Sacred 2: Fallen Angel

Review
Plattform
PC
Vertrieb
KOCH Media
Entwickler
Ascaron
Genre
RPG
PC: Sacred 2: Fallen Angel

Gesamtwertung

6/10

PC: Sacred 2: Fallen Angel

Ich habe nun wirklich alles ausprobiert und befolgt, was man in der Technik-Sektion des offiziellen Sacred 2-Forums (forum.sacred-game.com)so an Ratschlägen vorfindet. Jüngste Treiber für Grafik-, Soundkarte und Chipsatz aufgespielt. Zum Teil bereits aktuelle einfach ein weiteres Mal ersetzt – man kann ja nie wissen. Den 480 MB großen Day 1-Patch heruntergeladen. Den dazu gehörigen Hotfix hinterher gejagt. Eine gewisse Zeit mit gepatchter Version verbracht, dann wieder ohne das Update. Defragmentiert. Gereinigt. Gesäubert. Sichergestellt, dass Service Pack 3 auch wahrhaftig und wie in der Systemsteuerung angezeigt auf meiner Maschine seine Arbeit verrichtet.

Aber nichts davon hat geholfen.

Und nichts davon wird mir aktuell helfen. Weil sich der traurige Fehler, der sich in meinen Sacred 2-Spielablauf eingeschlichen hat, beileibe nicht durch neue Treiber, OpenAL-Installation, -skipopenal-Befehle, Firewall-Einstellungen oder sonst etwas aus der Welt schaffen lassen wird. Mein Bug geht tiefer.

So tief, dass selbst die schiere Masse an Abstürzen, die in den gespielten 52 Stunden auftraten – regelmäßig nach rund 30 Minuten, mit dem Patch eher seltener Natur, ohne Patch breit gesät –, wie ein lächerlicher Klacks anmuten. So tief, dass ich noch nicht einmal mehr die Augenbraue genervt nach oben ziehe, wenn wieder diverse meiner mal dümmlichen, mal zu energischen Begleiter in einem Soundloop festhängen und ihre Sprüche im schnellen Kanon zum Besten geben. „Zu mir. Sammelt Euch um mich“. Etliche Sekunden lang.

Mein Bug ist etwas, das ich persönlich als „das Killerfeature schlechthin“ tituliere. Im negativen Sinne. Etwas, das in keinem Spiel, egal wie traumhaft die grafische Finesse sein mag und mit welcher Größe und Detailverliebtheit die dargebotene Welt aufwartet, passieren darf. Weder bei allen Spielern gleichzeitig noch - wie im Falle von Sacred 2 – bei bislang lediglich einem Teil davon (forum.sacred-game.com). Inklusive meiner Wenigkeit, wenn auch an anderer Stelle.

Kurzum: eine dicke, fette Ungereimtheit, die jegliches Weiterkommen in der Hauptgeschichte unterbindet. Die einen dazu verdammt, ohne Sinn und Ziel durch die Areale zu streifen. Sich ausschließlich darauf beschränken zu müssen, versteckten Bossgegnern, Unique- und Set-Gegenständen sowie höheren Stufen nachzujagen, anstatt der ominösen Verschwörung, die irgendwo in den Weiten Ancarias lauert, auf die Schliche zu kommen. Und das alles nur, weil ein Gegenstand nicht dort verweilt, wo er laut Anzeige stecken soll. Auch nicht in der unmittelbaren Nähe davon. Oder beim Questgeber. Oder in einer der Höhlen, die sich ringsum ins Gebirge fressen. Nirgends...

Wäre Sacred 2 eines dieser unsäglichen 08/15-Hack'n'Slays, bei denen sich seitens der Entwickler nicht die geringste Mühe erkennen läßt, dass sie so etwas wie Unterhaltung auf den Bildschirm fabrizieren wollen, würde ich mich vermutlich nur halb so viel darüber aufregen. 1/10 drunter. Die Empfehlung, tunlichst den Geldbeutel geschlossen zu halten. Fertig. Die Sache ist allerdings, dass Sacred 2 vom reinen Gameplay, von der Art und Weise der Präsentation und des schon aus Sacred 1 altbekannten Ascaron-Humors – O-Ton Grabstein: „Ich bin kein Programmierer, aber es kann mit Sicherheit nicht SOO schwer sein...“ – jede Menge Spaß beschert.

