Star Ocean: The Last Hope

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
Square Enix
Entwickler
Tri-Ace
Genre
Andere
X360: Star Ocean: The Last Hope

Gesamtwertung

8/10

X360: Star Ocean: The Last Hope

Wenn man an ein Spiel eines bestimmten Genres herangeht, dann muss man einfach ein paar Sachen als gegeben betrachten. Für einen Shooter sollte man bessere Reflexe als griechische Landschildkröte mitbringen. In einer deutschen Wirtschaftssimulation muss man damit rechnen, den Beweis anzutreten, dass Langeweile doch tödlich sein kann. Und für ein echtes J-RPG braucht man eine hohe Toleranzschwelle, was ausufernde, mitunter auch mal ins Nichts führende Dialoge und kindhafte, androgyne, in fragwürdige Gewänder gehüllte Gestalten angeht. Wenn Letzteres nicht so Eures sein sollte, dann geht jetzt schon mal auf Abstand. Star Ocean: The Last Hope wurde ein 110prozentiges Japanrolli mit den viele guten und auch den paar schlechten Eigenschaften, die dazu gehören.

Zu den weniger Erfreulichen gehören sicher die eben erwähnten, garantiert nie zu kurz geratenen Dialoge. Einige davon driften hier geradezu ins Surreale ab. Relativ früh im Spiel will man offensichtlich für ein wenig Chemie zwischen den Figuren sorgen, als sie von einer an einer Festung hängende Fahne herunterrutschen müssen, um zu entkommen. Sicher, nicht ganz ungefährlich so eine Aktion, aber es sind verdammt noch eins Helden. Sie sollten nicht 10 Minuten darüber reden, wer zuerst geht und wer denn jetzt bitte nicht sein Leben riskieren darf und wer stattdessen sich opfern soll und … an diesem Punkt schaltete mein Hirn kurzfristig in den Autopilot und erwachte erst wieder, als sie natürlich und ohne Zwischenfälle alle unten ankamen.

Das ist das Extrembeispiel, es ist auch in Star Ocean nicht die Norm, aber es kommt vor. Und in diesen raren Momenten werdet Ihr sehr dankbar sein, dass Ihr nicht nur alle Cutscenes abbrechen dürft, sondern dass Euch dabei anschließend eine kurze Zusammenfassung erzählt, was Ihr inhaltlich gerade verpasst habt. Das ist schlicht eine brillantes, fantastisches Super-Feature. Und ein völlig simples noch dazu.

In vielen Fällen werdet Ihr die Sequenzen aber gar nicht abbrechen wollen. Star Ocean fährt einen sicherlich stereotypen, aber sympathischen Cast an Figuren auf, der ausnahmsweise mal nicht Emo-wolkig durch die Gegend grummelt. Hier geht es um die erste bemannte Mission zu neuen Planeten, alle sind mit ganzem Herzen dabei. Owen Wilson brachte es in Armageddon perfekt auf den Punkt: „Guys, this is deep blue hero stuff! Of course I'm in.” Und das sind die Helden von Star Ocean mit Herz und Seele. Es macht nach all der Depression vieler Vertreter des Genres einfach Spaß!

Dazu gehört natürlich viel, teilweise ein wenig über die Grenze geschossene, positive Attitüde. Der Held heißt Edge Maverick. Und der Name passt perfekt. Muss ich weiter reden? Die englischen Stimmen – Deutsch nur als gute Untertitel, kein Japanisch – sitzen nicht unbedingt immer auf den Punkt und reichen von meistens ganz ok über ungewohnt aber nicht schlecht, bis zu seltenen Anflügen von „Oh mein Gott, lass sie bitte einfach die Klappe halten“. Die letzte Kategorie stellt zum Glück die Ausnahme dar und der grandiose, der Epik des Settings gemäß cineastisch wertvolle Soundtrack federt solche Ausfälle deutlich ab.

Episch wird es dann auch, daran besteht kein Zweifel. Innerhalb der zwei Minuten des Intros fackelt die Erde im dritten Weltkrieg ab, die Überlenden raufen sich zusammen, bauen eine riesige Raumstation und starten die Erkundung des Weltraums, um einen weniger demolierten Planeten zu finden. Hier kommt Ihr zum Zug und ab diesem Punkt stimmt das Timing. In den ersten Stunden erledigt Ihr eine kleine Mission, lernt alles kennen, und bevor Ihr es Euch verseht, ist Euer leicht minderjährig wirkender Held der Captain des heißesten Raumschiffs in diesem Spiralarm der Galaxis. Dessen Ende – natürlich – nur Ihr aufhalten könnt. Handlung und Figuren entwickeln sich in einem für J-RPG Verhältnisse guten, spannenden und geschicktem Tempo, so dass im Wechseln von Dungeontrips, Erkundungen bei fremden Zivilisationen und Weltraumausflügen nur selten Langeweile aufkommt.

