Gesamtwertung7/10 |
Es gibt Momente zum verrückt werden. Da hatte ich mir nach vielen vergnüglichen Stunden mit der internationalen Version schon einen herrlichen Einstieg zu Saints Row 2 überlegt, wollte meine anfängliche Skepsis, meine widerwillige Akzeptanz, dass der Titel doch jede Menge Spaß macht und die Existenzberechtigung neben Grand Theft Auto als Chaos-Alternative beschreiben. Ja sogar die Endnote stand schon fest. Bis ich die deutsche Version in die Konsole legte.
Normalerweise habe ich mit Schnitten wenig Probleme. Ob jetzt bei Fallout 3 ein Bein wegfliegt oder nicht, stört bei einem solch gewaltigen Spiel nur marginal. Selbst grünes Blut in einem Zombie-Shooter lässt sich einigermaßen ertragen. Wenn aber ganze Spielelemente herausgeschnitten werden, sieht das schon deutlich anders aus. Bis zu einem gewissen Punkt gibt es keine Abwertung, schließlich können die Entwickler wenig für unsere deutschen Jugenschutzbestimmungen. Und mehr Gewalt bedeutet nicht automatisch mehr Spielspaß. Aber wenn aus der Anpassung Zensur wird, muss man handeln.
Gekürzte Zwischensequenzen? Kein Problem. Weniger Blut? Manchmal sogar angenehm. Der Verzicht auf einige brutale Mini-Spiele? Naja, nicht gerade traumhaft, aber es gibt ja sonst genug zu tun. Kein CoOp mit der internationalen Version? Sehr schwierig, aber gerade noch akzeptabel. Die Streichung eines kompletten Spielelements? Eine echte Katastrophe.
Nur, um das klar zu stellen: THQ blieb keine andere Wahl. Damit der Titel in Deutschland veröffentlicht werden konnte, mussten diese Schnitte erfolgen. Ansonsten hätte er keine USK-Freigabe bekommen. Trotzdem harter Tobak für erwachsene Spieler, schließlich wird ihnen damit ein überraschend spaßiges Spiel versaut.
Das bedeutet übrigens nicht, dass die englische Version frei von Fehlern oder nervigen Details wäre. Die höchstens durchschnittliche Grafik, der plakative Stil und die strunzdoofe KI sorgen in den ersten Spielminuten für jede Menge Peinlichkeiten. Technische Probleme wie Tearing, Pop-Ins und Ruckelanfälle gehören einfach nicht in ein modernes Open-World-Spiel, das sich mit einem Titel wie Grand Theft Auto IV messen möchte und muss.
Und doch bemerkt man, dass diese Mankos mit der Zeit immer mehr in den Hintergrund treten. Ohne die deutlich spürbare Hand eines übermächtigen Rockstar-Regisseurs und mit deutlich mehr Freiheiten entwickelt sich der platte Klon langsam aber sich zu einem interessanten Gegenentwurf, der hervorragend neben seinem Vorbild existieren kann, ohne sich verstecken zu müssen. Zumindest in der internationalen Version.
Natürlich ist die Geschichte des ehemaligen Anführers der 3rd Street Saints, der aus dem Koma erwacht und die Stadt erobern muss, weder sonderlich neu noch einfallsreich, doch die Vorzüge dieser herrlich überdrehten und technisch weit unterlegenen Gangster-Ballade zeigen sich schon in der ersten Mission.
Während Ihr Euch beim großen Vorbild in den ersten Stunden mit Handlanger-Jobs und sozialen Kontakten abmüht, holt der Hauptdarsteller in THQs Actionspiel gleich bei seinem Ausbruch aus der Haftanstalt mehrere Hubschrauber vom Himmel, erledigt Dutzende Polizisten und versenkt schwer bewaffnete Polizeiboote in den trüben Fluten der Stilwater-Hafenanlage.
Das Team von Volition brennt über die ganze Zeit hinweg ein Action-Feuerwerk ab, das Grand Theft Auto zumindest auf diesem Gebiet alt aussehen lässt. Das Ganze versprüht zwar mehr einen B-Movie-Charme und auch die Geschichte kommt an die Brillanz der GTA-Charakterstudien nicht heran, aber dafür nimmt sich der Titel nicht wirklich ernst und liefert jede Menge Proll-Humor. Natürlich zündet nicht jeder einzelne Gag und man fühlt sich immer wieder peinlich berührt, trotzdem wird man mit vielen gute Lachern und spaßigen Action-Sequenzen belohnt.