Vielleicht nicht auf Anhieb, dafür geht es in den ersten Stunden eine Spur zu behäbig zur Sache, während einen gleichzeitig die Ausmaße der Welt und der Questdichte aus den Schuhen heben. Vielleicht auch nicht immer, dafür schmecken manche Laufwege zu sehr nach künstlicher Spielstreckung, sind durch hinderliche Waldabschnitte und Berghänge verkompliziert. Aber im Großen und Ganzen und besonders im späteren Verlauf gewiss. Und das trotz der Abstürze. Trotz der Sounddefizite. Trotz etwaiger „kleiner“ Kinderkrankheiten (NPCs hängen im Boden), die einen durch das Abenteuer begleiten.

Denn immer in den Momenten, in denen Sacred 2 zufrieden vor sich hinsurrt, einen mit zahlreichen Aufträgen durch alle vier Himmelsrichtungen scheucht, die Schönheit seiner Stadt-Kulissen offenbart, oder in jenen, in denen man einem monströsen Obermotz gegenüber steht und sich nach den ersten gescheiterten Versuchen für Minuten das Hirn zermartert, welche Taktik wohl die richtige wäre, bedient man eifrig und motiviert Maus und Tastatur.

Man läuft umher, mäht eine Horde nach der anderen nieder, sammelt per simplem Knopfdruck fleißig neue Ausrüstungsgegenstände ein. Trifft auf zunächst Standard-mäßig wirkende Aufgaben, die plötzlich mit einer Überraschung der besonderen Art belohnen oder währenddessen ein Schmunzeln aufs Gesicht zaubern. Kommt gar in den Besitz einer uralten Karte, auf der sich der Weg zur Insel der Reittiere verbirgt.

Dann ergötzt man sich an der prachtvollen Grafik, die sich durch jede Landschaft, von den bewaldeten Gebieten über Wüste und Sumpf, bis hin zur kargen Felseninsel der Seraphim zieht. Und man staunt über die Fülle an Individualisierungsmöglichkeiten, die einem das Charakter- und Skill-System in die Hand reicht. Zauber und Techniken können nicht einfach nur gelevelt, sondern zudem durch beliebige Boni intensiviert werden. Eine Eissplitter-Attacke erfährt eine höhere Chance auf kritische Treffer, versprüht mehr Geschosse. Ein Feuerdämon steigt schneller in Stufen auf, ein Feuerball-Zusatz sorgt für einen Bereichsschaden.

Die Charaktertypischen Fertigkeiten verstärken diese Effekte, versprechen kürzere Aufladezeiten (Mana ist nicht vorhanden), steigern den allgemeinen Schaden der entsprechenden Kampffertigkeit-Gruppe (pro Charakter drei). Plus der Machtspruch, der zu Beginn gewählten Gottheit, der in seiner Verankerung Platz für ein Dutzend Artefakte offenbart. Mit gewissen Resistenzen und Werten versehen.

Nicht zu vergessen auch die unzähligen kleinen und großen Features, mit denen Ascaron die Vorgeschichte zu Sacred 1 bedacht hat. So wie die sechs unterschiedlichen Klassen: Schattenkrieger (Nahkampf), Inquisitor (Nahkampf und schwarze Magie), Dryade (Fernkampf), Tempelwächter (futuristische Anubis-Version mit Fern- und Nahkampf), Hochelfe (Magierin) und die dem „Sequel“ entsprungene Seraphim (Nahkampf plus weiße Magie).

Der Einsatz von zwei Kampagnen, in deren Handlungsstrang die gute Fraktion mehr zur Hilfe eilt, während die böse schneller das Messer wetzt. Diverse Nebenaufgaben, die für beide Seiten das selbe Lied singen, davon einmal ausgenommen. Oder so raffinierte Dreingaben, wie etwa die Weltkarte, in deren Mitte sich bei Schließung ein glühender Rand nach außen frisst, und die dreigeteilte Auftragssparte mit jeweiliger Richtungsangabe auf der Minikarte. Hellblaue Kennzeichnung für Nebenquests, Orange für die Hauptgeschichte, Dunkelblau für den Klassenspezifischen Auftrag.