Über ein halbes Dutzend Planeten werdet Ihr zu Gesicht bekommen und den Kennern der Serie dürften einige davon bekannt vorkommen. The Last Hope spielt den Vorteil eines Prequels aus und lässt Fans ein paar altbekannte Orte – Roak beispielsweise – neu und mit einem „wie alles begann“-Feeling erleben. Neueinsteiger müssen sich auf der anderen Seite nicht fürchten, selbst wenn ihnen ein paar Anspielungen und Referenzen verloren gehen.

Ein wenig ratlos stehen jedoch alle, ob nun Frischlinge oder Veteranen, mitunter herum, wenn es darum geht, den nächsten Punkt der Handlung zu finden. Das Spiel dokumentiert gut das Geschehene mit, so dass Ihr problemlos auch nach drei Wochen Pause wieder einsteigen könnt. Das lässt Euch jedoch immer noch von Zeit zu Zeit planlos zurück, wenn Ihr nicht genau aufpasst, wo es hingeht oder Ihr einfach nicht wisst, was mit irgendeiner Bergkette gemeint ist, die vielleicht jeder Einheimische kennt, Sternenreisende nun aber leider nicht. Ein wenig frustige Sucherei bleibt hier mitunter nicht aus. Macht im Zweifelsfalle das, was bei jedem J-RPG hilft: Rennt herum und redet mit alles und jedem doppelt.

Bei dieser Herumrennerei bleibt natürlich nicht aus, dass Ihr in den ausgesprochen hübschen Landschaften mit ihren netten Details – zum Beispiel kondensierender Atem in der Eisgegend – auf jede Menge Monster trefft. Wie bei Entwickler Tri Ace üblich, geht es jetzt in den Semi-Action-Kampf, der einmal mehr mit einer gesunden Mischung aus Zugänglichkeit und Tiefe überzeugen kann. In den ersten Stunden kommt Ihr gut mit ein wenig Buttonsmashing durch, danach solltet Ihr Euch kurz den Details des umfangreichen und bei Bedarf jederzeit zugänglichen Tutorials widmen.

Hier lernt Ihr neben dem sich bei Schaden aufladendem Rush-Balken für mehr Trefferwirkung und Tempo auch den Blindside-Angriff kennen. Lauert dem Monster auf und weicht in dem Moment, in dem es Euch attackieren möchte, in seinen Rücken aus. Dank Zeitlupe erhaltet Ihr jetzt eine besonders ausgiebige Gelegenheit zum Austeilen von Extraschaden, am besten per Spezialangriff. Von diesen eignen sich die insgesamt neun Charaktere eine ganze Reihe an und können dann einzeln ausbaut, kombiniert und verfeinert werden. Dazu gesellen sich passive Fertigkeiten, elementabhängige Resistenzen und defensive Manöver.

Von den maximal vier Figuren auf dem Feld steuert Ihr immer nur eine, könnt dabei aber jederzeit beliebig wechseln, sollte Euch ein Charakter für einen Gegnertyp mal nicht passen. So kam ich persönlich gut mit den Nahkämpfern zurecht, nur bei fliegenden Gegnern stellte ich mich durch das gesamte Spiel hindurch zu dusselig an. Also wechselte ich zu einem Fernkämpfer oder Magier, während es der souveränen KI in keiner Weise schwer fiel, auch auf kurze Distanz gute Ergebnisse zu erzielen.

Das Kampfsystem glänzt hell, es überzeugt durch Taktik, Tiefe, Flexibilität und Tempo. Selbst wenn Ihr auf in den Landschaften leicht den gut sichtbaren Monstern ausweichen dürft, allzu oft werdet Ihr es nicht tun und stattdessen sogar eher noch gerne die Nebenquesten annehmen und auf die Jagd nach Zutaten für die umfangreiche Itemkreation gehen. Der nächste Fight macht einfach zu viel Spaß. Und daran ändert sich über die 40 Stunden Spielzeit auch nicht viel.

Von allen Versuchen Square Enix', auf der Xbox 360 endlich sicher Fuß zu fassen, gefällt mir Star Ocean: The Last Hope bisher am besten. Es kennt die Konventionen und Stärken des J-RPG und statt sie zu verleugnen, baut es diese zur Perfektion aus. Die Tiefe von Charakterentwicklung und Kampfsystem begeistert den Genreliebhaber auch noch nach Stunden. Das epische Szenario mit seinen natürlich mal wieder einen Tick zu jugendlichen Figuren hält bis zum Schluss munter, selbst wenn Ihr hier und da ein paar mäßige Sprecher, zu lange Dialoge und unklare Storyziele verknusen müsst.

Ihr dürft jedoch nicht den Fehler begehen und das Spiel für eine Art japanisches Mass Effect halten. Mehr als ein eher westlich orientierter Spieler wird sich an den mitunter scheinbar endlosen Sequenzen und den zu fröhlichen Figuren stoßen. Star Ocean macht keine Zugeständnisse, es versteht sich als waschechtes Japanrollenspiel, bietet genau das und dafür liebe ich es.

Star Ocean: The Last Hope gibt es ab sofort und derzeit exklusiv auf der Xbox 360. Da dieses „derzeit“ vom Entwickler kommt, sollte man eine PS3-Umsetzung nicht ganz für unmöglich erklären.

 

 

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