenden Superroboters kaum noch etwas erkennen könnt, ist es immer eine berlegung wert, sich eine Horde der unentwegt plappernden Strahlemänner an die Seite zu stellen. Und schon bald merkt Ihr, dass Ihr Eure Vorgehensweise in den Missionen danach ausrichtet. Zum einen wegen Ihres hohen Unterhaltungswertes der Kameraden („Let’s hurry back and grab a bite to eat!!“, bisweilen unfreiwillig homoerotische Dialoge mitten im schlimmsten Gefecht) zum anderen aber, weil sie recht gut verhindern, dass Ihr von einer Welle flink krabbelnder Insektoiden eingekreist werdet. Echte Kontrolle habt Ihr aber nicht über sie.

Bezwungene Gegner lassen regelmäig eines von haargenau vier verschiedenen Pickups zurück: Gesundheit (in zwei Gröen), Panzerung, die erst im kommenden Level genau einen Trefferpunkt zu Eurer Health-Leiste addiert und natürlich Waffen. Sage und schreibe 150 verschiedene Mordinstrumente aus den Kategorien Sturmgewehr, Shotgun, Granaten, Raketen (gelenkt und ungelenkt) und „Spezial“ werden zufällig von den Feinden fallen gelassen und ergänzen den Pool Eurer Zerstörer für zukünftige oder bereits erledigte Spielstufen. Die Jagd nach dem besten Schieeisen erzeugt schon bald einen starken Suchteffekt, immerhin kann schon ein vermeintlich kleines Upgrade der Feuerrate eines Sturmgewehrs im Gefecht einen gewaltigen Unterschied machen.

Die Qualität der gefundenen Waffen hängt davon ab, auf welchem Schwierigkeitsrad Ihr spielt. So ermuntert Earth Defense Force 2017 nicht nur durch die jeweils zu erhaltenden Medaillen und den Prozentpunkten auf dem spielinternen „Completed“-Zähler, sehr überzeugend dazu, bereits erledigte Level auf der nächsthöheren Stufe anzugehen. Ich für meinen Teil startete auf „Normal“ und kämpfte mich durch die ersten zehn Spielstufen bis ich meinem Waffenschrank zumindest die ersten vier Level auch auf „Hard“ zutraute. Dabei wiederum fand ich noch bessere Waffen, die mir in meinem ersten Anlauf auf Normal sehr von Nutzen waren. Granatwerfer, die statt der zuvor 10 Sprengkörper zu je 200 Schadenspunkten bei Kollision erzeugen, werden nach und nach durch Versionen ersetzt, die auf Kosten der Nachladerate zum Beispiel 20 Minibomben zu 400 Punkten nach einem zehnsekündigen Countdown detonieren lassen. Damit lassen sich ganze Straenzüge mühelos in Schutt und Asche legen. Nach „Hard“ warten übrigens noch „Hardest“ und „Inferno“ darauf, Euch ordentlich den Hintern zu versohlen.

Apropos „Schutt und Asche“: Wenn auch die Tokioter Straenzüge, abgesehen von einigen fliehenden Zivilisten und tausenden Bein-Sextetten der Invasoren, kaum Leben bietet, so könnt Ihr doch immerhin sogar den höchste Wolkenkratzer der Skyline schon mit einer einzigen Rakete wie ein Kartenhaus dem Erdboden gleich machen. Ihr seht in einem Kilometer Entfernung Ameisen einen Fernsehturm hinaufklettern? Feuer frei! Immer und immer wieder erwischt sich der Spieler dabei, wie er sich selbst eine „Abkürzung“ zu den Feinden planiert, nur um nicht um einen Häuserblock herum laufen zu müssen und damit eigentlich mehr Schaden anrichtet, als es die Angreifer vom Mars jemals könnten (Und würden! Irgendwo muss Familie Ameise auch schlielich wohnen, wenn der Planet einmal erobert ist).

Doch EDF hat natürlich auch Probleme. Der Zweispieler Coop-Modus lässt Hektik und Spa leider nur im Splitscreen durch die Decke gehen. Optisch gibt man sich blass und recht steril, mit stellenweise bitterbösen Framerate-Einbrüchen und Slowdowns. Dass EDF technisch noch gerade so akzeptabel ist, liegt hauptsächlich daran, dass sich Weitsicht, Gegneraufkommen, Explosionen durchaus sehen lassen können. Ab „Hardest“ wird das Spiel dann auerdem ein bisschen unfair und lässt Checkpoints vermissen. Was aber nur selten wirklich frustig ist. Die stellenweise auffindbaren Fahrzeuge (Panzer, Mech, Hubschrauber, Speedbike) steuern sich leider so bockig und träge, dass man es sich zweimal überlegt, ob man nun einsteigen soll oder lieber nicht. Nur um es sich anschlieend noch ein drittes Mal zu überlegen.

Trotzdem ist Earth Defense Force in meinen Augen ein echter Winner. Das Spiel macht zu keinem Zeitpunkt einen Hehl daraus, dass es Budget-Ware ist und bringt den Spieler gerade deshalb unglaublich oft zum Lachen. Schnelle, pausen- und hirnlose Over-the-Top-Action, die unkomplizierter nicht sein könnte und vielleicht gerade deshalb so motiviert.

In welchem Spiel kann man schon Killerameisen von der Gröe eines Hummvees, wie Styroporpuppen durch die Luft schieen? Oder an in Alufolie gewickelte Pavianköpfe erinnernde Gunships zu dutzenden wie Christbaumkugeln am Boden zerschellen lassen? Oder Ameisen spuckende UFOs, in die das Bremer Weserstadion zweimal hineinpassen würde, mit einem gezielten Schuss auf vier Häuserblocks krachen lassen? Richtig. Nirgends! Ich pfeife auf Weihnachtsblockbuster: Earth Defense Force 2017 ist mein Geheimtipp für‘s noch junge Jahr 2008.

 

 

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