All diese Dinge – abzüglich einiger nicht so gelungener Ideen, vornehmlich das Auftragsbuch, das sich recht unübersichtlich gibt und bereits erfüllte Aufgaben nicht austrägt – halten einen bei guter Laune. Bis mit einem Mal die Stimmung umschlägt, weil Herr Frust einen Fuß in die Türe setzt und sich in den merkwürdigsten Erscheinungen zeigt. Hier ein Zauber, der offensichtlich ausgeführt wird, sich jedoch weder optisch noch in punkto Schaden äußert. Dort ein Pferd beziehungsweise Spezial-Reittier, bei dem man sich die Lunge aus dem Körper pfeift und es sich dennoch nicht anschickt, auf der Bildfläche anzutanzen. Aufträge, die nicht korrekt auf der Karte platziert sind, ständig umherspringen oder in denen der dafür vorgesehene NPC scheinbar auf Reisen ist. Eine stattliche Palette an Netzwerkfehlern im Mehrspielermodus (ClosedNet, OpenNet, Koop per LAN), bei der ich mindestens jede Nummer einmal begrüßen durfte - allerdings beim genutzten Serverdienstleister anzukreiden. Und, und, und...

Wie man es auch dreht und wendet, für jeden positiven Aspekt, der sich in Sacred 2 zur Schau stellt, findet sich ein negativer ein. Ein stetes Auf und Ab, eine Achterbahn der Gefühle. Beinahe so, als könne sich das Spiel selbst nicht entscheiden, ob es jetzt eine fertige Verkaufsversion ist oder lieber noch eine Runde im Beta-Status verweilt. Die Geschichte von Sacred 1 wiederholt sich. Mit allem, was dazugehört.

Und wie schon bei Sacred 1, das zum Release ähnliche Qualitätsschwankungen aufwies, bin ich mir sicher, dass die Entwickler auch dieses Mal alles binnen 4 bis 5 Monaten auf die Reihe kriegen und der Titel in seiner wahren Pracht erstrahlen kann. Aber bis es soweit ist, bis Sacred 2 wirklich einwandfrei funktioniert, sollte man sich bei Kaufinteresse auf etliche Probleme einstellen, die, sofern sie auftreten, großes Frustpotenzial beinhalten und im klaren Kontrast zum definitiv spaßigen Gameplay stehen. Bugs bei Aufträgen, Abstürze, Aussetzer, ab und an Performance-Einbrüche, Soundloops. Lösungsideen bietet das technische Forum für eine Menge davon. Einiges mag hier und da helfen, anderes setzt wiederum derartige Mühen voraus, dass ich mir unweigerlich die Frage stellen muss, wie man das als Käufer mitmachen kann. Etwa die Soundkarte im BIOS zu deaktivieren, damit die Sounddefizite und zum Teil verbundenen Spielabbrüche nicht fortwähren. Oder immer und immer wieder neustarten, bis ein Gegenstand dann doch einmal erscheint. Hat bei mir übrigens keine Wirkung gezeigt.

Im jetzigen Zustand kann man schlicht sagen, dass Sacred 2 nicht nur eine Licht- und Schattenkampagne mit sich führt, sondern auch eine Licht- und Schattenseite aufweist. Für alles, was der Titel richtig macht, und das betrifft das reguläre Gameplay, die grafische Umsetzung, die Gimmicks a la Bosskämpfe, Spezial-Reittiere und Co., muss man es loben. Es ist unterhaltsam, regt Sammler- und Forscherdrang an, bietet Freiheiten, die man in anderen Genre-Vertretern so nicht kennt. Für mich eine klare 8 und damit in einer Riege mit meinem Liebling Titan Quest. Dann wären da aber noch die oben angesprochenen Probleme, und die knabbern aktuell einfach zu oft und zu stark am Spaßfaktor, als dass man darüber hinwegsehen könnte.

Hinweis am Rande: Wer selbst einmal ausprobieren möchte, wie gut oder schlecht Sacred 2 auf dem eigenen Rechner läuft, sollte sich die Version eines Freundes kurzzeitig ausborgen oder in der Videothek ausleihen. Getreu der Devise "Make your friend a copy" lädt der Titel zum 24 Stunden-Test ein (ab dem Zeitpunkt der Installation) und lässt sich anschließend per gekauftem Registrierungscode zur Vollversion umfunktionieren.

Sacred 2 ist seit letzter Woche Donnerstag im Handel erhältlich und setzt laut Angabe auf eine „freundliche“ Version von SecuRom. Heißt: Anzahl der Aktivierungen nicht eingeschränkt, keine DVD im Laufwerk erforderlich, Erstellung der Sicherungskopie möglich, Singleplayer und LAN auf zwei Computern in einem Haushalt gleichzeitig. Weiteres Bildmaterial findet Ihr in unserer entsprechenden Bildergalerie zu Sacred 2: Fallen Angel (eurogamer.de).

 

 

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