Gesamtwertung7/10 |
Nicht erst seit kurzem möchte man Square Enix einen gewissen Hang zum Exzess vorwerfen. Und damit meine ich nicht einmal die bombastische Präsentation, mit der der RPG-Riese regelmäßig seine Triple-A-Produktionen bedenkt, sondern vor allem den inhaltlichen Exzess. Denken wir doch einmal zurück: In Final Fantasy VII schuf Tetsuya Nomura mit Sephiroth den Prototypen des coolen, irgendwie tragischen Bösewichts mit langem, silbrigen Haar und einem schwarzen, wehenden Mantel – bei den (primär weiblichen) Fans schlug „Sephi“ ein wie eine Bombe.
Ein paar Jahre später erscheint der CG-Film Advent Children. In dem taucht nicht nur Sephiroth auf, sondern auch drei weitere fesche Buben mit Silberhaar und schwarzem Outfit. Da waren es schon vier. Und dann kam da auf einmal Kingdom Hearts 2 daher. Das steckte nicht nur Micky Mouse in die für RPG-Fans so trendige schwarze Kutte, sondern präsentierte auch die Organisation XIII. Passend zum Namen waren dort ganze 13 gut aussehende, oft leicht androgyne, meist irgendwie tragische und trotz Held Sora antagonistisch gesinnte Jünglinge vereint. So manches liebestolle Fangirl, mit Affinität zu virtuellen Jungs, muss sich da gefühlt haben wie das kleine Kind im Bonbonladen.
Auch Roxas, der blonde Bursche, mit dem ihr die ersten Stunden von Kingdom Hearts 2 in Twilight Town verbracht habt, war einmal Mitglied der Organisation XIII. Aber während er im üppigen PS2-Abenteuer nur die de-facto-Rolle der Vorgruppe für „Main Act“ Sora spielen durfte, gehört das Rampenlicht im DS-Prequel mit dem sperrigen Namen Kingdom Hearts 358/2 Days ganz allein ihm. Spielt ihr dort doch Soras 258-Tage-währende Zeit bei der Organisation XIII nach.
Aber langsam, langsam. Bevor ihr über den Kauf des DS-Moduls nachdenkt, gilt es eine Sache zu klären: Habt ihr Kingdom Hearts 1, 2 und im Idealfall auch den GBA-Ableger Chain of Memories denn auch alle brav gespielt? Denn nur wenn ihr diese Frage mit einem lauten, enthusiastischen „Ja!“ beantworten könnt, dann qualifiziert ihr euch auch für 358/2 Days.
Habt ihr dagegen keinen Schimmer, was es mit den Herzlosen, den Niemanden, dem Schlüsselschwert und all den anderen Kingdom-Hearts-Begrifflichkeiten auf sich hat, und habt ihr nicht Sora auf seinen bisherigen Abenteuern begleitet, dann steht ihr bei der Geschichte von Kingdom Hearts 358/2 Days nicht nur in den ersten Stunden wie der sprichwörtliche Ochs vorm Scheunentor. Vorkenntnisse sind hier nicht einfach nur erwünscht, sie sind unbedingt erforderlich!
Wenn ihr diese Vorkenntnisse aber habt, dann ist der Blick hinter die Kulissen der Organisataion XIII und Roxas Vorgeschichte mehr als eine inhaltlich spannende Angelegenheit, vor allem spielerisch beeindruckt das tragbare Kingdom Hearts. Square Enix liefert keine abgespeckte Simpel-Variante ab und weicht auch nicht wie der GBA-Vorgänger Chain of Memories auf andere Genres aus. Oberstes Ziel bei 358/2 Days war ganz offensichtlich, das Spielgefühl der großen DVD-Vorbilder so exakt wie möglich auf den kleinen DS zu übertragen.
Diesem Ziel ist der Entwickler h.a.n.d. auch tatsächlich so nahe gekommen, wie es im Rahmen der Hardware nur möglich ist! Genau wie auf der PS2 wetzt ihr durch detaillierte, frei begehbare 3D-Szenarien und staunt wie ein Schnitzel: Trotz dramatisch schwächerer Hardware und trotz eingeschränkter Steuerung, immerhin hat diePS2 dem DS zwei praktische Analogsticks voraus, entspricht das Spielgefühl fast exakt dem großen Bruder Kingdom Hearts 2 mit all seinen Vor- und Nachteilen.
Auch ohne Analogstick lenkt ihr Roxas flott und flüssig durch die Levels und die kombolastigen Kämpfe fühlen sich sehr dynamisch ein. Es fühlt sich einfach gut an, die Horden von Herzlosen mit Schlüsselschwert und Magie zu verdreschen. So schwer Neulingen der inhaltliche Einstieg fallen mag, das Spielprinzip und die Steuerung selbst sind schnell verstanden und locken immer wieder zu ein oder zwei flotten Missionen.