Die Struktur entspricht eins zu eins dem Vorgänger. Ihr müsst mit Eurer Gang einen Stadtteil nach dem anderen erobern und Euch dafür Respekt verschaffen. Diese essentielle Währung entsteht durch das Lösen von Nebenaufgaben, besonders beeindruckende Stunts mit den Fahrzeugen und(!) durch das Töten feindlicher Bandenmitglieder. In der englischen Version kann man also einfach herumrennen, die Straßen säubern und damit genug Respekt sammeln, um eine der sechs Storylines weiter zu verfolgen. In der deutschen Variante funktioniert das leider nicht.
Das Töten eines „Bösen“ bringt hier rein gar nichts. Während man die Stilpunkte für Kopf-, Eier- und Mehrfach-Schüsse kaum vermissen würde, entfällt dadurch ein wichtiges Element und es fällt Euch deutlich schwerer, an den benötigten Respekt heranzukommen. Das Spiel verliert dadurch an Freiheit und verändert so seinen Charakter. Die zum Teil genialen Nebenquests bleiben zwar erhalten, doch diese Einschränkungen legen diesem überzogenen Meisterwerk einen Maulkorb an.
Es macht zwar immer noch großen Spaß, Drogendealer zu beschützen, ganze Stadtteile für einen Fernsehsender in Schutt und Asche zu legen oder unvorsichtige Autofahrer als Geiseln zu nehmen, aber irgendwie fühlt sich der Titel im direkten Vergleich beschränkt an. Zum Glück sind diese lustigen Nebentätigkeiten spaßig genug, um den Titel nicht komplett runterzuziehen.
Auch was die Steuerung der Kämpfe und der Fahrzeuge anbelangt, hat Saints Row 2 die Nase meiner Meinung nach knapp vor der übermächtigen Konkurrenz. Mit dem klassischen Shooter-Layout gehen die Feuergefechte herrlich einfach von der Hand und die wirklich umfangreiche Fahrzeugpalette steuert sich deutlich unkomplizierter als bei der Konkurrenz aus dem Hause Rockstar Games. Der Realismus bleibt dabei zwar auf der Strecke, würde aber sowieso nicht zu diesem abgefahrenen Sandkasten passen.
Im Prinzip macht Saints Row 2 dort weiter, wo San Andreas aufgehört hat. Anstatt in Richtung Realismus zu gehen, bietet THQs Alternative Kampfhubschrauber, Panzerfahrzeuge und abgedrehte Waffen so weit das Auge reicht. Der Flammenwerfer hat es nicht in die deutsche Version geschafft, im Gegenzug sorgen Elektroschockpistolen, Kettensägen und Miniguns für reihenweise spaßige Auseinandersetzungen. Auch die Individualisierung Eures Charakters und Eurer Gang erreicht mit dem neusten Teil ungeahnte Höhen. Dank des mächtigen Editors lassen sich nicht unbedingt die schönsten, dafür aber sehr lustige Figuren erstellen, die mit Übergewicht, Frauenkleidern und seltsamen Proportionen für einige Lacher sorgen.
Für schicke beziehungsweise abgedrehte Kleidungsstücke erhaltet Ihr genauso viele Stilpunkte wie für eine Stripperstange oder einen dicken Fernseher in Eurem Gang-Domizil. Habt Ihr dann ein bestimmtes Level erreicht, erhaltet Ihr bei jeder Nebenmission einen Respekts-Bonus. Diese unterhaltsamen Story-Alternativen sind wie das gesamte Stadtgebiet von der ersten Minute an zugänglich.
Ihr könnt Prostituierte für Euch arbeiten lassen, Euch einen gewaltigen Fuhrpark zulegen und ein beeindruckendes Waffenarsenal auf die Beine stellen. Zusätzlich bietet sich an der aufrüstbaren Heimkino-Anlage die Möglichkeit, die brachial inszenierten Zwischensequenzen anzuschauen oder einen Zombie-Survival-Modus zu spielen. Abwechslung wird bei Saints Row 2 groß geschrieben und macht einen enormen Anteil am Spielspaß aus.
Wie eingangs erwähnt, könnt Ihr allerdings nicht mehr als Polizist verkleidet Verkehrsrowdys zusammenschlagen oder Taschendiebe erschießen. Auch eine Amokfahrt mit vielen toten Passanten und zerstörten Fahrzeugen wurde entfernt, was sich aber nicht sonderlich negativ auf den Spielspaß auswirkt. Es gibt noch genug abgedrehten Ersatz, zum Beispiel den Job als Bodyguard für einen Superstar, bei dem man aufdringliche Fans mit einem kräftigen Tritt in die Weichteile von seinem Schützling fernhält. Bringt Ihr dagegen die Geschichte voran, erobert Ihr für jede absolvierte Mission nach und nach einen der 45 Stadtteile. Neben der Säuberung von Einrichtungen macht Ihr Jagd auf Anführer, vermasselt Euren Kontrahenten das Geschäft oder klaut Ihnen ihre Einnahmen.