Leider sind aber auch die schwächeren Punkte von Kingdom Hearts wieder mit an Bord: Ihr könnt die Kamera mit dem Stylus auf dem unteren Bildschirm schwenken und sie mit einem schnellen Druck auf die rechte Schultertaste direkt hinter Roxas zentrieren, trotzdem bleibt sie doch immer mal wieder gerne irgendwo ein wenig hängen und bietet euch nicht immer den idealen Blick auf das actionreiche Kampfgeschehen.
Ebenfalls nicht verbessert wurde das Sprungverhalten, das ist immer noch weit vom Adjektiv „optimal“ entfernt. Roxas macht zwar einen ordentlichen Satz nach oben, kann aber trotzdem nicht einmal niedrige Hindernisse auf Couchtisch-Höhe überspringen.
Aber nicht in allen Belangen hält sich das tragbare Kingdom Hearts an die Vorbilder. Die wichtigste Neuerung der DS-Version ist die veränderte Spielstruktur. Ihr erlebt nicht mehr wie auf der PS2 ein großes, zusammenhängendes Abenteuer, das Spiel bietet eine Handheld-freundliche Missionsstruktur. Die Basis der Organisation XIII dient dabei als Ausgangspunkt – dort plaudert Roxas mit seinem Mitstreitern, speichert den Spielstand und organisiert seine Fähigkeiten und sein Inventar.
Die Missionen selbst sind meistens kurz und knackig und führen euch an spannende Orte wie Agrabah, das Schloss aus Die Schöne und das Biest, Halloweentown und das Nimmerland. Meist gilt es, eine bestimmte Anzahl von Gegner zu erledigen oder genügend Herzen zu sammeln. Eifrige Spieler wagen sich auch gleich noch an die Extra-Aufgaben einer Mission und freuen sich dafür über besondere Belohnungen. Und damit die Abwechslung nicht zu kurz kommt, dürft ihr im vom Storymodus abgekoppelten Missionsmodus auch mit den anderen Mitgliedern der Organisation XIII und so manchem Gaststar aus den „großen“ Kingdom Hearst“ antreten. Und auch gemeinsam mit Mitspielern aktiv werden.
Auch wenn ich die famose Technik und die dadurch ermöglichte, überraschend gute Reproduktion des PS2-Vorbilds vor ein paar Absätzen noch gelobt habe, so ist das dennoch ein zweischneidiges Schwert. Die Möglichkeit, die Szenarien des PS2-Vorbilds so genau wiederzugeben, beeindruckt nicht nur die Spieler, sie öffnet gleichzeitig auch König Schlendrian Tür und Tor. Und so werdet ihr im Verlauf des Spiels so einige Déjà Vus erleben, viele der Orte habt ihr in fast gleicher Form bereits auf der PS2 besucht.
Und was für die Orte, die ihr besucht, gilt, das gilt in doppelter Form noch mal für die Musik: Klar, Yoko Shimomuras Kingdom-Hearts-Kompositionen sind wunderschön und gehen prima ins Ohr. Aber ein paar neue Stücke hätten der DS-Version sicherlich nicht geschadet. Auch bei der Sprachausgabe wurde gespart: Die famosen deutschen PS2-Sprecher mussten dieses mal draußen bleiben, die deutsche Version kommt nur mit englischer Sprachausgabe und deutschen Untertiteln daher. Schade, gehören die Synchros der ersten beiden Teile doch zum Besten, was man je in einem Konsolenspiel gehört hat.
Und diese Faktoren sind es dann auch, die den eigentlich so guten Eindruck immer wieder mal unnötig nach unten drücken. Klar, das Karten-Kampfsystem von Chains of Memories für den GameBoy Advance war sicherlich nicht etwas, das jeder mochte. Aber es hat doch etwas wirklich Neues versucht, während 358/2 Days zum einen die Einstiegshürde für Kingdom Hearts Unkundige unangenehm hoch legt und gleichzeitig alte Hasen immer wieder durch bekannte Szenarien hetzt.
Daher ist Kingdom Hearts 358/2 Days ein guter Kauf für Fans der Reihe, die unbedingt mehr über Roxas und Organisation XIII wissen wollen und dafür auch über etwas Recycling hinwegsehen können. Aber wenn ihr bisher nichts mit Sora, Roxas und Konsorten zu tun hattet, dann holt das lieber erst einmal in den beiden PS2-Episoden nach. Für den Einstieg ist das technisch vorbildliche DS-Modul nämlich denkbar ungeeignet.
Kingdom Hearts: 358/2 ist ab 9. Oktober für den DS im Handel erhältlich.
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