Damit dieser weite Weg nicht langweilig wird, besitzt jede Bande einen ganz eigenen Stil und dazu passende Waffen. Die Bruderschaft setzt etwa auf Tätowierungen und Schrotflinten, während die Ronin mit Samuraischwertern und Motorrädern auf Euch losgehen. Einige Parteien gleiten dabei zwar in Richtung Lächerlichkeit ab, diese überdrehte Art passt aber einfach hervorragend zum restlichen Spiel. Natürlich findet nicht jeder diesen Knallchargen-Humor lustig, doch wer es gern realistisch möchte, wird sowieso lieber zu Grand Theft Auto IV greifen, das mehr auf differenzierte Charakterzeichnungen und glaubhafte Missionen setzt.
Mal ganz abgesehen von diesen individuellen Vorlieben muss Entwickler Volition bei der Grafik noch kräftig zulegen, um mit dem nächsten Teil auch nur in die Nähe von Rockstars Gangster-Epos zu gelangen. Ohne aufwändige Grafikeffekte, einem sehr spärlichen Wettersystem und mit groben Charaktermodellen wirkt Saints Row 2 über weite Strecken wie ein Titel für die erste Xbox.
Es gibt durchaus auch Momente, in denen der Titel seine Muskeln spielen lässt. Selbige werden jedoch von Ruckeleinlagen, springenden Animationen und dämlichen Gegnern schnell wieder zunichte gemacht. Nur wegen der Grafik wird sich zwar niemand dieses Spiel zulegen, dennoch sollte Volition nun die Grafik-Engine wechseln. Abgesehen davon ist das Gameplay aber der entscheidende und vor allem gelungene Faktor, der Euch die optische Pein ertragen lässt.
Einen weiteren, wichtigen Beitrag zur überraschend hohen Qualität steuert der Multiplayer-Modus bei, der abseits der üblichen Deathmatch- und Capture-the-Flag-Modi einen gelungenen CoOp-Part anbietet. Hier könnt Ihr gemeinsam an Eurer Gang-Karriere arbeiten, Respekt einsammeln, Geld verdienen und das gesamte Paket anschließend mit in Eure Einzelspieler-Kampagne übernehmen.
Auch hier ein kleines Aber: Ihr dürft mit der deutschen Version nur gegen oder mit Besitzern der gleichen Variante spielen. Die Auswahl an Mitspielern dürfte also recht eingeschränkt sein, obwohl sich Saints Row 2 wahrscheinlich genügend oft verkaufen wird, um Euch nicht vollkommen allein zu lassen. Trotzdem ist es eine weitere, bittere Pille, die dem Titel am Ende Punkte kostet.
Saints Row 2 hat mich gleich zweimal überrascht. Erstens habe ich mir nach dem eher mittelmäßigen Vorgänger nur wenig vom zweiten Teil erhofft und wurde schnell eines Besseren belehrt. Das Spiel ist zumindest in der internationalen Version eine herrlich überdrehte, technisch deutlich unterlegene Anarcho-Variante von Grand Theft Auto und bietet den Fans des „alten“ Rockstar-Stils jede Menge unkomplizierten Spielspaß.
Volition erreicht zwar nicht ganz die Perfektion eines San Andreas, punktet dafür aber mit viel Chaos und Zerstörung. Unterstützt wird dieses Gameplay-Feuerwerk durch die korrupte Polizei, die Euch über weite Strecken in Ruhe lässt. So kann man richtig die Sau rauslassen und sein Gewissen am Startbildschirm abgeben.
Genau das führt uns zu Überraschung Nummer 2: Diese unmoralische, aber auch überzogene Darstellung scheint der USK sauer aufgestoßen zu sein. Das Ergebnis: THQ musste die deutsche Version kräftig beschneiden. Der Titel verliert dadurch locker einen Wertungspunkt. Einzelne Korrekturen, zum Beispiel beim Blut oder der Schussbewertung, wären kein Problem gewesen, aber die Entfernung einiger prominente Gameplay-Mechaniken sorgt für echte Bauchschmerzen. Andere Qualitäten, zum Beispiel die nette Story oder einige wirklich gelungene Nebenmissionen, sind von dieser Zensur zum Glück nicht betroffen. Saints Row 2 bleibt so auch in der deutschen Version ein unterhaltsames Stück Software für echte Chaoten, der man als Erwachsener jedoch die internationale Version vorziehen sollte.
Saints Row 2 erscheint am 28. November in Deutschland für Xbox 360 und Playstation 3. PC-Besitzer müssen sich leider bis zum Januar 2009 gedulden. Die internationale Version ist schon seit Mitte Oktober erhältlich.
Du bist Gladiator, der Held der Spiele im Kolosseum. Besiege Deine Gegner und erkämpfe Dir die Cance auf 10.000 €. zum Spiel...
Saints Row 2 im Test.
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